Wie man die Demokratie zerstört und dabei so tut, als wolle man sie retten


Laputa, den 20. November 2020

 

Am 18. November sind, auf Einladung von AfD-Abgeordneten, eine Reihe einschlägig bekannter Randalierer, Faschisten, Pöbler und Corona-Leugner in den Bundestag vorgedrungen, um dort mal so richtig schön Krawall zu machen. (Ich muss hinzufügen, dass bei den Randalierern, Faschisten, Pöblern und Corona-Leugnern die Damen und Herren der AfD nicht inkludiert sind.)

Eine Aktivistin beispielsweise, die ihre „15 Minuten Ruhm“ (Andy Warhol) für die Nachwelt mit dem Handy dokumentiert hat, äußerte sich nach einer kurzen, aber aufgeregten „Diskussion“ mit dem Bundesminister Peter Altmaier (CDU) wie folgt: „Arschloch. Aufgeblasener kleiner Wannabe-König.“

Wie bitte? Wannabe-König? Wat is dat denn?

Für uns, die wir beizeiten in unserem Elternhaus den Umgang mit Messer und Gabel erlernt haben, und überdies gemahnt wurden, allen Menschen mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen, auch dann, wenn sie nicht zu unseren Gesinnungsgenossen zählen und noch nie einen Italiener auf der Straße als „Kanake“ tituliert haben, mag das befremdlich erscheinen. Für die „Engagierten“ aus dem rechten Spektrum hingegen ist das ein völlig normaler Umgangston; insbesondere im Diskurs mit dem politischen Gegner. Wobei die Betonung auf Gegner liegt.

Die Vorgehensweise der AfD sollte uns nicht wirklich überraschen, denn es ist eine der nur drei erfolgversprechenden Strategien, die diese Parodie einer Partei überhaupt besitzt, und sie lauten, aufsteigend in der Reihenfolge ihres verderblichen Potenzials, Provokation, Provokation und (Trommelwirbel!) Provokation!

Man muss das verstehen. Das hängt nicht allein mit der bekannten Fantasielosigkeit des Herrenmenschen zusammen. Mehr als dieser einen Zutat bedarf es schlichtweg nicht, um für die Masse ihrer überwiegend aus frustrierten, perspektivlosen, Frauen hassenden, sich abgehängt fühlenden mittelalten weißen Männern bestehenden Klientel ein schmackhaftes Gericht zu zaubern.

Der Feind, gegen den sie allesamt mit Galle und Geifer, mit Baseballschlägern und Wurfsternen zu Felde ziehen, hat, wie so manches mythologische Ungeheuer, viele Köpfe, aber nur einen Namen: Diedaoben!

Diedaoben verarschen uns!

Diedaoben machen was sie wollen!

Diedaoben ignorieren den Willen des Volkes!

Diedaoben lassen sich das Blut unserer Kinder spritzen!

Diedaoben verkaufen uns an Bill Gates!

Ja, es sind gute Zeiten für Rattenfänger jeglicher Couleur. Das Internet und die sogenannten Social Medias laden geradezu ein, die Beknackten und Bescheuerten dieser Erde mit Futter zu versorgen. Und das meine ich jetzt keineswegs despektierlich. Beknackt und bescheuert wird man nicht geboren, man wird dazu gemacht. Oder man macht sich selbst dazu. Und im Übrigen ist man als Beknackter und Bescheuerter praktisch nie allein: Es gibt viele von denen, sehr viele sogar. Und wenn sie nicht so beknackt und bescheuert wären, kämen sie vermutlich irgendwann auf den Gedanken, dass sie eigentlich die Mehrheit sind. Nur machen sich diese Leute keine Gedanken. Sie machen sich bestenfalls Abendbrot.

Daher reicht es nicht aus, nur beknackt und bescheuert zu sein. Man bedarf auch einiger Köpfe, die in der Lage sind, zu erkennen, dass sie selbst zwar nicht beknackt und bescheuert sind (jedenfalls nicht so sehr wie die anderen), aber durchaus die Beknackten und Bescheuerten wie die Lemminge zu führen verstehen. Oder glaubt jemand ernsthaft, dass Gauland ernsthaft glaubt, was wir glauben, dass er ernsthaft glaubt? Keineswegs! Der Mann trägt Krawatten mit Tieren drauf. Solche Leute besitzen Humor. Die Art von Humor, die auch Himmler besaß. Immerhin.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Lemuel Gulliver

 

 

Merke: „Man sollte nie seine beste Hose anziehen, wenn man hingeht, um für Freiheit und Wahrheit zu kämpfen.“ (Henrik Ibsen)