Der Lord muss fort!


An Christoph Pellander, Leiter Redaktion und Programm-Management der ARD Degeto

 

Laputa, den 06. Dezember 2020

 

Betreff: Der Lord muss fort!

 

Sehr geehrter Herr Christoph Pellander,

 

ich appelliere an Sie im Namen der Menschlichkeit und des guten Geschmacks:

Verzichten Sie in diesem Jahr, wie auch in allen folgenden darauf, den sogenannten Weihnachts-Klassiker „Der kleine Lord“ (1980) mit Ricky Schroder und Alec Guinness in den Hauptrollen auszustrahlen. Verbannen Sie dieses Machwerk direkt in den Giftschrank neben ausgesuchte Zelebritäten wie „Tante Jutta aus Kalkutta“ (1953) von Karl Georg Külb oder „Hochwürden drückt ein Auge zu“ (1971) von Harald Vock.

 

Heutzutage ist der kleine Lord, wie wir den Zeitungen entnehmen dürfen, ein bockelharter Agitator der National Rifle Association, dem es keine schlaflose Nacht  bereitet, einen rassistisch motivierten Mörder auf Kaution aus dem Gefängnis zu holen (https://www.musikexpress.de/skandal-us-schauspieler-ricky-schroder-unterstuetzt-mutmasslichen-moerder-1692513/). Der Grund für dieses Verglühen jedweder Empathie im Schädel des Ex-Kinderstars ist mit ziemlicher Sicherheit darauf zurückzuführen, dass ihn seine übermotivierten Eltern gezwungen haben, in diesem Machwerk von einem verkackten Weihnachtsfilm zu agieren!

 

Nun ist mir bewusst, Herr Pellander, dass Sie, als Redaktionsleiter der ARD Degeto, ja praktisch von Haus aus zum schlechten Geschmack verpflichtet sind. Dennoch bitte ich Sie, erlauben Sie Ihrem Herzen, einmal, nur einmal, in sich zu gehen und nicht immer nur die Quote im öffentlich-rechtlichen Auge zu haben!

 

Sie sind doch ein gestandener Mann, ein Mann mit Kindern möglicherweise. Vielleicht sogar mit einer oder mehreren Frauen. Stellen Sie sich vor, was in den unschuldigen Gehirnen dieser Kinder (und Frauen) vorgehen mag, wenn Sie, vermittels festtäglichen Programm-Terrors, gezwungen werden, den in Schmalz gebackenen Ricky Schroder zu ertragen, der doch nun wirklich aussieht, als habe man ihn einer auf grausame Weise entstellenden Haartransplantation unterzogen. Von seiner überschäumend guten Laune, die nur durch den exzessiven Genuss von Speed und Marihuana zu erklären ist, ganz zu schweigen! Pfui!

 

Herr Pelander, wenn es Ihnen darum geht, den freigewordenen Sendeplatz einigermaßen sinnfrei zu füllen, da böten sich doch aus den prall gefüllten Archiven des öffentlich-rechtlichen Geistes zahllose Alternativen an: Tante Wanda aus Uganda (1957), Die Abenteuer des Grafen Bobby (1961), Frau Wirtin treibt es jetzt noch toller (1970) oder, die Ultima Ratio des schlechten Geschmacks, ausnahmslos alle Filme von Christine Neubauer.

 

Gehen Sie in sich, Herr Pellander, gehen Sie in sich. Und wenn Sie in sich gegangen sind, dann bleiben Sie am besten gleich da.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Lemuel Gulliver

 

Merke:

 

„Über den Geschmack lässt sich nicht disputieren.“ (Immanuel Kant)