Besucherzaehler

DIE GEDANKEN SIND FREI: KUNST DARF QUIETSCHEN!



"Ich schaffte es, weil ich nicht wusste, dass es unmöglich war!"

Jean-Pierre Melville, französischer Filmregisseur




Alphonse Mucha
Alphonse Mucha

Warum Blut auf den Saiten?


Eine Platte des Literatur-Nobelpreisträgers Bob Dylan heißt "Blood on the Tracks", was sowohl "Blut auf den Schienen" als auch "Blut auf den (Ton-) Bändern" heißen kann. Als kleine Hommage an Mister Dylan haben wir uns entschlossen, dieses Wortspiel ins Deutsche zu übertragen: "Blut auf den (Gitarren-) Saiten", aber auch: "Blut auf den (Buch-) Seiten".


Herr Kuckuruz hatte einen Vogel


Herr Kuckuruz hatte einen Vogel, der ihm sehr ans Herz gewachsen war.

Nicht irgendeinen Vogel, sondern einen, der sprechen konnte. Sein Name lautete Juan, denn er stammte aus Südamerika. Juan war ein Papagei, und er besaß ein Gefieder von großer Farbigkeit, das er gern und mit offensichtlichem Vergnügen präsentierte.

Er war außerdem in der Lage, die menschliche Stimme zu imitieren. Das können manche Tiere. Allerdings erhob sich seine Fähigkeit weit, sehr weit sogar, über jene pittoresken Gefilde, die der handelsübliche Ara, Sittich oder Krähenvogel zu erreichen imstande ist.

Er sagte nicht etwa: „Hansi, komm her du Schlingel“, oder „Hab dich lieb Mama“, oder „Coco ist böse“. Er sagte Dinge wie: „Wir Landsknechte des deutschen Freiheitskampfes sollten eigentlich einsam und verfemt bleiben.[1]“, oder: „Wenn du einmal angefangen hast zu lügen, dann bleibe auch dabei! [2]

Das überraschte Herrn Kuckuruz.

Wo, so fragte er sich, wenn er das Abendbrotgeschirr in die Spüle räumte, mochte Juan diese Sätze gehört haben. Und wie, so überlegte er, war es überhaupt möglich, dass ein Papagei, der in Südamerika geschlüpft war, und nie zuvor auch nur deutschen Boden betreten hatte, unsere schöne Sprache dermaßen griffig beherrschen konnte.

Zwei Wochen später, als Herr Kuckuruz des Nachts bereits traumlos eingeschlafen war, erwachte er in dem Glauben, versehentlich den Radioempfänger angelassen zu haben. Er hörte deutlich, wie eine schnarrende Stimme rief, nein, eher brüllte: „Glaube niemals an fremde Hilfe, niemals an Hilfe, die außerhalb unserer eigenen Nation, unseres eigenen Volkes liegt. In uns selbst allein liegt die Zukunft des deutschen Volkes.[3]

Doch als Herr Kuckuruz das Licht im Wohnzimmer anknipste, war der Radioapparat dunkel, und Juan blinzelte ihn mit schwarzen Knopfaugen traulich an.

„Warst du das, mein Vogel?“, fragte Herr Kuckuruz und blieb vor dem Käfig stehen. Der Vogel schwieg, und nachdem auch sein Herr schwieg, präsentierte der Papagei mit großem Vergnügen sein buntes Gefieder.

Als Herr Kuckuruz dann bereit war, in sein Bett zurückzukehren, um sich in die warmen Decken zu kuscheln, brüllte eine Stimme quer durch die Wohnung:

„Ich will heute wieder ein Prophet sein: Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Völker noch einmal in einen Weltkrieg zu stürzen, dann wird das Ergebnis nicht der Sieg des Judentums sein, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse.[4]

Erst blieb Herr Kuckuruz vor Schrecken wie angewurzelt stehen. Dann wurde er nachdenklich.

 

Am folgenden Samstag hatte sich in der Innenstadt, wie an vielen Samstagen zuvor, eine erkleckliche Menge Volkes mit bunten Fahnen, Transparenten und Parolen vor den Geschäftsauslagen der Firma Elektro-Dose versammelt, um dort eine Kundgebung abzuhalten. (Ich weise darauf hin, dass Herr Detlef Dose, Inhaber der traditionsreichen Firma Elektro-Dose, gegründet 1906, keineswegs das Ziel der Proteste, sondern vielmehr ein Teil dieser anschwellenden Bewegung war.)

