Besucherzaehler

DIE GEDANKEN SIND FREI: KUNST DARF QUIETSCHEN!


"Ich schaffte es, weil ich nicht wusste, dass es unmöglich war!"

*   *   *

Jean-Pierre Melville, französischer Filmregisseur




Alphonse Mucha
Alphonse Mucha

Warum Blut auf den Saiten?

Eine Platte des Literatur-Nobelpreisträgers Bob Dylan heißt "Blood on the Tracks", was sowohl "Blut auf den Schienen" als auch "Blut auf den (Ton-) Bändern" heißen kann. Als kleine Hommage an Mister Dylan haben wir uns entschlossen, dieses Wortspiel ins Deutsche zu übertragen: "Blut auf den (Gitarren-) Saiten", aber auch: "Blut auf den (Buch-) Seiten".


Parallelwelten - Ein dystopischer Roman

Kapitel 1.0

Danielle Deveraux

 

Die Existenz von Parallelwelten, d. h. Welten, die nebeneinander gleichberechtigt, jedoch ohne Kontakt zueinander, innerhalb eines Universums in einem anderen Universum existieren, ist bereits seit der Antike ein viel diskutiertes Phänomen. Der Platoniker Plutarch behandelte das Thema im ersten nachchristlichen Jahrhundert in seinem Werk „De defectu oraculorum“, dies in dem wackeren Bemühen, Aristoteles zu widerlegen, der partout nichts von Parallelwelten wissen wollte, wohingegen Professor John Holden[1], langjähriger Direktor des Zéphirin-Xirdal[2]-Instituts für angewandte paranormale Phänomene auf Metaluna IV[3], in einem 2096 erschienen Aufsatz unter dem Titel „Über die hypothetische Andersartigkeit der Anders-Wesen“ im Fachblatt „Science“[4] konstatierte: „Es steht geschrieben seit Anbeginn der Zeit, auch auf diesen uralten Steinen, dass böse, übernatürliche Wesen in einer Welt der Dunkelheit existieren. Und es wurde auch geweissagt, dass diejenigen, die in der Lage sind, die Macht der alten Runen zu beschwören, diese Kreaturen der Finsternis herbeirufen können, die leibhaftigen Dämonen der Hölle.“[5]

Kaum jemand hatte diesen Worten große Aufmerksamkeit beigemessen. Holden galt als genialer, gleichwohl verschrobener Wissenschaftler, dessen Theorien von den meisten seiner Fachkollegen als Mumpitz abgetan wurden. Niemand ahnte - oder wagte zu ahnen -, wie recht der Professor behalten sollte, und dass das, was von dort, aus der Welt der Anders-Wesen, zu uns herübersickerte, eines Tages die Existenz der Menschheit ernsthaft in Frage stellen würde.

 

.    .    .

 

Danielle Deveraux, Agentin der MWIA (der Many-Worlds-Interpretation-Agency) in Mumbai, saß vor dem holographischen Televisor im Wohnzimmer ihres Appartements in der Ranga Yogeshwar Rd[6], die oberen drei Knöpfe der stramm sitzenden Business-Bluse nachlässig geöffnet, die wohlgeformten, in nachtschwarze Seidenstrümpfe gehüllten Beine auf einem antiken Sessel fläzend, die Pumps der Edelmarke „Aurelie Poupèe, Marseille“ achtlos von sich geschleudert. Zwischen den magentafarbenen Lippen balancierte eine Heterodontosaurus ohne Filter („Die Zigarette mit dem Überbiss“) aus deren Spitze sich ein dünner, blauer Rauchfaden kräuselte, während die junge Frau, auf der Suche nach feierabendlicher Zerstreuung, unwirsch die Tasten der Fernbedienung malträtierte.

