Schindluder ist nicht mehr


Aus Klagenfurt erreicht uns eine traurige Nachricht: Alois Schindluder, einer der bedeutendsten Schauspieler deutscher Zunge, ist nicht mehr! Im Alter von 108 Jahren wurde der große Menschen-Skulpteur durch einen Schlag an die Tafel seiner Ahnen abberufen. Das wird am Theater eine schmerzhafte Lücke hinterlassen. Noch im letzten Jahr haben wir seinen kraftvollen und doch zugleich so wandlungsfähigen Bariton vor dem Salzburger Dom anlässlich der dortigen Festspiele vernommen: „Jedermann! Je-he-der-mann!“ Nun ist er fort. Der Ewigkeit anheimgefallen.

Erinnern wir uns: Aloysius „Alois“ Schindluder erblickte am 12. April 1911 als ältestes von elf Kindern des Trambahn-Fahrkartencontrolleurs Franz-Josef Schindluder und seiner Gattin, der Putzmacherin Ludwiga Schindluder, geborene Wolpertinger, in Löwenstein, Österreich-Ungarn, das Licht der Welt. Sein Vater, ein zu Jähzorn und eruptiver Gewalt neigender Mensch, diente als Meldegänger im 1. Weltkrieg und ging bei dieser patriotischen Aufgabe zweier Zehen, dreier Finger, eines Auges, des rechten Armes, einer Niere und der Zirbeldrüse verlustig. Durch derlei Malaisen und einen gewissen Hang zu geistigen Getränken in seinem beruflichen Werdegang verhindert, gelang es ihm kaum noch, seine stetig wachsende Kinderschar zu unterhalten, sodass die Älteren unter den Jüngsten sich genötigt sahen, durch lässliche Gaunereien zum Auskommen der Familie beizutragen.

Altersmilde erinnerte sich Schindluder in der ORF-Dokumentation „Stürmische Höhen“(2016), wie der Vater ihn und die anderen Geschwister, traditionell am Samstagabend vor dem gemeinschaftlichen Wannenbad, im Hinblick auf die in der Woche darauf zu begehenden Missetaten, verprügelte, was, so fuhr er nicht ohne Stolz fort, zu seiner, Alois, charakterlichen Festigung „erheblich beigetragen“ habe.

Bereits mit vier Jahren beherrschte der früh Gereifte das ABC, mit fünf konnte er Klopstocks „Messias“ auswendig hersagen, mit sechs extemporierte er anlässlich einer Weihnachtsaufführung von „Hänsel und Gretel“ auf der Bühne der Volks- und Knabenschule Löwenstein den berühmten Monolog aus Goethes „Faust“:

 

„Habe nun, ach! Philosophie,

Juristerei and Medizin,

Und leider auch Theologie

Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.

Da steh' ich nun, ich armer Tor,

Und bin so klug als wie zuvor!

Heiße Magister, heiße Doktor gar,

Und ziehe schon an die zehen Jahr'

Herauf, herab und quer und krumm

Meine Schüler an der Nase herum …“

 

Was ihm auf der Stelle eine Tracht Prügel und drei Wochen Karzer eintrug.

Nichtsdestotrotz war für jeden, der Augen im Kopf hatte, offensichtlich, dass hier ein Jahrhunderttalent am Reifen war. Bereits 1921 verwendete sich Pfarrer Sixtus Maria Sennebogen, ein enger Freund und geistlicher Beistand, in der Weise, dass der Knabe mit einem staatlichen Stipendium aufs Neue Wiener Konservatorium entsandt wurde, um dort bei dem berühmtem Blechbläser Professor Semmelweis eine Ausbildung als Tubist zu erhalten. Auch wenn sich diese Fügung recht bald als künstlerischer Irrweg herausstellten sollte („Größe“, so insistierte Schindluder 1938 in einem Brief an Siegmund von Hausegger, „finde ich nur in den Worten der Dichter und den Taten des Führers, nicht aber in profaner Blasmusik!“), hielt Alois Schindluder doch den braven Geistlichen sein Leben lang in Ehren. Er widmete ihm gar posthum den Oscar, den er 1970 für seine Interpretation des Oberkellners Leopold im Meisterwerk „Das Weiße Rößl am Wolfgangsee“ verliehen bekam. Doch greifen wir nicht voraus.

