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DIE GEDANKEN SIND FREI: KUNST DARF QUIETSCHEN!



"Ich schaffte es, weil ich nicht wusste, dass es unmöglich war!"

Jean-Pierre Melville, französischer Filmregisseur




Alphonse Mucha
Alphonse Mucha

Warum Blut auf den Saiten?


Eine Platte des Literatur-Nobelpreisträgers Bob Dylan heißt "Blood on the Tracks", was sowohl "Blut auf den Schienen" als auch "Blut auf den (Ton-) Bändern" heißen kann. Als kleine Hommage an Mister Dylan haben wir uns entschlossen, dieses Wortspiel ins Deutsche zu übertragen: "Blut auf den (Gitarren-) Saiten", aber auch: "Blut auf den (Buch-) Seiten".


Der Fall Homunkuli


Es konnte kein Zweifel bestehen. Die kühn hervorspringende Nase, gebogen wie der Schnabel eines Adlers. Das edle Antlitz, in das die Jahre ihre Furchen gezogen hatten. Die ironisch gekräuselten Lippen, Indiz für eine stolze, gelegentlich hochfahrende Seele, die sich hinter der britischen Reserviertheit verborgen hielt.

Ja, es konnte in der Tat kein Zweifel bestehen.

„Das ist Orpheus Wilde“, stellte Chief-Inspector im Ruhestand Hezekiah Frobisher mit ungewohnt rauer Stimme fest. DI Lestrade nickte teilnahmslos und notierte den Namen.

Man hätte annehmen können, der Meister habe sich in dieser regnerischen Sommernacht nur zu einem kurzen Schläfchen niedergelegt, so ruhig und friedlich wirkten seine Züge. Doch gab die Vierkantstange aus Edelstahl, die seine Brust komplett durchbohrt hatte, und die nun wie ein Ausrufezeichen im Licht des Mondes funkelte, Anlass zu der Vermutung, dass sich dieser Schlummer unbegrenzt fortsetzen würde.

Orpheus Wilde, Englands größter Privatermittler seit Sherlock Holmes und Pater Brown, war nicht mehr.

Die Ehrenwerte glitt, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, in eine tiefe und gnadenreiche Ohnmacht.

 

Zehn Tage früher.

 

„Nichts“, presste der alte Fährtenleser zwischen den Zähnen hervor. Doch Mrs Brown, die ansonsten unentwegt Redselige, blickte weiterhin stur in die neueste Ausgabe der Cosmopolitan.

„Nichts“, wiederholte Wilde, diesmal ein wenig energischer, seine Aussage durch Rascheln mit der Times Literary Supplement unterstreichend.

„Ja?“, fragte Mrs Brown, nicht sehr interessiert und ohne dabei den Kopf zu heben.

„NICHTS!“, stellte Wilde ein drittes Mal fest, nicht gerade brüllend, aber doch so, dass ihn auch die Möbel noch gut verstehen konnten.

„Das ist ja schrecklich“, bemerkte die Ehrenwerte.

„Kein Mord, kein Säure-Attentat, keine Kindesentführung, keine aufgeschlitzten Prostituierten, kein Massaker in der arabischen Community – nicht mal ein schneeweißes Kätzchen, das gotterbärmlich miauend in der Krone eines Baumes hockt. Absolut NICHTS!“

„Sie haben schon mal Kätzchen von Bäumen gerettet, Wilde?“

„Das war selbstverständlich nur ein Beispiel, um die Lage zu verdeutlichen.“

„Und was genau erwarten Sie von mir? Dass ich ein Massaker unter arabischstämmigen Rauschgifthändlern anrichte?“

„Ein wenig Mitgefühl zum Beispiel.“

„Mitgefühl?“ Nun ließ sich die Ehrenwerte doch noch herab, einen Blick auf ihr Gegenüber zu werfen. „Weil niemand Opfer eines Säure-Attentats geworden ist, keine Prostituierte aufgeschlitzt wurde und auch kein Kätzchen gotterbärmlich miauend in der Krone eines Baumes hockt? Dafür verlangen Sie Mitgefühl?“

„Streichen Sie das mit dem Kätzchen!“

„Sie sind ein roher Mensch, Wilde.“

„Ich bin ein tatendurstiger Denker, dem es an Herausforderungen mangelt.“

„Sie sind ein Snob.“

„Mag sein. Aber dass die Londoner Unterwelt seit Wochen nichts zuwege bringt, lässt meine Überzeugung wachsen, dass der Brexit ein Riesenfehler war. Für ein modernes Verbrechertum, das diesen Namen auch verdient, bedarf es der Interaktion mit Gangstern aus anderen Kulturkreisen. Das muss doch selbst der Regierung klar sein.“

„Aha. Die Kriminalitätsrate sinkt, und daran ist der Brexit schuld. Houston, wir haben ein Problem!“

Wilde erhob sich schnaubend und trat ans Fenster. Ruhig und im sommerlichen Frieden lag Bishop’s Court zu seinen Füßen, einzig belebt durch einen kleinen Jungen in einem königsblauen Mäntelchen, der sich damit vergnügte, seinen Ball wieder und wieder von einer Reklametafel springen zu lassen, sowie einem winzigen Hund, der sein Wasser widerrechtlich an einem Hydranten abschlug.

„Aha!“, bemerkte Wilde.

„Und was genau wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?“

„Ich bin mir sicher, absolut sicher, dass dieses Individuum mit dem Ball der Zwerg und Profikiller Ernesto Guadeloupe ist, der 2001 den isländischen Ministerpräsidenten Ólafur Ragnar Benediktsson durch einen mit Curare behandelten Giftpfeil ermordet hat! Woran sich natürlich die Frage anschließt, was, beim Jupiter, er vor meiner Haustür zu suchen hat.“

Die Ehrenwerte trat neben ihn. „Das ist Jimmy Somerville, der Sohn Ihrer Reinemachefrau. Sie putzt gerade die Fensterscheiben im Erdgeschoss. Er wartet darauf, dass sie fertig wird, weil er danach ein Eis bekommt.“

„Ist das sicher?“

„So sicher wie die Tatsache, dass Ólafur Ragnar Benediktsson sein Met an der Tafel Odins trinkt.“

„Verdammt!“

„Sie sagen es.“

„Der Hund! Was ist mit dem Hund?“

„Was soll mit ihm sein?“

„Ich halte es für nicht unwahrscheinlich, dass es sich bei dieser Töle um eine mit Sprengsätzen ausgestattete Teufelsmaschine aus der Werkstatt des polnischen Terroristen Jarosław Kaczyński handelt.“

„Ganz gewiss sogar. Man liest in letzter Zeit ja ständig von explodierenden Rehpinschern.“

Der Meister ließ die Fingerknöchel knacken. „Man merkt sofort, dass Ihnen das Kriminalistische in Gänze abgeht, Mrs Brown.“

In diesem Moment schellte die Klingel.

„Obacht! Das ist vermutlich Vlad Tepes, die Geißel der Karpaten. Holen Sie besser Ihren Revolver aus dem Kühlschrank.“

„Halten Sie das für orginell?“

 

Fünf Minuten später klopfte es, und Mrs Somerville steckte ihr von schillernd absinthfarbenen Locken bekröntes Haupt zur Tür herein. „Hier is‘ ‘ne Dame, die Sie zu sprechen wünscht, Sir.“

„Und hat diese Dame auch einen Namen?“

„Hat se nich‘ gesaacht.“

Wilde ließ die Fingerknöchel knacken. „Gut, Mrs …“

„… Somerville“, ergänzte die Ehrenwerte vorauseilend.

„Mrs Somerville. Sagen Sie der Dame, wir ließen bitten.“

„Und was ließen Sie bitten, Hoheit?“

„Sie soll reinkommen, verdammt.“

„Na, das kann man ja auch gleich so formelieren. Immer rin in die gute Stube, Frolleinchen, der Meister gerührt Ihnen zu empfang‘n.“

Mit zögerlichen Schritten betrat eine hübsche Dunkelhaarige in einem olivfarbenen Mantel und einem eleganten pinkfarbenen Kleid das Zimmer und nestelte nervös an ihrer DIN-A4-großen Handtasche herum.

„Guten Tag. Ich bin Orpheus Wilde und das ist die Ehrenwerte Penelope Brown, die sich praktisch bereits im Aufbruch befindet. Was kann ich für Sie tun?“

„Mein Name ist Vicky Saccellaphylaccas, und ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll.“

„Dann empfehle ich, Sie legen Ihren Mantel ab und nehmen erst einmal Platz, das vereinfacht die Dinge ungemein. – Einen Brandy vielleicht?“

Sie nickte, so vorsichtig wie ein Kanarienvögelchen im Rachen der Katze.

„Gute Idee“, befand die Ehrenwerte. „Ich nehme dann auch noch einen.“

„Waren Sie nicht … wollten Sie nicht …  Hatten Sie nicht einen dringenden Termin, irgendwas mit dem Bestattungsunternehmer Ihres Vertrauens?“

„Keine Sorge, mein Guter. So eilig ist das nicht. Ich will Sie doch mit der jungen Dame nicht allein lassen. Soviel Blüte des Lebens sind Sie bestimmt nicht mehr gewohnt.“ Sie kicherte bösartig.

Wilde nickte zähneknirschend, servierte die Drinks, setzte sich in den uralten, mit verschlissenem Cord bespannten Sessel, in dem er sich die vielfältigen Geschichten seiner Klienten anzuhören beliebte, und steckte eine leere, kalte Pfeife in den Mund. (Er war wieder einmal auf dem Trip, das Rauchen aufgeben zu wollen, was aber nach Einschätzung von Mrs Brown bestenfalls bis morgen 08.27 Uhr vorhalten würde.)

„So. Jetzt bin ich ganz Ohr, Ms … äh …“

„Nennen sie mich einfach Vicky, Mr Wilde.“

„Vielen Dank.“

Die junge Frau nahm einen Schluck von ihrem Brandy, hustete, seufzte und stellte dann das Glas auf den Guéridon, neben die Totenmaske von Abraham Stoddard, dem Schlächter von Middle Fritham. (Ein Geschenk der Sonderkommission „Kronos“ bei Scotland Yard.)

„Mein Name, wie gesagt, ist Victoria Saccellaphylaccas, und ich bin vor etwa zehn Jahren aus Athen in dieses Land gekommen. Meine Eltern sind früh verstorben, und mein Pate hielt es für angemessen, mich auf ein Internat für höhere Töchter in Sussex zu geben, wo ich geblieben bin, bis auch mein Pate das Zeitliche segnete, und ich nicht mehr in der Lage war, das Schulgeld zu bezahlen.

Da es ansonsten keine Menschenseele gibt, an die ich mich wenden konnte, blieb mir nichts anderes übrig, als Ms Fortune’s Institute for noble young Lady‘s zu verlassen, nach London zu gehen und mir einen Job zu suchen. Durch puren Zufall traf ich gleich am ersten Tag eine Landsfrau, die mir den Tipp gab, dass bei Sir William Rutherford, dem berühmten Wissenschaftler, eine kultivierte Dame für die Betreuung seines Sohnes gesucht würde.“

Wilde hob den Zeigefinger. „Sie meinen Bill Rutherford, den Pionier in Sachen Künstliche Intelligenz am Kenneth-Wentworth-Institute in Brixton?“

„Genau den.“

„In Ordnung, fahren Sie fort.“

„Obwohl ich über keinerlei Erfahrung mit Kindern verfüge und auch ansonsten ohne beruflichen Abschluss bin, sah ich mich durch meine prekäre wirtschaftliche Lage gezwungen, nach diesem Strohhalm zu greifen. Ich rief die Nummer an, die mir meine Bekannte gegeben hatte, und durfte zu meiner Überraschung bereits am nächsten Tag in Grenville Castle vorstellig werden. Das ist der Landsitz der Familie, der sich etwa 30 Meilen nordwestlich von London befindet. Sir William besaß nicht nur die Freundlichkeit, mich in Begleitung seines Sohnes zu empfangen, sondern auch, das Bewerbungsgespräch in eigener Person durchzuführen. Vielleicht habe ich wirklich einen derart guten Eindruck hinterlassen, wie ich mir einbilde, aber ich denke, dass ich noch am selben Tag den Job bekam, hatte wohl in erster Linie mit der Sympathie zu tun, die der junge David und ich auf der Stelle füreinander empfanden. Sie müssen wissen, er ist ein entzückender kleiner Junge, wohlerzogen und hochintelligent, ohne dabei altklug oder affektiert zu wirken. Seine Mutter ist bei einem Autounfall ums Leben gekommen, als David noch ein Baby war.“

„Richtig“, bestätigte Wilde und zog an seiner leeren Pfeife, „ich kann mich vage erinnern. Das stand damals in allen Zeitungen.“

„Ja, sogar in Griechenland war das ein Thema. Jedenfalls habe ich meine Stelle am ersten des vorvergangenen Monats angetreten, und zunächst war alles in schönster Ordnung. David wird am Vormittag von einem Privatlehrer unterrichtet, sodass mein Dienst in der Regel gegen 13.00 Uhr beginnt. Schon bald zeigte sich, dass ich den Jungen völlig richtig eingeschätzt hatte, er ist ein wahrer Schatz. Wir haben viel zusammen unternommen, Ausflüge in die nähere Umgebung, Reiten, Minigolf, Kricket; das war eine schöne Zeit. Und auch Sir William erwies sich als überaus freundlicher Arbeitgeber. Trotz seiner bedeutsamen Tätigkeit, die ihn sehr in Anspruch nimmt, war er stets für einen kleinen Schwatz zu haben.

Doch plötzlich, von einem Tag auf den anderen, und ohne, dass ein Anlass dafür erkennbar gewesen wäre, veränderte sich die Atmosphäre. Zunächst waren es Kleinigkeiten, die man leicht übersehen konnte, wenn man mit den Verhältnissen dort nicht vertraut war. Doch hatte ich mich bereits so gut eingelebt, dass ich diesen Wechsel deutlich wahrnahm.“

„Änderungen welcher Art, Ms Saccellaphylaccas?“

Sie zögerte einen Moment, zog ein blasblaues Taschentuch hervor und zerknüllte es zwischen den Fingern. „Etwas hatte sich am Verhalten des Jungen getan. Er, der sonst immer so fröhlich und unbeschwert durchs Leben ging, machte nun einen distanzierten, fast schroffen Eindruck auf mich. Ich weiß nicht, ob ich gut zum Ausdruck bringe, was ich damit sagen möchte. Ich will versuchen, es an einem Beispiel festzumachen. Eines Morgens erschien er mir beim Frühstück ungewöhnlich blass und ausgezehrt, sodass ich instinktiv meine Hand auf seine Stirn legte, um zu fühlen, ob er eventuell Fieber hätte. Doch die Haut war kühl und glatt, alles schien in bester Ordnung. Das Schockierende war seine Reaktion darauf. In einer heftigen Gefühlsaufwallung, die ich noch nie zuvor bei ihm erlebt hatte, brüllte er mich an, dass ich nicht das Recht hätte, ihn ungefragt zu berühren; ich möge nicht meine Stellung als Angestellte in diesem Haus vergessen. Selbst sein Vater schien überwältigt von dem Ausbruch. Nach einer Schrecksekunde maßregelte er David allerdings mit großer Strenge, und ließ ihn wissen, dass er ein solches Verhalten auf keinen Fall noch einmal dulden werde.“

„Sie sagen, Sie nahmen am Frühstück teil. Demnach leben Sie jetzt in Grenville Castle?“

„Ja, das stimmt. Sir William war der Ansicht, dass es für die Beziehung zwischen seinem Sohn und mir förderlich sei, wenn ich wie ein Mitglied der Familie bei ihnen wohnen und an ihrem Leben möglichst umfänglich teilhaben würde.“

„Ich verstehe. Vermutlich ist dieser Vorfall allein aber nicht ausschlaggebend dafür, dass Sie sich entschlossen haben, mich aufzusuchen.“

Ms Saccellaphylaccas schlug die Augen nieder und seufzte. „Nein. Das war nur der Beginn jener Kette von Ereignissen, die mich später so ernsthaft verstören sollten.

Einige Tage nach dieser Episode lag ich nachts in meinem Bett und konnte nicht schlafen, weil mir immer noch das unverständliche Gebaren des Jungen durch den Kopf ging. Nach stundenlangem hin und her und fruchtlosem Bemühen, Ruhe zu finden, entschloss ich mich, auszustehen und eine Tablette zu nehmen. Ein Krug Wasser steht immer auf einem Beistelltisch nahe dem Fenster, das vom ersten Stock einen herrlichen Blick über den gesamten Park eröffnet. Als ich beim Einschenken zufällig hinaussah, stockte mir vor Entsetzen fast der Atem! Ein riesiger schwarzer Hund, fast so groß wie ein Ochse, lief schnüffelnd und sabbernd über den Rasen. Nie zuvor in meinem Leben hatte ich ein derartiges Ungetüm gesehen, außer vielleicht in schlechten Krimis, und es war mir auch nicht bewusst, dass Sir William ein solches Tier überhaupt besaß. Allein das hätte schon ausgereicht, mich vor Angst die ganze Nacht nicht mehr schlafen zu lassen, doch nur wenige Augenblicke später geschah etwas völlig Unglaubliches: David, der kleine David, kam hinter einem Gebüsch hervor, nur bekleidet mit seinem Pyjama, und trat ohne jede Scheu an das Tier heran, in der offenkundigen Absicht, dessen riesigen, löwenartigen Kopf streicheln zu wollen. Ich drehte mich auf der Stelle um, griff ohne lange nachzudenken nach einem Schürhaken, der am Kamin lehnte, um ihn als Waffe zu benutzen, flog die Treppen hinab und sprang so wie ich war, barfuß und nur mit einem dünnen Negligé bekleidet, in den Park hinaus. Doch welche Überraschung! Still und verlassen lag die weitläufige Rasenfläche im Licht des Mondes. Kein David war zu sehen, und auch kein riesiger schwarzer Hund. So sehr ich mich bemühte, nirgends konnte ich eine Spur von dem entdecken, was ich doch nur Sekunden zuvor mit eigenen Augen gesehen hatte. Da drehte ich mich erneut um und rannte so schnell ich nur konnte in das Zimmer des Jungen, der allerdings, wie ich mich überzeugen durfte, friedlich in seinem Bett lag, die Augen geschlossen, den Mund leicht geöffnet und einen rosigen Schimmer auf den Wangen. Was war geschehen? Hatte ich einen bösen Traum gehabt, den ich beim Erwachen für die Wirklichkeit hielt, oder waren Kind und Ungetüm nur ein Spiel der nächtlichen Schatten gewesen, in dem meine überreizte Fantasie Gestalten aus einem Märchenbuch zu erkennen vermeinte? Ich war ratlos, beschloss jedoch, diese Beobachtung am nächsten Morgen anzusprechen. Dabei ging ich so vor, dass ich die Episode ganz bewusst als ein böses Hirngespinst ausgab, das mich in der Nacht um den Schlaf gebracht hatte, und das nun immer noch in meinem Kopf herumspukte.“

„Wie haben Vater und Sohn reagiert?“

„Ganz unterschiedlich. Sir William war rührend besorgt und gab mir den Rat, vor dem Zubettgehen einen Brandy in gerührtem Ei mit Chili zu trinken. Er versicherte, das würde mich traumlos bis zum Morgen durchschlafen lassen.“

„Und der Knabe?“

Sie richtete ihre großen rehbraunen Augen auf Wilde und sagte: „Da war nichts.“

„Was meint?“

„Was meint, dass er keinerlei Regung zeigte und weiter in aller Ruhe sein Porridge löffelte. Ja es schien, als habe er meine Worte nicht einmal gehört.“

„Denken Sie, das war nur vorgetäuscht?“

Ms Saccellaphylaccas zuckte mit den Schultern. „Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht. Noch vor dem Ereignis mit dem Fiebermessen hätte ich mir eingebildet, den Jungen in- und auswendig zu kennen, aber jetzt bin ich mir nicht mal mehr seiner anfänglichen Sympathie für mich sicher.“

„Hat sich das Verhalten Ihnen gegenüber denn weiter verändert?“

„Nein. Im Gegenteil. Plötzlich war er wieder süß und reizend wie zuvor. Als ich ihn später am Tag ganz nebenbei fragte, ob er schon mal irgendwelche herrenlosen Hunde auf dem Grundstück bemerkt hätte, verneinte er das mit Entsetzen und erklärte, dass er eine Heidenangst vor Hunden habe, seit ihn mal einer gebissen hatte, als er noch ein kleiner Junge war.“

„Donnerlüttchen!“, rief die Ehrenwerte, die der Schilderung atemlos gelauscht hatte. „Wie war es dann möglich, dass er dem Ungetüm den Kopf kraulte? Ist er womöglich ein Schlafwandler?“

„Nun, Mrs Brown, diese Frage habe ich mir natürlich auch gestellt und bin schließlich zu dem Ergebnis gekommen, dass meine nächtliche Beobachtung nichts weiter als ein besonders lebhafter Traum gewesen sei. Bis … ja, bis ich ihn letzte Nacht wiedergesehen habe. Und diesmal so dicht und lebensecht wie ich sie beide in diesem Moment vor mir sehe!“

„Den Jungen?“, fragte die Ehrenwerte.

