Die Grenzen der Unfreiheit


Laputa, den 20. April 2017

 

Eine der gefährlichsten Tätigkeiten auf diesem Planeten, neben der Zähmung von Großkatzen, dem Besteigen aktiver Vulkane und der Nutzung einer Autobahn mit dem Mountainbike, ist das Kritisieren der russischen Nomenklatura. Gerade gestern stand es wieder bei SPIEGEL Online: „Der russische Zeitungsgründer Nikolai Andruschtschenko fiel nach einer Prügelattacke ins Koma. Jetzt ist er gestorben. Seine Kollegen glauben, dass er für kritische Berichte seines Blattes büßen musste.“ Kritische Berichte? Es gibt noch kritische Berichte im Reiche des Roten Zaren? Allein das ist eine Meldung wert! Nun muss gesagt werden, dass keine Beweise dafür existieren, dass Präsident Putin, seine Kamarilla oder irgendein untergeordneter Auftragskiller des FSB in diese Tat verstrickt war. Mit ein bisschen gutem Willen, den aufzubringen wir selbstverständlich gern bereit sind, darf unterstellt werden, dass Nikolai Andruschtschenko einer Verkettung unglückseliger Umstände zum Opfer gefallen ist.

Erinnern wir uns an den 27. Februar 2015, als Boris Nemzow, der „bekannte Kreml-Kritiker“, durch vier Kugeln in Rücken und Hinterkopf aus einer Makarow-Pistole ermordet wurde. Die Täter sind bis heute nicht ermittelt, was so im Übrigen auch in Berlin, Paris oder Chicago, Illinois, kein Ding der Unmöglichkeit wäre, aber die ferngesteuerte Systempresse“ (Alice Weidel) hatte ihr Urteil dennoch rasch gefällt: Putin steckt dahinter, wer sonst? Dabei wurde der Mann nicht einmal in der Nähe des Tatorts gesehen. Nicht mal annähernd. Ganz im Gegenteil. Es gibt überzeugende Berichte, dass der Präsident an jenem verhängnisvollen Abend, wie an jedem verhängnisvollen Abend, in seinem spartanisch eingerichteten Büro im Kreml saß, den Kopf über staatstragende Dokumente geneigt, vom gelblichen Widerschein einer Schreibtischlampe aus sowjetischer Manufaktur erleuchtet, und mit roter Tinte kleine Wölfe an den Rand gewisser Akten mit dem Vermerk „Tod den Spionen“ skizzierte. Dies im Übrigen nicht ohne ein gewisses Geschick.

Oder nehmen wir Anna Politkowskaja, die (Jawohl!) „weltweit beliebte und anerkannte Kreml-Kritikerin“. Sie wurde am 07. Oktober 2006 im Aufzug ihres Moskauer Wohnhauses erschossen. Ebenfalls durch vier Kugeln. Ebenfalls abgefeuert aus einer Makarow-Pistole. Aber das sind Zufälle, Zufälle, wie sie jeden Tag passieren. Überall. Ich stand vor einigen Jahren in Rom auf der Piazza del Popolo, als mich ein vorübereilender Mann mittleren Alters unwirsch anrempelte. Und, glauben Sie es oder glauben Sie es nicht, es war der Cousin meines Vaters mütterlicherseits, den ich gewiss seit meinem sechzehnten Lebensjahr nicht mehr gesehen hatte. Sowas passiert. Wie gesagt: jeden Tag! Im Übrigen wird die Bedeutung der Freiheit des Wortes in absurder Weise übertrieben. Was ist das überhaupt, Freiheit, und wer braucht die? Hätte es in Honeckers DDR Videorecorder, Playstations und die Produkte der Bayerischen Motoren Werke gegeben, wäre doch kein Schwein auf die Idee gekommen „Wir sind das Volk!“ zu rufen!

Meine lieben Zuhörerinnen und Zuhörer, seien wir mal ehrlich: Wenn das Volk wirklich die Macht übernähme, dann könnten wir, auch hier in Deutschland, gleich einpacken. Schauen Sie sich mal an, was dabei herauskommt, wenn man den Plebs schalten und walten lässt: Trump, Brexit, AfD. Gibt es in Russland eine Alternative für Deutschland? Nein, die gibt es nicht. Aus gutem Grund gibt es die nicht. Gut, es gibt freundschaftliche Kontakte, aber das steht auf einem anderen Blatt.

Zuviel Freiheit hat erwiesenermaßen die gleiche Wirkung wie zu viel Freibier: Am nächsten Morgen wacht man neben der falschen Frau auf, und der Schädel hämmert wie der Marsch des Preobraschensker Heeres über den versammelten Greisen des Politbüros. Das sollten sich die so- und vielgenannten Kreml-Kritiker endlich mal hinter die vorlauten Ohren schreiben: Wenn man nicht ständig an allem und jedem herumkrittelt, verlängert sich das eigene Leben exponentiell. Das ist ein Gesetz. Zumindest in Russland. Tod den Spionen!

Vermeiden Sie es darüber hinaus, Großkatzen zu zähmen, aktive Vulkane zu besteigen und eine Autobahn mit dem Mountainbike zu benutzen.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Lemuel Gulliver

 

 

„Schlimmer als blind sein, ist nicht sehen wollen!“ (Lenin)