Alles, was sie zu sehen bekam, war der übliche Bockmist, der nach und nach in verblüffend konsistent wirkender Körperlichkeit durch ihr Wohnzimmer stapfte: Politiker, die dem geduldigen Wahlvolk nach Strich und Faden die Hucke volllogen, bescheuerte Reality-Shows, in denen C-Promis mit DD-Körbchen synthetische Lebensformen mit XXL-Schwänzen umgarnten, von Schmalz triefende chinesische Telenovelas mit Untertiteln in Hindi und Alt-Assyrisch, vollelektronische Velociraptoren im Zoologischen Garten des Präsident-Nixon-Freizeitressorts in Pjöngjang und dann natürlich noch die Live-Schaltungen zu den beliebtesten Kriegsschauplätzen dieser Erde, nach Kabul in Afghanistan, Havanna auf Kuba oder Dresden in der Deutschen Demokratischen Republik, wo soeben ein Mob lutheranischer Freischärler einen syrischen Couscous-Händler auf einer Sprungfedermatratze grillte. Seit die Ritter der Tafelrunde des christlich-abendländischen Wertekanons mit dem Ruf „Deos lo vult!“[7] die Macht in Berlin übernommen und die Vereinigten Arabischen Streitkräfte (UAF) unter Mūsā ibn Nusair[8] vor der sächsisch-anhaltinischen Landesgrenze ihre Schlachtgesänge angestimmt hatten, wurden auf beiden Seiten keine Gefangenen mehr gemacht. Ohne Zweifel: Deutschland war erneut geteilt! Nur war diesmal der Orient im Okzident einmarschiert, nicht umgekehrt.

Danielle hatte soeben beschlossen, die Fernbedienung gegen die abgedunkelten Scheiben des stilbruchsicheren Panoramafensters ihrer Wohnung im 168 Stockwerk des [9] zu pfeffern, als ihr MFSP (Multi-Funktions-Smartphone) mit der samtweichen Stimme des Bollywood-Superstars Kurth von Lodenhagen zu gurren anhub: „Anruf von James T. Maston[10] aus London, Großbritannien, Darling. Anruf von James T. Maston aus London, Großbritannien, Darling. Anruf von James T. Maston aus London, Großbritannien, Darling …“

Die junge Frau glitt mit dem Daumen über den mattschwarz geriffelten Sensor des Kommunikators; fast im selben Moment erschien, holographisch projiziert, die bullige Gestalt ihres Vorgesetzten, in der Pracht seiner wohlwollend geschätzten 150 Kilogramm Lebendgewicht, auf einem wuchtigen Sessel aus guatemaltekischen Edelhölzern und Gekko-Schwanzleder thronend.

„Rauchen“, erklärte Maston, der eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem früheren britischen Premier Winston Churchill aufwies, „Rauchen gefährdet nicht nur Ihre Gesundheit, junge Dame, sondern ist seit 2117 auch weltweit strengstens verboten.“ Dabei zog er genüsslich an einer phallischen Zigarre und produzierte eine ganze Kollektion kunstvoller Rauchringe, welche, gleichsam Abbildern der russisch-ukrainischen Raumstation „Potjomkin[11]NCC-1701“ ähnelnd, in fragiler Eleganz um die eigene Achse rotierten.

„Was ich an Ihnen so schätze, JT, ist Ihre unbeugsame Konsequenz, wenn es um den Erhalt der öffentlichen Ordnung geht.“

„Und was ich an Ihnen so schätze, Miss Deveraux, ist der zarte Honigduft ihrer perlweißen Haut, und der liebliche Höhenzug, den ihre Brüste soeben über der sanft geschwungenen Linie des Abdomen[12] ausgebildet haben. Dieses Ensemble erinnert mich unweigerlich an Rilkes Poem ,Das Land ist licht und dunkel ist die Laube‘, das ich Ihnen hier und jetzt zu Gehör bringen möchte.

Er räusperte sich, legte den Zigarren-Dildo in einen Aschenbecher von der Größe, Form, Farbe und Einwohnerzahl Guatemalas und faltete die wulstigen Hände über dem Bauch:

„Das Land ist licht und dunkel ist die Laube,

und du sprichst leise und ein Wunder naht.