„Nein“, antwortete Ms Saccellaphylaccas, „den Hund!“

 

„Wir hatten wie üblich früh zu Abend gegessen, und Sir William drängte mir nach dem Kaffee einen doppelten Brandy auf, weil er meinte, ich sähe immer noch abgespannt und übernächtigt aus. Trotzdem konnte ich, als ich eine halbe Stunde später im Bett lag, keinen Schlaf finden. In den vergangenen Nächten war ich wieder und wieder aufgestanden, um aus meinem Fenster einen Blick in den Park zu werfen, ohne dabei das Geringste zu entdecken. Und auch diesmal lag alles so friedlich und still wie auf einem Gemälde von Mr Constable[1] in der National Gallery. Da beschloss ich, einen kleinen nächtlichen Ausflug zu unternehmen, in der Hoffnung, dass Bewegung mir sowohl guttun als auch meinen Schlaf befördern würde. Ich stand auf und schlüpfte nur in meinen Morgenmantel, da die Nacht von der sommerlichen Hitze des Tages noch angenehm temperiert war. Dann ging ich hinunter in den Park und spazierte aufs Geradewohl los.

Die Luft belebte mich, und die Grashalme zu meinen Füßen waren von unzähligen im Mondlicht glitzernden Tautropfen illuminiert, was einen herzerfrischenden Anblick ergab. Während ich so, ohne ein bestimmtes Ziel zu verfolgen, auf eine Gruppe alter Kastanienbäume zuschritt, die sich dunkel gegen den nachtblauen Himmel abhoben, drehten sich meine Gedanken um den jungen David, aber auch um Sir William, seinen Vater, der, das war mir in den letzten Tagen immer deutlicher geworden, eine gewisse Sympathie für mich hegte. Fragen Sie nicht, woher ich das weiß, denn er hat nie auch nur ein Wort darüber verlauten lassen. Dazu ist er viel zu distinguiert. Sagen wir einfach, dass eine Frau dergleichen spürt. Nun ist es so, dass ein gewisser, nicht unerheblicher Altersunterschied zwischen uns besteht, der einer Beziehung in den Augen der Öffentlichkeit einen falschen Anstrich geben könnte. Sir William ist ein Mann von Adel, sehr vermögend und überdies prominent, während ich nur eine mittellose Waise aus Griechenland bin, die engagiert wurde, um sein Kind zu betreuen. Muss da nicht zwangsläufig der Eindruck entstehen, ich habe meine Stellung missbraucht, um mich in das Herz eines vortrefflichen, aber deutlich älteren Mannes zu stehlen?“

Sie hielt inne, blickte Wilde mit ihren großen, rehbraunen Augen an und seufzte.

„Ist das die Angelegenheit, in der Sie mich konsultieren wollen?“, fragte der alte Spürhund griesgrämig.

Ein Hauch von südländischem Furor überzog ihren Teint, und die Brust hob und senkte sich schneller. „Nein, Sir, das sind selbstverständlich Dinge, mit denen ich einen Mann wie Sie nicht behelligen möchte.“

„Verzeihen Sie dem Meister“, funkte die Ehrenwerte dazwischen, noch bevor die junge Griechin aufstehen und aus dem Zimmer stürmen konnte, „aber die Ungeduld des Herzens gehört ganz gewiss nicht zu den Dingen, die ihm aus eigener Anschauung vertraut sind.“ Sie seufzte. „Ich weiß, wovon ich spreche. Und wovon Sie sprechen, mein liebes Kind, das weiß ich ebenfalls.“

Orpheus Wilde stellte sich in dem Moment ernsthaft die Frage, ob er sich durch den Nikotinentzug in einen Roman von Jane Austen deliriert hatte.

„Wie dem auch sei“, erklärte er mit trockener Stimme und räusperte sich, bevor er weitersprach. „Wir befinden uns im Park von Grenville Castle, es ist Nacht, der Mond entsendet silberne Strahlen auf die im Gras funkelnden Tautropfen und eine schöne junge Frau griechischen Geblüts, nur bekleidet mit einem Negligé aus Feenstaub und einem dünnen Morgenmantel, wandert gedankenverloren zwischen den Kastanien umher. Was geschah dann, Ms Saccellaphylaccas?“

Ihre Blicke waren nun hart und blank wie gezückte Dolche. „Auch das mag für Sie wie eine Sentenz aus einem Schundroman klingen, Mr Wilde, aber plötzlich funkelten mich aus der Dunkelheit zwei Augen wie rotglühende Kohlen an.“

„Donnerlüttchen“, entfuhr es der Ehrenwerten ein weiteres Mal.

„Ich ahne, was nun kommen wird“, bemerkte Wilde und Ms Saccellaphylaccas nickte, während ihr das Entsetzen jener Nacht unmittelbar ins Gesicht geschrieben stand.

„Ja, es war dieser Höllenhund. Ich konnte ihn nicht erkennen, aber ich wusste, dass nur er es sein konnte. Mein Verstand wollte, dass ich die Beine in die Hand nehme und renne, aber mein Körper hatte sich vor Schreck in eine Salzsäule verwandelt. Unfähig auch nur einen Finger zu rühren, ja sogar unfähig, zu atmen oder zu schlucken, stand ich da, mitten auf dem Rasen, und starrte auf das Grauen, das keine zehn Meter entfernt auf mich lauerte.

Eine Minute oder sogar länger geschah gar nichts. Die glühenden Augen, aus denen in meiner überreizten Fantasie züngelnde Flammen hervorschossen, fixierten mich beständig, verschlagen und gierig zugleich. Dann, erst kaum zu vernehmen, aber bald schon sich zu einem Crescendo steigernd, begann ein tieftönendes Knurren. „Lauf!“, brüllte eine Stimme in meinem Kopf, „Lauf!“ - und mit einem Mal war die Blockade durchbrochen! Ohne auch nur eine weitere Sekunde zu verschwenden, ohne auch nur nachzudenken, drehte ich mich um und rannte, so schnell wie wohl nie zuvor in meinem Leben auf die etwa 150 Meter entfernte Tür zu, hinter der ich mich in Sicherheit wähnte. Es verging nur ein Wimpernschlag, dann hörte ich, etwas Gewaltiges aus der Dunkelheit hervorbrechen und sich auf meine Fährte setzen. Mir war klar, dass ich keine Zeit damit verschwenden durfte, auch nur einen flüchtigen Blick hinter mich zu werfen. Das hätte zwangsläufig meine Geschwindigkeit gedrosselt und den winzigen Vorsprung, den ich besaß, auf der Stelle eliminiert. Was immer es gewesen sein mag, was sich da auf die Jagd nach mir begeben hatte, es kannte nur ein Ziel: mich zu töten. Daran hegte ich keinerlei Zweifel. Gewaltig wie die Hufe eines Pferdes trommelten die Pfoten auf dem elastischen Untergrund aus Humus und Gras, während ein dröhnendes Hecheln rhythmisch aus seiner Kehle drang. Nur noch fünfzig Meter bis zur rettenden Tür, nur noch vierzig Meter, dreißig, fünfundzwanzig – dann geschah es! Meine Füße, die in Hausschuhen mit glatten Sohlen steckten, kamen auf dem nassen Boden ins Straucheln, und ehe ich mich versah, landete ich auf dem Rücken, während mein Körper noch ein ganzes Stück wie auf einer Rutschbahn weiterschlidderte. Fast im selben Moment sprang ein großer schwarzer Körper über mich hinweg und streifte dabei meinen Kopf, mit einer derartigen Wucht, dass ich für einen Moment glaubte, die Besinnung zu verlieren.“

Die Ehrenwerte, weiß wie ein Blatt Papier, fasste sich an den Hals und keuchte: „Mein Gott, mein Gott …“, während Wilde so unbeteiligt wirkte, als verlese ein Sprecher des Vatikan die neueste Enzyklika des Papstes.

„In diesem Moment“, flüsterte Ms Saccellaphylaccas mit völlig entleertem Blick, „das schwöre ich beim Grab meiner Eltern, hatte ich mit dem Leben abgeschlossen. Der Hund war nur ungefähr sechs Meter vor mir zum Stehen gekommen, hatte sich dann wutschnaubend umgedreht und war nun bereit, sich mit gefletschten Zähnen auf mich zu stürzen. Die Tür aber, die meine einzige Rettung darstellte, befand sich direkt hinter ihm, demnach unerreichbar für mich. Was tun? In einer solchen Situation, in der es um Leben und Tod geht, ist das klare, nüchterne Denken völlig ausgeschaltet, und das Unterbewusstsein übernimmt die Kontrolle. Ohne dass mir klar gewesen wäre, was ich da Wahnwitziges tat, ging ich in die Hocke, straffte die Muskeln, visierte mein Ziel an und rannte auf das Ungetüm los, wild entschlossen, ihn mit all meiner Kraft zu rammen. Es war ungefähr so, als ob eine Maus versuchen würde, eine Katze aus dem Weg zu stoßen. Mit einem Schrei, der, wie mir später versichert wurde, im ganzen Haus widerhallte, prallte ich gegen den Hund, der tatsächlich auf diesen Angriff nicht vorbereitet war und den ich, zu meiner nicht geringen Verblüffung, wie einen Quarterback beim Tackle von den Beinen riss. Genau damit gelang es mir, den winzigen Vorsprung zurückzuerobern, der durch mein Ausrutschen verlorengegangen war. Während das Vieh noch wild mit allen Vieren strampelte, hatte ich mich längst wieder aufgerappelt und rannte nun auf die Tür zu, die sich, als ich sie endlich erreichte, wie durch Zauberhand öffnete. Ohne zu stoppen, und ohne das überhaupt zu wollen, rannte ich ins Haus – und mitten hinein in die Arme von Sir William!

,Schnell, rasch doch, schließen Sie die Tür‘, brüllte ich und wehrte mich heftig gegen seine beschützende Umarmung, weil ich glaubte, das schwarzhaarige Scheusal würde uns beide in Stücke reißen. Doch je länger ich mit den Fäusten gegen seine Brust trommelte, desto klarer wurde mir, dass gar nichts geschah, nicht das Geringste.

,Was ist denn um Himmels willen passiert?“, rief mein Arbeitgeber, der, das konnte ich im Schein der Kerze erkennen, die er mit sich trug, vor Entsetzen totenbleich war.

Ich antwortete nicht. Endlich gelang es mir, seinem Griff zu entkommen, und ich stürzte, wild entschlossen, das eigene Leben zu retten, und ebenso das von Sir William, an die offene Tür. Können Sie sich meine Verblüffung, nein, mein nacktes Entsetzen, vorstellen, als ich hinaus in den Garten blickte, und da war – nichts!?“

„Wie bitte? Nichts?“, rief die Ehrenwerte, die so bleich schien, als hätte sie dem Ungeheuer von Grenville Castle mit eigenen Augen in den Schlund geblickt.

„Gar nichts! Wie in der Nacht, da ich den jungen David mit der Bestie gesehen hatte, lag alles in größtmöglichem Frieden.

,Der Hund“, stammelte ich hilflos, während ich, vom Schock übermannt, heftig zu zittern begann. ,Wo ist der Hund?‘

,Ich verstehe nicht. Was meinen Sie, Vicky. Welcher Hund?‘

„Dort draußen war eben noch ein gewaltiger Hund, größer als ein Wolf. Er hat mich gejagt!‘

Sir William zog aus der Tasche seines Bademantels eine großkalibrige Automatik und trat in den Park hinaus. ,Hier ist nichts. Kein Hund, kein Wolf, gar nichts.‘ Er wandte sich mir zu, und in seinem Blick war aufrichtige Besorgnis. Er kam zurück, nahm mich in den Arm, führte mich die Treppe hinauf in sein Arbeitszimmer und nötigte mich, in einem Sessel Platz zu nehmen. Währenddessen goss er mir einen Brandy ein.

,Hier trinken Sie, und erzählen Sie dann in aller Ruhe, was dort draußen geschehen ist.‘

Ich nickte, nahm das Glas und tat wie mir geheißen. Sir William saß da, die Ellenbogen auf die Oberschenkel gestützt, und lauschte meinen Worten mit todernster Miene. Erst nachdem ich geendet hatte, sagte er: ,Vicky, es gibt hier keinen Hund. Sie wissen doch, dass David mal von einem gebissen wurde und panische Angst hat. Ich würde niemals zulassen, dass so ein Tier auf meinem Grundstück frei herumläuft. Meine Wildhüter haben den Auftrag, jeden, der das versuchen sollte, umstandslos zu erschießen.‘

‚Und doch habe ich mir all das nicht eingebildet, falls Sie das glauben sollten. Ich war dort draußen - Sie selbst haben mich aus dem Park kommen sehen! -, und etwas, der Hund, war hinter mir her.‘

,Ich habe Sie aus dem Park kommen sehen, das ist richtig. Aber ich habe nicht gesehen, dass Sie verfolgt wurden.‘

,Aber es war so, das müssen Sie mir glauben!‘ In dem Moment versagten meine Nerven, und ich fing hemmungslos an zu weinen. Sir William stand auf, hockte sich auf die Sessellehne, legte den Arm um meine Schultern und flüsterte ein paar begütigende Worte. Irgendwann, Minuten später, hob ich den Kopf und sah, dass David, den wohl der Lärm geweckt hatte, plötzlich im Türrahmen stand. Und das, Mr Wilde, war schrecklicher als alles, was ich zuvor an dem Abend erlebt hatte. Auch wenn ich es nicht glauben wollte, so konnte es doch keinen Zweifel geben: auf seinem Engelsgesicht, auf dem Gesicht, das mich stets mit so viel Liebe und Zuneigung betrachtet hatte, lag ohne jeden Zweifel ein hämisches, böse funkelndes Grinsen!“

Wilde zog aus seiner Tasche ein Streichholz, entzündete es und brannte den Tabak in seiner Pfeife an. Das war, wie die Ehrenwerte sehr genau wusste, ein Zeichen dafür, dass er in Erwägung zog, den Fall zu übernehmen.

„Ms Saccellaphylaccas, ich bemerke an ihrem Finger einen Ring mit einem herzförmigen Diamanten. Gehe ich recht in der Annahme, dass Sie eine Entscheidung fürs Leben getroffen haben, und dass es demnach angebracht wäre, Ihnen alles Gute für die Zukunft zu wünschen?“

Die junge Frau schlug die Augen nieder und lächelte. „Ja, das haben Sie natürlich bemerkt. Gestern hat mir Sir William seine Liebe gestanden, und ich konnte nicht umhin, diese Gefühle von ganzem Herzen zu erwidern. Er hat mich gebeten, seine Frau zu werden, und ich habe zugestimmt. Doch werde ich nur dann mit ihm vor den Traualtar treten, wenn eine wesentliche Bedingung erfüllt ist!“

„Und die wäre?“

Sie blickte auf. „Ich muss Gewissheit darüber haben, was auf Grenville Castle vor sich geht. Verstehen Sie mich recht, Mr Wilde, ich habe unbedingtes Vertrauen zu meinem künftigen Ehemann, doch ich weiß, er verbirgt etwas vor mir. Das fühle ich mit jeder Faser meines Herzens.“

„Fühlen oder wissen?“

„Ich habe keine Beweise, wenn Sie das meinen. Doch vor einigen Nächten, als ich wieder nicht schlafen konnte, sah ich Bill mit David an der Hand genau in die Richtung gehen, aus der das Scheusal gekommen war. Alsbald verschwanden die Beiden im Schatten der Bäume und kehrten bis zum Morgengrauen nicht zurück. Zumindest nicht auf diesem Weg.“

„Haben Sie Ihren Verlobten damit konfrontiert?“

„Allerdings. Gleich beim Frühstück. Die Frage war ihm sichtlich unangenehm. Nachdem er eine Weile herumgedruckst hatte, tischte er mir als Erklärung auf, dass David nicht schlafen konnte und er mit ihm in den Park gegangen sei, um zu demonstrieren, dass dort kein mörderischer Hund sein Unwesen treibe.“

„Könnte der Wahrheit entsprechen.“

„Ja, könnte, könnte. Tut es aber nicht. Ich weiß, dass er gelogen hat, und ich muss wissen, unbedingt wissen, aus welchem Grund.“

„Manchmal ist es besser, die Wahrheit nicht zu kennen, Ms Saccellaphylaccas. Haben Sie darüber schon mal nachgedacht?“

Sie straffte ihren Körper und blickte Wilde unverwandt in die Augen. „Das ist keine Option für mich. In meiner Kultur probiert eine Frau nicht zahllose Männer aus, um den richtigen zu finden. Wenn ich mit Sir William den heiligen Bund der Ehe eingehe, dann wird das für den Rest meines Lebens sein. Und deshalb muss ich Gewissheit haben. Selbstverständlich auch über das, was mit David los ist.“

Wilde nickte. „Gut, das kann ich verstehen. Doch stellt sich die Frage, wie Sie in dieser Angelegenheit vorzugehen wünschen. Erwarten Sie von mir, dass ich mit Sir William eine Unterredung führe? Ein Gespräch von Mann zu Mann?“

Erschrocken hob sie die Arme. „Auf keinen Fall. Er darf nicht mal ahnen, was ich vermute! Er würde denken, dass ich Zweifel an meiner Entscheidung habe. Das wäre eine Katastrophe!“

„Aber ist nicht exakt das Ihr Problem, Ms Saccellaphylaccas, dass Sie ihm nicht wirklich Vertrauen schenken?“

Sie zögerte. „Ja, möglicherweise. Irgendwie schon. Trotzdem besteht die geringe Wahrscheinlichkeit, dass ich mir das alles nur einbilde. Wie sollte ich dann dem Mann, den ich liebe, und der mich liebt, erklären, dass ich sogar bereit war, einen Detektiv zu konsultieren – und das noch, bevor ich überhaupt vor den Traualtar getreten bin! Er müsste mich ja für eine komplette Närrin halten!“

„Demnach möchten Sie, dass ich meine Ermittlungen diskret und vorerst ohne das Wissen Ihres künftigen Gatten durchführe.“

Errötend nickte sie.

