Hunderttausend Höllenhunde!

 

Der Hund, nicht etwa die Frau, wie manch Arglose behaupten, ist der beste Freund des Menschen. Der Hund ist treu, der Hund ist tapfer, der Hund ist loyal – wer darf das schon von seiner besseren ehelichen Hälfte behaupten? Deshalb konnte meine Reaktion auch gar nicht anders lauten, als mir der Familienrat unaufgefordert mitteilte, dass wir in Kürze ein sabberndes, schwanzwedelndes Fellbündel zu erwarten hätten. Wie aus der Pistole geschossen rief ich: „Nicht mit mir!“, verließ das Haus, kündigte meinen Job, reichte die Scheidung ein und verdingte mich als christlicher Märtyrer.

 

 

 

Am nächsten Morgen war er da. In Größe und Lebhaftigkeit einem behaarten Medizinball durchaus anverwandt: Zerberus alias Wolf von Niebelschütz vom Stamme Altdeutscher Schäferhund. Als er meiner ansichtig wurde, ging er winselnd in die Hocke und pinkelte auf die Auslegware.

 

„Du jagst ihm Angst ein“, erklärte Renate, meine leidgeprüfte Frau.

 

„Wie kann ich ihm Angst einjagen? Ich habe ja nicht mal was gesagt.“

 

„Eben. Du hast noch nicht mal was gesagt. Er möchte dich kennenlernen. Das ist doch verständlich. - Halt ihm die Hand hin.“

 

„Was? Damit er auch darauf sein Geschäft verrichtet?“

 

„Unsinn. Er soll deinen Geruch aufnehmen und entscheiden, ob du ein Freund bist.“

 

„Ach? Der Hund entscheidet, ob ich ein Freund bin?“

 

„Hunde sind gute Menschenkenner.“

 

„Schön. Und was, wenn er mich nicht als Freund akzeptiert? Muss ich dann fortan im Gartenhaus wohnen?“

 

Renate verschränkte die Arme vor der Brust und schwieg. Sie sah mich an. Sie sah mich kritisch an. Ich reichte dem Hund die Hand. Er blickte darauf. Er biss hinein. Ich erläuterte in ruhigen, abgewogenen Worten meine Pläne, das Tier auf der Stelle ins Purgatorium oder zumindest in Dantes Stygischen Sumpf befördern zu wollen. Das wurde von meiner Familie als unpassende und kaum dem jugendlichen Alter des neuen Hausgenossen angemessene Wortwahl kritisiert.

 

„Er ist doch noch ein Baby“, lautete der allgemeine Tenor.

 

„Ein Baby?“ Ich war fassungslos. Der Sanitäter rammte die Tetanus-Spritze in meinen Gesäßmuskel und erklärte der andächtig im Kreis um mein hinteres Ende versammelten Sippe, dass er einen Rauhaardackel besessen habe, Schnuffel mit Namen, der im vorletzten Jahr an einer Lungenentzündung verschieden sei. Er war elf. Der Dackel, nicht der Sanitäter. Eine wahre Woge des Mitgefühls begrub den Mann unter sich.

 

„Wir hätten ihm den Köter schenken sollen“, grummelte ich, als er endlich gegangen war. Dies natürlich nicht, ohne vorher ausgiebig mit Klein-Zerberus getobt zu haben. Mehrere Stehlampen, ein von dem Star-Designer Luigi Gonokokki entworfener Glastisch und das Bild meiner Mutter waren zu Bruch gegangen.

 

„Der Hund hat einen Namen. Er ist ein vollwertiges Mitglied unserer Familie.“

 

„Ja, stimmt. Zerberus. Der Höllenhund. Wirklich passend.“

 

„Ich werde ihn Zerbi nennen“, verkündete Bärlebärchen, meine dreizehnjährige Tochter. „Zerbi, huhu. Zerbi, huhu, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi …“ (usw., usw., usw.)

 

Der Hund betrachtete meine Tochter mit jenem ostentativ zur Schau getragenen Mangel an Geistesgegenwart, der auch sein späteres Leben signifikant bestimmen sollte. Rin-Tin-Tin, soviel stand fest, war er nicht.

 

 

 

Am Abend, als ich bereit war, mein von den Sorgen des Tages schweres Haupt auf die lieblich lockenden Kissen zu betten, holten mich die Erstgenannten wieder ein. Im Familienrat wurde einstimmig (mit einer Gegenstimme) beschlossen, dass Zerberus in unserem Schlafzimmer zu nächtigen habe.

 

„Er ist ja noch ein Baby“, war der allgemeine Tenor.

