Im Kunstverein

 

„Kunst ist schön – macht aber viel Arbeit.“ Wer hat das gesagt? Kafka? Bert Brecht? Thomas Gottschalk? Ich habe grundsätzlich nichts gegen die Früchte der Arbeit einzuwenden! Allerdings nur dann, wenn dabei kein Lärm entsteht, Kinder oder Nutztiere unverschont bleiben und der öffentlich-rechtliche Nahverkehr planmäßig zum Erliegen kommt. Kunst, so heißt es, komme von Können. Ja, Können. „Ein weites Feld.“ (Fontane, Theodor: „Briest, Effi“.) „Ich habe aufgehört, Gedichte zu schreiben, als mir der Verdacht kam, ich ,könne‘ jetzt Gedichte schreiben!“ Das schrieb die Dichterin Ingeborg Bachmann zum Thema Gedichteschreiben. Vermutlich ist diese Erkenntnis einer der Gründe, warum nach ihr ein bedeutender Literaturpreis benannt wurde, wohingegen Malte Fahnenschwenker bestenfalls als Trostpreis firmieren sollte.

 

 

 

Was? Sie kennen Fahnenschwenker nicht?

 

 

 

„Wie? Du kennst Fahnenschwenker nicht!“ Renate, die beste all meiner Ehefrauen, gibt sich einigermaßen konsterniert.

 

„Ist mir nicht geläufig“, entgegne ich.

 

„Malte“, wiederholt sie, „Fahnenschwenker!“

 

„Warte, Schatz. Warte nur ein Weilchen. Malte Fahnenschwenker , der … der …“

 

 „… hochrenommierte…“

 

„… hochrenommierte …“

 

„Ja?“

 

„War der nicht mal Vorstopper bei Rot-Weiß Oberhausen?“

 

„DICHTER, DU TROGLODYT!“ 

 

Troglodyt. Woher Renate derlei Termini kennt, ist mir schleierhaft. Na gut, Zeit, um Kreuzworträtsel zu lösen, ist reichlich vorhanden. Die Kinder sind groß (annähernd), der Waschautomat wäscht, wie der Name verrät, die Wäsche vollautomatisch, und das Unkraut im Garten wuchert definitiv ohne das wohlwollende Zutun meiner Gattin.

 

„Und den willst du dir also heute Abend …“

 

„Nein, Gisbert. Nicht ich! WIR werden uns den heute Abend. Und zwar GEMEINSAM! Habe ich dir schon vor Monaten angekündigt.“

 

„Wir? Heute? Ganz schlecht, Pfirsichblüte.“

 

„Und warum, wenn ich fragen darf?“

 

Ja. Gute Frage. Warum eigentlich? Soll ich ihr, der Gazelle meiner uferlosen Leidenschaft, ins von den Jahren gebeugte Antlitz rufen, dass mich die Ergüsse eines Herrn Fahnenschwenker nicht die Bohne interessieren, und dass ich beabsichtige, mit meinen Kumpels Fronwein, Hallmackenreuther und Harfenbläser das Innere einer gut abgehangenen Flasche „Double Damnation Single Malt Whiskey“ zu erkunden? Ausgeschlossen. Das hieße, im Stechschritt mit schlickverschmierten Stulpenstiefeln über ihre zartesten Empfindungen hinweg zu marschieren.

 

„Klassische Hexameter-Allergie, Baby“, lüge ich schamlos, aber durchaus inspiriert. „Schon seit frühester Jugend. Diärese bereitet mir Diarrhö.“

 

„Gisbert“, sagt sie lächelnd.

 

„Ja, Schatz.“

 

„Wollen wir das wirklich ausdiskutieren? Mit allem Drum und Dran?“

 

Ich erbleiche. „Nein, Schatz.“

 

„Sind wir uns demnach einig?“

 

„Gewiss, Honigtaube. Wir waren uns immer einig. Erst recht, als wir uns nicht einig waren. - Wann genau fährt der Bus? Soll ich uns Fensterplätze reservieren?“

 

 

 

Die Geschichte der Malerei lässt sich grob in zwei Perioden unterteilen: Erstens die, in der das Ergebnis eine gewisse, dem Talent des Meisters geschuldete Ähnlichkeit mit dem abgebildeten Objekt aufwies. Zweitens die, in der nicht mal Mutmaßungen über die wahre Natur des auf der Leinwand konterfeiten Gegenstandes möglich erschienen. Gleiches gilt für die Dichtkunst: (a) Verse, die sich schlecht oder recht oder gar nicht reimen, (b) Elaborate, bei denen weder Metrik noch Sinn eine wie auch immer geartete Verbindung zum Verständnis der wahrnehmbaren Welt besitzen. Oder zu irgendetwas anderem. Hurz!