Wilde legte seine Pfeife in den Aschenbecher und rieb zufrieden die Hände. „Dann ist es hiermit beschlossen. – Mrs Brown, besitzen Sie ein Schmetterlingsnetz und ein paar kniehohe Gummistiefel der Firma Rubber & Soul aus Edinburgh?“

„Wie bitte?“

„Bedeutungslos. Alles, was wir brauchen, bekommen wir im Internet. Wenn ich den Fahrplan richtig im Kopf habe, geht unser Zug übermorgen um 16 Uhr 50 ab Paddington. Zeit genug, um alle Vorbereitungen in Ruhe zu treffen.“

„Was haben Sie vor, Wilde?“

„Nun, die Gegend rund um Grenville Castle ist bekannt für ihren außerordentlichen Reichtum an Lepidopteren. Demnach ein wunderbares Betätigungsfeld für den Schmetterlingssammler Laurence Sterne und seine ihm treu assistierende Gattin Edwina. Das werden Sie sein, Mrs Brown. Noch aus goldenen Jugendtagen kenne ich dort ein gemütliches kleines Gasthaus, das „Bell, Book and Candle“, welches kaum mehr als eine halbe Meile von Sir Williams Anwesen entfernt liegt. Beste Voraussetzungen also, um dort auf die Jagd nach dem gemeinen Falter zu gehen. Und vielleicht entdecken wir mit etwas Glück auch den Hund von Grenville Castle.“

„Aus goldenen Jugendtagen? Habe ich das richtig verstanden?“

„Wie jeder Mensch besitze ich eine Vergangenheit, Mrs Brown.“

„Was meint?“

„Frauen, Schnaps, bewusstseinserweiternde Drogen. Die ganze Palette.“

„Ich bin sprachlos!“

„Dann belassen wir es dabei.“

 

Wie ein samtgrüner Teppich lagen die lieblich geschwungenen Auen unter einem blankgefegten Himmel. Das Aroma zahlloser Kräuter und Kornblumen erfüllte die Luft mit ihrem würzigen Fluidum. Hummeln und Bienen tänzelten von Blüte zu Blüte, berauscht von der Anmut des Tages und der Süße des Nektars, während am Rande uralter Ahornbäume, die nicht weit entfernt ihre Blätter der Sonne entgegenstreckten, zwei Rehe friedvoll ästen. Nicht ein Laut der wildgewordenen Zivilisation drang in diese Idylle, nur die Vögel belebten den Morgen mit ihrem munterem Tirilieren, während hoch droben zwei scharfäugige Sperber elegant ihre Bahnen zogen, vermutlich in der Hoffnung, am Boden ihr zweites Frühstück zu entdecken.

„Sodom und Gomorrha“, rief plötzlich eine weibliche Stimme hinter den Flatter-Binsen hervor.

„Gibt es Probleme?“, fragte ein männliches Organ.

„Und ob! So habe ich mir in meinen Alpträumen Dantes Inferno ausgemalt! In 3D und Dolby Surround! Überall piekt und krabbelt und summselt es. Ich bin eine Blüte der Großstadt, Wilde. Vermutlich war das erste Insekt, das ich mit eigenen Augen gesehen habe, eine Filzlaus!“

„Bitte, Edwina, wir hatten uns doch darauf geeinigt, dass mein Name Laurence ist.“

„Um Gottes Willen, wer sollte Sie denn bitte schön in dieser grünen Hölle kennen? Und wer, glauben Sie, belauscht uns heimlich? Der Gedanke, dass Tausendfüßler und Zikaden einander ins Ohr raunen: ,Ist das nicht Orpheus Wilde, der weltberühmte Detektiv aus London?‘, entbehrt doch wohl jeder Grundlage.“

„Darum geht es nicht!“

„Worum geht es dann?“

„Ums Prinzip, Mrs Brow … Mrs Sterne. Wenn wir uns nicht daran gewöhnen, unsere Aliasnamen zu verwenden, könnte im entscheidenden Moment die sorgfältige Planung wie ein Luftballon zerplatzen!“

„Meinetwegen. Aber wie sind Sie bloß auf Schmetterlingsjäger gekommen? Warum nicht saubere, anständige Berufe wie Kernphysiker oder Astronaut?“

„Weil Astronauten eher selten dazu neigen, den Fuß beim Entsteigen ihrer Landefähren auf eine Wiese im Herzen Englands zu setzen! - Sehen Sie, dort drüben befindet sich Grenville Castle!“

„Hossa. Recht stattlich geraten für einen unterbezahlten Instituts-Angestellten, oder?“

„Sie unterschätzten Sir William. Er ist nicht irgendein Wissenschaftler, er ist der führende Experte in Sachen Künstliche Intelligenz und Robotik. Sein Ruf hallt von Princeton bis an die École polytechnique in Frankreich. Jedes Unternehmen weltweit würde seine Mitarbeit mit Gold aufwiegen, doch weigert er sich standhaft, das zu tun. Seine Familie besitzt zahlreiche Ländereien, sodass Geld nicht wirklich ein Problem darstellt.“

„Und noch mehr Geld zu besitzen, stellt eines dar?“

„Unsinn. Sir William fürchtet das, was mit den Früchten seiner Arbeit getan werden könnte. Die weitaus meisten Interessenten kommen aus dem Bereich der Rüstungsindustrie.“

„Demnach ein weltfremder Idealist.“

„Wenn Sie so wollen. Allerdings erscheint es auch mir fragwürdig, einem Roboter die Entscheidung zu überlassen, ob es strategisch angemessen sei, mich von der Platte zu putzen, oder lieber nicht. Ein Mensch aus Fleisch und Blut muss immerhin noch mit seinem Gewissen vereinbaren, ob er den Abzug betätigt.“

„Von der Platte putzen. Leck mich doch am Allerwertesten! In Ihrer Rolle als Mr Sterne zeigen Sie durchaus die Fähigkeit, wie ein Mensch aus Fleisch und Blut zu reden, Laurence.“

„Danke, Philippa.“

„Edwina.“

„Richtig.“

 

Zehn Minuten später - sie bewegten sich auf der Jagd nach dem scheuen Wild immer dichter auf den Hauptflügel des Herrenhauses zu - trat plötzlich, und ohne, dass sie ihn zuvor bemerkt hätten, ein etwa elfjähriger Knabe aus dem Schatten einer mächtigen Eiche. Er war mit T-Shirt, Jeans und Turnschuhen bekleidet, seine Augen hatten die durchdringende Farbe von Enzian, die üppigen, weizenblonden Haare waren altersgemäß zerzaust und der feinsinnige Mund bildete ein unübersehbares Fragezeichen.

„Hallo“, sagte er mit vorpubertärem Sopran. „Kann ich Ihnen helfen? Das hier ist Privatbesitz!“

Wilde befreite einen Falter, den er soeben noch gefangen hatte, aus seinem Netz und hielt ihn mit Daumen und Zeigefinger hoch. „Guten Morgen. Mein Name ist Laurence Sterne, und das ist meine Gattin Edwina. Wir sind Schmetterlingssammler und befinden uns auf der Jagd nach diesen wunderschönen Insekten. Ich bitte um Verzeihung, falls wir dabei fremden Grund und Boden betreten haben, doch gab es nirgendwo einen Hinweis darauf.“

Der Junge nickte. „Vater mag keine Verbotsschilder. Er sagt, die Natur sei für alle da, auch für Touristen. Was für ein Bockmist. Touristen. Wer braucht die schon?“ Alsdann betrachtete er eingehend den Buttervogel. „Das ist ein großer Feuerfalter. Lateinisch: Lycaena dispar. Er gehört zur Familie der Bläulinge. Habe ich recht?“ Seine Augen waren auf den Detektiv gerichtet und schienen auf dessen Bestätigung zu warten.

„Ja“, sagte Wilde, etwas zeitverzögert, öffnete die Finger und ließ den Flattermann entkommen.

„Könnte allerdings auch ein Macroglossum stellatarum gewesen sein“, bemerkte der Knabe und sah dem Falter nach, der der sich trudelnd über eine Wiese entfernte.

Der alte Fährtenleser hatte derweil seine übliche Attitüde wiedergefunden: „Oder auch ein Polyommatus icarus, vulgo Hauhechel-Bläuling. Die sind für den Laien schwer zu unterscheiden. – Dafür glaube ich allerdings Deinen Namen zu kennen. Ich vermute, Du bist David, der Sohn von Sir William Rutherford.“

Der Junge nickte.

„Und wir sind alte Bekannte Deiner Freundin Vicky Saccellaphylaccas!“

„Sie ist nicht meine Freundin. Sie arbeitet für uns“, entgegnete der Knabe verdrossen.

„Ach, und ich war der Meinung, Sie würde demnächst Deinen Vater heiraten.“

„Das stimmt“, räumte David unwillig ein. „Das macht sie aber nicht automatisch zu meiner Freundin.“

„Nein, das stimmt wohl. Eher zu Deiner Stiefmutter. Trotzdem würden meine Frau und ich ihr gern einen guten Morgen wünschen. Ist sie vielleicht zuhause?“

David zuckte mit den Schultern.

„Dürfen wir nachsehen?“

 Der Junge seufzte, als habe er beschlossen, ein großes Opfer für die Menschheit zu bringen. „Folgen Sie mir. Ich bringe Sie hin.“ Dann drehte er sich um, vergrub die Hände in den Taschen der Jeans und schlenderte zum Herrenhaus.

 

Vicky saß mit Sir William auf einer Terrasse, die von blühenden Forsythien und Rhododendren nahezu vollständig eingerahmt wurde, und genoss ihren Tee im Glanz der Sonne und eines tiefblauen Himmels. Ihr zukünftiger Gatte, ein stattlicher Gentleman mit eisgrauem Vollbart, ebensolcher coiffure sowie einer kühn hervorspringenden Nase, auf der eine goldgerahmte Brille saß, war so sehr in die Lektüre seiner Morgenzeitung vertieft, dass er ihre Ankunft zunächst gar nicht bemerkte.

„Vater, hallo Vater, hier ist Besuch für Ms Saccellaphylaccas“, rief David, als sie den Tisch erreicht hatten. Der Wissenschaftler hob verdattert den Blick, musterte die Neuankömmlinge über den Rand der Gläser hinweg, und nickte dann höflich.

„Oh, das ist ja eine angenehme Überraschung. - Magst Du uns bekanntmachen, Vicky?“

„Natürlich, Darling.“ Die junge Frau lächelte, stand auf, umarmte die vorgeblichen Eheleute und sagte: „Bill, das sind meine guten Freunde Edwina und Lawrence Sterne aus London. Nachdem ich das Internat verlassen musste, haben sich diese prachtvollen Menschen rührend um mich gekümmert. Und das, Ihr Lieben, ist mein zukünftiger Ehemann, Sir William Rutherford, der Herr auf Grenville Castle.“

„Ich habe schon viel von Ihnen gehört, Sir“, erklärte Wilde und schüttelte die Hand des Wissenschaftlers.

„Na, wie man so schön sagt: Hoffentlich nur Gutes.“

„Ihre Arbeit ist ohne jeden Zweifel revolutionär. Auch wenn mich der Gedanke beunruhigt, demnächst in meinem Lieblings-Café den Espresso durch einen Roboter serviert zu bekommen; im Falle des jetzigen Premierministers hingegen würde ich einen derartigen Tausch sogar als Fortschritt betrachten.“

„Na“, lachte Sir William, „so weit sind wir ja noch nicht. – Nehmen Sie doch bitte Platz. Eine Tasse Tee vielleicht, oder lieber etwas Stärkeres?“

„Die Luft ist recht kühl“, bemerkte die Ehrenwerte. „Ein doppelter Brandy wäre nicht unwillkommen.“

„Es sind fünfundzwanzig Grad, meine Liebe, da kann man selbst bei nachlässiger Betrachtung nicht von einer neuen Eiszeit sprechen.“

„Auf deiner Seite des Tisches mag das zutreffen, Honey-Bunny“, bemerkte die Ehrenwerte zuckersüß, „bis zu uns ist die Sonne noch nicht vorgedrungen. Habe ich Recht, Ms Sakulärifaccas?“

Wilde verspürte bei dem provozierend gebrauchten „Honey-Bunny“ einen stechenden Schmerz in der Regio glutealis und bereute schon jetzt, dass er, in seinem Enthusiasmus, endlich wieder einen Fall übernehmen zu können, Mrs Brown mit hineingezogen hatte. Sobald die Angelegenheit zu einem befriedigenden Abschluss gebracht wäre, würde er stellvertretend für Mr Sterne die Scheidung einreichen. Mochte sie die Kinder behalten. Er wählte die Freiheit!

„Was führt Sie in unsere Gegend?“, fragte Sir William, nachdem die Getränke serviert waren und goss Tee in ihre Tassen. „Ist es Zufall, oder wollten Sie nur meiner zukünftigen Frau und mir alles Gute wünschen?“ Er nahm Vickys Hand und drückte sie zärtlich.

„Nun, das natürlich vorrangig. Wir hatten allerdings schon vor längerer Zeit den Plan gefasst, in dieser Gegend auf die Jagd zu gehen, und als wir dann die gute Nachricht erhielten, beschlossen wir, bei der Gelegenheit auch gleich unsere Aufwartung zu machen.“

„Auf die Jagd, Sir? Ich wusste gar nicht, dass es hier Wild gibt, das zu schießen sich lohnte! Höchstens ein paar flügellahme Enten oder ein betagtes Wildschwein.“

„Ach, die Tiere, nach denen wir auf die Pirsch gehen, sind ohne Gewaltanwendung zu erlegen. Sie müssen wissen, wir haben uns der Lepidopterologie verschrieben. Das heißt, wir sind Schmetterlingsjäger. Da genügen Netze, ein scharfes Auge sowie ein handliches Nachschlagewerk, um die korrekten Arten zu bestimmen.“

„Schmetterlinge!“ Der Wissenschaftler klatschte in die Hände. „Was für ein Zufall! Die ersten Miniatur-Roboter, die ich gebaut habe, waren ebenfalls Schmetterlinge.“

„Ja, ich habe davon im Daily Mirror gelesen.“

„Was genau ist das eigentlich, Künstliche Intelligenz?“, fragte die Ehrenwerte. „Ich dachte immer, nur der Mensch sei zu so etwas wie Vernunft und Kreativität befähigt.“

„Oh, dann haben Sie noch nie gesehen, zu welch erstaunlichen Leistungen Tiere in der Lage sind, Mrs Sterne. In Japan zum Beispiel hat man Krähen beobachtet, die Nüsse auf die Straße warfen, um sie von darüberfahrenden Autos knacken zu lassen. Und das taten sie nicht etwa an irgendeiner x-beliebigen Stelle, sondern bevorzugt auf Zebrastreifen, weil sie genau wussten, dass sie dort am sichersten waren. Das hat allerdings nur wenig mit Künstlicher Intelligenz zu tun, die wir so nennen, um sie von der biologischen, der den wirklichen Lebewesen auf diesem Planeten vorbehaltenen, korrekt zu unterscheiden.

Als Beginn der KI darf eine Konferenz am Dartmouth College in New Hampshire im Jahre 1956 gelten, die von John McCarthy organisiert worden war. Allerdings gab es praktisch zu allen Zeiten Vorstellungen von künstlichen, vernunftbegabten Wesen, die herzustellen der Mensch irgendwann imstande sein würde; denken Sie nur an den Homunkulus der Alchimisten oder das Frankenstein’sche Monster. Das sind selbstverständlich rein fantastische bzw. künstlerische Entwürfe. Was wir Wissenschaftler hingegen unter KI verstehen, ist, simpel gesagt, ein System, das in der Lage ist, durch permanentes Lernen Entscheidungen zu treffen, ohne dass es dafür jedes Mal neu programmiert werden müsste. Das Ziel, das wir verfolgen, ist im Endeffekt die maschinelle Autonomie.“

„Hört sich ein bisschen wie das Schreckensszenario aus einem Science-Fiction-Thriller an. So wie in Kubricks Filmklassiker 2001, in dem der Computer HAL entscheidet, dass die Mission wichtiger sei als die Astronauten.“

„Der Mensch neigt dazu, alles, was ihm fremd erscheint, instinktiv zu verteufeln. Glauben Sie mir, als die Sumerer in Mesopotamien erstmals das Rad benutzten, hat es mit Sicherheit Bedenkenträger gegeben, die darauf hinwiesen, wie gefährlich diese neue Erfindung sei. Und das waren vermutlich durchaus Leute, die es besser hätten wissen sollen. Gleichwohl ist das Rad zum entscheidenden Anschub für die Entwicklung der Zivilisation geworden.

Lassen wir uns von dem Terminus ,Intelligenz‘ nicht täuschen. Eine Maschine wird niemals menschliche oder allzu menschliche Verhaltensweisen an den Tag legen. Demnach besitzt sie auch nicht die Fähigkeiten zu lieben, zu hassen, Allmachtsfantasien zu entwickeln, eine Diktatur zu errichten oder sich persönlich zu bereichern. Maschinen handeln streng nach den Vorgaben, die wir, die Menschen, ihnen mit auf den Weg geben. Und das bedeutet, sie müssen immer, ich wiederhole: immer!, nach den drei Robotergesetzen handeln, die Isaac Asimov 1942 erstmals formuliert hat: Ein Roboter darf kein menschliches Wesen (wissentlich) verletzen oder durch Untätigkeit (wissentlich) zulassen, dass einem menschlichen Wesen Schaden zugefügt wird. Ein Roboter muss den ihm von einem Menschen gegebenen Befehlen gehorchen – es sei denn, ein solcher Befehl würde mit Regel eins kollidieren. Ein Roboter muss seine Existenz beschützen, solange dieser Schutz nicht mit Regel eins oder zwei kollidiert.“

„Und kann man sagen, dass dieser Anspruch heute erreicht ist?“, fragte Wilde.

„Nein, ganz gewiss nicht. Noch ist das meiste von dem, was Sie in den Medien über KI hören oder lesen, Produkt einer allzu wilden Fantasie. Aber die Entwicklung schreitet natürlich voran. In der Zukunft werden tatsächlich menschenähnliche Roboter unsere Hausangestellten, Pfleger, Ärzte, Busfahrer oder Astronauten in fernen Galaxien sein, die wir selbst, aufgrund unserer begrenzten Lebensdauer, niemals erreichen würden. Es ist die Geschichte der Eintagsfliege, die nach Amerika wollte. Um bestimmte Grenzen zu überschreiten, benötigen wir maschinelle Stellvertreter, in denen man unser Bewusstsein, das vorher natürlich eingescannt werden muss, hochladen kann. Auf diese Weise besäße auch der Mensch eine persönliche Form der Unsterblichkeit.“

„Ist es denn erstrebenswert, unsterblich zu sein?“, fragte Wilde.

„O ja, gewiss doch. Solange es die Neugier darauf gibt, was der nächste Tag bringen mag, werden die Menschen von der Unsterblichkeit träumen. Soviel steht fest.“

„Ich selbst“, bemerkte Mrs Sterne in Richtung ihres Gatten, „bin momentan neugierig darauf, wo wir in der kommenden Nacht unsere Häupter betten werden. Ich denke, wir sollten jetzt aufbrechen, Laurence, und uns im Dorf ein Zimmer besorgen. Können Sie uns vielleicht einen Gasthof oder ein Hotel empfehlen, Sir William? Am besten sauber und nicht allzu teuer. Wir sind einfache Leute.“

„Sie haben noch kein Zimmer?“ Der Herr von Grenville Castle klatschte in die Hände. „Aber das ist ja großartig!“

Alle blickten ihn ratlos an. „Verstehst Du denn nicht, Liebling? Dann werden die Sternes selbstverständlich bei uns übernachten. Platz genug ist ja da.“

„Wir wollen Ihnen keine Umstände bereiten“, erklärte Mrs Brown mit einem Augenzwinkern Richtung Wilde.