 

Unsere eheliche Lasterhöhle, das muss vorab gesagt werden, befindet sich im oberen Stockwerk, das durch eine künstlerisch wertvolle Holztreppe mit offenen Stufen zu erreichen ist. Der Hund, wie nicht anders zu erwarten, war weder in der Lage noch willens dieselben hochzusteigen.

 

„Du musst ihn tragen“, sagte meine Frau, und das war nicht als Vorschlag gemeint.

 

„Der Hund stinkt“, konstatierte ich.

 

„Der Hund stinkt nicht, er riecht wie ein Hund. Und sein Name ist Zerberus.“

 

„Oder Zerbi.“

 

„Ein Hund, der wie ein Hund riecht, stinkt. Ich habe nicht die geringste Lust, ebenfalls zu stinken.“

 

„Männer stinken sowieso“, erklärte meine dreizehnjährige Tochter im Brustton der Überzeugung, als sei ihr dies Faktum seit der Vorschule bestens vertraut.

 

„Männer stinken nicht. Männer riechen wie Männer. Oder wie Menschen.“

 

„Sie stinken“, beharrte meine Tochter.

 

Der Hund sah mich an. Ich sah den Hund an. Zerberus ging in die Hocke und pinkelte auf die Fliesen. Meine Frau rief von oben: „Wisch das weg. Das gibt Ränder.“

 

„Zu Befehl, mon Général“, murmelte ich, ingrimmig mit den Zähnen mahlend.

 

„Hast du was gesagt?“

 

„Nicht ich, der Hund.“

 

 

 

Damit begann eine fruchtbare Phase des Hinauf- und Hinuntertragens, während derer Zerberus und ich Gelegenheit fanden, uns ausgiebig zu beschnuppern. Nun sind kleine Hunde kleinen Kindern durchaus ähnlich. Sie erwachen früh, sehr früh zumeist, und müssen dann in der Regel ganz dringend irgendwo hin. Dies zu gewährleisten, wurde eine meiner vornehmsten Aufgaben. Auch und erst recht am heiligen Sonntag. Bereits um Fünf schellte der Wecker, um mich in Herzinfarkt fördernder Intensität an meine vielpfotige Nemesis zu erinnern. Schon bald hatte auch der Hund die Zeichen der Zeit erkannt. Schwanzwedelnd, sabbernd und erwartungsfroh jaulend stand er am Treppenabsatz, wenn ich, noch im Halbschlaf befindlich, mit der linken großen Zehe schmerzhaft Kontakt mit dem Türrahmen aufnahm. Beugte ich mich dann hinab, ihn auf die Arme zu nehmen, lief er fröhlich bellend und mit dem Schwanze wedelnd davon, in der Annahme, dies sei ein fabelhaftes neues Spiel, das ich, sein allerbester Kumpel, ausschließlich zu seiner privaten Zerstreuung ersonnen hatte.

 

„Zerberus“, rief ich, dabei auf Strenge in meinem Tonfall achtend. „Zerberus! Hü! Halt! Stopp! Hopp! Platz! Putz! Blitz!“

 

„Geht es auch ein bisschen leiser“, kam es missmutig aus dem Zimmer meiner Tochter. „Es gibt Leute in diesem Haus, die noch pennen wollen.“

 

„Was um Himmelswillen machst du da, Gisbert?“, kam es schlaftrunken aus der ehelichen Kemenate.

 

„Ich versuche“, versuchte ich zu erklären und war bemüht den gereizten Tonfall in meiner Stimme botmäßig zu zügeln, „ich versuche, den Hund nach unten zu tragen, damit er sein Geschäft, erledigen kann.“

 

„Na, dann mach doch endlich“, grummelte Renate, „und weck nicht das ganze Haus auf.“

 

„Zerbi“, rief meine Tochter, „Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi …“ (usw., usw., usw.)

 

 

 

Der Hund wurde größer, ich nicht. Das Verhältnis seiner Größe zur Traglast meiner Arme verkehrte sich umgekehrt proportional. Einmal fielen wir in schöner Eintracht die Treppe hinunter. Der Hund hielt das selbstverständlich für ein fabelhaftes neues Spiel, das ich, sein allerbester Kumpel, zu seiner privaten Zerstreuung ersonnen hatte. Er leckte mein Gesicht und pinkelte vor Freude auf die Auslegware.

 

„Geht es auch ein bisschen leiser? Es gibt Leute, die nicht um fünf Uhr morgens aus dem Bett fallen möchten“, rief eine missmutige Stimme.

 

Der Hund, in der Annahme, etwas falsch gemacht zu haben, winselte jämmerlich.