Ab 1928 besuchte der Jüngling die Schauspielschule Otto in Wien. Schon bald jedoch erging durch Empfehlung Attila Hörbigers der Ruf ans Deutsche Theater, wo ihm Max Reinhardt, sein gestrenger Mentor, den letzten Schliff verpasste. Zahlreiche große Rollen folgten, darunter so legendwäre wie Hamlet, Tartuffe, Robespierre, Mephistopheles und Wallenstein sowie der Brutus in Julius Cäsar. Unvergesslich auch seine Interpretation des Götz von Berlichingen anlässlich eines Gastspiels am renommierten Staatstheater Heinrich Georges: „Ich erinnere mich mit Freuden meiner Jugend. Wißt Ihr noch, wie ich mit dem Polacken Händel kriegte, dem ich sein gepicht und gekräuselt Haar von ungefähr mit dem Ärmel verwischte?“

Schindluders Verhältnis zu den wenig später an die Macht gekommenen Nationalsozialisten war in der Tat ambivalent. Zwar bestand er darauf, 1932 lediglich auf Drängen Goebbels in die Partei eingetreten zu sein, und später „zahllosen Juden“ das Leben gerettet zu haben, doch bleibt unbestritten, dass er auf ausdrücklichen Wunsch des Führers in die Gottbegnadeten-Liste aufgenommen wurde und der niederländischen Singdrossel Johannes Heesters bei dessen „Bunter-Abend-Tournee“ durch „die schönsten Konzentrationsläger des Reiches“ tatkräftig zur Seite stand. (Dem Vernehmen nach wurden bei dieser Gelegenheit „Höhepunkte aus Jud Süß“ mit einer musikalischen Untermalung von Norbert Schultze gegeben.)  Tagebucheintrag des Reichsministers für Volksaufklärung und Propaganda Joseph Goebbels vom 18. Februar 1943: „Heute große Rede im Sportpalast gehalten. Schindluder sitzt in der zweiten Reihe und exponiert sich bis zur völligen Erschöpfung. Kolossal der Mann.“

Auch in den Lichtspieltheatern jener Zeit war der Akteur ein gern gesehener Gast und zeichnete sich insbesondere durch seine drollig-verschmitzten Rollen als sprichwörtlich kleiner Mann aus, die ihm beim reichsdeutschen Publikum ungeheure Popularität eintrugen. Genannt seien „S. A. Mann Brand“ (1933), „Weiße Sklaven“ (1936), „Blutsbrüderschaft“ (1941) und „Opfergang“ (1944).

Als die Sowjets in Berlin einrückten, wurde Schindluder in seiner herrschaftlichen Villa am Wannsee kurzzeitig interniert, konnte jedoch den zufällig vorbeieilenden Marschall Schukow davon überzeugen, dass er lediglich das „Lichtdouble“ des prominenten Film- und Theaterstars gewesen sei, überdies linientreuer Kommunist mit georgisch-russischen Wurzeln, der dem Genossen Stalin Treue „bis in den Tod“ schwor. Man verlieh ihm den Orden des Großen Vaterländischen Krieges und ließ ihn mit einem Tritt in den Hintern wieder laufen. Anderenfalls wäre ihm vermutlich das Schicksal seines väterlichen Freundes Heinrich George zuteilgeworden.

Nach kurzem Auftrittsverbot durch die West-Alliierten und anschließender Entnazifizierung (Mitläufer), konnte Schindluder seine Karriere ab 1946 „ganz im Sinne der Demokratisierung Deutschlands und der schonungslosen Aufklärung über die Verbrechen des Nazi-Regimes“ fortsetzen. (Siehe dazu seine Erinnerungen: „Mein Stichwort, Pursche!“, Hamburg 1989, S. 50-51) Auch hier einige Titel, die sein reichhaltiges Schaffen aus dieser Epoche illustrieren: „Schwarzwaldmädel“ (1950), „Sissi“ (1955), „Sissi – Die junge Kaiserin“ (1956), „Sissi – Schicksalsjahre einer Kaiserin“ (1957) und natürlich „Sissi – Die Wechseljahre einer Kaiserin“ (1958). In den letzten vier Streifen verkörperte Schindluder auf seine unnachahmlich menschelnde Weise den berühmten Wiener Hof-Gynäkologen Ansgar von Kurztrock, einen grantelnden, aber dennoch irgendwie liebenswerten Schelm, der so zerstreut ist, dass er schon mal die Untersuchungs-Instrumente an Ort und Stelle vergisst.