„Aber meine liebe, gute Mrs Sterne, das sind doch keine Umstände. Sie sind immerhin Freunde meiner zukünftigen Ehefrau, da gilt natürlich: Mi casa es su casa. Ah, da kommt Rollins, mein Verwalter, genau im richtigen Moment. Rollins, bitte, wir werden heute Nacht Gäste haben. Lassen Sie das Major-Sholto-Zimmer herrichten.“

Rollins ein großer, vierschrötiger Mann, dessen Kopf kahl wie ein hartgekochtes Ei war und der über dem linken Auge eine schwarze Klappe trug, die ihm das Aussehen eines pensionierten Piraten verlieh, schien keineswegs erfreut. „Sir, darf ich ergebenst darauf hinweisen, dass im Major-Sholto-Zimmer gewisse bauliche Mängel anhängig sind. Vermutlich würde es den Ansprüchen der Herrschaften nicht genügen. Ich denke im Bulldog Inn, unten in Catbrain Hill[2], wären sie deutlich besser aufgehoben.“

„Oh, da machen Sie sich mal keine Sorgen, Mr Rollins“, intervenierte die Ehrenwerte, „wir sind ganz einfach in unseren Ansprüchen. Das Beste ist gut genug für uns. Ein solides englisches Bett, ein paar knarrende Dielen, ein Krug mit eiskaltem Wasser für die Körperreinigung, etwas gebratenen Speck und Eier – mehr brauchen wir nicht! Stimmt’s, Honey-Bunny?“

Wildes zustimmendes Lächeln tendierte in Richtung süßsauer.

„Da hören Sie! Dann ist das hiermit beschlossene Sache. Wo befindet sich Ihr Gepäck, Mr Sterne?“

„Noch in unserem Automobil. Wir haben etwa zwei Meilen von hier an der Abzweigung zu den Pipers of Raleigh[3] geparkt.“

„Sehr gut. Rollins, Sie kümmern sich darum, dass der Wagen der Herrschaften mit den Koffern zu uns gebracht wird. Und sagen Sie der Köchin, dass wir heute Abend zwei zusätzliche Tischgäste haben.“

„Sehr wohl, Sir.“ Der einäugige Butler verbeugte sich und warf dem Ehepaar Sterne einen Blick zu, der insgesamt nichts Gutes verhieß.

„Und nun“, erklärte Sir William, „führe ich Sie zu Ihrer Unterkunft, damit Sie sich etwas frischmachen können.“

Während sie ihrem Gastgeber durch die verschlungenen Flure von Grenville Castle folgten, zischte Wilde der Ehrenwerten ins Ohr: „Sollten Sie es noch einmal wagen, mich Honey-Bunny zu nennen, werden Sie einen sehr guten Detektiv benötigen, um den mysteriösen Tod der fidelen Witwe aufzuklären.“

„Aber, aber, mein Lieber, waren nicht Sie derjenige, der vehement gefordert hat, dass wir uns zu 100 % mit unseren Rollen identifizieren sollen? Allmählich gewinne ich Spaß daran. Erinnert mich entfernt an meine goldene Jugendzeit im Actors Studio in New York. Lee Strasberg meinte, ich hätte so viel Talent, er würde mir empfehlen, meine Ausbildung abzubrechen und mich auf Rollen in Science-Fiction-Movies oder Horrorfilmen zu spezialisieren.“

„Zweifelsohne als Creature from the Black Lagoon“, mutmaßte Wilde.

 

Der Abend am prasselnden Kaminfeuer in der Bibliothek von Grenville House, nach einem ausgezeichneten Dinner im Übrigen, verlief unter Zuhilfenahme eines 36 Jahre in Eichenfässern gelagerten Whiskeys recht angenehm. Wilde und Sir William schienen übereingekommen, das Thema Künstliche Intelligenz vorerst ruhen zu lassen und stattdessen Dönekens von ihren zahllosen Reisen um die Welt zu präsentieren. So schickte sich Mr Sterne an, auf einem Digeridoo seine angeblich auf Expeditionen ins Outback erworbenen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, dem Blasinstrument Töne zu entlocken (die diesen Namen allerdings auch bei sachgemäßer Handhabung wohl nicht wirklich verdienen), was bei seiner „Gattin“ auf wenig Gegenliebe stieß, während andererseits der Gastgeber darin zu glänzen suchte, Arnold Schönbergs 1. Kammersinfonie durch einen Furchtbarkeitstanz der Munduruku-Indianer aus den Regenwäldern des Amazonas aufzupeppen. Insbesondere das dem Ritual zugehörige Steppen (auf dem Parkettfußboden aus Palisander) unterzog die Trommelfelle der Zuhörer einer ernsthaften Prüfung. Vicky Saccellaphylaccas klatschte gleichwohl ostentativ in die Hände, wodurch Wildes persönliche Theorie Bestätigung fand, dass Liebe nicht nur blind, sondern partiell auch taub macht, während sich Rutherford Junior, dem man erlaubte hatte, die übliche Schlafenszeit nach hinten zu verlegen, durch trotziges Desinteresse hervortat und sich schließlich, recht ungewöhnlich für einen Knaben seines Alters!, freiwillig ins Bett verfügte.

Etwa eine Stunde danach – die Glocke im Kirchturm des nahegelegenen Dorfes hatte bereits Mitternacht angezeigt – beschlossen auch die Erwachsenen, dass es nun an der Zeit sei, den geselligen Kreis aufzulösen. Man wünschte sich eine gute Nacht und angenehme Träume, versicherte sich unverbrüchlicher Freundschaft, dann, nach einem letzten Gruß über die Länge des Flures hinweg, schlossen sich die eichenen Türen, knarzend wie der Deckel jener Kiste, in der Dracula seine vorletzte Unruhe gefunden hatte.

 

„Godfrey Daniel“, entfuhr es Mrs Brown, als sie endlich allein waren. Noch eine Anekdote mehr vom Liebesleben der Mbenga-Pygmäen, und ich hätte mich dem Trunk ergeben.“

„Mir war so, als hätten sie das schon“, bemerkte Wilde.

„Halten Sie sich mal schön zurück, alter Knabe! Ihre ausufernde Darstellung diverser Raubzüge der gemeinen Wanderameise in den Tiefebenen Tansanias war auch nicht gerade zum Totlachen.“

„Da schien Ms Saccellaphylaccas durchaus anderer Meinung! Sie fand mich, wie sie mehrfach betonte, amüsant.“

Die Ehrenwerte runzelte die Stirn. „Ja, tatsächlich. Fanden Sie nicht auch, dass sie heute Abend etwas überdreht wirkte?“

„Stimmt. Wohingegen der liebliche David für sein Alter recht einsilbig war.“

„Nun, dass er ein ,wahrer Schatz‘ sein soll, wie die gute Vicky es formuliert hat, konnte ich in der Tat nicht feststellen.“

„Seltsam auch, dass er die Mahlzeit getrennt von uns auf seinem Zimmer eingenommen hat. Sein Vater entschuldigte das mit Hausarbeiten, die noch zu erledigen seien.“

„Es sind aber Ferien!“

„Gut gesehen, Mrs Brown.“

„Und wie verfahren wir nun, Mr Lepidopterist? Legen wir uns eine Stunde aufs Ohr, oder was? Da ist nur ein Bett, das Sie jedoch als Gentleman, der Sie zweifelsohne sind, mir überlassen werden. Ich denke, die antike Chaiselongue dort drüben macht den Eindruck, als könne sie Ihr Gewicht gerade noch ertragen.“

Wilde zog die Smith & Wesson No. 3 aus dem Geheimfach seiner Reisetasche, kippte den Lauf nach vorn und versah die Trommel mit frischen Kugeln. „An Schlaf ist nicht zu denken. Auch ich habe nunmehr den Eindruck gewonnen, dass hier irgendetwas ganz und gar nicht stimmt. Wir müssen heute Nacht Ausschau halten.“

„Ausschau wonach?“

„Nach dem Unerwarteten.“

„Und das wäre?“

„Ein riesiger schwarzer Hund, fast so groß wie ein Ochse, zum Beispiel!“

„Jessas!“

„Sie sagen es!“

„Woher wissen Sie, dass heute Nacht diese Bestie erscheinen wird?“

„Von Sir William.“

„Wie bitte? Wann genau hat er das verraten?“

„Anlässlich seiner Tanzvorführung!“

„Ach so. Na kein Wunder, dass ich ihn bei dem Lärm nicht verstehen konnte.“

„Er hat es nicht gesagt, Mrs Brown, er hat es gemorst.“

„Er hat was?“

„Er hat seine Botschaft gemorst. Die Steppschritte waren kein Bestandteil im Balzritual der Munduruku, wie er behauptet hat. Das waren Morsezeichen.“

„Hölle! Und was genau hat der Mann gefunkt?“

„Gemorst!“

„Gefunkt, gemorst - geschenkt!“

„Achtung +++ Stopp +++ Hund heute Nacht in Park +++ Stopp +++ Treffen um zwei Uhr dreißig bei Wellington +++ Stopp +++ Waffe nicht vergessen +++ Stopp +++!“

„Wellington?“, fragte die Ehrenwerte. „Ich verstehe immer nur Wellington!“, und fragte sich gleichfalls, das allerdings lautlos (was trotzdem die These von der Multitasking-Fähigkeit des weiblichen Geschlechts unterstreicht, nämlich mit der linken Gehirnhälfte das Eine zu denken und mit der rechten etwas völlig anderes zu sagen!), ob es nicht höchlich an der Zeit sei, einen Schluck aus der Reiseapotheke zu verabreichen.

 

Die Nacht war angenehm, doch ging ein flitterhafter Sprühregen nieder, und Gespinster aus Nebel waberten wie Totenschleier über die grasigen Auen. Der Boden quatschte bei jedem ihrer Schritte unter den Füßen, während Wilde den Lichtkegel der Taschenlampe möglichst sparsam über den Boden gleiten ließ, um keine Aufmerksamkeit auf Seiten des Herrenhauses zu erregen. Zwar schwebte die gute alte Luna groß und glänzend wie ein Silberdollar am Himmel, doch wurde ihr nachtkalter Widerschein größtenteils durch Wolkenfetzen bedeckt, die eine stete, aus Richtung Osten kommende Brise wie eine Armada geisterhafter Galeonen vor sich hertrieb.

„Schuhu-Schuhu“, rief ein dicht über dem Boden gleitender Nachtgreif, woraufhin sich Mrs Brown noch enger an Wilde klammerte, als das ohnehin schon der Fall war. „Was für eine Schnapsidee, bei einem derartigen Sauwetter auf die Pirsch zu gehen. Warum diese unchristliche Zeit? Warum die Geheimniskrämerei? Das riecht doch alles sehr nach einer Falle! Gesteppte Nachrichten per Morsealphabet! Fruchtbarkeitstänze der Munduruku-Indianer! Hanebüchener Unsinn! Und wer oder was, beim Jupiter, ist überhaupt dieser Wellington? Kennen Sie den? Ist der verlässlich?“

„Arthur Wellesley, 1. Duke of Wellington, war ein britischer Heerführer, der Napoleon I. in der Schlacht bei Waterloo vernichtend geschlagen hat. Ich denke, wir können ihm vertrauen. Eine Stele zu seinen Ehren steht, halb vom Buschwerk verdeckt, neben der Zufahrt, die nach Grenville House führt. Wir sind daran vorbeigekommen, als Sie den Falter aus der Familie der Nymphalidae entkommen ließen. Und ja, Mrs Brown, selbstverständlich ist das eine Falle, ansonsten lägen wir gemütlich in unseren Betten.“

„Wie bitte?“

Die Ehrenwerte bremste so abrupt, dass Wilde die Taschenlampe aus der Hand rutschte, mit einem dumpfen Platschen auf den Boden fiel und umgehend erlosch. Sie standen im Dunkeln.

„Da haben wir‘s!“, stellte Mrs Brown nach einer Schrecksekunde fest.

„Was genau?“, fragte Wilde.

„Den Salat! Den Salat, den Sie mir eingebrockt haben!“

„Die Suppe!“

„Die Suppe?“

„Man brockt die Suppe ein, nicht den Salat!“

„Das sind doch Haargespinste!“

„Hirngespinste.“

„Wollen sie mich etwa auf die Lärche bringen, Mann?“

„Still!“

„Auf die Stille? Das ergibt doch gar keinen Sinn!“

„Sie sollen still sein, Mrs Brown! Ich habe etwas gehört!“

„Na, wenn Sie tatsächlich was gehört haben, muss es auch vorhanden sein, bei all dem Heavy Metal, das Sie sich Tag für Tag durch die Eustachische Röhre fiedeln!“

„Das ist Grunge, Mrs Brown, Grunge - kein Heavy Metal!“

„Wo liegt der Unterschied? Wenn man den Lautstärkeregler aufdreht, klingt alles wie die Wehrmacht auf dem Weg nach Moskau! – Und im Übrigen, da liegt unsere Taschenlampe. Ich sehe die Birne glühen.“

„Wo?“

„Da! Sehen Sie nicht die beiden Lichtpunkte?“

Wilde erstarrte zur Salzsäule. „Das ist nicht unsere Taschenlampe, Mrs Brown.“

„Was dann?“

Sie wandten einander die Köpfe zu. Als Wilde klar wurde, dass ihr klar wurde, was ihm schon klar war, legte er den Finger an die Lippen und flüsterte: „Nicht bewegen, nicht schreien, und versuchen Sie Ihre Atemfrequenz möglichst niedrig zu halten!“

„Wie niedrig?“, malmte die Ehrenwerte.

„Möglichst nur einen Zug pro Stunde, sofern Sie nicht den Ehrgeiz haben, als Hundefutter zu enden!“

„Haben Sie einen Schinkenknochen in der Tasche? Der würde ihn ablenken.“

„Nein, und ich glaube auch nicht, dass er sich davon bestechen ließe.“

„Und eine Kanone? Haben Sie Ihre Kanone dabei?“

„Selbstverständlich. Allerdings müsste ich sie erst aus meiner Rucksacktasche ziehen, was ein gewisses Risiko darstellt. Er könnte das z. B. als Respektlosigkeit auffassen.“

Die Ehrenwerte unterdrückte den Impuls, mit dem Fuß aufzustampfen. „Na wunderbar. Wir gehen auf die Pirsch nach dem Hund der Baskervilles und ihr Colt steckt im Rucksack. Wahrscheinlich haben Sie auch noch die Kugeln extra in Watte gepackt, damit Sie nicht feucht werden oder die Gefahr besteht, dass Sie sich versehentlich in den Fuß schießen!“

Unmittelbar nach diesen Worten knurrte die Bestie in einem grollenden, rollenden Tonfall, und aus den Schatten des dicht gestaffelten Unterholzes schob sich langsam, sehr langsam, ein mächtiger löwenartiger Kopf, dessen Lefzen Speichelfäden absonderten und dessen elfenbeinerne Zähne hasserfüllt schimmerten.

„Himmel, was für eine Bestie“, stöhnte die Ehrenwerte. „Wilde, ich glaube … ich glaube, ich verliere die Besinnung …“

„Verschieben Sie das auf später, Mrs Brown, begeben Sie sich stattdessen hinter mich und holen Sie mir so schnell es nur irgend geht den Smith & Wesson aus dem Rucksack. Verlieren Sie keine Sekunde! Der Hund sieht aus, als habe er noch Appetit!“

Überraschenderweise verzichtete die Ehrenwerte auf jede geistreiche Bemerkung, trippelte Schritt für Schritt, die Augen starr auf die Bestie gerichtet, hinter den Meister und nestelte nervös an dessen Ränzel herum.

„Was ist? Geht das nicht schneller?“

„Das verdammte Ding ist abgeschlossen! Mit einem Vorhängeschloss!“

„Ach ja, stimmt. Ich gehe immer auf Nummer Sicher, damit kein Unbefugter meine Waffe benutzt.“

„Wilde!!!“

„Immer mit der Ruhe, Mrs Brown, der Schlüssel steckt links in meiner hinteren unteren Hosentasche.“

„In der hinteren unteren?“

„Verzichten wir darauf, die Instruktionen jedes Mal zu wiederholen. Es pressiert. Der Hund wechselt soeben in den Angriffsmodus.“

„Au verdammt …“

 

Zwei Pistolenschüsse donnerten durch die englische Countryside, dann prallte ein riesiger, haariger Körper auf unsere beiden Helden und riss sie wie Streichholzfiguren zu Boden. Mrs Brown, die als untere Scheibe des Sandwichs fungierte, auf der Wilde als alter Camembert drapiert war, und auf dem wiederum der schwarze Hund die obere Hälfte bildete, gab einen Laut von sich, der wohl zum Ausdruck bringen sollte, dass ein Großteil ihrer Eingeweide in Trümmern lag. Nachdem jedoch weder der Hund noch der Meisterdetektiv irgendein ein Anzeichen tätigen Mitgefühls erkennen ließen, schnarrte sie bissig: „Wilde, sind Sie noch am Leben? Antworten Sie auch dann, wenn das nicht der Fall ist!“

Der Kriminalist räusperte sich, hustete ausgiebig, drehte mühsam den Kopf und knurrte: „Ja, Mrs Brown, ich bin noch am Leben. Allerdings steckt meine Kehle im Rachen dieser Bestie, und hätte ich nicht ein so ungemein scharfes Auge, wäre es zweifelsohne um Sie und mich geschehen gewesen!“

„Soll ich ein Glückwunschtelegramm schicken, oder reicht ein warmer Händedruck?“

„Sie haben gut scherzen. Sie liegen unter mir. Ich musste das mal eben für mich selbst feststellen, um mir vor Augen zu führen, dass ich dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen bin.“

„Ausgezeichnet, das haben Sie ja nun getan. Vielleicht wäre es angebracht, Ihren Luxuskörper von meinen Rippen zu entfernen. Ich bin nämlich der Auffassung, Sie haben sich lange genug ausgeruht. Wir sind nicht zum Vergnügen hier, gottverdammt.“

„Sie sagen es, Mrs Brown, Sie sagen es.“ Mit diesen Worten wälzte er den gewaltigen Leib des toten Hundes zur Seite und rollte den eigenen neben die Ehrenwerte.

„Manchmal“, sann er, auf dem Rücken liegend und das Gesicht grau wie die Oberfläche des Mondes, „befürchte ich, zu alt für diesen Job zu sein.“

„I wo. 75 ist heutzutage das neue 68. Andere besteigen in Ihrem Alter den V8 ohne Unterwäsche!“

„Es ist der K2, Mrs Brown.“

„Alter Besserwisser.“

„Ich kann nichts dafür, dass ich das Kreuzworträtsel in der Times innerhalb einer Viertelstunde löse. Ich denke, man nennt das Genie.“

„Dann ist Ihnen sicher auch bekannt, zu welcher Sorte Hund jene Bestie gehörte, die uns soeben in Hackfleisch verwandeln wollte. Ich habe dergleichen nämlich noch nie gesehen.“

„Kann ich Ihnen sagen, Mrs Brown. Das Subjekt gehört zur Gattung mechanischer Spielereien, die man unbedingt gesetzlich verbieten sollte.“

„Was?“

„Ja, Sie haben ganz richtig verstanden. Wir haben es mit einem Roboterhund zu tun. Ich konnte meine Kugeln in seinem Elektronengehirn platzieren, was einen tödlichen Kurzschluss ausgelöst hat - sofern wir Kategorien wie Leben und Tod auch im Hinblick auf diesen Haufen Blech verwenden wollen.“

„Ja, leck mich doch am Allerwertesten.“

„Ungern, Mrs Brown. Vorrang sollte zunächst mal die Frage haben, was mit Sir William geschehen ist, da dieser Hund in der Lage war, uns ungehindert anzugreifen.“

„Meinen Sie, er ist -?“

„Ich weiß nicht, aber wenn wir hier noch länger schwatzen, werden seine Aussichten, das Abenteuer lebend zu überstehen, exponentiell sinken!“

„Dann mal hurtig!“ Mit einer Agilität, die man nicht mit ihrer Körperfülle assoziiert hätte, sprang die Ehrenwerte in die Höhe und zog auch den derangierten Kriminalisten hinter sich her. „Fegen Sie die Blätter von der Brust, Wellington, und lassen Sie uns tapfer in die Schlacht reiten! Zur Hölle mit den Torpedos!“

„Moment, Mrs Brown. Ich werde in die Schlacht reiten! Für Sie habe ich andere Aufgaben von ebenso großer Bedeutung!“

„Als da wären?“

„Gehen Sie zurück ins Haus, suchen Sie eine Festnetzleitung (vielleicht am sinnvollsten in Sir Williams‘ Büro) und rufen Sie unseren gemeinsamen Freund, den Chief-Inspector im Ruhestand Hezekiah Frobisher an. Mein Smartphone findet hier kein Netz. Sagen Sie ihm, die Hütte brennt, und er soll die Kavallerie mitbringen! Dann warten Sie, bis er eingetroffen ist und führen ihn zu mir.“

Mrs Brown betrachtete Wilde, als habe er nicht mehr alle Tassen im Schrank. „Hier brennt was?“, fragte sie.

