Hochachtungsvoll Dieter Dorsch


03.01.18

Ja, hallo erstmal. Mit dem neuen Roman, den ich Ihnen fürs Weihnachtsgeschäft versprochen habe, läuft es famos. Schon heute Morgen beim Aufstehen hatte ich einige vielversprechende Ideen. Wäre mir nicht blöderweise der Kaffeefilter auf den Fuß gefallen (Notaufnahme!), hätte ich bereits die erste Kapitelüberschrift in meine getreue Olivetti gehämmert.

 

Können Sie vielleicht nochmal in der Buchhaltung wegen der Vorschussüberweisung nachhaken? Da ist noch kein Silberstreif am Horizont erkennbar. Oder liegt’s an der IBAN? Hat so eine IBAN wirklich 32 Ziffern? Kann sein, dass ich das mit der Telefonnummer meiner Ex-Frau in Kuala Lumpur verwechselt habe. Ich checke das vorsichtshalber.

 

Hochachtungsvoll

Dieter Dorsch

 

06.01.18

Der Plot? Nun, Sie kennen ja Ihre Pappenheimer. Ich darf verraten, dass sich die Handlung um einen Mann dreht, der während eines Aufenthaltes in Bad Schwartau eine Frau am Bahnhof trifft, von der er glaubt, dass er sie bereits in einem früheren Leben gekannt und geliebt hat (Als Gladiator im alten Rom? Als Konquistador von Cortés?), oder vielleicht auch eher nicht. An der Stelle bin ich mit mir uneins. Auf jeden Fall verlieben sich die Beiden erneut ineinander (oder, alternativ, zum ersten Mal) und geraten anlässlich ihrer Hochzeitsreise an die Niagara-Fälle in eine Abfolge kurioser Ereignisse, die nach zahlreichen, teilweise tragischen, teilweise lustigen Verwicklungen ein versöhnliches Ende nehmen. Dies allerdings nicht, ohne dabei auch etwas Relevantes über das Leben, das Universum und den ganzen verdammten Rest auszusagen. Grob gesprochen.

 

Stimmt. Das war die Telefonnummer meiner Ex-Frau, die jetzt eine Alligator-Farm in Kuala Lumpur betreibt.

Danke übrigens für den Tipp, dass die Nummer auf meiner Bankkarte steht. Blöderweise habe ich die gestern verkehrtherum in den Geldautomaten gesteckt, der sie daraufhin ganz unprätentiös verschluckt hat. Sofern ich eine neue bekomme, werde ich Ihnen meine IBAN stehenden Fußes mitteilen. Großes Indianerehrenwort.

 

Wäre es möglich, einen Teil des Geldes in bar zu schicken? Nehmen Sie ruhig gebrauchte Scheine, ich bin da nicht pingelig. Gern auch einseitig bedruckt, hahaha.

 

Hochachtungsvoll

Dieter Dorsch

 

07.01.18

Die Idee mit dem Mann und der Frau habe ich fallenlassen. Ein Mann und eine Frau, das ist abgeschmackt! Ich denke, ich sollte die wirklich drängenden Fragen der Zeit behandeln. Die Machenschaften der AfD. Das Flüchtlingsdrama. Auch gerne Selbstverstümmelung. Ich habe da gestern auf ARTE ein wirklich ausgezeichnetes Feature über Selbstverstümmelung gesehen. Der Titel ist mir leider entfallen. Mein Nachbar kam auf einen Sprung mit einer Flasche Cognac vorbei, die er auf einer Tombola zugunsten der Deutschen Kinderhilfe gewonnen hatte, und das Fernsehprogramm aus der F.A.Z. habe ich blöderweise für den Sand im Aquarium benötigt.

 

Ich glaube mich zu erinnern, dass die Abfolge mit DE22 beginnt. Oder DB23? So ähnlich jedenfalls. Kann das sein? Gibt es irgendwo ein zentrales Bundes-IBAN-Register, wo man anhand der ersten Buchstaben und Ziffern den Rest durch irgendeinen Algorithmus vervollständigen kann? Ich würde ja bei meiner Bank nachfragen, aber immer wenn ich aufstehe, haben die bereits geschlossen. Ich meine, das ist doch eine Servicewüste hier in Deutschland, nicht wahr?

 

Grüßen Sie Ihre charmante Gattin von mir. Und entschuldigen Sie mich bitte nochmal wegen der letztjährigen Weihnachtsfeier. Das war definitiv nichts Persönliches. Sagen Sie ihr das. Ich will kein böses Blut.

 

Hochachtungsvoll

Dieter Dorsch

 

PS: Ist der Fleck wieder rausgegangen?