 

 

 

Die alteingesessene Buchhandlung „Peperkorn, Schlemihl & Konsorten“ ist so geschmackvoll eingerichtet, wie der Salon im Hause Stein anlässlich einer Plauderei über den abwesenden Herrn von Goethe. Buchsbäume in Terrakotta-Töpfen flankieren ein aus tropischen Edelhölzern geklöppeltes Stehpult, auf dem eine Messinglampe ihr rauchwarmes Licht versendet. Im Auditorium werden Plastik-Klappstühle entfaltet, deren Gesäß-Freundlichkeit in einem Bereich jenseits der menschlichen Wahrnehmung oszilliert. Ich hocke in der vierten Reihe von vorn, neben mir eine Dame unbestimmbaren Alters, ebensolcher Haarfarbe, die sich als Helene Gleichstrom zu erkennen gibt. „DIE Helene Gleichstrom“, wie sie betont.

 

„,Das Verblasen des Leviathans‘ – ein Klassiker der Postmoderne! Ist Ihnen doch zweifelsohne geläufig, teurer Freund!“

 

„Und ob!“, rufe ich und hoffe, dass dieses zackig vorgetragene „und ob“ ihre Lust auf weitere Rückfragen dämpfen möge.

 

„Dichten Sie ebenfalls?“

 

„Ach mehr so für den Hausgebrauch!“

 

Das alte Schlachtross beugt sich vertraulich in mein Ohr und senkt die Stimme. „Müsste ich Sie womöglich kennen?“

 

„Flötenzupfer, Gisbert, Doktor hic fuit. Autor des Werkes ,Wortwedelnde Unfügsamkeiten‘. Verlag Vielseitig & Söhne.“

 

„Natürlich!“ Sie legt ihre von knotigen Adern gefurchte Hand auf meinen Arm. „Wortwedelnde Unfügsamkeiten. Hab ich doch gelesen, mein Guter. Letztes Jahr in Marienbad. Oder war das vorvergangenes Jahr in Gifhorn? Außergewöhnliche Sprachbeherrschung. Außergewöhnlich.“

 

„Seien Sie bedankt, liebste Freundin.“

 

„Wobei … natürlich nicht frei von Schwächen.“

 

„Natürlich.“

 

„Zweifelsohne Ihrer Jugend geschuldet.“

 

„Zweifelsohne. Bitte um Nachsicht.“

 

„Ruhe jetzt“, zischt der Greis zu meiner Rechten. „Da kommt die Zaubermaus.“

 

„Die Zaubermaus?

 

„Unsere geschätzte Frau Vorsitzende.“

 

„Hölle!“, entfährt es mir.

 

„Nicht Holle, Sie Knilch. Das ist die aus dem Grimm’schen Œuvre. Flötenzupfer. Renate Flötenzupfer. Rattenscharfes Teil, wenn ich an dieser Stelle meinen Urenkel bemühen darf.“

 

Er stößt mir den Ellenbogen in die Hüfte und zwinkert vielsagend.

 

„Je suis d’accord“, stöhne ich. „Je suis d’accord …“ (Warte, Renate, oh warte! Komm du mir heute Abend nach Hause!)

 

„Zeitgenössische Literatür, pardon, Literatur, ist oder sollte doch stets das Eine sein“, beginnt unsere rattenscharfe Frau Vorsitzende ihre einleitenden Auslassungen, „Kunst nämlich. Kunst, um die Sinne zu betören, Kunst, um der Schönheit der Sprache wohlklingenden Ausdruck zu verleihen. Aus diesem Grunde freuen wir uns besonders, Ihnen, liebe Mitglieder des Förderkreises Worte & Taten e.V., heute Abend Malte Fahnenschwenker präsentieren zu dürfen, einen Autor, der, so darf ich wohl sagen, in Deutschland bereits einiges zum Rauschen gebracht hat. Also, will sagen, im Blätterwald. Rauschen im Blätterwald. Dem feuilletonistischen Blätterwald.“

 

„Wo zieht’s?“, raunt der Greis.