„Die Hütte. Das ist ein Slang-Ausdruck unserer Vettern aus Übersee und bedeutet …“

„Ich weiß, was das bedeutet – ich wusste nur nicht, dass Sie wissen, was das bedeutet.“

Wilde zog den Knoten seiner Krawatte gerade, glättete mit den Handflächen so gut es eben ging das aus der Fassung geratene Haupthaar und sagte: „Auch ich bin ein Mann des 21. Jahrhunderts, Mrs Brown, und besitze ein Abo bei dem Streaming-Dienst meines Vertrauens. Dort gibt es amerikanische Filme, in denen sehr viel geschossen und wenig geredet wird, doch ist dieses Wenige für einen Mann meiner Lebensart wahrhaft nutzbringend! Sätze z. B. wie diese: ,Da brennt die Hütte, Alter‘, ,Nehmen Sie die Hand aus der Wunde‘, oder auch: ,Sie benötigen unbedingt ein größeres Boot, Chief Brody‘.“

„Treffen Sie sich mal wieder mit dieser Hollywood-Tusse Laura La Plante[4]? Ich sage nur: ,Die nackte Bovary‘[5], der größte Quotenhit seit dem Vampir-Dramolett ,Schlag deine Zähne in meine Arteria femoralis‘! Und überdies der Grund dafür, dass Flaubert nun schon seit Monaten im Sarg rotiert!“

„Um Goethe zu zitieren: Ich habe dem Ewig-Weiblichen in Gänze abgeschworen!“

„So sicher wie das Omen im Gebet!“, konstatierte die Ehrenwerte und wandte sich mit einem entschlossenen Ruck zum Gehen.

 

Der Mond ließ sein Licht wie silberne Speere durch die kunstvoll verwobenen Äste regnen. Über dem Boden hatte sich ein See aus Nebelschwaden gebildet, der unaufgeregt hin und her wogte. Irgendwo, nicht weit entfernt, ließ ein Käuzchen seinen Toten-Ruf ertönen. Wilde, der nicht abergläubisch war, hoffte dennoch, dass dieser Ruf nicht ihm galt. Aus der Richtung, in die er jetzt seine Schritte lenkte, war der Blechhund gekommen, und in ebendiese Richtung waren Sir William und sein Filius laut Aussage von Ms Saccellaphylaccas mit unbekannter Absicht entschwunden. Irgendwo dort draußen, zwischen den dicht gestaffelten Eichen und Ahornbäumen, musste die Antwort auf das Rätsel liegen.

Bald erreichte er die Stelle, an der die Gedenksäule für den Heerführer Wellington, halb verborgen von wuchernden und rankenden Pflanzen, windschief im Boden steckte. Niemand war dort. Er blieb stehen, zückte seinen Revolver und prüfte dessen Einsatzbereitschaft. Dann lauschte er angestrengt in das leise Summen der Nacht. Nichts! Hin und wieder der Ruf einer Nachtigall, dann das weit entfernte Bellen eines Hundes. Ein trockener Zweig knackte; nichts geschah. Minuten vergingen, in denen er reglos stand und spähte. Nach was, das wusste er nicht. Plötzlich war ihm, als ob sich verstohlene Schritte näherten. Wer kam da? In welcher Absicht? Aus welcher Richtung? Er wandte den Kopf nach hier, nach dort, konnte die Geräusche aber nicht mit Gewissheit lokalisieren. Täuschte er sich? Waren das gar keine Schritte, sondern nur Ausgeburten seiner überreizten Fantasie? In dem Moment brach eine Bache mit ihren sechs Frischlingen aus dem Gebüsch hervor, wurde seiner gewahr, blieb angriffslustig stehen und beäugte ihn mit ungewissen Absichten. Wilde hob langsam, sehr langsam, den Lauf seiner Pistole, um sich im Falle eines Angriffs verteidigen zu können.

„Man weiß nie, ob sie wirklich echt sind“, sagte im selben Moment eine Stimme direkt hinter ihm.

Damit hatte der alte Fährtenleser nicht gerechnet. Innerlich machte er vor Schreck einen Luftsprung, äußerlich blieb er unbewegt wie ein Stein. Es war nicht vorstellbar, dass sich irgendjemand so leise an ihn heranschleichen konnte. Alle Welt wusste, dass der große Orpheus Wilde ein Gehör wie eine Fledermaus besaß. Oder hatte Mrs Brown doch Recht? Hatte er in letzter Zeit mit Nirvana und Alice in Chains übertrieben?

Völlig entspannt trat die Person, die soeben gesprochen hatte, nach vorn und blieb milde lächelnd vor dem Meister stehen. Es war keine Überraschung mehr, ihn zu sehen, denn er hatte die Stimme natürlich erkannt.

„Sus scrofa leucomystax, wenn ich nicht irre“, bemerkte der junge David Rutherford.

„Bin ich damit gemeint?“

„Nein, wo denken Sie hin? Das Wildschwein natürlich.“

Wilde warf einen Blick auf die unruhig den Kopf hin und her schwenkende Bache. „Wohl eher Sus scrofa andamanensis. Kommt in unseren Breitengraden nicht vor. Da hat irgendein Designer Mist gebaut.“

„Nein, Sir, keineswegs, dieses Schwein haben wir extra als kleine, aber feine Hommage erschaffen. Denken Sie nur an das ,Zeichen der Vier‘!“

Wilde nickte. „Natürlich. Tonga der Andamane.“

„Sehr richtig.“ David klatschte vor Vergnügen in die Hände. „Ich wusste, dass Sie das begreifen würden. Welcher Vergleich wäre für den großen Orpheus Wilde angemessener, als der mit Sherlock Holmes?“

Bei diesen Worten zog er eine schmale Fernbedienung aus der Hosentasche, drückte auf einen roten Knopf und die Bache verschwand gehorsam mit ihren Frischlingen im Unterholz. „Husch, husch, ab ins Körbchen!“

„Darf ich sagen, dass Sie für einen Zwölfjährigen bemerkenswert reif sind, Mr Rutherford?“

„Das dürfen Sie ganz gewiss, denn es stimmt.“

„Und darf ich davon ausgehen, dass es angemessen wäre, Ihre werte Person mit dem Goethe-Zitat ,Das also war des Pudels Kern‘ zu umschreiben?“

David produzierte ein hell klingendes Knabenlachen. „Wenn Sie damit andeuten wollen, dass mehr in mir steckt, als das unbewaffnete Auge sieht, so haben Sie ausnahmsweise Recht.“

„Demnach sind Sie ein Roboter?“

„Keineswegs. Das, was Sie sehen, ist ein ganz normaler Junge aus Fleisch und Blut. Allerdings einer mit einer wirklich ingeniösen Modifizierung im Epithalamus. Sie bewirkt, dass meine Wenigkeit, gemütlich bei einer guten Tasse Tee in der Steuerungseinheit sitzend, die Kontrolle über den liebenswerten David übernehmen kann, um durch seinen Mund mit Ihnen zu plaudern, mit seinen Ohren von Ihnen zu hören und mit seinen Augen Ihre jämmerliche Gestalt zu betrachten.“

Wilde entsicherte die Waffe. „Und was passiert, wenn ich abdrücke?“

Der Junge lachte erneut. „Na, dann gibt es einen Hosenscheißer weniger auf der Welt.“

„Wer, zum Teufel, sind Sie?“

„Jedenfalls nicht Mephistopheles, falls Sie das vermuten. – Und jetzt …“ Er zückte eine Glock, die unter dem T-Shirt im Hosenbund gesteckt hatte und in seinen Kinderhänden viel zu groß und unförmig wirkte. „Jetzt darf ich Sie wohl bitten, mir zu folgen, Sir.“

Wilde malmte innerlich mit den Zähnen. „Ich habe ebenfalls eine Waffe auf Sie gerichtet, falls Sie das übersehen haben.“

„Nochmal, Sie Ignorant: Nicht auf mich! Auf ihn! – Würden Sie einen kleinen Jungen einfach so über den Haufen knallen? Das hatten wir doch schon!“

„Wer sagt mir, dass Sie nicht doch ein Roboter wie Ihr Schoßhündchen sind?“

„Niemand. Drücken Sie ab, Mr Wilde, und Sie werden es erfahren. Entweder es gibt einen Kurzschluss – oder das Blut eines unschuldigen Knaben spitzt wie eine Fontäne durch die Nacht. Entweder Sachbeschädigung oder Mord ersten Grades! Das überlasse ich ganz Ihrem Gusto.“

Wilde nickte und ließ die Waffe sinken.

„Ich sehe, jetzt haben Sie verstanden. Werfen Sie den Schießprügel einfach ins Gebüsch. Den wird schon niemand stehlen.“

Wilde tat, wie ihm geheißen.

 

Mrs Brown stürmte dampfend und stampfend wie der gute alte Hogwarts Express über die Rasenfläche dem als klobige Masse vor dem Mond sich abzeichnenden Herrenhaus entgegen. Kein Licht war dort zu sehen; alles und jedes schien im friedlichsten Schlummer zu liegen, was ihrem Vorhaben grundsätzlich entgegenkam. Sie erreichte eine Seitentür, drückte die Klinke und betrat einen kurzen, nach Holzvertäfelung und Bohnerwachs riechenden Flur, der am Ende in die Empfangshalle mündete. Sie hatte beschlossen, kein Licht zu machen und sich lautlos wie ein Tiger im Dunkeln zu bewegen, damit die Bewohner des Hauses ihre Anwesenheit nicht bemerkten. Insbesondere nicht dieser ausgesprochen unsympathische Rollins.

Mittlerweile hatten sich ihre Augen an das Zwielicht gewöhnt. Dort war der Flur zur Halle, und dahinter bog ein weiterer Gang rechts ab, auf dessen linker Seite sich die Tür zum Büro des Hausherrn befand. Sir William hatte vor dem Dinner einen kurzen Rundgang mit seinen Gästen unternommen, weshalb sie mit den Gegebenheiten vertraut war.

Nun gelangte sie in die große Halle, deren Ausmaße die Gäste wenige Stunden zuvor eingehend gewürdigt hatten. Sehr gut. Sie sah die steinerne Figur eines Geistlichen am Fuß der weit geschwungenen Doppeltreppe aufragen. Irgendein bedauernswerter Vorfahr des Hausherrn, den Heinrich VIII. (oder war es Heinrich III.?) in einem Anfall gastrischen Jähzorns enthaupten ließ.

Einmal scharf rechts abbiegen, dann würde sie das Ziel erreichen. Ihrer Sache völlig sicher, unterließ sie es, mit den Händen die Barrierefreiheit des Weges zu überprüfen, und krachte mit voller Wucht gegen eine alte Ritterrüstung, die dort vermutlich seit dem hundertjährigen Krieg Maulaffen feilhielt. Das Scheppern des in seine Einzelteile zerfallenden Blechkriegers reichte aus, um die Toten auf dem dörflichen Friedhof in ihren Gräbern zu stören.

„Verdammt! Verdammt! Verdammt!“, fauchte Mrs Brown. Sie war zur Salzsäule erstarrt und lauschte angestrengt in die sie umgebende Dunkelheit. Nichts! Kein Laut war zu hören, kein Tappen von nackten Füßen auf knarzenden Dielen, keine peinvoll jammernden Treppenstufen. Die Bagage schien nach mehreren Flaschen Brandy unisono im Koma zu liegen. Desto besser.

Nach dieser Erfahrung auf Nummer Sicher gehend, streckte sie ihre Arme aus und tastete sich, achtsam Schritt für Schritt setzend, nach vorn. Doch fand sie nicht, wie eigentlich erwartet, einen Durchgang, der zum Arbeitszimmer des Wissenschaftlers führte, sondern nur den nackten Stein des Mauerwerks. Nachdem sie fünf Minuten damit verschwendet hatte, erfolglos die Wand abzutasten und einen Flur zu suchen, der sich einfach nicht dort befand, wo sie ihn haben wollte, blieb sie einigermaßen angepisst stehen und vergewisserte sich, wo ihr gottverdammtes Strumpfband saß: Da, genau da! Also konnte kein Zweifel bestehen, dass dieses Bein ihr linkes und das andere, den Gesetzen der Logik folgend, das rechte war. (Sie hatte eine, wie sie es auszudrücken beliebte, „charmante Links-Rechts-Schwäche“!) Okay. Alles zurück auf Anfang. Der Gang, an dem das Büro lag, zweigte nach Betreten der Halle genau in die entgegengesetzte Richtung ab. Und siehe da, so war es. Jetzt nur noch die Tür und das Telefon finden, dann würde alles in Butter sein. Die Tür. Da war die Tür. Und die Tür war … Sie war verschlossen! Mrs Brown verfluchte in alphabetischer Reihenfolge die Götter des Olymps und zückte dann eine Hutnadel, die sie auf Reisen stets bei sich trug, aus Gründen, die näher zu erläutern den Rahmen dieser Erzählung sprengen würde.

Wäre doch gelacht, so dachte sie ingrimmig, wenn sie nicht in der Lage wäre, dieses uralte Schloss in Nullkommanichts zu knacken. Für irgendetwas musste ja ihre breitgefächerte Ausbildung in den Hinterzimmern der Kaschemmen von San Franzisco gut gewesen sein.

Klack! Das Schloss hatte ihrer Überzeugungskraft ebenso wenig entgegenzusetzen, wie seinerzeit der Earl of Leicester ihren wohldosiert dargebotenen Reizen an der Playa de las Canteras. Sie öffnete die Tür und betrat das stockfinstre, nach Pfeifenrauch, Ziegenleder und altem Cognac duftende Arbeitszimmer. Irgendwo hier musste es einen Festnetzanschluss geben. Sofern der olle Kasten der Edison’schen Errungenschaften überhaupt teilhaftig war. (Ha!) Sie entzündete ein Streichholz und sah in dessen flackerndem Widerschein alsbald den Apparat auf Sir Williams‘ Schreibtisch stehen.

„Au!“ Die Flamme hatte ihre Finger verbrannt. Und das, verdammt nochmal, war ihr letzter Fidibus gewesen. Egal. Mit ihrem ausgezeichneten Orientierungsvermögen würde es ihr auch so gelingen, den Schreibtisch und das Telefon in der Dunkelheit zu orten. Sie trat einen Schritt nach vorn, dann noch einen und dann einen weiteren. Alles bestens. Noch ein Schritt. Klickeradoms! Mit Karacho nahm ihre linke Kniescheibe Kontakt mit einem überraschend hartleibigen Stuhl auf. Sie verbiss sich mühsam einen Schwall höchst farbenfroher Flüche, rieb das schmerzende Körperteil und stützte sich dabei, um das Gleichgewicht zu halten, auf der Schreibtischplatte ab. Die Schreibtischplatte! Der Schreibtisch! Na also! Vino, vidi, vici, wie Cato gesagt hatte. Oder war das Pluto gewesen? Egal!

Sie tastete nach dem Hörer und fummelte ihren Zeigefinger in die antike Wählscheibe. Natürlich hätte sie die kleine Leselampe aus Messing direkt daneben einschalten können, zog es aber vor, im Dunkeln zu bleiben. Außerdem brauchte sie ja nur die Löcher auf der Wählscheibe zu zählen, um zu wissen, welche Ziffer sie drehte. Frage war lediglich, ob die Null oben oder unten war. – Oben! Kein Zweifel.

„Dies ist der automatische Anrufbeantworter des Krematoriums Broken Winds[6]. Sie rufen leider außerhalb unserer Geschäftszeiten an. Wir würden uns jedoch freuen, wenn Sie eine Nachricht hinterließen, wir rufen Sie dann umgehend zurück.“

„Später“, murmelte Mrs Brown, „später“ – und verlegte die Null kurzerhand nach unten.

„Wer zum Teufel ruft da mitten in der Nacht an?“, fauchte eine schlaftrunkene Stimme.

„Sind Sie das, Chief-Inspector?“

„Natürlich nicht, Sie impertinente Person. Hier spricht Mrs Frobisher!“

„Entschuldigung, ich hatte Ihre Stimme nicht gleich erkannt. Ist Ihr Gatte zuhause, Gwendolyne.“

„Wenn nicht, hätte er spätestens jetzt ein massives Problem! Allerdings schläft er selig und schnarcht, dass die Wände wackeln. Was bedeutet, ich werde ihn wohl kaum für irgendeinen anonymen Anrufer wecken.“

„Hier spricht Mrs Brown, und es ist dringend! Ich befinde mich in einer heiklen Angelegenheit auf Grenville Castle, dem Landsitz von Sir William Rutherford. Ich möchte Sie bitten, …“ In dem Moment erkannte die furchtlose Hobby-Detektivin die Silhouette einer menschlichen Gestalt, die vermutlich die ganze Zeit unbewegt neben dem Fenster gestanden hatte und sie mit glühenden Augen anstarrte!

„Heilige Perpetua“, entfuhr es der ihr, dann vernahm sie ein Geräusch, das klang, als habe jemand seine Knöchel knacken lassen. Die Gestalt, massig und hochgewachsen wie Baron Frankensteins neuer Prometheus, bewegte sich knarzend einen Schritt nach vorn, ohne dass ihr Gesicht dadurch in den Lichtpegel des durch das Fenster scheinenden Mondes geraten wäre. Mrs Brown ließ den Hörer sinken; ein eiskalter Schauer lief ihr den Rücken hinab.

„Hallo“, quäkte, elektronisch verzerrt, eine Stimme aus der Muschel. „Hallo? Hören Sie mich, Mrs Brown? Hallo? Hier ist Chief-Inspector Fro- …“ Klack! Die Verbindung war getrennt

 

Eine Weile stapften sie nun bereits durch das kleine Waldstück hinter dem parkähnlichen Grundstück um Grenville Castle, wobei David Rutherford, oder vielmehr derjenige, der in seinem Kopf steckte, Wilde mit dem Lauf der Pistole mal hierhin, mal dorthin dirigierte. Nach etwa fünf Minuten tauchte zwischen den nachtschwarzen Bäumen ein aus groben Feldsteinen gemauertes Gartenhaus auf, hinter dessen Fenstern ein schwaches Licht glomm.

„Da sind wir“, stellte der Junge fest, zückte einen Schlüssel aus der Hosentasche, trat, die Waffe im Anschlag, vor den Detektiv und öffnete den Eingang. „Immer hereinspaziert.“ Wilde tat, wie ihm geheißen und stand in einem niedrigen Raum, der von einem ebenfalls aus Feldsteinen gemauerten Kamin beherrscht wurde. Des Weiteren befanden sich dort: drei Stühle antiker Machart, ein reichlich zerschlissener Ohrensessel, ein Kleiderschrank im viktorianischen Stil, zwei Ölgemälde, die Grenville Castle und, soweit Orpheus das beurteilen konnte, den Dichter Percy Shelley zeigten, sowie ein Esstisch aus Buchenholz, auf dessen Platte eine antike Petroleumlampe mit Reflektor blakte. Hinter dem Tisch, auf einem weiteren Stuhl, saß Sir William Rutherford, mit einem Trenchcoat über dem Pyjama, und sah keineswegs glücklich aus.

„Ich bedaure das“, sagte leise er, „aber ich hatte keine Wahl.“ Er wies mit dem Kopf in Richtung David.

Orpheus drehte sich um, betrachtete den Jungen und nickte. „Ich verstehe“, erklärte er.

