Der zuvorkommende Mörder oder: Le fleurs du mal


«Ein Toter ist ein Malheur,

zwei Tote grenzen an Vorsatz,

drei sind schlechte Gewohnheit,

vier Politik.»

Eugène François Vidocq

 

Vor einigen Jahren lebte in unserer Stadt ein Mörder, der nicht nur ein hochlöbliches Mitglied im Kirchenchor, sondern auch ein angesehener Disputant in der örtlichen Expositur des „Reform Clubs“ war. Besagter Herr wurde, aufgrund der langjährigen Erfahrung und Diskretion mit der er sein Handwerk betrieb, weit über die Landesgrenzen hinaus geschätzt. Seine Dienste nahmen hohe und höchste Würdenträger des Gemeinwesens in Anspruch, sowohl geistliche als auch weltliche, und niemals, nicht ein einziges Mal, lieferte die Art und Weise, in der er die ihm übertragenen Angelegenheiten zum Abschuss brachte, Anlass zur Kritik.

„Seht, Kinder“, pflegten die Eltern zu sagen, wenn er im Vorübergehen den Hut lüpfte, „dort ist der Mörder. Der versteht es. Nehmt euch ein Beispiel an ihm, dann werdet auch ihr die Brust des Vaterlandes mit Stolz erfüllen.“

Ich weiß nicht, ob Sie schon einmal Gelegenheit fanden, einen Vertreter dieser Profession in natura zu studieren, mes Amis, doch darf ich Sie versichern, dass der unsere dem allgemein verbreiteten Bild in keinster Weise entsprach. Weder war er stoppelbärtig und dem Alkohol verfallen noch neigte er zu groben Redensarten oder jener Art abscheulichen Grimassierens, das gemeinhin auf den Titelblättern der Groschenheftchen mit diesem Berufsstand in Verbindung gebracht wird.

Nichts von alledem entsprach auch nur im Entferntesten der noblen Gesinnung unseres Mannes. Monsieur K., so wollen wir ihn aus Gründen der Diskretion nennen, war ein hochsensibler Ästhet, ein Bonvivant, dessen Gesichtszüge Feingefühl und Empathie erkennen ließen. Er war ein Freund der Literatur, konnte seitenweise aus den Werken Baudelaires zitieren und erntete überdies Ruhm als Verfasser einer Monographie über das Wirken Rimbauds in Aden, welche bis in die literarischen Zirkel der Hauptstadt hinein für Aufmerksamkeit gesorgt hatte. Unverheiratet und bar jedweder Laster, wie sie heutzutage modern geworden sind, lebte er in einer großen und sehr schönen Villa, deren Garten nicht nur der ganze Stolz des Mannes, sondern auch ein Kunstwerk von dessen ureigener Hand war. Sein Auftreten in der Gesellschaft lässt sich mit einem Wort charakterisieren: superb! Höflich und gesittet gegenüber jedermann, stets wie aus dem Ei gepellt, gekleidet in feinste Stoffe von elegantestem Schnitt, war sein nie müßig wirkendes Flanieren auf den Boulevards unserer Stadt für all seine Mitbürger ein höchst erfreulicher Anblick.

„Bon jour, Monsieur K.“, riefen die Honoratioren.

„Salü, Monsieur K.“ die niederen Stände.

Und er, mit eleganter Geste die Kopfbedeckung schwenkend, strahlte bei jedem Gruß, als habe ihn die Königin von Aquitanien zum Ritter geschlagen.

 

Eines Tages wurde mein Vater, ein Philanthrop und Waffenhändler von einigem Rang, in die Notwendigkeit versetzt, sich der speziellen Dienste dieses Mannes zu bedienen. Der Grund waren gewisse Transaktionen, die er auf Anraten eines Bekannten mit griechischen Staatsanleihen getätigt hatte, was sich im Nachhinein als böser Fehlgriff erwies. Wir, die wir die Wirtschaftsnachrichten jener Jahre noch vor Augen haben, wissen, dass griechische Staatsanleihen nur wenig später nicht einmal mehr den Wert des Papieres besaßen, auf dem sie einstmals gedruckt worden waren. (Besagter Ratgeber erwies sich im Übrigen als Trunkenbold und Sodomit, der wenig später eines widernatürlichen Todes verstarb.)