 

„Es zieht nicht, es rauscht!“

 

„Und wo rauscht’s?“

 

„Im Blätterwald.“

 

„Wo?“

 

„IM BLÄTTERWALD!“

 

So, jetzt sind wir der exklusive Aufmerksamkeit des Auditoriums sicher. Renate sendet mir Blicke wie Marschflugkörper, bevor sie den Faden, den kurzfristig entglittenen, gekonnt zu neuer Wolle spinnt: „Maestro Fahnenschwenker wird uns Proben aus dem Werk ,Geriatrische Adoleszenz – Gedichte & redundante Devotionalien‘ präsentieren. Kurze, stilistisch gleichwohl meisterhafte Texte, die bereits beim vorletztjährigen Carmen-Nebel-Literaturpreis in Wanne-Eickel für einiges Kopfschütteln gesorgt haben.“

 

„Erstklassige Möpse“, stellt der Weltkriegsveteran mit der Miene des ewigen Connaisseurs fest. „Da sind wir uns wohl einig, Kamerad, oder? Ganz erstklassige Möpse. - Wie war doch gleich der Name?“

 

„Flötenzupfer“, verkünde ich.

 

Er sieht mich an. „Flöten- ?“

 

„-zupfer!“

 

„Sind Sie…?“

 

„Jawohl, ich bin. Der gesetzlich angetraute Mitbewohner dieser spektakulären sekundären Geschlechtsmerkmale.“

 

Er winkt mich heran. „Altersdemenz, Sie verstehen? War keineswegs despektierlich gemeint.“

 

„Was denn?“

 

„Das mit den –. Sie wissen schon.“

 

„Nein. Was?“

 

„MÖPSEN!“ Betretenes Schweigen all umher. Möpse, das sind Dinge, vielmehr Dinger, die man hier, im Rahmen dieser durchgeistigten Runde, ganz gewiss noch nie vernommen, geschweige denn mit eigenen Ohren gesehen hat. Möpse, das sind - KÖRPERTEILE! Degoutant! Schon eine entblößte Altherrenhemdbrust vermöchte das Weltbild dieser Freunde der Kunst in den Bereich der Einsturzgefährdung zu versetzen.

 

Zum Glück für uns alle entert just in diesem Moment der vielgepriesene Fahnenschwenker die Bühne. Er ist klein, fett, kahl und irgendwie schwurbelig. Matt wie durch herbstlichen Windhauch empor getragen erhebt sich der Beifall – alsbald klaglos verendend. Der Künstler steht vor dem Auditorium, die wasserstoffblauen Augen hinter backsteindicken Brillengläsern justierend, und macht nicht die geringsten Anstalten, mit der Lesung zu beginnen.

 

„Vielversprechendes Talent“, flüstert die Gleichstrom. „Sehr vielversprechend.“

 

„Nur momentan nicht, oder?“, vermeine ich zu bemerken.

 

„Wer, zum Teufel, ist das?“, fragt der Weltkriegsveteran.

 

„Fahnenschwenker.“

 

„Wer, zum Henker?“

 

„FAH-NEN-SCHWENKER!“

 

„Ah, diese Bläue“, ruft Fahnenschwenker. Das war dann wohl der Startschuss. Allgemeines Stühlerücken. Nachfolgend erwartungsfrohes Schweigen. Auch der Dichter schweigt. Seine Lider haben sich über die Pupillen gesenkt, der Kopf ruht auf dem doppelt ausgeprägten Denkerkinn.

 

„Schläft der?“, will Hindenburg wissen. „Schläft der etwa?“

 

„Ah, diese Bläue“, ruft Fahnenschwenker, von einem Moment zum anderen aus seiner katatonischen Starre erwachend. „Ah, diese unendliche , endliche …“

 

Ein Handy klingelt: „Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm…“

 

„Das sind Sie“, bemerkt Helene Gleichstrom.

 

„Nie und nimmer“, entgegne ich.

 

„Tausend tolle Sachen, die gibt es überall zu sehn. Manchmal muss man fragen, um sie zu versteh‘n…“

 

„Das Gesinge kommt aus Ihrer Hose.“

 

„Ich muss doch sehr bitten, gnä‘ Frau …“

 

Das Gesinge verstummt. Die Mailbox. Endlich. Gott ist groß!

 

Meine Blicke streifen das Antlitz meiner Gattin. Blanke Mordlust entstellt ihre Züge.

 

Renate erhebt sich. Sie geht, als nenne sie Testikel ihr Eigen. Welch‘ befremdliche Vorstellung! Vielleicht sollte ich darüber mit meinem Therapeuten reden.

 

„Ich darf wohl darum bitten, dass Handys und sonstige Höllenmaschinen während des dichterischen Vortrags grundsätzlich ausgeschaltet bleiben. Danke.“

 

Renate setzt sich, ingrimmig dreinblickend, während Fahnenschwenker die Nase erneut im Doppelkinn versenkt. Minuten vergehen. Sie erscheinen uns wie Stunden. Irgendwo, links hinten unten, bekommt ein wackerer Freund der Dichtkunst einen tödlichen Hustenanfall. Ich selbst frage mich leicht melancholisch ob mein einst schütteres Haar allmählich grau wird. Dann, endlich, öffnet der Dichter die Augen. Und nicht nur die. Auch der untere Teil seines Kopfes wird entriegelt und erschließt solchermaßen dem Publikum die Aussicht auf ein erwartungsfroh schnarrendes Gaumenzäpfchen.