Auch Herr Kuckuruz hatte sich der durch gerechten Zorn beflügelten Menge angeschlossen, was vermutlich keine weitere Aufmerksamkeit erregt hätte, wäre da nicht Juan der Papagei gewesen, der auf seiner Schulter hockte und angesichts des Publikums, das in seiner Papageienlogik allein gekommen war, ihn zu bewundern, mit Vergnügen das Gefieder sträubte.

In dem Bewusstsein, eine Aufgabe zu erfüllen, schritt Herr Kuckuruz durch die wie Bier aufschäumende Meute nach vorn, betrat dort die oberste Stufe der zu den Geschäftsräumen der Firma Elektro-Dose führenden Geschäftstreppe, bat durch eine erhobene Hand bei den „Volksverräter“ und „Nicht mit uns“ skandierenden Protestlern um Aufmerksamkeit, wartete bis Ruhe eingekehrt war und hielt dann folgende kurze Rede:

„Dies“, so rief Herr Kuckuruz, „ist Juan, ein Papagei aus den fieberverseuchten Dschungeln des südamerikanischen Kontinents. Obgleich er, wie manche durchaus nicht ohne Recht behaupten werden, nur ein seelenloses Geschöpf ist, ein Mitglied der so vielgestaltigen Tierwelt, die uns umgibt, darf ich, Anton Kuckuruz, bekanntgeben, dass uns dieser Vogel eine Botschaft zu übermitteln hat.“

„Bravo“, riefen einige Spötter, andere blickten nur desinteressiert, und eine Frau mittleren Alters, die einen auberginefarbenen Mantel aus Kammgarn trug, ermahnte ihren Dackel, er möge den Papagei nicht anbellen, da anderenfalls die Gefahr bestünde, dieser könne seinem Besitzer entfliegen und dabei großen Schaden anrichten. Man müsse auch an die Kinder denken, wie sie einem neben ihr stehenden Herrn mitteilte, dem sie allerdings überhaupt nicht bekannt war.

Herr Kuckuruz hielt inne, ließ den Papagei auf den ausgestreckten Arm klettern, blickte ihm fest ins Auge und sagte: „Gib dein Bestes Juan.“

Der Vogel, obgleich angenommen werden darf, dass er den Sinn der Worte nicht wirklich verstand, neigte den Kopf, was einige Tierliebende im Auditorium als zustimmendes Nicken interpretierten, dann legte er los:

„In unserem Lexikon und in dem meinen, gibt es ein Wort überhaupt nicht, das Wort Kapitulation. Ich wünsche nicht den Kampf. Wenn er mir jemals aber aufgezwungen wird, dann werde ich ihn führen, solange in mir auch nur ein Atemzug lebendig ist, und ich kann ihn heute führen, weil ich weiß, dass hinter mir das ganze deutsche Volk steht![5]

Die unmittelbare Folge dieser Eröffnung war Sprachlosigkeit. Wie Schaufensterpuppen standen die eben noch so kreglen Verteidiger der bedeutenden Sache, welcher wollen wir gnädigerweise beiseitelassen, und beäugten mit offenen Mündern den eitel sein Gefieder sträubenden Juan. Dann jedoch, ich kann es nicht anders beschreiben, brach ein Jubelsturm los, wie er vor der Geschäftstreppe, die zu den Geschäftsräumen der Firma Elektro-Dose führte, niemals zuvor vernommen worden war. Nicht einmal in der berechtigten Freude über den Mauerfall im Jahre ‘89. Es konnte kein Zweifel bestehen, Juan, der Papagei, hatte ein Gespür für das, was die Leute hören wollten.

„Ruhe“, riefen nun einige, „Ruhe doch. Lasst ihn weiterreden!“, und alsbald dämmte sich das Jauchzen und Applaudieren zu atemloser Spannung.

Herr Kuckuruz wandte sich erneut an den Vogel. „Juan“, sagte er, „gib dein Bestes!“

Der Vogel betrachtete ihn, neigte den Kopf, präsentierte mit Vergnügen sein buntes Gefieder und setzte zu einer weiteren Salve an:

„Wenn manche sagen: »Sie sind ein Fantast«, dann kann ich ihm nur antworten: »Sie Idiot«. Wenn ich nie in meinem Leben ein Fantast gewesen wäre, wo wären sie, und wo wären wir heute alle? Ich habe immer an die deutsche Zukunft geglaubt![6]

Schweigen. Dann Jubel. Wahnwitzige, jede Verhältnismäßigkeit übersteigende Begeisterung. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen. Zum Beispiel die Frau in dem auberginefarbenen Mantel und der neben ihr stehende Mann, dem sie nicht bekannt war. Der Dackel der Frau bellte, wie es Dackeln ohnehin eigen ist, eine Situation komplett misszuverstehen; ein Grund, warum Dackel, im Gegensatz zu Pinschern etwa, noch niemals relevanten Anteil an der deutschen Geschichte hatten.