 

„Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi …“

 

 

 

Die Wochen vergingen, und ich versuchte dem Köter die grundlegenden Regeln eines geordneten Miteinanders zwischen Krone der Schöpfung und Schöpfung nahezubringen. Die hohe Kunst des Apportierens beispielsweise.

 

„Hier“, rief ich und zeigte ihm das eigens zu diesem Zweck im Hundehalter-Fachbedarf erworbene Stöckchen aus ökologisch angebautem Massaranduba-Holz, „bring das Stöckchen, Zerbi, bring es dem Herrchen!“ und warf den Ast soweit ich nur konnte in die frühmorgendlichen Dunst absondernden Felder, Wälder und Auen hinaus. Der Hund wandte den Kopf, spitzte die Ohren, peitschte mit der Rute, blickte dem in einer nahezu perfekten Ellipse am Horizont verschwindenden Stöckchen nach – und tat nichts. Er blieb wie angewurzelt sitzen.

 

„Gut“, sagte ich, „du bist noch jung und weißt es nicht besser, deshalb werde ich dir einmal zeigen, wie das vonstattengeht. Aber nur einmal, hörst du?“

 

Zerberus sah mich an, und seine treuen braunen Augen schienen nichts als bedingungslose Ergebenheit zu signalisieren. Also nahm ich die Beine in die Hand und trabte los, um meinen Massaranduba-Ast todesmutig der steil abfallenden Uferböschung eines nahe gelegenen Weilers zu entreißen.

 

„Hier“, keuchte ich, eine Viertelstunde später. Der Schweiß rann mir in Strömen am Körper hinab, die Hosenbeine waren bis zu den Knien durchnässt, das Hemd klebte feucht und von eisiger Kälte durchdrungen am Rücken. „Hier! Bring das Stöckchen, Zerbi, bring es Papa!“ Ich warf, wie nur wenige Herrchen oder Frauchen jemals zuvor in der bereits 15.000 Jahre währenden Freundschaft zwischen Mensch und Hund ein Stöckchen geworfen haben. Fast vermeinte ich Richard Strauss‘ „Also sprach Zarathustra“ aufrauschen zu hören, während der zwiefach gespaltene Ast, gleich dem Knochen in Kubricks „2001 – Odyssee im Weltraum“, eine völlig neue Dimension des menschlichen Handelns erreichte. Der Hund, wenn er es denn überhaupt zur Kenntnis nahm, schien der Meinung, dass es der Mühe nicht lohne. Er blieb sitzen.

 

„Gut“, röchelte ich, „mach dir keine Sorgen. Das alles hier ist neu und aufregend für dich, ganz klar. Du bist schlicht von der mannigfaltigen Vielfalt der Eindrücke überwältigt. Wir dürfen nicht die Geduld verlieren. Bleib einfach sitzen, ich hole das Stöckchen.“

 

Fünfundzwanzig Minuten später war ich zurück. Der Hund hatte sich nicht von der Stelle bewegt. Brav. Kleine bunte Punkte flimmerten vor meinen Augen, und das Blut rauschte in den Ohren, als ob eine überlastete Staumauer in meinem Inneren demnächst zu bersten drohe.

 

„Hier! Bring das Stöckchen, Zerbi. Bring es dem … dem … Herrchen!“

 

Der Ast, geworfen mit der Eleganz, die nur ein seine Technik vollendet beherrschender Hundehalter zuwege bringt, steifte die Krone einer im Ostwind erschauernden Pappel, köpfte im Vorüberflug beinahe einen nichtsahnend seiner Wege ziehenden Fischreiher, erschreckte die Passagiere des Linienfluges Düsseldorf-Hamburg, begab sich auf eine Umlaufbahn und nahm schlussendlich, geschätzte dreieinhalb Meter vor meinen Füßen, mit einem trockenen „Plopp!“ wieder Kontakt zu Mutter Erde auf. Zerberus schien dies alles kalt zu lassen.

 

„Dämlicher Köter“, bemerkte ich mit dem letzten Rest Würde, der mir noch verblieben war.

 

Der Hund sah mich mit einem Ausdruck an, als wolle er sagen: „Nicht so dämlich wie du, mein Bester!“

 

 

 

Dann kam der Tag, vor dem ich mich am meisten gefürchtet hatte.

 

„Der Hund muss lernen, Gassi zu gehen“, entschied meine Gattin.

 

„Aha“, sagte ich und warf einen Blick auf meine Tochter, die urplötzlich kontemplativ in ihre Mathe-Hausaufgaben versunken war.