 

„Ah, diese Bläue …“

 

Die Tür zur Buchhandlung „Peperkorn, Schlemihl und Konsorten“ öffnet sich, in den Scharnieren bedenklich knarzend. Hier ist vorzeiten Uhland eingetreten. Mörike ebenfalls. Auch der große Gerhart Hauptmann. Ein junger Mann erscheint. Dass es sich um Mörike handelt, ist unwahrscheinlich. Er trägt mit Stolz die Uniform der venezianischen Gondoliere. (Oder ist es die der Päpstlichen Schweizer Garde?) „Pizza ,Pompeij‘ mit doppelt Käse und Formschinken, ein kleiner Salat ,Cavalleria Rusticana‘ ohne Tomaten, zwei Dosen Cola Light und eine Familienflasche Vino Rosso der Hausmarke ,Lorenzo il magnifico‘“, ruft er so triumphierend in die Runde, als sei er der Bote Pheidippides vor den Mauern Spartas

 

Niemand macht Anstalten dies mit einer angemessenen Reaktion zu würdigen. Alle blicken wie gebannt, doch sprachlos auf unseren bedauernswerten arabischen Migranten.

 

„Ey, Leute, ich hab echt keine Zeit, ja. Also, wer von euch hat den Scheiß hier bestellt. Elf Fünfundzwanzig, bittschön, dann mach‘ ich die Biege.“

 

Keiner? Natürlich nicht! Wer käme denn auf solche Capricen? Hier geht es um Kunst, meine Damen und Herren. Um Literatur. Um die luftigen Hügel Arkadiens, die von den Schwingen der Poesie sanft umschmeichelt werden. Da muss schnöde Nahrungsaufnahme gefälligst hintanstehen.

 

„Ey, Scheiße, Alter. Ich hab deine Handynummer. Ich ruf dich jetzt an.“

 

Er zückt ein Smartphone und beginnt mit südländischem Temperament das Display zu malträtieren. Renate, so mein Eindruck, wirft mir Blicke zu. Flehentliche Blicke! Ich schließe die Augen, in dem Bewusstsein, dass das, was jetzt passieren wird, ohnehin nicht zu verhindern ist.

 

„Wer? Wie? Was? Wieso? Weshalb? Warum? Wer nicht fragt, bleibt dumm …“

 

 

 

„Ah, diese Kruste“, schwärmt Malte Fahnenschwenker, beide Wangen bis zum Anschlag mit Pizzateig gefüllt.

 

„Man spricht nicht mit vollem Mund“, gemahnt Helene Gleichstrom. Mit Feingefühl, langjähriger Erfahrung und einer Prise Fortune gelingt es ihr, den Vino Rosso aus der bauchigen Flasche  in das vor ihr stehende Weinglas umzufüllen. „Wissen Sie, teurer Freund, ich vertrage den Stoff auch nicht mehr so wie zu der Zeit, da ich noch die eigenen Zähne ins pralle Fleisch des irdischen Jammertals geschlagen habe.“

 

„Unser altgedienter Kamerad ebenfalls nicht“, bemerke ich und deute in Richtung Hindenburg. Der Reichspräsident sitzt, halb auf seinem Stuhl zusammengesunken, den Kopf an ihre Schulter gelehnt, und schnarcht als wollte er den Geschützdonner der Schlacht bei Tannenberg übertönen.

 

„Ey, Kollege, is‘ deine First Lady sauer oder was? Die guckt so komisch…“, fragt Hadschi Halef Omar, der getreue Pizzabote.

 

“Nein, nein”, beschwichtige ich. „Das wird schon wieder, ganz bestimmt.”

 

Und wenn nicht: Nächste Woche ist in der Galerie „Schwanenfeder“ Eröffnung der Retrospektive des weltberühmten Surrealisten Kuno Klecksel. Weltberühmt meint selbstredend, in den Mauern unserer lieblichen Metropole Niederaubach.

 

 

 

„Ich bin daher statt des Gewinsels

 

Mehr für die stille Welt des Pinsels;

 

Und, was auch einer sagen mag,

 

Genussreich ist der Nachmittag,

 

Den ich inmitten schöner Dinge

 

Im lieben Kunstverein verbringe …“

 

 

 

(Wilhelm Busch)