„Ungefähr so viel wie ein Schaf von Quantenmechanik“, spottete der junge Rutherford. „Daher nehme ich an, dass Ihnen gleich die Augen übergehen werden.“

Er trat an den Schrank, sich dabei so bewegend, dass er die Männer stets im Visier hatte, und drückte einen Schalter, der hinter der geschnitzten Rahmenverzierung verborgen war, woraufhin sich die Türen durch einen geheimen Mechanismus öffneten. Dahinter flackerten im selben Moment Neonröhren auf und erleuchteten eine Treppe aus nacktem Beton, die, von einem Handlauf aus rotem Plastik flankiert, steil nach unten führte.

„Darf ich die Gentlemen bitten, mir voranzugehen. Es folgt nun, wie es in Ihren läppischen Kriminalfällen stets heißt, Mr Wilde, die Auflösung des Rätsels. Doch werden Sie sich diesmal entspannt zurücklehnen dürfen, während Andere den Job des genialen Schwadroneurs übernehmen. Ist das nicht eine gänzlich neue Erfahrung?“

Wilde zog es vor, diese Frage nicht mit einer Antwort zu würdigen, und trat als erster auf die Treppe, die sich mit unabsehbarem Ende in die Tiefe schlängelte. Er zögerte einen Moment – nicht aus Angst, sondern weil er über die Möglichkeit nachsann, den Jungen mit einem schnellen Jiu-Jitsu-Griff die Stufen hinabzuwerfen. Doch hätte das natürlich den Falschen getroffen, also entschied er sich dagegen.

„Mutig voran, Mister Allwissend, ich verspreche, dass Ihnen nichts passiert. Zumindest solange nicht, bis Sie verstanden haben, was hier eigentlich vor sich geht.“

 

 „Grenville Castle!“, rief Chief-Inspector im Ruhestand Frobisher und ließ den Zeigefinger auf die über dem ehelichen Bett ausgebreitete Landkarte niederfahren. „Genau dort! Drei Meilen südöstlich von Barton in the Beans!“

„Ich verstehe nicht, warum Du mitten in der Nacht aufstehen musst, nur weil diese Nervensäge fälschlicherweise unsere Nummer gewählt hat. Höchstwahrscheinlich wollte Sie den Whiskey-Bringdienst anrufen.“ Mrs Frobishers Gesichtsausdruck zeigte sauertöpfische Missbilligung.

„Kind“, (Chief-Inspector Frobisher gehörte noch einer Generation an, in der es keine verbale Entlgeisung darstellte, die eigene Ehefrau als Kind zu verunglimpfen), „das entzieht sich ganz gewiss Deiner Urteilskraft. Wenn Mrs Brown anruft, kann Wilde nicht fern sein. Und wenn Orpheus Wilde nicht fern ist …“

„… dann steht das Unterhaus bereits in Flammen, ich weiß.“ Mrs Frobisher, die in einen pinkfarbenen, reichlich mit Rüschen verzierten Morgenrock gehüllt war und deren Kopf von einer mit Bändern verzierten Nachthaube majestätisch bekrönt wurde, zog lange, vielfach geflickte Unterhosen aus dem Schrank und reichte sie ihrem Gatten. „Hier, anziehen! Ich will nicht, dass Du Dich verkühlst. Männer sind immer so klagsam.“

„Darling, bitte, es ist August, und wir haben bereits seit Jahren einen Klimawandel!“

„Das mit dem Klimawandel ist eine Erfindung der Chinesen, die uns Airconditioning und mit Sojaöl gepimptes Speiseeis verkaufen wollen. Wir sind hier in England, mein Guter, und in England kann es traditionell auch im August Nachtfrost geben. Sogar Schneestürme! Demnach, keine Widerrede und mit Schwung in die Unterhose!“

 

„Guten Tag“, sagte der dickliche Struwwelpeter mit Hängeschultern, der einen Maßanzug aus der Saville Row trug, der gleichwohl wie ein Sack an ihm wirkte, und streckte Mrs Brown seine fleischige Hand entgegen. „Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Nennen Sie mich einfach BoJo.“

„Was?“, fragte die Ehrenwerte und ignorierte die ausgestreckte Hand.

„Guten Tag. Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Nennen Sie mich einfach BoJo“, wiederholte der große Blonde mit dem gleichen Lächeln, der gleichen, nur leicht angedeuteten Verbeugung und streckte ihr auf exakt die gleiche, dezent anbiedernde Weise die Hand entgegen.

„Äh, es ist mir eine … ja, eine Ehre, Sie hier zu treffen, Sir, auch wenn ich gestehen muss, dass ich nicht erwartet hätte, einen Mann wie Sie …“

„Guten Tag. Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Nennen Sie mich einfach BoJo.“

Der blonde Struwwelpeter lächelte mit hochgereckten Jacketkronen, wobei nicht hundertprozentig ersichtlich wurde, was genau ihn so vergnüglich stimmte. Mrs Brown hingegen runzelte die Stirn und machte einen wohlbedachten und vorsichtigen Schritt nach links. Die Augen des Premierministers waren unverändert auf die nun leere Stelle gerichtet, wo sie eine Sekunde zuvor noch verharrt hatte.

„Dicht wie eine Natter“, mutmaßte sie, und dann, etwas lauter: „Tut mir leid, Sir, wenn ich nicht mit Ihnen plaudern kann, was ich bei passender Gelegenheit natürlich gerne nachholen würde, aber ein sehr guter Freund von mir benötigt meine Hilfe.“ Sie schickte sich an, zu gehen, als hinter ihr eine Stimme freundlich, aber doch mit einem gewissen Nachdruck erklärte: „Ich befürchte, das kann ich nicht zulassen, du fette Qualle!“

Mrs Brown erstarrte wie einstmals Frau Lot bei Sodom und wandte sich dann langsam, sehr langsam, dem Yellow Kid[7] zu, das mit unverändert heiterer Miene und ausgestreckter Hand auf ihre Bekanntschaft zu warten schien. „Wie haben sie mich da eben genannt, Sir?“

„Guten Tag. Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Nennen Sie mich einfach BoJo.“

Da stimmt was nicht, sagte sich die Ehrenwerte, sprach es aber nicht laut aus.

„Guten Tag. Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich begrüßen zu dürfen. Nennen Sie mich einfach …“

„Halt’s Maul“, brüllte Mrs Brown aus tiefstem Herzensgrunde kommend. „Das hält ja der stärkste Tory nicht aus!“

Sie trat dicht vor den grinsenden Volksverderber hin und blickte ihm forschend in die Pupillen. „Grün“, murmelte sie. „Die Augen des Premierministers sind bekanntlich grün. Die hier sind blau. Blau, Grün. Ich bin doch nicht farbenblind. Und außerdem wirken diese Glupscher überhaupt nicht wie die Fenster zu einer hochfliegenden Seele! Sie wirken eher … ja, wie beim Räumungsverkauf wegen Geschäftsaufgabe in der Carnaby Street!“

Sie hob vorsichtig die Hand, ballte sie zur Faust, zögerte einen Moment (aber nur einen Moment) und klopfte dann gegen BoJos Stirn: Hohl! Kein Zweifel! In diesem Kopf befand sich genau das, was zahlreiche Leitartikler der freien Presse schon lange dort vermutet hatten: Nichts!

„Guten Tag. Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Nennen Sie mich einfach BoJo.“

„Hör mal zu, mein Junge, es ist ja wirklich nett, mit Dir zu plaudern, und ich verspreche, sollte es irgendwann einen Volksentscheid darüber geben, ob man Dich für den Brexit hängen oder seligsprechen sollte, werde ich zumindest über mein Voting nachdenken. Aber jetzt muss ich Dich verlassen, weil mein Freund Orpheus Wilde ziemlich bald in der Klemme stecken wird. Das verstehst Du doch, oder?“

Himmel, dachte Mrs Brown, ich spreche mit ihm, als wäre er wirklich der Premierminister! Dabei ist er nicht mehr als ein Haufen Lötzinn, Kupferkabel und Prozessoren aus nordkoreanischer Hand!

„Ich befürchte, das kann ich nicht zulassen, du fette Qualle“, erklärte gutgelaunt der schillernde BoJo. Er sagte es keineswegs grimmig, nicht so, als ob er es wirklich böse meinen würde, aber doch so, als ob er einen gewissen Stolz darüber empfände, Beleidigungen jeglicher Art einer Frau mittleren Alters ohne Rücksicht auf deren Gefühle ins Gesicht schleudern zu können.

 

Selbstverständlich war sich Wilde der Tatsache bewusst, dass jeder Mann (auch jede Frau) einmal in seinem (ihrem) Leben gezwungen sein sollte, sich selbst ins ungeschminkte Antlitz zu blicken, um dort Dinge zu entdecken, die der eigenen Wahrnehmung möglicherweise diametral widersprechen würden. Dass dies bei ihm allerdings in einer derart verstörenden Weise geschah, hatte er so ganz gewiss nicht erwartet.

 

Sie befanden sich in einem unterirdischen fensterlosen Raum von rechteckigen Abmaßen, der augenscheinlich als Labor diente. Überall flackerten Computerbildschirme, brodelte es in Erlenmeyer- oder Dreihalskolben, schossen aus Bunsenbrennern Diffusionsflammen und blinkten auf Schalttafeln elektrische Lampen. Gleichwohl ließen die gotischen Kellergewölbe sowie der Geruch nach Rattenkadavern und vergorenem Bordeaux unwillkürlich Assoziationen an die Werkstatt des Viktor von Frankenstein aufkommen.

Bei ihrem Eintreten verbeugte sich der Butler Rollins, in der einen Hand hielt er einen brennenden Lötkolben, in der anderen eine entsicherte Pistole.

 „Darf ich die Herren miteinander bekanntmachen? Das ist Doktor Fjodor Karamasow“, erklärte der junge Armstrong. „Er gilt in seiner sibirischen Heimat als führender Experte auf dem Gebiet der Robotik. Unser Gastgeber hat sich von seinen Fähigkeiten bereits mehrfach überzeugen dürfen.“

„Seine ferne Heimat, ha! Das ehemalige Paradies der Proletarier aller Länder!“ Sir William spuckte die Worte wie Kirschkerne aus.

„Aber, aber, lieber Freund, wie Sie wissen, haben wir bereits vor längerer Zeit eine kleine Modifizierung unserer Methoden vorgenommen. Der Sozialismus a la Marx und Lenin ist dort gelandet, wo er, nüchtern betrachtet, auch hingehört: auf dem Schrottplatz der Geschichte! Jetzt setzen wir voll und ganz auf pseudodemokratische Autokratie!“

„Besser bekannt als Putinismus“, bemerkte Wilde. „Demnach steckt also, wie ich bereits vermutet hatte, die russische Föderation hinter dieser Farce!“

„Sagten Sie Farce? Ich muss doch sehr bitten! Unsere bienenfleißigen Trolle haben in Amerika die Sonne des Idioten Trump aufgehen lassen, und hier im stolzen Königreich sind wir sogar noch einen Schritt weitergegangen.“

„Wie meint er das, Wilde?“, fragte Sir William.

„Ach“, rief der Junge erstaunt, „Du kennst den Gentleman unter seinem richtigen Namen?“

„Ja, selbstverständlich kenne ich Orpheus Wilde! Sein Bild ist seit vielen Jahren ein landesweit vertrauter Anblick. Als er hier unter Nom de Guerre erschien, wusste ich sofort, dass er Ihnen und Ihren finsteren Machenschaften auf die Spur gekommen ist. Ich habe noch versucht, ihn rechtzeitig zu warnen, doch leider vergebens.“

„Natürlich, dieser Fruchtbarkeitstanz. Sie hatten doch nicht ernsthaft die Hoffnung, dass sich ein Agent des Federalnaja sluschba besopasnosti Rossijskoi Federazii, kurz FSB, durch einen simplen Morsecode hinters Licht führen lässt, oder?“

„Den Versuch war es wert“, knurrte Rutherford.

„Um auf Ihre Frage zurückzukommen“, warf Wilde dazwischen, „unser maskierter Agent spricht natürlich vom Einfluss seines Landes auf den Ausgang der Brexit-Abstimmung.“

„Wollen Sie damit andeuten …?“

„Aber ja doch. Russland hat ganz gezielt das Ergebnis durch Trolle in den sozialen Medien beeinflusst. So, wie sie in Amerika Clinton diskreditiert und in anderen Ländern rechtsradikale Bewegungen mit finanzieller und propagandistischer Unterstützung aufgerüstet haben. Betrachten Sie nur die AfD in Deutschland oder Fidesz in Ungarn: Kinder der Nacht[8] bzw. Putins ergebene Schergen!“

„Aber was bezwecken diese Leute damit?“

„Ganz einfach: Wenn das marode Amerika als westliche Führungsmacht kollabiert und sich die europäischen Demokratien unter dem Einfluss autokratischer Kräfte gegenseitig zerfleischen, ist der Weg frei für Putin und seine antidemokratische Föderation. Es geht um die Ausdehnung des Machtbereiches, es geht um etwas, das wir bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts unter der Bezeichnung Panslawismus kennen.“

„Und warum wurden Sie in die Sache hineingezogen?“

„Ich bin von einer NGO [9] beauftragt, den Einfluss der Russischen Föderation auf die Brexit-Abstimmung zu untersuchen. Das Ergebnis dieser Recherchen könnte, aufgrund meines Bekanntheitsgrades und der Anerkennung über parteipolitische Grenzen hinweg, die ich genieße, das Stimmungsbild in Großbritannien negativ beeinflussen. Das musste um jeden Preis verhindert werden! Allerdings, so mutmaße ich, wäre es zu gefährlich gewesen, einen britischen Staatsbürger auf die übliche, die russische Weise nämlich aus dem Wege zu schaffen. So wie der FSB das mit Skripal und Litwinenko praktiziert hat, oder mit Selimchan Changoschwili in Berlin. Deshalb wurde eine gänzlich neue und höchst innovative Methode entwickelt, um die gewünschten Ergebnisse zu zeitigen.“

„Ist er nicht ein entzückender Schlaukopf?“, fragte eine weibliche Stimme.

Sir William und Orpheus Wilde fuhren herum.

„Ah, Ms Saccellaphylaccas, ich hatte mich bereits gefragt, wann Sie endlich auf der Bildfläche erscheinen würden“, begrüßte sie der Detektiv.

Die junge Griechin, in einen knallroten Overall gewandet, schwenkte nachlässig die Knarre, die sie zuvor dem jungen David abgenommen hatte, der nun zu ihren Füßen hockte und sich verwirrt die Augen rieb.

„Nennen Sie mich Ninotschka. Das ist zwar auch nicht mein richtiger Name, kommt der Wahrheit aber bedeutend näher!“

„Darauf möcht‘ ich wetten“, knurrte Wilde.

„Vater!“ David sprang auf und warf sich in die Arme von Sir William. „Wie komme ich hierher? Was ist denn nur passiert?“

„Ganz ruhig, mein Junge, Du bist in Sicherheit! Ich werde Dich beschützen.“

„Diese … diese grässliche Frau hat mich gezwungen Dinge zu tun, die ich gar nicht wollte!“

„Grässliche Frau? Ich bin enttäuscht, kleiner Mann. Lass Dir gesagt sein, dass die Männer ganz heiß darauf sind, in meinem Körper ihr Unwesen zu treiben. Es sollte Dich mit Stolz erfüllen, dass ich dergleichen zur Abwechslung mal in Deinem getan habe!“ Ninotschka warf den Kopf in den Nacken und lachte schallend. „Ironie des Schicksals, oder, Mr Wilde?“

Der Meister verzog keine Miene. „Mir will scheinen, dass Ihr Verhältnis zum jungen David nicht ganz so innig ist, wie Sie uns das ursprünglich geschildert hatten.“

„Stimmt! Der kleine Bastard konnte mich von Beginn an nicht ausstehen. Man sagt ja, dass Kinder und Haustiere gute Menschenkenner seien. Pech. Sein blauäugiger Daddy hatte dafür umso mehr für mich übrig. Stimmt’s, Goldstück?“

Sir William lief vor Scham und Zorn puterrot an. „Sie haben mich und meine Gefühle in schäbigster Weise missbraucht, Ms Saccellaphylaccas!“

„Ach, stell dich bloß nicht so an. Normalerweise sind es Männer, die Frauen und deren Gefühle missbrauchen. Jetzt durftest du mal am eigenen Leibe erfahren, dass das umgekehrt genauso funktioniert. Und schließlich hast du ja auch was dafür bekommen, nicht wahr?“ Sie wackelte lasziv mit den Hüften.

„Sie waren von einer Lösung des zentralen Problems noch Lichtjahre entfernt“, erklärte Rutherford und wandte sich dabei entschlossen an Wilde. „Und sie hätten es ohne meine Hilfe ganz gewiss nicht geschafft. Da ihnen aber klar geworden ist, dass ich eher mein Leben geben als mein Land verraten würde, beschlossen sie, mich durch meinen Sohn unter Druck zu setzen.“ Er wies mit dem ausgestreckten Arm auf Ninotschka. „Eines Tages stand sie vor meiner Tür und zog die Nummer von der verlassenen Waise ab. Ich gebe zu, sie rührte mein Herz …“

„Und nicht nur das“, höhnte Vicky. „Da rührte sich schon noch ein bisschen mehr!“

„Ja, stimmt. Der Geist war willig, doch das Fleisch … Davids Mutter ist seit vielen Jahren tot, und in all dieser Zeit …“

„Sie müssen sich nicht entschuldigen!“, bemerkte Wilde. „Welcher Mann hätte da widerstehen können? Mr Putin ist auf Nummer Sicher gegangen und hat eine Luxusversion ins Rennen geschickt.“ Er warf einen abschätzigen Blick auf Ninotschka.

„Oh! Ich will das mal als Kompliment auffassen, und nicht als Ironie!“

„Das können Sie halten, wie es beliebt, Madam. Im Moment verschwenden Sie jedoch unser aller Zeit. Ich denke, nun sollte wohl konsequenterweise der coup de grâce[10] folgen!“

„Wie schön Sie das wieder formuliert haben! Dann, so finde ich, sollen Sie jetzt auch Gelegenheit bekommen, wenigstens einmal Ihr besseres Selbst kennenzulernen. Dr. Karamasow, bitten Sie das Double herein!“

Der russische Wissenschaftler grinste wie der bucklige Diener Igor in Frankenstein.

 

„Nehmen Sie Ihre Dreckspfoten da weg, Sie Gelbfieber-Epidemie!“, brüllte Mrs Brown und setzte sich nach Kräften gegen den übergriffigen Premier zur Wehr.

„Vielleicht muss man den Virus einfach akzeptieren und ihm erlauben, die gesamte Bevölkerung anzustecken[11]“, röchelte BoJo und unternahm den vergeblichen Versuch, ihr einen feuchten Kuss auf die Lippen zu drücken. Währenddessen taumelten die Kontrahenten, Schritt für Schritt rückwärtsgehend, dem Kamin entgegen, wo die Ehrenwerte mit letzter Kraft einen Schürhaken zu fassen bekam.

„Saint George [12]!“, brüllte sie und schmetterte das gusseiserne Werkzeug so fest es nur ging auf Britanniens führenden Kopf. Ein wahrer Funkenregen stieb aus Augen, Ohren und Nasenlöchern des liebestollen Premiers, dann drehte er sich mit beeindruckender Geschwindigkeit um die eigene Achse und krachte wie ein Brummkreisel durch die mannshohen Bleifenster hinaus in den Garten.