D. D.

 

26.02.18

Also, das erste Kapitel habe ich praktisch fertig. Im Kopf! Muss nur mal die fünf Minuten entbehren, um den Rotz in die Maschine zu tippen.

Heute Morgen ist allerdings meine Tante gestorben. Sie war 78. Das ist ja an und für sich kein Alter für eine Frau, die selbst gute Freunde auf höchstens 80 geschätzt haben. Das Blöde ist nur, an mir bleibt natürlich wieder alles hängen: Beerdigung, Leichenschmaus, Kündigung der Rundfunkgebühren. Mein Bruder sagt, sie sei schließlich meine Tante gewesen.

Benötigen Sie ggf. eine komplette Sammlung mit Langspielplatten der beliebten Reihe „Advent mit Peter Alexander“? Oder kennen Sie jemand, der derlei Preziosen gegen eine geringe Gebühr theoretisch zu schätzen bereit wäre?

 

Ich habe mit meiner Bank gesprochen. Die Angelegenheit ist so gut wie in trockenen Hosen. Eine sehr nette und für ihr Alter unglaublich junge Fachangestellte hat mir die IBAN auf meinem Kontoauszug transkribiert. Leider kann ich ihre Schrift nicht entziffern. Ich gehe morgen nochmal hin. Das kommt dabei heraus, wenn man den Kindern in der Schule keinen vernünftigen Unterricht erteilt. Kultur-Bolschewisten! (Ich weiß, ich weiß, aber auch ich darf ja wohl meine Lebens-Ansichten gelegentlich meinen Lebens-Einsichten anpassen, oder?)

 

Hochachtungsvoll

Dieter Dorsch

 

21. September 2018

Ja, Herbstanfang, diese Zeit macht mich immer ein wenig schwermütig. Der Roman? Gut. Läuft gut. Hier noch ein Tupfer Farbe, dort noch ein Pinselstrich. Um die zehn-, fünfzehntausend Wörter sind es wohl schon. Der Rest schreibt sich praktisch von allein. Überhaupt kein Grund, in Panik zu verfallen. Ich habe schon Romane in die Walze getrommelt, die wurden gedruckt, noch bevor ich die erste Zeile geschrieben hatte. Also, metaphorisch gesprochen, rein metaphorisch.

 

Vorgestern war ich ganz dicht an meiner IBAN dran. Es fehlten vielleicht noch vier, fünf eher zweitrangige Ziffern. Maximal acht. Die Dame an der Toto-Lotto-Annahmestelle hat mir eigenhändig versichert, dass sie selten eine so authentisch wirkende IBAN mit eigenen Augen gesehen habe. Höchstens vom Hörensagen.

 

Gibt’s dies‘ Jahr eigentlich keine Weihnachtsfeier? Ich mein‘, wegen der Termine. Sie wissen, ich bin ein vielbeschäftigter Mann.

 

Hochachtungsvoll

Dieter Dorsch

 

02.01.2019

Lassen Sie mich Ihnen und Ihrer lieben Familie zunächst alles Gute für das kommende Geschäftsjahr wünschen, insbesondere Gesundheit. Und darüber hinaus natürlich noch viele ausgezeichnete Bücher über homöopathisches Tantra, Astrologie und diätisches Kochen für Agnostiker, die es Ihnen ermöglichen, Literatur, also richtige Literatur, wie ich und eine Handvoll minder Begabter sie noch zu produzieren verstehen, für ein kleines, aber kenntnisreiches Publikum herauszugeben. (Pardon, der vorgestrige Silvesterabend war nicht ohne. Mein Nachbar hatte eine Flasche rumänischen Genevers anlässlich einer Tombola zugunsten der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gewonnen.) Die gute Nachricht: Der Roman ist fertig. Einer Veröffentlichung zum nächsten Weihnachtsgeschäft steht nichts mehr im Wege. Die weniger gute: Ich bin gedanklich zu der Geschichte mit dem Mann und der Frau in Bad Schwartau zurückgekehrt und muss daher ein paar Kleinigkeiten im Subtext anpassen. Wird nicht mehr als drei, vielleicht vier Monate in Anspruch nehmen. Maximal sechs.

 

Meine IBAN lautet DB24 (05341) 26 26 26, Zusatzzahl 3. Kann aber auch die Telefonnummer sein, die meine Eltern Anfang der Sechziger Jahre in Salzgitter hatten. Ich rufe heute Abend meinen Halb-Onkel in Pocahontas, Iowa, an, der hat die Nummer (also die meiner Eltern in Salzgitter), und melde mich wieder.

 

Hochachtungsvoll

Dieter Dorsch

 

Anlage

 

PS: Anlage folgt mit kommender Post.

 

D. D.