Und jedes deiner Worte stellt mein Glaube

als Betbild auf an meinen stillen Pfad …“

Danielle ergänzte, auf Deutsch und absolut textsicher, allerdings mit einem entzückendem französischem accent:

„… Ich liebe dich. Du liegst im Gartenstuhle,

und deine Hände schlafen weiß im Schooß.

Mein Leben ruht wie eine Silberspule

in ihrer Macht. Lös meinen Faden los.

Ist ihre Gemahlin nicht zuhause, JT? Soll ich auf einen Sprung reinschauen?“ Sie goss sich einen großzügig bemessenen doppelten Scotch ohne Wasser ein und prostete ihm zu, dabei neckisch die Lippen schürzend.

Marston verzog das Gesicht. „Ich habe es bereits tausende von Malen bei tausenden von Gelegenheiten gesagt und wiederhole es dennoch immer wieder gern: Ich bin ein stockschwuler, erzkonservativer, der Libertinage zugeneigter britischer Gentlemen, und das ist auch gut so.“

„Und ich bin eine bisexuelle Liebesgöttin, die Pech mit den Männer hat, was wertfrei betrachtet ein Glück für die experimentierfreudigen und äußerst zungenfertigen Mädels im Sauna-Club ,Tallulah Bankhead[13]‘ in Mumbai darstellt! Bonne anée, großer Meister.“

„Ach Scheiße, schon wieder ein neues Jahr? Ich hatte mich noch nicht mal an das alte gewöhnt. Wie kommt es dann, dass sie heute Abend nicht mit der vielköpfigen Horde ihrer sexuellen Parteigänger beiderlei Geschlechts durch die Clubs dieser widerwärtigen Ansammlung von Blut, Schweiß und Rinder-Fäkalien ziehen?“

„Nachtschicht, JT, Nachtschicht. Jemand muss das Ohr auf die Schienen legen. Die andere Seite schläft nicht, wie Sie wissen.“

„Die andere Seite schläft nicht, das ist wohl wahr …“, grummelte Maston und zog gedankenverloren an seinem Glimmstengel. Augenblicklich wurden sämtliche Sensoren im anbetungswürdigen Körper der Agentin Deveraux aktiviert.

„Sie sagen das mit einem Unterton in der Stimme, der mir nicht gefällt, Sir. Ist etwas passiert?“

„Es ist gar nichts passiert, das ist passiert. Doch das, was nicht passiert ist, könnte genauso gut das sein, was passieren wird, sofern wir nicht, verdammt nochmal, wie die Luchse aufpassen, dass es nicht passiert.“

„Longfellow? Abraham Lincoln [14]?“

„Weder noch. Ich glaube, das ist von mir.“

In diesem Moment begann die holographische Erscheinung ihres Herrn und Meisters bedenklich zu vibrieren, während gleichzeitig ein sich permanent steigerndes Brummen, aus dem Tieftonbereich kommend, die Trommelfelle der jungen Frau auf schier unerträgliche Weise malträtierte. Sie ließ das Glas mit Scotch auf den Boden fallen, wo es in einem Schauer aus kristallinen Teilchen zerbarst, presste die Hände mit schmerzverzerrtem Gesicht auf die Ohren und ließ sich nach von auf die Knie sinken.

„Was, zur Hölle, ist das, JT? Hören Sie das auch?“

„Und ob!“, rief der fette Mann und versuchte ungeschickt die Dinge auf seinem Schreibtisch daran zu hindern, von eben diesem Schreibtisch hinunterzuvibrieren. „Nach den Daten, die ich reinbekomme, ist das weltweit. Hören Sie, Danielle? Weltweit!“

„Unmöglich! Das kann nicht sein. So etwas hatten wir in dieser Intensität noch nie!“ Aus den Augenwinkeln sah sie mit Erschrecken, wie sich ein Spinnennetz feiner Haarrisse über die garantiert unzerstörbaren Panoramascheiben ihres Appartements legte und gestattete sich für den Bruchteil einer Sekunde den Luxus, darüber zu philosophieren, ob ein Sturz aus dem 168. Stockwerk dem Körper einer Frau mehr Schaden zufügen würde, als beispielsweise ein falsches Make-up.

