"Mach uns mal die Helene Fischer, Papa!"

Helene Fischer zu hassen ist so simpel, dass es eigentlich keinen Spaß macht. Irgendjemand hat sie mal als die „singende Sagrotan-Flasche“ bezeichnet, worüber ich erst herzlich gelacht und mich dann später geschämt habe. Immerhin, was kann diese Frau dafür, dass alles an ihr wirkt, als hätte ein pickliger Nerd in stinkenden Boxershorts am Computer eine Prinzessin für das Auenland programmiert? (Ich bin sicher, falls sie überhaupt Stuhlgang hat, dann ist der weiß wie Schnee und duftet nach Chrysanthemen!) Und was kann sie außerdem dafür, dass ihre „Musik“ so reinlich klingt, als könne man mit derselben Klobrillen abwischen, auf denen sich danach nie wieder auch nur eine einzige verdammte Bakterie freiwillig niederlassen würde?

 

Garnichts!

 

Die Verleihung des Musikpreises „Echo“, meine Damen und Herren, ist Jahr für Jahr eine ganz besonders grauenerregende Veranstaltung – und das will etwas heißen, in einem Land, dessen Bewohner sich - zumindest jene, die der Bedienung eines Fernsehgerätes mächtig sind -, bequem auch anlässlich der Verleihung des „Bambis“ oder der „Goldenen Kamera“ entleiben könnten Allein Barbara Schöneberger zu erleben, ist eine Gunst der niemand füglich entraten sollte! Bereits in dem Moment, da sie die Bühne betrat, hatte ich wieder die Szene vor Augen, in der Hape Kerkeling sinnend ihr Dekolleté betrachtete, um anschließend den Song der Schlümpfe zu intonieren:

 

"Sagt mal, von wo kommt ihr denn her?

Aus Schlumpfhausen, bitte sehr!

Seh'n da alle aus wie ihr?

Ja, die seh'n so aus wie wir."

 

Nun, ich bin der Letzte, der etwas gegen sekundäre weibliche Geschlechtsmerkmale einzuwenden hätte, dennoch stelle ich mir gelegentlich die Frage, ob Frau Schöneberger, wie das Frau Klum tat, ihren Brüsten Namen gibt. Wenn nicht, hätte ich hier ein paar Vorschläge: Laurel & Hardy, Merkel & Gabriel, Godzilla & Mothra? Oder vielleicht die „alten Bundesländer“ und die „neuen Bundesländer“?

 

Nun will ich der Fairness halber vermerken, dass Frau Schöneberger eigentlich nur eine Marginalie am Rande dieser Echo-Verleihung war. Das wirklich Schlimme, also, das absolut Ekel erregende und den Angstschweiß auf die Stirn treibende, war etwas völlig anderes. Die Musik nämlich! Keine Frage, in meinem langen, langen Leben habe ich ganze Mittelgebirge grottenschlechter Musik mit den Ohren durchpflügt. Es reicht wohl, zu sagen, dass ich bereits auf der Welt war, als Roy Black und die norwegische Butterfliege Anita die „Biene und das Stachelschwein“ besangen. Doch das, was sich mir gestern bot, hatte in der Tat eine ganz eigene Qualität – respektive eben nicht!

Irgendwann, zu fortgeschrittener Stunde, verschickte ich eine SMS an eine besonders liebe Freundin: „Ich gucke die Echo-Verleihung, Renate. Bitte versichere mir, dass ich nicht Opfer meines jahrelangen Drogenmissbrauchs geworden bin. Ist das ernsthaft die Wirklichkeit? Oh-mein-Gott!“

 

Ich will sie nicht mit allen Details dieser Veranstaltung langweilen, die mich endgültig davon überzeugt hat, dass Deutschland zwar wirtschaftlich ein Riese ist, in Sachen professioneller Unterhaltung jedoch locker das Niveau einer Julklapp-Party in Mos Eisley auf dem Wüstenplaneten Tatooine zu unterschreiten vermag. Nur so viel: Wann genau hat eigentlich Nick Mason das Zeitliche gesegnet? Ich meine, es kann unmöglich sein, dass der Drummer einer Band wie Pink Floyd stundenlang im Publikum schlummert, um sich anschließend für einen Haufen Müll, den er und seine Mitstreiter aus dem Studio-Abfalleimer geklaubt haben, den Preis in der Kategorie „Rock Pop International“ abzuholen. Der Mann MUSS tot sein, es gibt keine andere Erklärung. Er weiß es bloß noch nicht. Oder nehmen wir die amerikanische Violinistin Lindsey Sterling, die den Preis in der Kategorie „Crossover“ „abräumte“. (Crossover bedeutet, dass man sich nicht für ein Geschlecht entscheiden kann.) „Deutschland ist der erste Ort, den ich eine Heimat fern der Heimat nennen kann“, waren ihre Worte. Da möcht‘ man doch entgegnen: Das Gehirn von Lindsey Sterling ist der erste Ort, den man eine geistige Zone fern jeder geistigen Zone nennen darf! Welche Spukgestalten hatten wir außerdem noch zu ertragen? Ach ja, stimmt: Herbert „Bruder Lustig“ Grönemeyer. Vor dem zieh ich den Hut! So dick zu sein, dann ein grasgrünes Jackett zu tragen und zeitgleich auch noch mit einem halben Dutzend um die fünfzig Jahre jüngeren Hupfdohlen einen Quickstepp aufs Parkett zu legen, ist der lebende Beweis dafür, dass manche Menschen definitiv vor sich selbst gerettet werden müssen. Dank sei auch „Schlager-Queen“ Andrea Berg, der singenden Resterampe vom Woolworth in Krefeld: „Ich darf etwas Wunderbares tun, ich darf Musik machen“, teilte sie uns mit. Seit wann machst du Musik, Andrea? Willst du dir auf deine alten Tage ein zweites Standbein einrichten? Und dann, als es ohnehin schon zappenduster wurde, kam auch noch der homophobe „Freizeit-Historiker“ und weltweit anerkannte „Soziologe“ „und“ „Volljurist“ Xavier Naidoo auf die Bühne, bekannt für lyrische Kostbarkeiten wie die nachfolgende:

 

„Ich schneide Euch jetzt mal die Arme und die Beine ab und dann fick ich

Euch in 'n Arsch, so wie Ihrs mit den Kleinen macht. Ich bin nur

traurig und nicht wütend. Trotzdem würd ich Euch töten. Ihr tötet

Kinder und Föten und ich zerquetsch Euch die Klöten. Ihr habt einfach

keine Größe und Eure kleinen Schwänze nicht im Griff. Warum liebst Du

keine Möse? Weil jeder Mensch doch aus einer ist.“

 

Das war dann der Moment, da ich mich entschloss, ins Bett zu gehen, die Bibel aufzuschlagen und Bachs „Goldberg“-Variationen in den CD-Player zu werfen.

 

© 2015 Peter Conrad

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