Kritik der reinen Unvernunft: Die "Bestie von Höxter

“Ich bin kein Monster: Jetzt spricht die Bestie von Höxter”, titelt die BILD Zeitung. Das errichtet mit wenigen Worten eine klare sprachliche Ausgrenzung: DER, das sind nicht WIR, der, das ist eine Bestie, ein reißendes Tier, und ein Tier hat bekanntlich nicht die gleichen Rechte, die wir, die Menschen, für uns in Anspruch nehmen dürfen! “Knallt das Monstrum auf die Titelseite” heißt ein Film des italienischen Regisseurs Marco Belocchio aus dem Jahre 1973 – und beweist somit, dass dieses Phänomen nichts Neues ist. In allen Phasen ihrer Publikations-Geschichte hat die BILD bewiesen, dass ihr Duktus, trotz der dezidiert pro-israelischen Haltung, die nicht bestritten wird, unterschwellig ins Faschistische transzendiert. Ebenso wie die Nazis Juden und andere “Volksfeinde” sprachlich in die Nähe von Tieren oder Ungeziefer gerückt haben, so entmenschlicht auch die BILD in Permanenz die Feinde des gesunden Volksempfindens, um ihren Lesern die Botschaft zu vermitteln, die sie hören wollen: Wir, die Normalen, kämpfen für unseren Alleinanspruch, zu definieren, was innerhalb unserer Parameter als gesund oder abartig anzusehen ist! Würde man unter den Lesern der BILD (und das sind wir per se alle) eine Abstimmung initiieren, wie mit Verbrechern der Kategorie “Bestie von Höxter” am besten zu verfahren sei, hätte die längst vergessene Kunst des Pfählens vermutlich gute Chancen auf einen der vorderen Plätze. Und zwar ohne langes Fackeln, ohne Gerichtsverhandlungen, Anwälte, Plädoyers, Zwischentöne, die vom gemeinen Bürger überwiegend als Verschwendung von Zeit und Steuergeldern angesehen werden. “Rübe ab”, war in meiner Kindheit noch ein feststehender Begriff an jedem Stammtisch, der auf sich hielt - und keineswegs im metaphorischen Sinne! Unterm “Führer”, das wissen seine Apologeten, die Ewiggestrigen, aber auch diejenigen, die ihre Hassbotschaften heutzutage unter Pseudonymen auf Facebook verstecken, war ja auch nicht alles schlecht: die Autobahnen zum Beispiel, oder die Angewohnheit, jene, die das Volksempfinden nicht mehr als Menschen, sondern nur mehr als Tiere, sprich: Monstren, wahrnimmt, mit Stumpf und Stiel auszumerzen. Was aber bedeutet diese Entmenschlichung im Umkehrschluss? Wir distanzieren uns explizit von jenem Teil unseres Wesens, der die dunklen, die gewalttätigen Triebe des Homo Sapiens beherbergt. Wir distanzieren uns und praktizieren eine Form der Selbstverleugnung, die besagt, dass etwas, das “anerkanntermaßen” außerhalb der menschlichen “Rasse” existiert, folgerichtig auch außerhalb der menschlichen Gesetze steht. Demnach kann es kein Unrecht sein, Mörder, Kinderschänder oder sonstige “Volks-Schädlinge” wie das “liebe Vieh” abzuschlachten, denn, hat nicht schon der Apostel Paulus gesagt: »Alles, was auf dem Fleischmarkt erhältlich ist, das esst und forscht nicht nach, damit ihr eure Gewissen nicht beschweret.« (Paulus, 1. Korinther 10,25) Gewissen, das ist ein schönes Wort, mit dem heutzutage niemand mehr etwas anfangen kann. Wozu ein Gewissen haben, wenn es keine Hölle gibt, in der wir am Tage des Jüngsten Gerichtes unsere Sünden büßen? Der Mensch betrachtet sich als ein edles Geschöpf, hoch über allen andern Geschöpfen dieses Planeten thronend und somit berechtigt, über deren Wohl und Wehe nach eigenem Gusto zu entscheiden. Umso wichtiger ist es, nach dieser Lesart, Verbrecher wie die besagte „Bestie von Höxter“ außerhalb der menschlichen Gemeinschaft zu stellen, denn, würden wir das nicht tun, müssten wir uns wohl oder übel eingestehen, dass jeder einzelne von uns – jeder! - faktisch in der Lage wäre, ähnlich abscheuliche Verbrechen zu begehen, was im Übrigen ja auch oft genug der Fall ist. Wir müssten uns eingestehen, dass das vermeintlich Edle an uns ad infinitum eine Abfolge von Selbsttäuschungen ist, die darauf zielt, jedwedes Wesen, dass per Stammtisch-Definition Nicht-Mensch ist, demnach Un-Mensch, so behandelt werden darf, als wäre es komplett wertlos und im ursprünglichen Sinne vogelfrei!