„Verzweifelte Situationen verlangen verzweifelte Maßnahmen[13]“, murmelte Mrs Brown. „Der Kerl war ja außer Rand und Band!“

Doch wenn sie geglaubt hatte, Alexander Boris de Pfeffel respektive seinen elektronischen Doppelgänger durch Anwendung schlichter Gewalt von ihrer ablehnenden Haltung hinsichtlich einer Vereinigung überzeugt zu haben, sah sie sich recht bald eines Schlechteren belehrt. Der lädierte Golem rappelte sich überraschend schnell aus den Blumenbeeten hoch, riss die lädierte Gesichtshaut vom Schädel, woraufhin eine Fratze mit glühroten Augen wie die des Terminators zum Vorschein kam, und stapfte entschlossen zurück ins Haus.

„Guten Tag. Ich bin Ihr Premierminister und freue mich, Sie persönlich kennenzulernen. Nennen Sie mich einfach BoJo“, krächzte eine durch Interferenzen überlagerte Stimme, während der „Neue Homunkulus“ mit ausgestreckten Armen der vor Schreck erstarrten Mrs Brown auf den Leib rückte. Unsere Heldin war sich in dem Moment gewiss, dass ihr letztes Stündlein geschlagen hatte, und wartete lediglich darauf, dass ihr Leben noch einmal wie ein zu schnell abgespulter Film vor dem inneren Auge ablaufen würde. Doch alles, was ihr in den Sinn kam, war die Frage, ob sie zuhause das Bügeleisen ausgestöpselt hatte. Dermaßen profan sollte es enden.

Schon rangen sich die metallenen und lediglich mit einer Schicht abwaschbaren Polyvinylchlorids überzogenen Hände um ihren Hals, schon spürte sie, wie der Weg, durch den normalerweise die sinnreiche Aufnahme von Sauerstoff erfolgte, zusammengepresst wurde, schon gaben die Beine unter ihrem Gewicht nach, und ihr Körper wurde lediglich durch den Würgegriff des Premierministers davon abgehalten, ohnmächtig auf den Boden zu sinken, da, als habe der Himmel im letzten Moment Einsehen bewiesen, krachte ein gewaltiges Gewicht von außen gegen die Tür, was den Johnson-Doppelgänger veranlasste, freudestrahlend zu tremolieren: „Es ist offen, Liebling! Ich putze mir die Zähne! Du kannst reinkommen und Dich ausziehen.“

„Hände hoch, Premierminister, oder ich mache von der Waffe Gebrauch“, brüllte ein zum Äußersten entschlossener Chief-Inspector im Ruhestand Hezekiah Frobisher.

„BoJo“ entfernte eine Hand von Mrs Browns Hals, um den potenziellen Wähler begrüßen zu können, was ihr die Möglichkeit bot, mit letzter Kraft zu röcheln: „Er ist nur ein verdammter Blechkopf, Frobisher, verpassen Sie ihm eine Kugel zwischen die Ohren.“

Der Chief-Inspector zögerte. „Das mag richtig sein, aber er ist auch … Ich meine, er ist immerhin der Premierminister! Ich kann ihn doch nicht einfach so über den Haufen knallen …“

Genau diesen Moment des Zauderns nutzte der Androide, um dem Arm des Gesetzes die Faust in den Magen zu rammen und sich dann mit einem triumphierenden „Down the hatch!“ den Weg ins Freie zu bahnen, wo er verschwand, noch bevor einer der mit dem Chief-Inspector eingetroffenen Beamten einen Schuss abfeuern konnte.

„Pest und Hölle!“, fluchte Frobisher und krümmte sich wie ein Klappmesser. „Ich glaube, der Dreckskerl hat mir zwei oder drei sekundäre Organe zu Brei geschlagen!“

„Rasch“, brüllte die Ehrenwerte, „ihm nach. Wilde hat den Hund von Grenville Castle erlegt. Wer weiß, was dort noch alles lauert.“

 

„Erstaunlich“, konstatierte Wilde.

„Das kann ich bestätigen“, pflichtete Orpheus bei.

Kerzengerade, mit hinter dem Rücken verschränkten Armen und hochgezogenen Augenbrauen standen sich die Beiden gegenüber: der Meisterdetektiv aus Fleisch und Blut sowie seine Kopie aus Weißblech, Kupfer und Polyvinylchlorid – ein Doppelbild aristokratischer Feinsinnigkeit, einander so ähnlich, als stünden sie sich in einem Spiegelkabinett gegenüber.

„Und was bezwecken Sie mit dieser Camouflage, Ms Saccellaphylaccas?“, fragte das Original.

„Das liegt doch wohl auf der Hand“, warf der Blechmann dazwischen.

„Ja, Sie haben Recht. Elementar! Und wie sollte das auch anders sein, da doch Ihre Struktur der meinen 1 zu 1 nachgebildet ist.“

„Gesundes Selbstvertrauen, obwohl man das leicht mit Überheblichkeit verwechseln könnte.“

„Dergleichen ist mir wesensfremd.“

„Mir ebenso.“

„Kann ich bestätigen.“

„Danke, dass Sie mir beipflichten.“

„Gern geschehen.“

„Möchten Sie, dass ich Ihnen die Lösung des Falls skizziere?“

„Zu gütig, aber der Modus Operandi ist mir bereits vertraut.“

„Natürlich. Davon hätte ich ausgehen müssen.“

„Sie sagen es.“

„Schluss jetzt“, brüllte Ninotschka, „diese gegenseitige Beweihräucherung hält ja der stärkste Ochse nicht aus. Ich hoffe, Euch Beiden Klugscheißern ist bewusst, dass Ihr in unterschiedlichen Teams spielt!“

Orpheus und Wilde drehten sich um und lüpften zeitgleich je eine rechte Augenbraue. „Mam, diese Sprache ist weit entfernt von dem, was ein Gentleman als angemessen erachtet“, erklärten sie im Chor und strichen sich dabei eine vorwitzige Haarlocke aus der Stirn.

Genau in dem Moment wurde die Tür zum Treppenhaus aufgerissen und der reichlich lädierte Premierminister taumelte herein, um mit Aplomb und großer Geste zu verkünden: „Die Konservativen zu wählen, bedeutet, deiner Frau größere Brüste zu verschaffen und deine Chancen zu erhöhen, einen BMW M3 zu besitzen[14]!“

„Was, zur Hölle, macht dieser Trottel hier? Karamasow, Sie hatten mir versprochen, er sei bis zur nächsten Sitzung des Unterhauses sicher verwahrt!“, brüllte Ninotschka.

Rollins alias Karamasow schwenkte den Lauf der Pistole Richtung BoJo. „Ich verstehe das nicht, Sir, äh, Miss. Ich habe ihn selbst in der ehemaligen Folterkammer von Grenville Castle eingesperrt! Er konnte unmöglich entfliehen!“

BoJo zückte einen länglichen Gegenstand aus der Hosentasche und präsentierte ihn wie King Arthur das Schwert Excalibur: „Krawattennadel!“, verkündete er mit dem Stolz eines Drittklässlers, der erstmals das Wort „Inkontinenz“ vor der ganzen Klasse richtig buchstabiert hat, „damit habe ich seinerzeit in Eton regelmäßig die Tür zur Speisekammer geöffnet! Cheerio, Ms Sophie!“

Rutherford sah aus, als sei ihm das hauseigene Schlossgespenst erschienen: „Der Premierminister des United Kingdom ist ein … Roboter?!?“

„Selbstverständlich“, erklärte Ninotschka, „was dachten Sie denn? Und wozu, glauben Sie, hätten wir ansonsten Ihre Technik des Brain-Readings benötigt? Die Larve hingegen hat unser guter Doktor Karamasow eigenhändig designet! Schätze, das wird auf der kommenden Fachmesse für Robotik in Nowosibirsk die Goldmedaille und einen warmen Händedruck des Präsidenten geben.“

„Und Trump? Ist der etwa auch …?“

„Nein, der nicht. Den haben wir ganz traditionell durch Manipulation der Wahlen ins Amt gehievt. Wir wollten ihn zwar substituieren, aber das Auslesen seiner Gehirnfunktionen hat gezeigt, dass es da nichts gab, was zu scannen einen Sinn gemacht hätte. Sein Kopf ist primär mit Bildern seiner eigenen Person und einer zähflüssigen braunen Substanz angefüllt, deren Ursprung wir noch nicht zweifelsfrei ermitteln konnten [15]!“

„Godfrey Daniels!“

„Sie sagen es“, sagte die ehemalige Ms Saccellaphylaccas, um sich dann an Wilde zu wenden – und vor Schreck zu erstarren!

„Keine Bewegung“, knurrte der Meisterdetektiv und bohrte den Schraubendreher, den er mit der Faust umklammert hielt, noch etwas fester ins Ohr seines mechanischen Doppelgängers.

„Was soll der Blödsinn, verdammt?“

„Ich hoffe, Sie haben nicht angenommen, dass ich mich einem russischen Doktor Frankenstein und einer zweitklassigen Mata Hari geschlagen gebe, oder?“

„Ich empfehle dringend, diesen Unsinn zu beenden, ansonsten werden Sie es bitter bereuen!“

„Tut mir leid, aber hier stehen die Interessen der freien Welt auf dem Spiel. Ich möchte nicht zur Einflusssphäre eines Mannes gehören, der Homosexuelle für Angehörige des Pandämoniums hält und Gewalt gegen Frauen für eine erzieherische Maßnahme.“

„Präsident Putin ist nicht nur das größte Genie, das die Menschheit je hervorgebracht hat, er ist überdies auch ein lupenreiner Demokrat[16]“, konstatierte Dr. Karamasow im Brustton der Überzeugung.

„Und Kim Jong-il [17] hatte nie Stuhlgang, ist mir alles bekannt. Was den Gedanken vom lupenreinen Demokraten angeht, möchte ich zu bedenken geben, dass die Deutschen bei der Wahl ihrer Führer bereits mehrfach keine glückliche Hand besaßen! – Rutherford, nehmen Sie Ms Saccellaphylaccas und Doktor Karamasow die Waffen ab!“

„Ich befürchte, das kann ich nicht zulassen, du stocksteifer Kleiderhaken“, zischte eine Stimme. Alle Köpfe fuhren herum. BoJo hatte den kleinen David gepackt. „Entweder Sie wählen die Tories, Ladies and Gentlemen, oder ich reiße dieser höchst mangelhaften Lebensform die Ärmchen aus dem Leib!“

„Nein!“, brüllte Sir William Rutherford und machte Anstalten, sich auf ihn zu stürzen.

 

Die Ehrenwerte Penelope Brown preschte mit einer Vehemenz durchs Unterholz, dass die ihr nachfolgenden Beamten, die im Schnitt 20 Jahre jünger und 30 kg leichter waren, kaum mithalten konnten.

„Nicht einschlafen, meine Herren! Orpheus Wilde ist in Gefahr! Zücken Sie Ihre Schießprügel!“

„Ist die immer so energisch“, röchelte DI Lestrade, während er den fluchenden Chief-Inspector, der über eine Wurzel gestolpert war, aus einem Schlammloch fischte.

„Das ist noch gar nichts“, knurrte Frobisher, „die sollten Sie mal erleben, wenn beim Five o’Clock Tea das Baiser ausgegangen ist!“

Plötzlich krachten kurz hintereinander drei Schüsse durch die Nacht und alle Jäger, inklusive Mrs Brown, blieben wie angewurzelt stehen.

„Was, zur Hölle, war das?“, raunte die Ehrenwerte.

„Klang nach einer Makarow MR-371“, ließ der Chief-Inspector verlauten und reichte ihr seinen Flachmann. „Russisches Fabrikat. Wir sollten mit dem Schlimmsten rechnen! Trinken Sie einen Schluck zur Stärkung!“

„Malen Sie nicht den Esel an die Wand!“

„Den Teufel.“

„Auch den nicht.“

„Weiter, Leute! Haltet hier keine Maulaffen feil!“

Nach ungefähr hundert Metern tauchte vor ihnen das Gartenhaus auf, dessen Fenster hell erleuchtet waren und dessen Tür weit offenstand.

„Runter!“, befahl Frobisher. „Zieht die Köpfe ein und haltet die Waffen im Anschlag!“

Seine Männer taten, wie ihnen geheißen. Drei Minuten lang regte sich niemand und kein einziges Wort wurde gesprochen. Dann konstatierte die Ehrenwerte: „Sie können ja gerne bis zum Tag des Jüngsten Gerichts warten, Chief-Inspector, ich aber werde da auf der Stelle reingehen und nachsehen, was passiert ist.“

„Warten Sie, Mrs Brown“, wir wissen nicht, ob irgendwo Scharfschützen lauern.

„Und werden es auch nie erfahren, wenn wir weiterhin tatenlos hier rumsitzen und unsere Lungenbläschen mit Chlorophyll anreichern. Keine Sorge, Sportsfreund, bei den Girl Scouts in Bagdad, Arizona, nannten sie mich das ,Swingende Torpedo‘!“

Und ohne seine weiteren Argumente abzuwarten, ja ohne auch nur einen flüchtigen Gedanken an das Risiko für Leib und Leben zu verschwenden, rannte sie mit vorgebeugtem Oberkörper und gesenktem Haupt, schnaubend wie ein wilder Stier, den man soeben von den Ketten befreit und in die Arena getrieben hat, auf das verlassen daliegende Haus zu, dabei einen Ruf ausstoßend, der bei oberflächlichem Hinhören verdächtig nach „Allahu Akbar“ klang.

„Ihr nach“, brüllte Frobisher, und seine Männer erhoben sich, wild heulend wie der Stamm der Lakota-Sioux am Little Big Horn, während sie der Ehrenwerten auf dem Fuße folgten.

„Beim Jupiter, Sir, aber diese Frau besitzt mehr Herz im kleinen Zeh als wir in der ganzen Hose“, bemerkte DI Lestrade.

„Anatomisch betrachtet eine glatte 6“, keuchte Frobisher. „Wie dem auch sei, lassen Sie uns gefälligst einen Gang zulegen, damit es in der Presse nicht wieder heißt, wir wären nur die Zweiten am Tatort gewesen.“

Der Chief-Inspector ging beziehungsweise lief mit gutem Beispiel voran, aktivierte die letzten noch verbliebenen Kraftreserven seines hinfälligen Körpers, nahm, wie man so schön sagt, die Beine in die Hand und flog auf Adlerschwingen erst an DI Lestrade, dann an seinen Männern vorbei, und hätte womöglich auch noch die mit einer halben Pferdelänge Vorsprung führende Mrs Brown eingeholt, wäre da nicht im dichten Gras ein Hindernis gewesen, in dem sich erst seine Beine verhakten und das ihn anschließend zwang, Kontakt mit der guten alten Erde aufzunehmen.

„Verdammt!“, brüllte er. „Welcher hirnverbrannte Idiot liegt da besoffen im Gras? Ich hätte mir sämtliche Knochen brechen können!“ Doch während seine Hand noch damit beschäftigt war, aus der Brusttasche des Trenchcoats den Block für die Bußgeld pflichtigen Verwarnungen zu wurschteln, erfasste sein Auge den Gesichtsausdruck der um das Hindernis versammelten Männer, was ihn auf der Stelle veranlasste, einen Gang zurückzuschalten.

„Wen gafft ihr Faulenzer da? Badet Anita Ekberg in der Pozza di Trevi[18]?“ Er produzierte ein Glucksen ob seines, wie er fand, sehr gelungenen Scherzes.

„Anita wer?“, fragte einer der jüngeren Beamten.

„Nein“, antwortete DI Lestrade, wobei sich die Farbe seines Gesichtes verdächtig der von Schnittkäse annäherte. „Hier ist … hier liegt ein … Mensch. Und ich befürchte, er ist mehr tot, als ihm lieb sein kann!“

 

Es konnte kein Zweifel bestehen. Die kühn hervorspringende Nase, gebogen wie der Schnabel eines Adlers. Das edle Antlitz, in das die Jahre ihre Furchen gezogen hatten. Die ironisch gekräuselten Lippen, Indiz für eine stolze, gelegentlich hochfahrende Seele, die sich hinter der britischen Reserviertheit verborgen hielt.

Ja, es konnte in der Tat kein Zweifel bestehen.

„Das ist Orpheus Wilde“, stellte Chief-Inspector im Ruhestand Hezekiah Frobisher mit ungewohnt rauer Stimme fest. DI Lestrade nickte teilnahmslos und notierte den Namen.

Man hätte annehmen können, der Meister habe sich in dieser regnerischen Sommernacht nur zu einem kurzen Schläfchen niedergelegt, so ruhig und friedlich wirkten seine Züge. Doch gab die Vierkantstange aus Edelstahl, die seine Brust komplett durchbohrt hatte, und die nun wie ein Ausrufezeichen im Licht des Mondes funkelte, Anlass zu der Vermutung, dass sich dieser Schlummer unbegrenzt fortsetzen würde.

Orpheus Wilde, Englands größter Privatermittler seit den Tagen von Sherlock Holmes und Pater Brown, war nicht mehr.

Die Ehrenwerte glitt, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben, in eine tiefe und gnadenreiche Ohnmacht, aus der sie lediglich ein kräftiger Schluck Whiskey zu erwecken vermochte.

„Was ist geschehen“, murmelte sie, an Frobisher gewandt, der ihr auf die Beine half. „Hat mir jemand den Teppich unter den Füßen weggezogen?“

„Versuchen Sie tapfer zu sein, Mrs Brown, das ist für uns alle ein entsetzlicher Verlust!“

„Wovon reden Sie?“

„Nun, selbstverständlich von …“

„Sir?“

„Was, beim Jupiter, ist nun schon wieder, DI Lestrade?“

„Sir, der Tote - aus seiner Brust, da quellen …“

„Um Himmels willen! Wir wollen es gar nicht hören, Sie Metzgerseele!“

„Kabel. Da quellen Kabel aus seiner Brust!“

„Kabel? Sind Sie noch bei Trost?“

„Das war es“, rief die Ehrenwerte. „Deshalb bin ich in Ohnmacht gefallen. Das ist nicht der echte Orpheus Wilde, das ist …“

„… ein Roboter!“, ergänzte der echte Orpheus Wilde.

 

Die Situation fünf Minuten zuvor war in etwa Folgende: Sir William stürzte sich auf den britischen Premierminister, der gedroht hatte, David Rutherford die Arme auszureißen, und schleuderte BoJo mit Vehemenz gegen den leise summenden Chromatographen. Orpheus (das Original) warf sich auf Doktor Karamasow alias Rollins, der auf Russisch krakeelend den Versuch unternahm, ihn mit einer Gasbürette abzuwehren, was wiederum durch Wilde mit einem Pyknometer gekontert wurde. Ms Saccellaphylaccas alias Ninotschka zückte ganz traditionell eine Makarow MR-371, richtete den Lauf der Waffe abwechselnd auf die involvierten Parteien und drohte damit, jedem, der nicht sofort „die Klappe“ halten würde, das „bisschen Hirn aus dem Schädel“ zu „blasen“, was aber keinen großen Eindruck machte, während Orpheus (die Kopie) eine zufällig herumliegende Filternutsche aus Porzellan ergriff, in der übelwollenden Absicht, Orpheus (dem Original) den Schädel einzuschlagen. So weit, so schlecht.

Zusätzlich wurde die Situation dadurch verkompliziert, dass die Tür eines Schrankes aufsprang, nachdem Wilde und Karamasow im Eifer des Gefechtes dagegen geprallt waren, woraufhin Waldimir Wladimorowitsch Putin, Präsident der Russischen Föderation, in khakifarbenen Militärhosen und mit blanker Brust auf der Bühne erschien, eine entsicherte Kalaschnikow im Anschlag, und sofort und ohne Vorwarnung Kugeln über die Köpfe der Kontrahenten hinweg in die gegenüberliegende Wand jagte. Es muss fairerweise hinzugefügt werden, dass dieser Putin selbstverständlich nicht der echte Putin war, sondern eine Kopie aus Blech und Öl, die das „größte russische Genie seit Iwan dem Schrecklichen“ (O-Ton Karamasow) eigentlich bei langweiligen Militärparaden auf dem Roten Platz oder Treffen mit US-amerikanischen Präsidenten vertreten sollte.