Juan dagegen sträubte sein Gefieder und hob einen krallenbewehrten Lauf, so als übe er bereits fleißig den deutschen Gruß.

„Auf!“, rief die Menge nun einmütig. „Auf zum Funkhaus, damit die Welt davon Kenntnis erhält!“

„Wovon?“, fragte die Frau im auberginefarbenen Kammgarnmantel, die nicht ohne Grund einen Dackel als Haustier besaß.

„Von der Wahrheit“, riefen die Umstehenden.

„Von der Wahrheit?“, rief der Mann neben ihr.

„Ja, Wahrheit“, rief ein anderer, der einen schwarzrotgoldenen Campinghut und kurze Hosen aus einem undefinierbaren braunen Stoff trug. „Endlich die Wahrheit! Die belügen uns doch alle, diese … “

„… die da oben!“, sprang ein junger Mann bei, der kahlrasiert war und eine Tätowierung auf dem Oberarm trug, die an SS-Runen gemahnte.

Dann ergriffen sie Herrn Kuckuruz, sie ergriffen Juan, sie hoben beide auf ihre Schultern, sie riefen „Sieg!“, sie riefen „Hurra!“, sie marschierten eine breite Allee hinunter, begafft und bestaunt von den links und rechts auf den Bürgersteigen dahineilenden Passanten, welche sie mit ausgestreckten Armen begrüßten, so wie der Pöbel weiland die siegreichen Legionen des Kaisers Tiberius.

Schon erreichten sie das große schmiedeeiserne Tor, das zum Haus des Rundfunks führte. Sie sprengten dieses Tor mit der unbezwinglichen Kraft ihres völkischen Willens, sie marschierten wie eine triumphierende Armee durch die gläsernen Schiebetüren, die ihrer Macht ebenso wenig Widerstand leisten konnten wie der hilflose alte Pförtner, der nur verdattert: „Nein, nicht, nicht“, oder so ähnlich stotterte, und dann schmucklos überrannt wurde.

Bald standen sie im großen Sendesaal, und nur wenige Minuten später hatten sie Herrn Kuckuruz und Juan, den Papageien, vor einem silbrig schimmernden Mikrofon in Stellung gebracht, das nun die Worte des sprachbegabten Vogels vermittels der Kurzwellentechnik in alle Welt übertragen sollte.

„Los“, rief der Mann, dem die Frau im auberginefarbenen Kammgarnmantel überhaupt nicht bekannt war. „Er soll endlich was sagen“.

Der Buchhalter ließ die Blicke über die entfesselte Menge gleiten, nickte dann bedächtig, als habe er dort eine von ihm bereits vermutete Wahrheit bestätigt gefunden, ließ Juan auf seinen Arm klettern, fasste ihn gestrenge ins Auge und sagte, so leise, dass es vermutlich bereits in der zweiten Reihe nicht mehr zu verstehen war: „Gib dein bestes Juan!“

 Der Vogel, obzwar angenommen werden muss, dass er den Sinn der Worte nicht wirklich verstand, präsentierte noch einmal sein buntes Gefieder und legte dann los.

Zunächst war es eine Art Krächzen, ein Geräusch, das, wie ein anwesender Tierarzt konstatierte, zweifelsfrei zu den natürlichen Lautäußerungen der Papageien gehörte. Dann hob er das linke Bein, ließ es auf halber Höhe verharren, so, als habe er sich noch nicht recht entschieden, welchen Zweck er diesmal verfolge, und dann, nach vielleicht einer halben Minute, kratzte er sein prachtvolles Gefieder ungefähr dort, wo wir eines seiner Ohren vermuten dürfen.