Fatal waren die ökonomischen Konsequenzen, nicht nur für die französische Nation und ihre nimmer klagenden Steuerzahler, sondern auch für unseren kleinen, dabei recht exklusiven Haushalt in der Rue de La Fontaine: Maman und Papa, meine siebzehnjährige Schwester Aubergine und ich selbst, Jean-Luc, mussten uns gewärtigen, dass wir mit einem Schlage mittellos waren, arm wie die Kirchenmäuse. Eine nicht eben beglückende Vorstellung, zumal wir uns doch sehr daran gewöhnt hatten, von einem halben Dutzend Bediensteter aufs Trefflichste umhegt zu werden. Gleichwohl erwies sich in diesen dunklen Stunden einmal mehr das Wort des Anachoreten als vollkommen richtig, welches besagt, dass der Tüchtige, ungeachtet der Schläge, die ihm das Schicksal versetzt, stets einen Ausweg findet – sofern er nur gewillt ist, an die ordnende Hand unseres Herrn Jesus Christus zu glauben.

In Afrika, fernab jedweder Zivilisation oder Kultur, die diesen Namen für sich beanspruchen darf, hatte ein unterentwickelter Staat die begehrlichen Blicke auf seine ebenso unterentwickelten, aber deutlich rohstoffreicheren Nachbarn geworfen. Zum Behuf der Unterjochung im Sinne der Profitmaximierung, benötigten die kriegerisch gesonnenen Barbaren allerlei Wunderwerke der europäischen Waffenmanufakturen, wie sie der Fortschritt dem Menschen des 19. Jahrhunderts in so überreichem Maße beschert hat, und waren bereit, dafür ein hübsches Sümmchen Geld auf den Tisch zu legen. Kurzum ein Geschäft, wie es einem nicht alle Tage begegnet. Unglückseligerweise gab es jedoch einen Widerpart, einen Mitbewerber nämlich, der ebenfalls seine Angelschnur nach dem Brocken ausgeworfen hatte. Besagter Mensch, Marokkaner von Geburt, verdorben durch den Mangel an Grundsätzen, der dem Maghrebiner traditionell zu eigen ist, stand dem Vernehmen nach bereits kurz vor dem Abschluss der Verhandlungen. Dies unter Anwendung von Mitteln, nennen wir sie „flüssige Mittel“, über deren Wirksamkeit in Diplomatie und Geschäftsleben seit jeher kein Zweifel besteht. Man nennt das auch „Bakschisch-Politik“. Da wir aufgrund der griechischen Fehlspekulationen monetär nicht in der Lage waren, auf Augenhöhe zu fechten, und weder gutes Zureden noch heimtückische Drohungen, perfide Erpressung oder geschickte Verleumdung die gewünschten Ergebnisse zeitigten, erschien es nach kurzer Überlegung durchaus angemessen, den lästigen Konkurrenten einfach aus dem Wege zu räumen.

 

Nicht hochgemut zwar, aber gleichwohl entschlossen im Sinne der erfolgreichen Gewinnmaximierung Bedenken moralischer Art hintanzustellen, griff mon Pere einen Tag vor Ablauf der Bieterfrist nach dem Hörer des telefonischen Apparates, läutete bei der allseits bekannten Nummer in der Rue du Anthropophage an und ersuchte mit Nachdruck um den Besuch des Monsieur K. in unserem Domizil. Danach begab er sich, ohne ein weiteres Wort zu verlieren, in seine privaten Gemächer, wo er, dem allseits bekannten Panther im Jardin des Plantes durchaus ähnlich, beständig auf und nieder schritt, immer nur auf und nieder, eine Zigarre nach der anderen in milde glimmende Häuflein aus Asche verwandelnd, und die in Ehren ergrauten Haare in vortrefflicher Bekümmerung vom Haupte raufend. Ich muss hinzufügen, dass sich Papa seit jeher als ein Mann des Friedens verstanden hatte, als ein glühender Verfechter der Eintracht zwischen den Völkern. Gewalt, gleich welcher Art, war diesem aufrechten Katholiken ein Gräuel. (Ausgenommen selbstverständlich jene Art von Gewalt, welche, durch die eigenen Handelsgüter befördert, zum Nutzen und Frommen der abendländischen Kultur ihre Wirkung tat.)

