Der Vielgeschichtige: Lars Eidinger oder Wie herrlich es ist, man selbst zu sein


Laputa, den 19. November 2020

 

Der Anspruch des Publikums an einen Schauspieler ist gemeinhin der, dass seine Rollen nach Möglichkeit interessanter als er selbst sein sollten. Nicht immer gelingt das. Sogar die vortrefflichsten Schurken in cineastischen Prunkstücken wie „Der Hexer“, „Das indische Tuch“ oder „Das Gasthaus an der Themse“ konnten niemals dem Vergleich mit dem wahren Klaus Kinski standhalten. Oder nehmen wir Marlon Brando: Nach Auffassung vieler Kritiker in den zwei, drei Filmen, in denen er ernstzunehmende Arbeit geleistet hat, einer der besten Schauspieler überhaupt. Doch selbst die größten Arschlöcher in der Galerie von Arschlöchern, die er auf der Leinwand gegeben hat, kamen niemals an das Riesenarschloch heran, das Brando im wirklichen Leben war.

Oder nehmen wir den Schauspieler Lars Eidinger. Selbst wenn Ihnen der Name nicht geläufig ist, darf ich versichern, dass Sie diesen Großdarsteller schon mal irgendwo gesehen haben. In den gefühlt 180 Film- und 2500 Theaterrollen, die er in den letzten 10 Jahren oder so gespielt hat.

Lars Eidinger kann es an Omnipräsenz durchaus mit dem Klimawandel, Donald Trump oder Covid-19 aufnehmen. Und viele, darunter auch der Autor dieser Zeilen, hegen deshalb recht ambivalente Gefühle hinsichtlich seiner Person.

Immer dann nämlich, wenn ich nach getaner Arbeit am Bistrotisch Platz nehme, meine Pfeife stopfe, eine Zeitung des gehobenen Bildungsbürgertums zu Rate ziehe, um mich einerseits der Börsenkurse zu vergegenwärtigen, die ja bekanntlich Indikatoren des von uns allen hart erarbeiteten Wohlstands sind, andererseits aber auch der Kultur meinen Tribut zu entrichten, springt mir, wie der Teufel aus der Kiste, Lars Eidinger entgegen:

Mal gilt es eine SB-Tankstelle in Castrop-Rauxel zu eröffnen, und der Mime rezitiert aus Les Fleurs du Mal. Dann wieder ist es ein von 3sat zu nachtschlafender Stunde live übertragenes Theaterfestival mit seiner geschätzten Beteiligung in ausnahmslos allen Stücken. Oder benötigen Sie vielleicht einen schmierigen, gleichwohl ambivalenten Gauner in einer Fernsehserie, deren Handlung während der Weimarer Republik spielt? Kein Problem. Lars Eidinger wartet bereits vor dem Studiotor. Frei nach Traxler, der über die Fassbinder-Adepten reimte: „Herr Rainer schreibt das Exposee, der erste Fan friert schon im Schnee“.

Nicht, dass ich ihm Talent absprechen würde, durchaus nicht. Wenn er Richard III. spielt, ist man geneigt zu glauben, Shakespeare müsse ihn vor Augen gehabt haben, als er diesen butterweichen, geradezu oktopodischen Widerling erschuf. Und wenn er im „Sommernachtstraum“ des gleichen Autors einen Striptease hinlegt, dann müssten eigentlich sämtliche Damen des Table-Dance-Gewerbes ihr Offizierspatent zurückgeben.

Wäre da nur nicht dieser fatale Hang, uns immer und überall demonstrieren zu wollen, wie herrlich es doch ist, der große Lars Eidinger zu sein.

Schnuckel, falls Du mich hören kannst, nimm dies:

Wir planen im Frühjahr, sofern es die Corona-Einschränkungen zulassen, das 25jährige Bestehen unserer Altherren-Fußsportgruppe „Die Wanda vögeln“ und laden Dich aus diesem Anlass ein, um ausgewählte Plunderstücke aus dem Fundus von Heinz G. Konsalik vorzutragen. Für heiße Getränke und kalte Füße wird gesorgt. Hinsichtlich der musikalischen Untermalung werden wir uns erlauben, die Berliner Philharmoniker einzufliegen. (Scheiß auf den Klimawandel!)

Na, ist das nicht genau Deine Kragenweite? (Fotografen von BILD, FAZ und TAZ werden zwangsrekrutiert.)

 

Mit freundlichen Grüßen

Dein

Lemuel Gulliver

 

 

Merke: „Wo sich der Mittelpunkt der Welt befinde, Euer Liebden? Recht simpel: Er steht genau vor Euch!“ (Geographie für Anmaßende, Laputa 1870)