„Er sucht die richtigen Worte“, schnüffelte andächtig die Frau im auberginefarbenen Mantel und drückte ihren Dackel an den Busen. „Das kenne ich nur zu gut.“

„Er soll hinmachen“, flüsterte der Mann neben ihr. „Ich verpasse noch meinen Bus!“

In dem Moment, oder doch zumindest annähernd, öffnete Juan seinen prachtvoll gerundeten Schnabel, schaukelte mit dem Oberkörper spielerisch erst nach vorn, dann nach hinten, um in der Folge, mit all der nicht unerheblichen Stimmgewalt, die ihm zur Verfügung stand, auszurufen:

„Hab dich lieb Mama.“

Nur das: „Hab dich lieb Mama“, sonst nichts.

„Was hat er gesagt“, fragte ein Dicker, dem der Schweiß in wahren Sturzbächen den roten Nacken hinunterfloss.

„Ich habe es nicht verstanden“, sagte eine elegante Dame. „Es klang wie Piep oder so.“

„Piep?“, ereiferte sich der Dicke. „Was soll das denn sein? Bin ich den ganzen Weg hierhergekommen, um Piep zu hören?“

„Nun, er ist ja ein Vogel, nicht wahr? Die machen nun mal Piep!“

„Das ist kein Vogel, gute Frau, das ist ein Papagei aus den fieberverseuchten Dschungeln des südamerikanischen Kontinents. Die machen nicht einfach Piep. Die können quasseln wie die Politiker.“

„Sprechen kann ich auch“, insistierte die Dame.

„Ja, aber das, was Sie zu sagen haben, interessiert ja niemand!“

„Coco ist böse“, sagte Juan und präsentierte neckisch sein vielfarbiges Gefieder.

Erste Unmutsrufe wurden laut:

„Er soll das sagen, was er vorhin gesagt hat, das mit dem deutschen Volk!“

Herr Kuckuruz, der ein feines Lächeln auf den Lippen trug, wandte sich erneut an den Vogel:

„Juan, gib dein Bestes!“

Der Vogel nickte, als habe er den Sinn der Worte erfasst, plusterte sein Gefieder, stieß einen Schrei aus, von dem der Veterinär behauptete, er gelte gewiss dem Weibchen, und rief dann voller Inbrunst:

„Hansi, komm her du Schlingel!“

Kurzum, es war ein Fiasko von epochalen Ausmaßen!

 

Als Herr Kuckuruz ungefähr eine Stunde später mit dem Bus auf dem Wege nach Hause war, lag noch immer dieses feine, leicht ironische Lächeln auf seinen Lippen. Er tätschelte Juan, der auf dem Sitz neben ihm schaukelte, das buntfedrige Köpfchen, und stellte begütigend fest:

„Braver Juan. Sei nicht traurig. Die Leute wollen immer nur das hören, was sie hören wollen. Du hast auf jeden Fall dein Bestes gegeben.“

 



[1] Zitat von Heinrich Himmler

[2] Zitat von Joseph Goebbels

[3] Aus Adolf Hitlers erster Rede als Reichskanzler vor dem Reichstag

[4] Adolf Hitler: Sitzung des Reichstages in der Berliner Krolloper am 30. Januar 1939

[5] Adolf Hitler: Ansprache in den Berliner Borsigwerken 1940

[6] Adolf Hitler: aus einer Rede vom 20. Mai 1937


Wer bin ich?

Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten. Ganze Menschenalter haben sich bei der Suche nach dem eigenen Ich die Zähne ausgebissen. Deshalb erlaube ich mir, es in dieser Hinsicht mit dem großen Rimbaud zu halten: "Je est un autre!"

Der Vorsitzende der Geschäftsführung: Herr Falstaff
Der Vorsitzende der Geschäftsführung: Herr Falstaff

Was will ich?

Mir liegt daran, mich mit Menschen auszutauschen, die wie ich die Lyrik, die Literatur, Musik, die Liebe, Kino, einen trockenen Rotwein und den Gesang der Buckelwale über den eisigen Höhen des Strafasteroiden Rura Penthe zu schätzen wissen.

                                   Der Autor: Herr Surabaya Johnny
Der Autor: Herr Surabaya Johnny

Wen will ich?

Alle, die Lust daran haben, das eigene Leben zu einem ganz besonderen Ort zu machen! Alle, die von sich selbst behaupten: "Am liebsten kehre ich dorthin zurück, wo ich zuvor noch niemals gewesen bin!"

 

Die Muse: Frau Feez
Die Muse: Frau Feez


"I've gazed into the abyss and the abyss gazed into me, and neither of us liked what we saw." Brother Theodore


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