Der Lord muss fort!


An Christoph Pellander, Leiter Redaktion und Programm-Management der ARD Degeto

 

Laputa, den 06. Dezember 2020

 

Betreff: Der Lord muss fort!

 

Sehr geehrter Herr Christoph Pellander,

 

ich appelliere an Sie im Namen der Menschlichkeit und des guten Geschmacks:

Verzichten Sie in diesem Jahr wie auch in allen folgenden darauf, den sogenannten Weihnachts-Klassiker „Der kleine Lord“ (1980) mit Ricky Schroder und Alec Guinness in den Hauptrollen auszustrahlen. Verbannen Sie dieses Machwerk epochaler Geschmacksentgleisung direkt in den Giftschrank neben ausgesuchte Zelebritäten wie  „Die goldene Stadt“ (1942) von Veit Harlan oder „Tante Jutta aus Kalkutta“ (1953) von Karl Georg Külb.

Nicht nur, dass Ricky Schroder heutzutage, wie wir den Zeitungen entnehmen durften, ein bockelharter Agitator der National Rifle Association ist, dem es keine Mühe bereitet, einen rassistisch motivierten Mörder mit seinem schlechten Namen und viel Geld auf Kaution aus dem Gefängnis zu holen (https://www.musikexpress.de/skandal-us-schauspieler-ricky-schroder-unterstuetzt-mutmasslichen-moerder-1692513/), nein, der Grund für das völlige Verglühen jedweder Empathie im Schädel dieses Ex-Kinderstars ist mit ziemlicher Sicherheit u. a. auch darauf zurückzuführen, dass ihn seine übermotivierten Eltern gezwungen haben, den kleinen Lord Fauntleroy zu mimen!

Nun ist mir bewusst, Herr Pellander, dass Sie, als Redaktionsleiter der ARD Degeto, ja praktisch von Haus aus zum schlechten Geschmack verpflichtet sind. Aber ich bitte Sie dennoch, erlauben Sie Ihrem Herzen, einmal, nur einmal, in sich zu gehen und nicht immer nur die Quote im öffentlich-rechtlichen Auge zu haben!

Sie sind doch ein gestandener Mann, ein Mann mit Kindern möglicherweise. Vielleicht sogar mit einer oder mehreren Frauen. Stellen Sie sich vor, was in den unschuldigen Gehirnen dieser Kinder (und Frauen) vorgehen mag, wenn Sie, vermittels festtäglichen Programm-Terrors, gezwungen werden, den in Schmalz gebackenen Ricky Schroder zu betrachten, der doch nun wirklich aussieht, als habe man diese Nervensäge einer auf grausame und entstellende Weise misslungenen Haartransplantation unterzogen. Von seiner überschäumend guten Laune, die nur durch den Genuss von Speed und Marihuana zu erklären ist, ganz zu schweigen! Pfui!

Herr Pelander, wenn es Ihnen nur darum geht, den freigewordenen Sendeplatz einigermaßen sinnfrei zu füllen, da böten sich doch aus den prall gefüllten Abstellkammern des öffentlich-rechtlichen Geistes zahllose Alternativen an:

Tante Wanda aus Uganda (1957), Die Abenteuer des Grafen Bobby (1961), Frau Wirtin treibt es jetzt noch toller (1970) oder, die Ultima Ratio des schlechten Geschmacks, den „Musikantenstadl“ mit Karl Moik.

Gehen Sie in sich, Herr Pellander, gehen Sie in sich. Und wenn Sie in sich gegangen sind, dann bleiben Sie am besten gleich da.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Lemuel Gulliver

 

Merke:

 

„Über den Geschmack lässt sich nicht disputieren.“ (Immanuel Kant)