 



[1] John Holden ist der Name des Protagonisten im Horrorfilm-Klassiker „Curse oft he Demon“ (auch „Night of the Demon), den Jacques Tourneur 1957 in England inszeniert hat.

[2] Zéphirin-Xirdal ist der Name einer Figur aus dem Roman „La Chasse au météore“ („Die Jagd nach dem Meteor“) von Jules Verne.

[3] „Metaluna IV antwortet nicht“ ist der deutsche Titel des amerikanischen Science-Fiction-Films „This Island Earth“.

[4] Das Fachblatt Science existiert wirklich. Es wurde 1880 von dem Journalisten John Michaels in den USA gegründet.

[5] Bei dem Zitat aus Holdens Aufsatz handelt sich um eine leicht abgewandelte Übertragung der einleitenden Sätze aus dem Film „Curse of the Demon“, die im Orginal lauten: „It has been written since the beginning of time, even unto these ancient stones, that evil supernatural creatures exist in a world of darkness. And it is also said man using the magic power of the ancient runic symbols can call forth these power of darkness, the demons of hell.“ (Zitiert nach www.imdb.com)

[6] Ranga Yogeshwar (*1959) ist ein luxemburgischer Wissenschaftsjournalist, Physiker und Moderator. Es wird ihn zweifelsohne freuen, dass in der Zukunft Straßen nach ihm benannt werden.

[7] „Gott will es!“ Antwort der Anwesenden, als Papst Urban II am 27. November 1095 zur Befreiung Jerusalems aufrief. Was folgte, war der Erste Kreuzzug.

[8] Mūsā ibn Nusair (640-715 war ein arabischer Heerführer und Statthalter.

[9] Viswanathan Anand (*1969) ist ein Inder, der von 2007 bis 2013 Schachweltmeister war..

[10] John T. Maston ist der Name einer Figur aus den 1865 bzw. 1870 erschienen Romanen „De la Terre à la Lune“ („Von der Erde zum Mond“) und „Autour de la Lune“ („Reise um den Mond“) von Jules Verne.

[11] Grigora Alexandrotwitsch Potjokim (1729-1791) war ein russischer Fürst, Liebhaber der Zarin Katharina der Großen und Erfinder der potemkinschen Dörfer.

[12] Lat. für Bauch.

[13] Tallulah Bankhead war eine berühmte Hollywood-Schauspielerin der klassischen Periode und bekennende Lesbierin.

[14] Vermutlich spielt Mademoiselle Deveraux auf folgendes Zitat von Abraham Lincoln an: “You can fool all the people some of the time, and some of the people all the time, but you cannot fool all the people all the time.”


Wer bin ich?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ganze Menschenalter haben sich bei der Suche nach dem eigenen Ich die Zähne ausgebissen. Deshalb erlaube ich mir, es in dieser Hinsicht mit dem großen Rimbaud zu halten: "Je est un autre!"

Der Vorsitzende der Geschäftsführung: Herr Falstaff
Der Vorsitzende der Geschäftsführung: Herr Falstaff

Was will ich?

Mir liegt daran, mich mit Menschen auszutauschen, die wie ich die Lyrik, die Literatur, Musik, die Liebe, Kino, einen trockenen Rotwein und den Gesang der Buckelwale über den eisigen Höhen des Strafasteroiden Rura Penthe zu schätzen wissen.

                                   Der Autor: Herr Surabaya Johnny
Der Autor: Herr Surabaya Johnny

Wen will ich?

Alle, die Lust daran haben, das eigene Leben zu einem ganz besonderen Ort zu machen! Alle, die von sich selbst behaupten: "Am liebsten kehre ich dorthin zurück, wo ich zuvor noch niemals gewesen bin!"

 

 

Die Muse: Frau Feez
Die Muse: Frau Feez


"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore


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