Wir leben in glorreichen Zeiten


Laputa, den 18. November 2020

 

„Im Nebel ruhet noch die Welt,

noch träumen Wald und Wiesen;

bald siehst du, wenn der Schleier fällt,

den blauen Himmel unverstellt,

herbstkräftig die gedämpfte Welt

in warmem Golde fließen.“

 

So haben wir, die wir der Gnade teilhaftig wurden, die Volksschule bei Frau Ursel Rosengardt absolvieren zu dürfen, es noch im Deutschunterricht gelernt. Jaja, der alte Mörike. Die Welt, in der er lebte, unterscheidet sich von der Welt, in der wir leben, doch erheblich. Was keineswegs bedeutet, dass früher alles besser gewesen sei, das Gras grüner, die Kinder braver, die Kanzlerin ein Mann, der noch wusste, welche Entscheidungen zu treffen sind, wenn mal ein kleiner Virus die Bevölkerung dezimiert.

 

Schon die letzte Annahme lässt sich prächtig widerlegen, in dem man sich vor Augen führt, dass z. B. der faschistische Virus die Bevölkerung zwischen ‘33 und ‘45 um schlappe 60 Millionen reduziert hat.

 

Desto erstaunlicher mutet an, dass die ständigen Begleiter dieser Pest, die apokalyptischen Reiter Nationalismus, Rassismus und Sexismus, bis heute getreue Vasallen finden.

 

Was genau ist eigentlich ein „Querdenker“? Und wie denkt man, wenn man „quer“ denkt? Diagonal? Parallel? Orthogonal?

Ich habe mir die Mühe gemacht, das Wort Querdenker im Duden nachzuschlagen, und folgenden Erkenntnisgewinn erzielt: Ein Querdenker/eine Querdenkerin „ist eine Person, die eigenständig und originell denkt und deren Ideen und Ansichten oft nicht verstanden oder akzeptiert werden“.

 

Nun, die zweite Voraussetzung trifft zu: Weder verstehe ich die kruden Ideen und Ansichten derer, die an Wochenenden ohne Masken und Abstand öffentliche Plätze bevölkern und ihre bemerkenswerte Ahnungslosigkeit mit Effet hinausposaunen, noch bin ich bereit, diese, im doppelten Wortsinne, gefährliche Dummheit zu tolerieren. Doppelt meint, im Sinne der Volksgesundheit, aber auch im Sinne der politischen Hygiene.

 

Was die erste Voraussetzung anbelangt, dass nämlich diese Verwirrten und Verirrten der eigenen Schallkammer originell oder zumindest ansatzweise zielführend denken, kann ich die leider nicht als erfüllt betrachten. Alles, was ich zu Gesicht bekomme, ist eine Herde Lämmer, die sich ohne Distanz von den Wölfen am rechten Rand für deren Zwecke einspannen lässt.

 

Glücklicherweise leben wir in einer freien Gesellschaft, in der es jedem erlaubt ist, nach seiner höchst eigenen Fasson den Verstand zu verlieren. Wir lernen daraus, dass die Nutzung von Aluhütchen möglicherweise tödliche Strahlung aus dem Weltall absorbiert, aber leider zu einem erschreckenden Verlust an Realitätssinn, Empathie und Respekt gegenüber anderen, namentlich Andersdenkenden führt.

 

Doch soll man nicht alles schlechtreden. Das z. B. „der Wendler“, Interpret höchst einfältigen Sangesgutes, sich durch sein Eintreten für die wunderbare Welt der Verschwörungstheorien selbst aus dem Orbit geschossen hat, darf mit Fug und Recht als göttliche Gnade betrachtet werden. Lassen wir den Meister selbst zu Wort kommen:

 

„Auch wenn alle Stricke reißen

Ich spring für dich vom Bungeeturm

Auch wenn alle Stricke reißen

Ich würd es immer wieder tun!“

 

Nein, Wendler, würdest du nicht! Aber versuch es ruhig.

 

Mit freundlichen Grüßen

Ihr

Lemuel Gulliver

 

 

Merke: „Wahrhafte Anarchie ist das Zeugungselement der Religion. Aus der Vernichtung alles Positiven hebt sie ihr glorreiches Haupt als neue Weltstifterin empor.“ (Novalis)