 

„Der Hund muss Gassi gehen, Bärlebärchen“.

 

„Hier“, sagte meine Frau, „hier ist die Leine. Du siehst doch, dass deine Tochter beschäftigt ist.“

 

„Äh, Schatz, eigentlich müsste ich jetzt meinen Beitrag zur Steigerung des Bruttoinlandsproduktes leisten.“

 

„Das hat Zeit“, beschied Renate.

 

 

 

„Ach, der ist ja niedlich. Ist das deiner, mein Junge?“ Frau Semmelschwamm, unsere Nachbarin, ist vierundneunzig Jahre alt, aber, vermittels Gehhilfe, immer noch gut zu Fuß.

 

„Nein“, antwortete ich freundlich, „damit bessere ich mir in den Ferien mein Taschengeld auf.“

 

„Das ist fein. Dann kannst du ja demnächst auch mal Hektor ausführen.“ Sie blickte liebevoll auf einen unglaublich fetten Dackel, der definitiv nicht gut zu Fuß war – was auch schwierig ist, wenn die Füße aufgrund des Bauches den Bürgersteig nicht zu berühren vermögen.

 

„Ja, schau nur. Braver Hund. Hast du dein Geschäft gemacht. Feiner Junge. Wie heißt er denn, der kleine Racker?“

 

„Zerberus.“

 

„Das ist schön. Dann hoffe ich mal, dass du eine Tüte griffbereit hast.“

 

„Eine … Tüte?“

 

„Ja, wo man das da rein tut. Schließlich wollen wir doch nicht, dass all die stinkenden Häufi-Bäufis auf dem Bürgersteig liegenbleiben, nicht wahr?“

 

„Genau“, bestätigte ich und rührte mich nicht von der Stelle. „Genau.“

 

„Na, dann warte ich mal, bis du das aufgenommen hast.“ Das alte Luder grinste teuflisch.

 

 

 

„Wo willst du denn jetzt schon wieder hin?“, rief meine leidgeprüfte Gattin, als ich die Haustür mit dem Ellenbogen öffnete. „Du warst doch gerade eben noch draußen und hast die Nachbarin angebaggert. Ich hab’s genau gesehen.“

 

„Zum Arzt“, erklärte ich.

 

„Zum Arzt?“, fragte Renate. „Was willst du denn beim Arzt? Bist du krank?“

 

„Ich brauche eine Tetanusspritze. Ach ja, und lass mir bitte ein heißes Bad ein.“

 

„Ein Bad? Es ist acht Uhr morgens! Musst du heute nicht zur Arbeit?“

 

„Das hat Zeit, Häschen, jede Menge Zeit!“

 

„Und wo ist der Hund?“

 

„Festgebunden. An der Schnellstraße!“

 

„Gisbert???“

 

„Später, Schatz, …“

 

 

 

Ja, was kann ich sonst noch erzählen? Zerberus wuchs mit atemberaubender Geschwindigkeit. Irgendwann war er so groß wie ein sibirischer Tiger. Doch in seinem Inneren steckte, und steckt bis heute, das Gemüt eines etwas schlicht geratenen Teddybären. „Er will doch nur spielen.“ Jaja. Früher konnte ich mich über diesen Spruch maßlos erregen und die Besitzer stinkender, unerzogener, schwanzwedelnder Köter wortreich zur Hölle wünschen. Heute nicht mehr. Heute bin ich selber einer. Also ein Hundehalter. Mit dem Schwanz pflege ich nicht zu wedeln.

 

 

 

Abend für Abend, wenn ich nach Hause komme, galoppiert mir Zerberus entgegen, reißt mich zu Boden und lässt sich weder durch Leckerli noch durch gute Worte davon abhalten, mir seine bedingungslose und spreichelvolle Sympathie zu demonstrieren.

 

„Er freut sich“, ruft meine Frau aus der Küche.

 

„Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi, Zerbi“, dringt es aus dem Zimmer meiner Tochter, von stampfenden Beats heimelig unterlegt.

 

Der Hund schaut mich aus seinen großen, braunen, arglosen Hundeaugen an und denkt: „Da ist er wieder. Mein allerbester Kumpel. Keiner versteht mich so wie gut wie er. Okay, er ist hässlich, hat kein Fell und nur zwei Beine, aber trotzdem, ich mag ihn. Wuff.“

 

Ja, geehrte Tierfreunde und Mit-Hundehalter. Was soll ich  sagen? Ich mag dich ebenfalls, Zerbi. Obwohl ein Wellensittich meinen Ansprüchen durchaus genügt hätte.

 

Wuff, Wuff.