 

Eine Stunde mochte vergangen sein, vielleicht etwas mehr, dann, endlich, schellte die Glocke an der Haustür, und Moustache, unser getreues Faktotum, verkündete das Erscheinen des Monsieur K., welcher, dem Alten auf dem Fuße folgend, bereits in den Salon getreten war. In der Linken hielt er einen Chapeau aus blauem Kaninchenfilz, in der Rechten eine Aktentasche aus Büffelleder. Er verbeugte sich gegenüber Maman und Aubergine, legte mir freundlich, ja geradezu kameradschaftlich, eine Hand auf die Schulter und wandte sich dann mit warmherziger Vertrautheit dem Herrn des Hauses zu: „Vicomte, alter Freund, Sie haben gerufen, da bin ich.“

 

Ein gedungener Mörder, Mesdames et Messieurs, muss wie ein praktischer Arzt sein – nicht allein der Körper des Opfers sollte als Gegenstand seiner Betrachtungen dienen, sondern auch, und das in besonderer Weise, die seelische Befindlichkeit des Auftraggebers. Ich spreche hier selbstverständlich nicht von jenen dumpf agierenden Schlächtern, die im Delirium Tremens Frau und Kinderlein in Stücke hacken, sondern von Personen, die die Kunst des Tötens mit Finesse und Raffinement betreiben. Monsieur K. wurde schon beim ersten Blick auf meinen Vater der widerstrebenden Empfindungen gewahr, die hinter der sorgenzerfurchten Stirne des Mannes ihren Kampf ausfochten. Oft genug hatte er im Rahmen seines Wirkens Ähnliches erlebt. Ganz so, als wäre er der Gastgeber und Papa der Gast, wies er mit einladender Geste auf einen bequemen Fauteuil, nötigte ihn, dort Platz zu nehmen und setzte sich gegenüber auf einen Stuhl, leicht nach vorn gebeugt wie ein sprechender Rabe und mit der Miene dessen, der bereit ist, die Beichte abzunehmen und den gewünschten Dispens zu erteilen.

„Darf ich den Herren ein Gläschen Chartreuse anbieten?“, flötete Maman, doch der Mörder schüttelte energisch den Kopf und verlangte stattdessen („Wenn es nicht zu viele Umstände bereitet, Madame!“) ein Glas „Brunnenwasser“, war er doch, zu all den anderen guten Eigenschaften, die ihm innewohnten, Mitglied im „Bund der Brüder und Schwestern wider den Volksverderber Alkohol“. Dann, sich vollkommen auf seine Aufgabe fokussierend, entnahm er der Aktentasche die notwendigen Utensilien und breitete sie mit kühler Professionalität auf dem Tischtuch aus.

„Vicomte, ich darf annehmen, dass es keinen anderen Weg gibt, als den, meine Dienste in Anspruch zu nehmen?“

„Das ist richtig, Monsieur.“

„Und Sie, mein Freund, sind sich der Konsequenzen bewusst, die eine solche Handlungsweise nach sich zieht?“

„Das bin ich.“

„Erlauben Sie einen Rat?“

„Ich bitte darum.“

„Finden Sie eine andere Lösung, eine bessere. Der Tod hat stets etwas Unumkehrbares.“

„Es handelt sich um geschäftliche Angelegenheiten, Monsieur, nicht um eine – nun, sagen wir, Affaire de Cœur!“

„Dann allerdings …“ Der Mörder streifte mit einem Blick Mamans empört wogenden Busen und zückte stattdessen ein schwarzes Büchlein, wie es auch Ärzten bei ihren medizinischen Konsultationen verwenden. „Kommen wir zu den Fakten. Der Tarif ist bekannt?“

„Jawohl. Und ich zahle im Voraus.“

„Die Hälfte jetzt, der Rest nach Gottes gütigem Ratschluss.“

„Monsieur, keine Umstände. Ich bin gewiss, dass Sie ein Mann sind, der meines Vertrauens würdig ist.“

„Der bin ich. Und dennoch, ich lehne ab! Auf keinen Fall darf der Eindruck entstehen, dass ich Ihre Malaise zu meinem Vorteil nutze.“

„Pardon, wir alle wissen Ihr Wirken zu schätzen. Dessen versichere ich Sie nicht nur als Franzose, sondern auch als stolzer Veteran der Schlacht bei Coulmiers.“

„Merci, mon Ami. Der Tod ist ein Geschäft, aber er ist auch und insbesondere eine Angelegenheit, die Feingefühl und Diskretion verlangt.“

„Wer wollte da widersprechen?“

„Präferieren Sie etwas Bestimmtes?“

„Ich verstehe nicht …“

„Die Waffe. Die Art der Waffe, um genau zu sein.“

„Ach so. Ich weiß nicht recht. Was empfehlen Sie, Maître?“

„Das hängt im Wesentlichen von der Leidensdauer ab, die Ihnen vorschwebt.“

„Der Leidensdauer …?“

„Schnell und schmerzlos, kalt und grausam, langsam und mit ausgeklügeltem Raffinement!“