In den sechziger Jahren, als die deutsche Filmindustrie ihren lang andauernden Sinkflug einleitete, waren es Horst Wendlandt und die Edgar-Wallace-Filmreihe, die Schindluder und anderen Gottbegnadeten einen auskömmlichen Lebensabend sicherten. In der Schwarzweiß-Produktion „Der Mönch mit der Harfe“ (1964) trat der große Charakterdarsteller als Mörder der kulleräugigen Grit Boettcher erstmals in Erscheinung. Es folgten „Die Schrullige von Soho“ (1964), „Der Frosch mit der Quaste“ (1964“, „Der Schwätzer“ (1964), „Neues vom Schwätzer“ (1964) und „Das kindische Tuch“ (ebenfalls 1964).

Ein wahrer Sturzregen von Preisen war die unmittelbare Folge. Dann wurde Hollywood aufmerksam. Kein Geringerer als der legendäre John Ford wollte ihn unbedingt für die Rolle des Komantschen-Häuptlings Umtah-Tah in seinem Spätwerk „Begrabt meinen Colt an der Biegung des Flusses“ (Originaltitel: Thunderbolt). Doch, zur Überraschung aller, der Mime lehnte ab. „Ich halte es für angemessen, dass Umtah-Tah von einem Vertreter seiner eigenen rassischen Zugehörigkeit gespielt wird“, erklärte Schindluder im Gespräch mit Friedrich Luft - und bewies damit Weitblick hinsichtlich der heute so vielbeschworenen politischen Korrektheit! (Stichwort: Blackfacing) Dementsprechend wurde dieses letzte Meisterwerk des Einäugigen („My name’s John Ford. I make Westerns.“) ohne ihn gedreht. Und auch die Rolle des Don Vito Corleone in „The Godfather“ schlug der Star aus. In dem Falle zugunsten seines Freundes Marlon Brando, der dafür den Oscar bekam. „Francis who?“, war Schindluders Replik auf die Frage eines Kritikers, ob er die Entscheidung bereue, den zuvor noch unbekannten Regisseur abgelehnt zu haben, woraus eine gewisse Herablassung spricht, derer sich die von den Göttern so reich Beschenkten nie ganz entledigen mögen.

Und dann, als eigentlich nichts mehr zu erwarten schien, als das Lebenswerk in nachgerade monolithischer Vollendung bereits glänzte, kam, völlig überraschend, Rainer Werner Fassbinder! Hören wir von ihrer ersten Begegnung in des Meisters eigenen Worten:

„Willy Millowitsch, Gunter Philipp und ich saßen in Köln in der Kantine des WDR und kloppten einen zünftigen Skat, als dieser völlig vergammelte Jüngling an unseren Tisch trat. Ich fragte ihn, was sein Begehr sei, und er brummelte etwas mir vollkommen unverständliches. Ich forderte Gunther auf, er möge ihm zehn Pfennig in die Hand drücken, dann könnten wir weiterspielen, doch Millowitsch beugte sich peinlich berührt nach vorn und flüsterte: „Mensch, Loisl, das ist doch der Fassbinder!“

„Der Fassbinder?“, fragte ich bass erstaunt. „Und was will er von mir, dieser Fassbinder?“ (Schindluder: „Mein Stichwort, Pursche!“, Hamburg 1989, S. 1011)

Es stellte sich heraus, dass der Jungfilmer den Altgedienten für die Rolle des „Opa Heini“ in seiner Fernsehserie „Acht Tage sind keine Woche“ engagieren wollte. Schindluder, der für künstlerische Experimente stets ein offenes Ohr hatte, sagte auf der Stelle zu – allerdings unter der Voraussetzung, dass Fassbinder sich vor Beginn der Dreharbeiten „rasieren und zum Katholizismus übertreten“ müsse (Briefe an Horkheimer, Bergisch Gladbach 2005). Die Ausstrahlung im Herbst 1972 war ein triumphaler Erfolg, insbesondere für den ehemaligen Ufa-Star, den manche Kritiker gar nicht wiederzuerkennen vermeinten: „Der Lieblingsschauspieler des Führers und verschnarchte Star aus Opas Kino liefert in Fassbinders karger Erzählung vom entbehrungsreichen Alltag westdeutscher Arbeiter eine unerwartet expressive Darstellung - inklusive einer am Rande des guten Geschmacks mäandernden Bettszene mit der gestrengen Luise Ullrich! ,Sie war gut, durchaus, aber sie war gewiss nicht die Hoppe‘, erklärte der Silen anlässlich der Premiere mit staubtrockenem Gesichtsausdruck.“ (DIE ZEIT)

In den letzten Jahren wurden die Auftritte seltener, die Rollen flacher. Das Serienfieber hatte die Westdeutschen gepackt, und auch der große Schindluder konnte sich diesem Trend nicht völlig entziehen. Es folgten Auftritte als Direktor Stuyvesant in „Die Schwarzwaldklinik“, als Graf von Auerbach in „Das Erbe der Guldenburgs“ und natürlich, was ihm letztlich ein völlig neues Publikum erschloss, die Rolle des Postboten „Willi mit der Hupe“ in der deutschen Ausgabe der „Sesamstrasse“.