Unterdessen war es Wilde, der vom Doktor und seinem Homunkulus gleichzeitig bedrängt wurde, gelungen, eine zufällig herumliegende Vierkantstange aus Edelstahl zu packen, um damit Karamasow ins Land der sozialistischen Träume zu schicken und anschließend Orpheus II. mit Wucht zu durchbohren.

„Heiliger St. Georg“, brüllte der Android, packte die Stange und versuchte vergeblich, den Fremdkörper aus der Brust zu ziehen. „Sir, ich hoffe in Ihrem Interesse, Sie haben eine gute Haftpflichtversicherung, denn ansonsten dürfte das ein teurer Spaß werden!“ Er taumelte zwei Schritte nach links, dann zwei nach rechts, während aus den Ohren bereits kleine blaue Flammen züngelten und schwarzes Motorenöl aus den Mundwinkeln rann, anschließend drehte er sich um und lief wie ein Besessener die Treppe hinauf. Im selben Moment gelang es Sir William, den sich äußerlich und in seinem Verhalten immer mehr Frankensteins Kreatur annähernden BoJo vermittels eines Feuerlöschers für den Rest der Legislaturperiode außer Gefecht zu setzen.

„Sieg“, röchelte er.

„Noch nicht ganz!“, insistierte Ninotschka und feuerte ihre Waffe dreimal aus nächster Nähe auf Sir William und Orpheus Wilde ab, dabei das Kunststück vollbringend, keinen der Beiden auch nur annähernd zu treffen. Was für den Fortbestand der westlichen Wertegemeinschaft selbstverständlich ein Glück war.

„Ihnen nach!“, brüllte Wilde, als er bemerkte, dass Ms Saccellaphylaccas und Doktor Karamasow durch eine Geheimtür die Flucht ergreifen wollten, die sich hinter einem Plakat mit der Botschaft „KEEP CALM AND CARRY ON“ verborgen war. Doch zeigte sich Sir William dermaßen davon in Anspruch genommen, seinen verloren geglaubten Sohn endlich wieder in die Arme zu schließen, dass dem Meisterdetektiv nichts anderes übrig blieb, als die Verfolgung der Verdächtigen allein aufzunehmen.

„Nicht vergessen: Mütterchen Russland verhandelt nicht mit Terroristen“, rief ihm Wladimir Wladimirowitsch Putin hinterher, dessen Tötungsabsichten mittlerweile durch eine Ladehemmung der Kalaschnikow unbotmäßig gehemmt wurden.

 

Es stellte sich heraus, dass ein langer, feuchter und sehr enger Tunnel allmählich absteigend unter dem Gartenhaus entlangführte, um dann, nach etwa zweihundert Metern oberhalb einer Senke vor dem Herrenhaus im Park endend, wieder ins Freie zu führen. Orpheus, dem seine morgendlichen Spaziergänge durch den Hyde-Park zugutekamen, blieb den russischen Geheimagenten dicht auf den Fersen.

„Im Namen Ihrer Majestät: Stehenbleiben und die Hände hoch!“, brüllte er, kniete sich ins nasse Gras, zückte eine der zahlreichen Knarren, die während des Gefechtes ihren unrechtmäßigen Besitzer abhandengekommen waren, kniff ein Augen zusammen und legte auf die Fliehenden an – dabei innerlich zum Äußersten entschlossen.

Ms Saccellaphylaccas, die etwa hundert Meter Vorsprung hatte, nahm sich tatsächlich die Muße, kurz innezuhalten, sich umzudrehen und Wilde höhnisch zu empfehlen, körperliche Liebe mit sich selbst zu praktizieren. (Das waren nicht exakt ihre Worte, sie geben jedoch die Bedeutung wieder.) Der Meisterdetektiv zögerte keine Sekunde – er drückte ab!

Noch während die Kugel mit einer Geschwindigkeit von 3.312 km/h den Lauf der Waffe verließ, und sich entschlossen auf den Weg machte, die Arteria carotis[19] der feindlichen Kombattantin zu durchschlagen, passierte etwas schier Unglaubliches: Als wären sie die sattsam bekannten Veteranen der USS Enterprise NCC-1701, fingen die Körper von Ninotschka und Doktor Karamasow erst gelblich an zu flimmern, wurden dann nacheinander Rot, Grün und Blau, um anschließend in allen Farben des Spektrums zu glühen und sich, in wimmelnde Punkte zerfallend, allmählich aufzulösen. Nichts blieb von ihnen, außer einer leergeschossenen Makarow MR-371 und einem roten Stiletto der Nobelmarke Aurelie Poupee, Marseille, der fußlos im feuchten Gras stak.

„Goddam“, murmelte Wilde und ließ seine Waffe sinken. „Teleportation!“

 

Drei Wochen später.

Orpheus Wilde und die Ehrenwerte Penelope Brown saßen mit Sir William Rutherford im Salon des Meisterdetektivs in dessen Haus in London. Die Herren schmauchten genüsslich Panatelas und verwandelten den Raum allmählich in das Setting eines nebelverhangenen Jack-the-Ripper-Kinothrillers, während sich Mrs Brown an einem neunzig Jahre alten Brandy gütlich tat, der bei Restaurierungsarbeiten hinter einer Geheimtür in Winston Churchills Schreibtisch entdeckt worden war.

„Ach übrigens, ich habe aus Jalta eine Postkarte von Ms Saccellaphylaccas bekommen.“, berichtete Wilde. „Sie lässt alle herzlich grüßen und freut sich schon auf den Tag, an dem wir das nächste Mal die Klingen kreuzen werden.“

„Diese Bitch!“, knurrte Mrs Brown.

„Nun, Sie besitzt zweifelsohne keinen hervorragenden Charakter, aber der Rest …“ Sir William ließ den Rest vielsagend in der Luft hängen.

„Ich verstehe, was Sie meinen, und bin geneigt, Ihnen beizupflichten.“

Mrs Brown hob erst das Glas, dann die Augenbrauen. „Männer sind dermaßen primitiv“, erklärte sie und spülte ihren Ärger mit einem kräftigen Schluck die Kehle hinab.

„Ich weiß nicht, was Sie glauben, wovon wir geredet haben, aber ich meine natürlich die außergewöhnlichen Fähigkeiten dieser Dame, als Agentin einer fremden Macht zu agieren.“

„Ja, schon klar. Wenn man nur Augen für sekundäre weibliche Geschlechtsmerkmale hat, fällt es natürlich schwer, das Offensichtliche zu bemerken. Mich hat sie mit ihrer Heulsusen-Nummer nicht eine Sekunde lang getäuscht.“

„Was ich trotz allem noch nicht verstanden habe, Wilde, warum haben die Russen Sie, trotz aller damit verbundenen Risiken, in die Sache hineingezogen. Die mussten doch davon ausgehen, dass Sie ihnen auf Spur kommen.“

„Ganz gewiss sogar. Kein nüchtern denkender Spion kann ernsthaft annehmen, dass er nicht von mir demaskiert wird. Und zwar vermittels der kleinen grauen Zellen, um den Kollegen Poirot zu bemühen.“

„God Save the Queen“, murmelte die Ehrenwerte. „Bescheidenheit ist eine Tugend, doch selten in der reifen Jugend!“

„Der ganze Plan wurde tatsächlich allein zu dem Zweck ersonnen, mich daran zu hindern, in meinem Abschlussbericht für die NGO Global Transparency, Russland als Manipulator der Brexit-Abstimmung zu benennen. Wie Sie wissen, hat der Sicherheitsausschuss des britischen Parlaments genau diese Frage eingehend untersucht, und seine Ergebnisse in einem 50-seitigen Dossier zusammengefasst. Nur leider hat der Premierminister beschlossen, lediglich eine zensierte Fassung an die Öffentlichkeit zu geben.

Putin hat ein ausgeprägtes Interesse daran, die Europäische Union zu schwächen, um den Kontinent unter seine Knute zu bekommen und damit das westliche Verteidigungsbündnis auszuhebeln. Bereits im Jahre 2012 gab es eine Party im Garten der russischen Botschaft, bei der die Gründung einer Gruppe gefeiert wurde, die für bessere Beziehungen zwischen Großbritannien und Russland sorgen wollte. Beteiligt waren von britischer Seite u. A. Matthew Elliot, einer der führenden Köpfe von Vote Leave, sowie Dominic Cummings, Mastermind bei Vote Leave, und mittlerweile Chef-Stratege der Konservativen in 10 Downing Street.

Es gibt überzeugende Beweise, dass kremlnahe Medien vor dem Volksentscheid massiv EU-kritische Texte und Fake News über die sozialen Medien verbreitet haben. Allein auf Twitter existierten rund 13500 Accounts, die nach der Abstimmung auf wundersame Weise verschwunden sind.

Cummings hat im Übrigen von 1994 bis 1997 in Russland gearbeitet. Die Frage ist, welche Kontakte er damals geknüpft hat und, mehr noch, wessen Interessen er heute vertritt.

Augenscheinliche Verbindungen dieser Art werde ich demnächst der Öffentlichkeit präsentieren. In der Absicht, eine Bloßstellung um jeden Preis zu verhindern, hat der Kreml meinen Doppelgänger konzipiert, der fraglos gänzlich andere Rückschlüsse aus dem Material gezogen hätte, als jeder, der die Fakten objektiv betrachtet und nicht hirnlos die Sache der Russen vertritt. Ich selbst wäre zu dem Zeitpunkt vermutlich in Jaroslawl oder irgendeinem anderen Straflager untergekommen, wo ich meinen Ruhestand bei gemütlicher Sklavenarbeit in einem Salzbergwerk oder einem Endlager für radioaktive Abfälle verbracht hätte. Wie sich gezeigt hat, ist eine ähnliche Strategie an allerhöchster Stelle durchaus erfolgreich aufgegangen.“

„Sprechen Sie von mir, Sir?“, fragte Bojo lausbübisch grinsend und ließ die Eiswürfel in seinem Drink klingeln.

„Warum, zum Teufel, tut dieser Schwätzer noch hier?“, knurrte die Ehrenwerte. „Schicken Sie den endlich zurück nach Moskau!“

„Hab ich versucht, aber der Kreml besteht darauf, von der Angelegenheit keine Kenntnis zu haben. Was allein schon dafür spricht, dass die Genossen sehr wohl von der Angelegenheit Kenntnis besitzen!“

„Und wir haben tatsächlich nicht das Geringste damit zu tun! Das alles dient ausschließlich dem Zweck, die großartige und streng demokratische Russische Föderation, deren Bürgerinnen und Bürger ihren genialen Lenker und Denker bedingungslos lieben – Ja, lieben! Spotten Sie nur, Mrs Brown! -, in infamster Weise zu verunglimpfen, zu beschmutzen und zu verleumden.“

Putins Faust krachte auf den Tisch, dass die Teetassen hochsprangen und ihren Inhalt über das schneeweiße Linnen verteilten.

„Wahre Unschuldslämmer“, bemerkte Sir William. „Alle miteinander!“

„Und wo ist der echte BoJo?“, fragte Mrs Brown. „Etwa in einem Salzbergwerk?“

„Nein, in Chequers [20]. Er hat Urlaub gemacht. Von einem Doppelgänger will er nichts wissen.“

„Und der echte Putin?“

„Selbstverständlich in seinem Büro, wo er neue Intrigen spinnt.“

„Und können die Russkis wirklich … Wie heißt das doch gleich?“

„Sie meinen teleportieren?“

„Ja genau! Teleportieren.“

„Das sollte man annehmen, wenn man Zeuge des scheinbar übernatürlichen Verschwindens von Ms Saccellaphylaccas und Doktor Karamasow geworden ist. Wenn man jedoch weiß, dass der Große Beria, ein international anerkannter Zauberkünstler, der kürzlich einen Elefanten[21] aus dem Weißen Haus verschwinden ließ, ganz in der Nähe von Grenville Castle einen Auftritt hatte, erscheint die Sache in einem gänzlich anderen Licht.“

Mrs Brown stellte ihre Teetasse ab.

„Sie meinen, das war ein Zaubertrick?“

„Darauf können Sie wetten. Ich sage nur: verspiegelte Paravents, zwei Rollen Garn und eine ausrangierte Diskokugel!“

„Übelste Verleumdung“, protestierte Putin. „Die großartige und streng demokratische Russische Föderation, deren Bürgerinnen und Bürger ihren genialen Lenker und Denker bedingungslos lieben, hat schon vor Jahren, ach, was sage ich?, vor Jahrzehnten das Teleportieren entwickelt; ebenso das Perpetuum mobile, einen Impfstoff gegen Covid-19, Wodka mit Whiskey-Geschmack und das Geheimnis der ewigen Jugend, wofür ich selbst der beste Beweis bin.“

„Na, dann kann man ja nur gratulieren“, spottete eine Stimme von der Tür her.

Alle Köpfe fuhren herum und alle Kinnladen klappten nach unten – bis auf die des Hausherrn.

„Wilde!“, rief Mrs Brown verdattert und ließ ihre Blicke zwischen dem Detektiv, der auf einem bequemen Sessel vor dem rußgeschwärzten Kamin saß, und dem, der mit einem Paket Cupcakes im Türrahmen stand, ratlos hin und herschwenken.

„Welcher von denen ist denn nun der Echte?“, fragte Sir William.

„Der hier!“, erklärte Chief-Inspector Frobisher, der hinter Wilde im Türrahmen erschienen war. „Wir sind shoppen gewesen und haben etwas Gebäck mitgebracht. Jemand Hunger?“

„Und woher, beim Jupiter, wollen Sie wissen, dass nicht in Wahrheit der die Maschine ist?“

„Das geht Sie überhaupt nichts an, Mrs Brown. Aber da ich mir endlose Diskussionen ersparen möchte, sei Ihnen verraten, dass der Meister und ich nach einem Pint Guinness im That Olde Cheshire Cat gemeinsam an der Rinne standen!“

„Keine weiteren Fragen“, erklärte die Ehrenwerte. „Doch darf ich wohl zum Ausdruck bringen, dass die Idee, den Blechmann die Honneurs machen zu lassen, in der Annahme, wir würden das nicht bemerken, eine bodenlose Unverschämtheit darstellt.“

„Und Sie haben das tatsächlich bemerkt, Mrs Brown?“ Wilde lächelte spöttisch.

„Allerdings. Das konnte niemand übersehen, es sei denn er litte an einer Fehlstellung der Augen: Grateful-Dead-T-Shirt zum Tweet-Sakko? Das geht gar nicht! Zum Tweed immer Iron Butterfly.“

„Sie haben demnach ihr Alter Ego reparieren lassen“, stellte Sir William fest.

„Ja, es erschien mir nicht angemessen, eine Menschmaschine zu verschrotten, die doch, nach einer kleinen Anpassung ihrer Programmierung, so viel Gutes bewirken kann.“

„Zum Beispiel?“, fragte die Ehrenwerte.

„Zum Beispiel wird mein neuer Assistent ab sofort die wöchentlichen Teestunden mit Ihnen absolvieren.“

„Ich freue mich jetzt schon“, bemerkte der Blechmann, spreizte den kleinen Finger und schlürfte seinen Darjeeling.

„Hölle!“, bemerkte die Ehrenwerte, griff nach ihrer Schnupftabaksdose, nahm eine ordentliche Brise und gelangte zu der Erkenntnis, dass der Mann zweifelsohne das fehlende Glied zwischen Einzeller und Krone der Schöpfung sein müsse. Wobei als Krone natürlich die Frau zu betrachten war.

Und von einer derart bahnbrechenden, wenn auch keineswegs originellen Erkenntnis beflügelt, goss sie einen weiteren Doppelstöckigen ins Glas und beendete alle weiteren Diskussionen mit der Feststellung:

„Ich fürchte die Russen, auch wenn sie Darjeeling trinken[22]! Cheers.“

 

THE  END

 



[1] John Constable (1776-1837) war ein englischer Maler, der insbesondere für seine idyllischen Landschaftsbilder in Erinnerung geblieben ist.

[2] Catbrain Hill liegt eigentlich in der Nähe von Bristol.

[3] Eine Verballhornung der Pipers of Boleigh, einem Menhir-Paar, das sich südlich des Dorfes St Buryan in Cornwall befindet. Menhire werden, wie jeder Obelix-Fan vermutlich weiß, auch Hinkelsteine genannt.

[4] Siehe „Fröhliche Weihnachten, Mister Wilde“.

[5] Siehe „Fröhliche Weihnachten, Mister Wilde“.

[6] Englisches Synonym für Flatulenzen.

[7] The Yellow Kid war eine Figur des amerikanischen Zeichners Richard F. Outcault, die 1895 in den Zeitungen debütierte. Die Serie gilt als erster moderner Comic. Protagonist war ein überdimensionales Kind im gelben Nachthemd. Nach ihm wird bis heute im angloamerikanischen Sprachraum der Sensationsjournalismus als Yellow Press bezeichnet. In unserer Geschichte handelt es sich natürlich um eine Anspielung auf Haarfarbe und Gemüt des englischen Premierministers Boris Johnson.

[8] „Listen to them … children of the Night. What music they make.“ Bela Lugosi in Tod Brownings „Dracula“ (1931).

[9] Non-governmental organization = Nichtregierungsorganisation.

[10] Der Gnadenschuss

[11] Das vollständige Zitat lautet im Original: „Perhaps you could take it on the chin, take it all in one go and allow the disease, as it were, to move through the population, without taking as many draconian measures.“ Boris Johnson im März 2020

[12] Schlachtruf im mittelalterlichen England. Siehe unter: „Hundertjähriger Krieg“.

[13] Mrs Brown zitiert nur das Beste, in diesem Fall Horatio Nelson.

[14] Keine dichterische Freiheit. Dieses Zitat stammt tatsächlich von Boris „BoJo“ Johnson. Eine Karikatur kann man nicht karikieren!

[15] Vermutlich handelt es sich um Cola-Light, die der amerikanische Präsident angeblich in großen Mengen konsumiert.

[16] Bezieht sich auf einen Ausspruch von Bundeskanzler a. D. Gerhard Schröder (1998-2005). Vermutlich sein bekanntestes Zitat neben: „Hol mir mal ’ne Flasche Bier“.

[17] Nicht nur das. Gleich bei seinem ersten Versuch in Sachen Golf hat er elfmal hintereinander einen „Hole in One“ geschafft. Das soll ihm einer nachmachen!

[18] Eine Anspielung auf die Fontana di Trevi in Rom, in der Anita Ekberg für Federico Fellini ein Bad nahm.

[19] Halsschlagader

[20] Landsitz der englischen Premierminister.

[21] Der Elefant ist das Wappentier der Republikanischen Partei in den USA.

[22] Die Auguren sind sich traditionell uneins, doch glaubt eine Mehrheit in dieser Äußerung eine Anspielung auf Vergils „Timeo Danaos et dona ferentes“ zu entdecken.


Wer bin ich?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ganze Menschenalter haben sich bei der Suche nach dem eigenen Ich die Zähne ausgebissen. Deshalb erlaube ich mir, es in dieser Hinsicht mit dem großen Rimbaud zu halten: "Je est un autre!"

Der Vorsitzende der Geschäftsführung: Herr Falstaff
Der Vorsitzende der Geschäftsführung: Herr Falstaff

Was will ich?

Mir liegt daran, mich mit Menschen auszutauschen, die wie ich die Lyrik, die Literatur, Musik, die Liebe, Kino, einen trockenen Rotwein und den Gesang der Buckelwale über den eisigen Höhen des Strafasteroiden Rura Penthe zu schätzen wissen.

                                   Der Autor: Herr Surabaya Johnny
Der Autor: Herr Surabaya Johnny

Wen will ich?

Alle, die Lust daran haben, das eigene Leben zu einem ganz besonderen Ort zu machen! Alle, die von sich selbst behaupten: "Am liebsten kehre ich dorthin zurück, wo ich zuvor noch niemals gewesen bin!"

 

Die Muse: Frau Feez
Die Muse: Frau Feez


"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore


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