Wir leben in glorreichen Zeiten


Laputa, den 18. November 2020

 

„Im Nebel ruhet noch die Welt,

noch träumen Wald und Wiesen;

bald siehst du, wenn der Schleier fällt,

den blauen Himmel unverstellt,

herbstkräftig die gedämpfte Welt

in warmem Golde fließen.“

 

So haben wir, die wir der Gnade teilhaftig wurden, bei Frau Ursel Rosengardt die Volksschule Niederaubach besuchen zu dürfen, es noch im Deutschunterricht auswendig gelernt. Jaja, der alte Eduard Mörike. Die Welt, in der er lebte, unterscheidet sich von der Welt, in der wir leben, doch gravierend. Das bedeutet keineswegs, was alte Leute, gerne mal vor sich hin mümmeln, das früher alles besser gewesen sei, das Gras grüner, die Kinder wohlerzogen, die Kanzlerin ein Mann, der mitten im Leben stand und wusste, die richtigen Entscheidungen zu treffen, wenn mal ein kleiner Virus die Bevölkerung zu dezimieren drohte.

Allein letzteres lässt sich prächtig widerlegen, in dem man daran erinnert, dass z. B. der Virus der faschistischen Ideologie die Bevölkerung zwischen 1933 und 1945 mal eben um schlappe 60 Millionen Menschen reduziert hat.

Umso erstaunlicher mutet daher die Tatsache an, dass die ständigen Begleiter dieser Pest, nämlich Nationalismus, Rassismus, Sexismus sowie eine schier unvorstellbare Menge an Dummheit, Engstirnigkeit und Verbohrtheit, bis heute ihre getreuen Adepten finden.

Was genau ist eigentlich ein „Querdenker“. Anders gefragt, gibt es demnach auch lineares respektive nichtlineares Denken? Und wie denkt man, wenn man „quer“ denkt? Diagonal? Parallel? Orthogonal?

Ich habe mir die Mühe gemacht, das Wort Querdenker mal im Duden nachzuschlagen, und folgenden Erkenntnisgewinn erzielt: Ein Querdenker/eine Querdenkerin „ist eine Person, die eigenständig und originell denkt und deren Ideen und Ansichten oft nicht verstanden oder akzeptiert werden“.

Nun, die zweite Voraussetzung trifft in jedem Fall zu: Weder verstehe ich die kruden Ideen und Ansichten jener, die an Wochenenden ohne Masken und Abstand öffentliche Plätze bevölkern und ihre fundamentale Ahnungslosigkeit mit Effet hinausposaunen, noch bin ich bereit, ihre in gleich doppelter Hinsicht gefährliche Dummheit zu akzeptieren. Doppelt meint, im Sinne der Volksgesundheit, aber auch im Sinne der politischen Hygiene.

Was erstere Voraussetzung anbelangt, das nämlich diese Verwirrten und Verirrten der eigenen Schallkammer originell oder zumindest ansatzweise zielführend zu denken vermögen, so kann ich das bedauerlicherweise auch nach mehrmaligem Hingucken und –hören nicht feststellen. Alles, was ich sehe, ist eine Herde Lämmer, die sich ohne nennenswerten Protest von den Wölfen am rechten Rand für deren Zwecke einspannen lässt.

Glücklicherweise, man kann und muss das immer wieder betonen, leben wir in einer liberalen und demokratisch organisierten Gesellschaft, in der es jedem erlaubt ist, nach seiner höchst eigenen Fasson den Verstand zu verlieren. Was wir daraus lernen ist, dass das Tragen von selbstgebastelten Aluhütchen möglicherweise tödliche Strahlen aus dem Weltall oder dem Zentrum der zionistischen Verschwörung (je nachdem wie man das betrachten will) absorbieren hilft, aber leider zu einem erschreckenden Verlust an Urteilskraft, Empathie und Respekt gegenüber anderen, insbesondere Andersdenkenden führt.

Doch man soll nicht alles schlechtreden. Das, um nur ein Beispiel zu nennen, „der Wendler“, Interpret höchst einfältigen Sangesgutes, sich durch sein mutiges Eintreten für die wunderbare Welt der Verschwörungstheorien selbst aus dem Orbit geschossen hat, darf durchaus und ohne zu übertreiben als göttliche Fügung gelten.

Demnach: Gehet hin und bekennet Euch zum wahren Glauben, o Ihr Unter- und Überbelichteten dieser Welt! (Vielleicht löst sich dann ja irgendwann auch Til Schweiger in heiße Luft auf.)

 

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Lemuel Gulliver

 

 

Merke: „Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Aus der Vernichtung alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als neue Weltstifterin empor.“ (Novalis)