„Wie lang …? Will sagen, mit wie viel Zeit rechnet man im Allgemeinen, bis …?“

„Ein Treffer in die Brust beendet das Leben praktisch sur le champ. Noch bevor die Stirn des Delinquenten den Boden berührt, ist die Seele auf dem Weg in eine bessere Welt. Andererseits …“

„Andererseits?“

„Sollten Sie subtilere Methoden in Erwägung ziehen, könnte ich, gegen einen geringen Aufpreis, versteht sich, die hinterindische Schlingen- und Hakentechnik offerieren.“

„Nie gehört.“

„Kein Wunder. Ich selbst erlernte diese Kunst während meines Studienaufenthalts in den Dschungeln des Subkontinents bei einem Yogi, der seine Vorfahren bis zu Mahavatar Babaji zurückverfolgen kann.“

„Formidabel.“

„Ich darf behaupten, der einzige Europäer zu sein, der die Schlingen- und Hakentechnik in ihrem ganzen verschwenderischen Reichtum beherrscht. Mein persönlicher Rekord liegt bei 38.“

„Was meint?“

„Was meint, dass derjenige 38 Stunden ununterbrochener Qualen teilhaftig wurde, bevor der Tod eintrat. Qualen, so delikat und von so ausgefeilter Perversion, dass der Proband, allein bei der Vorstellung dessen, was als nächstes kommen könnte, bereits einen Teil seines Verstandes eingebüßt hat.“

„Wäre das gut? Ich meine, das mit dem Verstand. Sollte dieser Lump nicht vielmehr …“

„Sie fürchten um Ihr Amüsement?“

Mein Vater zögerte mit der Antwort und betupfte stattdessen die schweißnasse Stirn. „Das nicht unbedingt, aber dennoch bin ich der Meinung, wenn ich schon so viel Geld investiere, dann …“

„… heiligen die Mittel den Zweck!“

„Genau.“

Monsieur K. nickte in seiner leidenschaftslosen Art und nahm ein hauchdünnes Messer mit S-förmig gebogener Klinge vom Tisch. „Die Haut abziehen, und anschließend den Körper mit einer Paste aus Salz, schwarzem Pfeffer und Chilipulver einreiben. Sehr beliebt im Hafenviertel von Saigon.“

„Klingt – Wie soll ich sagen? – etwas roh.“

„Verstehe.“ Der Mörder präsentierte eine kunstvoll gefertigte Phiole, die mit fein gravierten kyrillischen Buchstaben bedeckt war. „Diese in den westlichen Ländern nahezu unbekannte Säure habe ich von einem russischen Alchimisten im Lande Kamtschatka erworben. Sie löst innerhalb von zwei Stunden das komplette Knochengerüst auf, nicht jedoch das umliegende Gewebe. Zurück bleibt ein formloser Sack aus Fleisch und verflüssigten Innereien. Sehr schmerzhaft. Und überaus effektiv.“

„Nein. Ich denke, nein. Vielleicht doch lieber eine Kugel …“

Flugs zog K. eine langläufige Pistole aus der Brusttasche. „Das ist die Waffe mit der unser stolzer Präsident …“

„Mon dieu!“

„Ich sehe, wir verstehen uns.“

„Das war ein meisterhafter Schuss!“

„An die dreihundert Meter. Ich saß auf der Spitze eines Gotteshauses, während das Ziel hinter einer mannshohen Trikolore verborgen auf einem Podium stand.“

„Und Sie haben trotzdem …?“

„Eine einzige Kugel. Alles andere wäre Stümperei gewesen.“

„Gut. Ich bin einverstanden.“

„Bis wann wünschen Sie die Ergebnisse?“

„Alsbald. Es pressiert.“

Monsieur K. nickte und machte sich einige Notizen. „Dann fehlt mir nur noch der Name desjenigen, der …“ Er hielt vielsagend inne.

Mon Pere schlug die Augen nieder. „Es handelt sich um den allseits bekannten und berüchtigten …“

Der Mörder gebot Einhalt. Er nahm einen Bogen Briefpapier, faltete das Blatt in der Mitte und reichte es mit einer Schreibfeder an Papa. „Glauben Sie mir, das vereinfacht die Dinge kolossal. Sie können dann mit Fug und Recht von sich behaupten: Aus meinem Munde? Nichts dergleichen! Schreiben Sie, ich werde den Zettel anschließend vernichten.“

Wir alle waren hocherfreut über die Kompetenz, mit der Monsieur K. diese Angelegenheit zu behandeln wusste. Papa ergriff Feder und Pergament, kalligrafierte in schwungvoller Manier den Namen des Maghrebiners und reichte den Bogen zurück an unseren Gast. Der nahm das Schriftstück, studierte es eingehend, kratzte sich die Nasenspitze, beklopfte den Bauch, strich das Haar in den Nacken, faltete das Blatt ein weiteres Mal und legte es dann so behutsam vor sich auf den Tisch, als befände sich eine tickende Bombe darin.