Bei der BILD gibt es keine Differenzierungen: „Bestie von Höxter flirtete mit 500 Frauen“ heißt es, als sei allein schon das Flirten mit Frauen ein Kapitalverbrechen. (Und überhaupt: Wie lässt sich diese Zahl ermitteln? Wer hat das wie festgestellt?) Über den Anwalt des Beschuldigten wird (mit Foto!) die Aussage getroffen: „Er verteidigt die Bestie von Höxter“. Klare Ausgrenzung, klare Stigmatisierung, das ist das Prinzip, mit dem die BILD und zahlreiche andere Publikationen ihr Geschäft betreiben. Heute ist es die „Bestie von Höxter“. Morgen sind es wieder die Griechen oder der bedauernswerte Lothar Matthäus. Der Plebs verlangt simple Antworten: Du böse, ich gut. Du schwarz, ich weiß. Du Monster, ich Mensch. Ich bitte darum, mich richtig zu verstehen: Natürlich ist ein Verbrecher ein Verbrecher und muss nach den Gesetzen, die wir uns als Gemeinschaft gegeben haben, vor ein ordentliches Gericht gestellt werden. Aber darauf liegt die Betonung: vor ein ordentliches Gericht, nicht vor den Volksgerichtshof der Stammtisch-Rhetoriker.

Was macht uns zur Krone der Schöpfung? Die Tatsache, dass wir in der Lage sind, Objekte zu fernen Gestirnen zu schicken, oder aber die Ingeniösität, die wir bei der industriellen Vernichtung von sechs Millionen Juden an den Tag gelegt haben? Es ist das Nichtverstehen-Können, das Nichtverstehen-Wollen des Anders-Menschlichen, das uns den Blick auf die eigene Fehlbarkeit verstellt. Anders ausgedrückt: man muss das Böse zunächst verstehen um in der Lage zu sein, dessen Intentionen zu begreifen!

Mensch sein bedeutet insbesondere auch, die Widersprüche des Menschseins auszuhalten. Wer glaubt, dass Hitler ein Monstrum, eine Bestie war, der täuscht sich. Es ist genau jenes allzu Menschliche an ihm, das ihn mehr entlarvt als jede sprachlichen Simplifizierung: Das Böse, das sind nicht stets und ausnahmslos die Anderen, das Böse, das sind wir selbst! Besser, wir gewöhnen uns an diesen Gedanken. Besser wir begreifen, dass wir unsere Widersprüche aushalten müssen, anstatt sie immerfort in simple Parolen zu gießen. Der Beschuldigte von Höxter, so will ich ihn nennen, ist keine Bestie; er ist ein Mensch. Und das, was er möglicherweise getan hat, ist ausdrücklich Teil seiner Menschlichkeit, und nicht Teil einer allein schon sprachlich verqueren Un-Menschlichkeit! Un-Menschen, das sind diejenigen, denen das Wort Bestie allzu leicht von der Zunge geht, nicht gewahr der Tatsache, dass derjenige, den sie so brandmarken, in Wahrheit ein schartiges Bild ihrer Selbst ist.

 

 

© 2016 Peter Conrad

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