Auch wenn der Alltag in den letzten Jahren für den Hochbetagten immer beschwerlicher wurde, das Gedächtnis nicht mehr so recht wollte, hinderte ihn das keineswegs daran, weiter für die Sache der Kunst zu fechten, die ihm ein Leben lang Broterwerb und Leidenschaft in einem war. „Ich habe nicht die Absicht, meiner Partnerin ins Dekolletee zu sabbern, nur weil Herr Castorf das für eine gute Idee hält“, grummelte er anlässlich der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg (Old Wabble) über die Entgleisungen des deutschen Regietheaters, und beschimpfte an anderer Stelle das Œuvre seines Landsmannes Thomas Bernhardt als „Gezeter auf dem Affenfelsen“. Auch politisch mochte er sich nicht immer eindeutig festlegen: Die Mitgliedschaft in der NSDAP wechselte er 1951 gegen ein Parteibuch der CDU, wandte sich in den Jahren der Großen Koalition Willy Brandt zu, für dessen Wiederwahl er mit Günter Grass trommeln ging, engagierte sich nach dem Misstrauensvotum gegen Helmut Schmidt bei der FDP und wurde schließlich, gemeinsam mit seinem Duz-Freund Joseph Beuys, zahlender Aktivist der Grünen. Gegen Ende seines Lebens empfing er Alexander Gauland auf seinem Anwesen in Bad Ischl und erklärte dem SPIEGEL, der Islam gehöre „ebenso wenig zu Deutschland wie Kamelfleisch auf eine Pizza“, was ihm heftigen Gegenwind von den allzu Gerechten in der linken Ecke eintrug.

Nun, nach einem langen und erfüllten Leben, hat er seine unbestechlichen Augen für immer geschlossen, und wir, die Zurückgebliebenen, bestätigen in Demut die Worte des österreichischen Bundespräsidenten, der auf einer Dienstreise nach Kamerun vor der Presse festgestellt hat: „Alois Schindluder ist nicht mehr – doch wird dieser Gigant des deutschen Theaterlebens, dieser wahre Mephisto, für seine Freunde und Bewunderer, zu denen auch ich mich rechnen darf, immer und bis ans Ende aller Tage ein Vorbild in Sachen Zivilcourage, menschlichem Anstand und künstlerischer Vollendung sein!“

 

Nachbemerkung:

Natürlich hat Alois Schindluder nie existiert. Er und seine ganze Vita sind Produkt meiner Fantasie. Allerdings hat es zahlreiche Schauspieler, Regisseure, Intendanten wie ihn gegeben, die sich dem Nazi-Regime erst willfährig andienten, um nach dem Krieg, jeder für sich, eine weitschweifige Antwort darauf zu finden, warum sie die Verbrecher durch ihre Arbeit unterstützt hatten. Heinz Rühmann, immer noch einer der Populärsten im Lande, ist ein schönes Beispiel für diese nonchalante Haltung. Nach außen war er der "kleine Mann", der völlig unpolitisch Frohsinn verbreiten wollte, doch wenn man genauer hinsah, entdeckte man hinter der Maske des Biedermanns einen eiskalten Opportunisten, der sich nicht zu schade war, wie z. B. im Film "Quax in Afrika", unverhohlen rassistische Töne anzuschlagen. Andere, die ebenso skrupellos gehandelt haben, um später in Ost und West wieder wohlgelitten zu sein, waren Gustaf Gründgens (Siehe Klaus Manns Roman "Mephisto"), Elisabeth Flickenschildt, Veit Harlan oder Werner Krauß. Nur wenige, wie Hans Söhnker, setzten ihr Leben heimlich im Widerstand aufs Spiel und haben sich damit, trotz ihrer gelegentlichen Mitwirkung in Propagandafilmen, nicht gemein gemacht mit den Mördern. Ihnen und ihrem Angedenken ist dieser Text gewidmet.