„Tut mir leid, Vicomte, ich sehe mich außerstande, den Auftrag zu akzeptieren.“

„Was? Wieso?“

„Kurzum: Vertrag ist Vertrag! Man hat bereits in anderer Weise verfügt. Über mich, über meine Dienste – und, wenn Sie mir gestatten, das so zu formulieren, auch über Sie!“

„Bedeutet das, die gegnerische Partei …?“

„Ganz recht, lieber Freund.“

„Eine solche Vorgehensweise ist abominable. Der Mann ist ja nicht mal Franzose! Das ist ein Skandal, Monsieur, ein regelrechter Affront.“

„Sie sagen es, in der Tat. Allerdings ein gutbezahlter.“

Ohne sich weiter zu bekümmern (oder auch nur mit der Wimper zu zucken), riss er geschwind, und diesmal in tödlicher Absicht, die Pistole aus den Tiefen des Gehrocks, richtete den Lauf gegen die Brust meines bass erstaunten Vaters und platzierte dortselbst eine nicht große, dafür äußerst folgenreiche Kugel, die inmitten des augenblicklich verstummenden Herzens ein lohnendes Ziel fand. Nachdem sich der Pulverdampf etwas gelichtet hatte, wandte K. sich um, betrachtete mit teilnahmsvoller Miene die bass erstaunten Hinterbliebenen und hob zu einer kurzen, gleichwohl bewegenden Rede an: „Madame, tapferer kleiner Jean-Luc, Mademoiselle Aubergine. Gestatten Sie, dass ich mein Bedauern über das tragische Ende dieser Affäre zum Ausdruck bringe. Gerne wäre ich jetzt einer unserer nie um die richtigen Plattitüden verlegenen Dichter, vermöchte ich doch Besseres zu liefern, als dürre Worte des Bedauerns. Ich weiß um die Schwere des Verlustes, den sie erlitten haben. Sie gestatten gleichwohl, dass ich mich nunmehr empfehle. Es gilt noch, einen Ministerialrat in den Ruhestand zu versetzen. Lassen Sie mich gütigst wissen, wann der teure Verblichene zu Grabe getragen wird. Ich möchte, wenn es erlaubt ist, ein kleines Bukett senden. Lilien vielleicht? Was denken Sie? Oder lieber Narzissen? - Ihr Gatte, Madame, war mir viele Jahre ein väterlicher Freund. Ich werde seiner stets mit Hochachtung gedenken. Sollte ich bei anderer Gelegenheit von Nutzen sein können, etwa bei der Beseitigung eines nicht standesgemäßen Verehrers von Mademoiselle, würde es mir zur Ehre gereichen, wenn Sie sich meiner bescheidenen Dienste versichern wollten. Bis dahin bleibt mir nur noch zu sagen, Adieu und Gott befohlen, Ihr lieben, goldigen Menschen.“

Mit diesen Worten verbeugte er sich, ergriff Tasche, Hut, Stock, Mantel, Regenschirm, Pistole - und schon im nächsten Moment fiel die Türe mit einem an Kanonenböller gemahnenden „Klickeradoms“ ins Schloss. Wir alle blickten auf die Stelle, wo K. soeben noch gestanden hatte, reglos, stumm, wie bezaubert von diesem geistvollen Herrn, der es verstanden hatte, das Unvermeidliche mit so viel Anmut und Feingefühl, so viel Charme und Distinguiertheit zu behandeln. Trotz des unerwarteten Ausgangs, empfanden wir Stolz. Jawohl, Stolz darauf, dem Wirken eines so begnadeten Künstlers als Augenzeugen beigewohnt zu haben. Nie zuvor (und auch niemals danach) bin ich einem Mörder begegnet, der all die für seinen heiklen Berufsstand erforderlichen Eigenschaften in so bestechender Weise auf sich vereinigt hatte, wie das bei Monsieur K. der Fall gewesen ist. Darauf mein Wort, Mesdames et Messieurs. Darauf mein Wort als Franzose und gottverdammter Patriot. Jean, noch ein Fläschchen vom Roten! So jung kommen wir nie wieder zusammen! Vive la République! Vive l’Empereur! Santé!

 

Finis