Stau (Für Christine Wunnicke)


„Nicht so schnell“, sage ich. „Hier ist 50, nicht 51!“

„Fahr doch nicht so dicht auf, der könnte bremsen, Herrgott!“

„Vorsicht! Siehst Du denn nicht den LKW, der von rechts einbiegen will?“

Meine Gattin, die beste all meiner Gattinnen, lässt den Wagen der gehobenen Oberklasse langsam ausrollen und stoppt. Etwa sechs Meter vor einer grünen Ampel, auf der mittleren Spur einer vielbefahrenen Hauptverkehrsader unserer lieblichen Metropole Niederaubach.

„Möchtest du fahren, Gisbert?“, fragt sie - und lächelt dabei!

„Ich möchte schon“, sage ich zähneknirschend. Nach und nach fangen die anderen Verkehrsteilnehmer wie wild an zu hupen und suchen uns durch Zeichensprache und Gebärden zu vermitteln, wo unser Platz im Stammbaum der Evolution zu finden sei.

„Und was hindert dich daran?“

Ich ziehe es vor, das zu ignorieren.

„Vielleicht die Tatsache, dass du keinen Führerschein besitzt?“

„Ich besitze einen Führerschein“, stelle ich richtig. „Nur eben nicht im Moment.“

„95 km/h innerhalb einer geschlossenen Ortschaft. Ich habe mir sagen lassen, das sei Rekord.“

„Es waren 93, korrigiere ich. „95 war das Alter des Mütterchens, das sich auf dem Zebrastreifen vor mein Auto schmeißen wollte.“

„Und die du um ein Haar überfahren hättest.“

„Keineswegs, Liebling. Ich bin nicht nur ein ausgezeichneter, sondern auch ein vorausschauender Fahrer. Zwischen meinen Kühlergrill und das künstliche Hüftgelenk der Oma hätte mindestens noch ein Wälzer von Christine Wunnicke gepasst.“

„Christine Wunnicke schreibt ausgezeichnete Bücher“, bestätigt Renate. „Ausgezeichnete - und sehr dünne Bücher!“

„Ja, sage ich, „das mag sein. Aber in meinem Lebensalter ergibt es, glaube ich, keinen Sinn mehr, noch mit Krieg und Frieden anzufangen. Bis ich das gelesen habe, sitze ich vermutlich schon in der Ballsportgruppe des örtlichen Alten- und Pflegeheims.“

Es klopft an meiner Scheibe. Ich betätige den Knopf, und die Scheibe fährt, unterlegt durch ein leises, aber melodisches Summen, in perfekter Übereinstimmung mit der Erdrotation in den sinnreich dafür belassenen Schlitz hinunter. Draußen steht, in der Pracht seiner Jahre, ein rotgesichtiger Herr mittleren Alters, dessen Sprachfärbung ihn als einen Bewohner, zumindest aber Sohn der ehemaligen neuen Bundesländer ausweist (ich tippe mal auf den Großraum Dresden), und dessen kompakte Figur auf eine Vergangenheit als Mitglied im olympischen Ringerteam der Deutschen Demokratischen Republik schließen lässt.

„Haben Sie die Absicht, heute noch irgendwann weiterzufahren?“, brüllt er mir ins Gesicht.

„Bitte“, sage ich, „ich muss sie bitten, sich Ihrer Gesichtsmaske zu bedienen, bevor sie mich anspeien. Nicht nur, dass wir immer noch eine Pandemie haben, auch ihr vom Bluthochdruck gezeichnetes Altherrengesicht bietet nicht eben Grund zur Freude.“

Renate lässt, so glaube ich aus den Augenwinkeln zu bemerken, den Kopf in gespielter Verzweiflung auf das Multifunktionslenkrad sinken.

„Was? Was hast du da gesagt, du Gnusbokopp?“, ruft der offenbar leicht erregbare Verkehrsteilnehmer, dessen Golf V hinter uns im Leerlauf tuckert. Dabei macht er Anstalten, sich die beige Windjacke vom Körper zu reißen und seiner hinter ihm wartenden Gattin in die Hand zu drücken. Vermutlich um die Arme für einen kleinen Ringkampf freizuhaben.

„Steig aus, du Angeber, und ich zeig dir mal, wo der Barthel den Most holt.“

„Sehen Sie“, sage ich und schnalle mich ab, „das ist ein schönes Beispiel dafür, wie Worte oder ganze Sprichwörter durch Unkenntnis falsch benutzt werden. Wie Sie natürlich wissen, stammt die Sentenz vom Barthel, der den Most holt, aus dem Jiddischen. Nun ist aber Barthel keineswegs ein Name, wie oft behauptet wird. Etwa die Abkürzung von Bartholomäus. Nein, es handelt sich um eine Art Brechstange, demnach ein Werkzeug. Und bei dem Most, der dort geholt werden soll, handelt es sich auch keineswegs um gekelterten Fruchtsaft. Tatsächlich ist Most ein jiddischer Begriff für Geld. Also bedeutet ,ich zeige dir, wo Barthel den Most holt‘, ich zeige dir, wo man mit einer Brechstange Beute machen kann.“

Die Gattin des Mitbürgers aus den ehemaligen neuen Bundesländern beugt sich nun ebenfalls hinunter. „Sie reden so wunderbar geschwollen. Sind Sie Arzt?“ Dabei nestelt sie nervös an ihrer Handtasche.

„Nein“, erkläre ich, „aber einen Doktor-Titel besitze ich trotzdem. Wo tut’s denn weh?“

„Hier so, in der Schulter unten links“, erklärt sie und reibt die betroffene Stelle mit schmerzverzerrtem Gesicht.

„Was ist denn los? Warum geht’s denn hier nicht weiter?“, krakeelt ein Jungmanager im taubenblauen Maßanzug aus Rhinozeros-Nasenhaar-Gewölle.

„Der Herr ist Arzt“, erklärt die Frau des Sachsen, und es klingt, als ob sie sagen wollte: „Der Herr ist Messias.“

„Ach so“, nickt der Jungmanager, „ach so“, und wird gleich viel anschmiegsamer.

„Vielleicht liegt’s am Getriebe“, mutmaßt ein herbeigeeilter Brummi-Fahrer.

„Nein, nein“, wehre ich ab. „Entweder ist das eine Kalkschulter oder ein Rotatorenmanschettenriss. Eins von beiden.“

Der Kraftfahrer klatscht in die Hände. „Rotatorenmanschettenriss – dat isset!“

„Sind Sie auch Arzt?“, fragt die Dame aus Sachsen.

„Nein, aber mein Großvater mütterlicherseits hatte einen Opel Commodore. Da war auch mal ein Riss in der Rotatorenmanschette. Das wird teuer, sag‘ ich Ihnen, sehr teuer.“

Renate sieht mich an, so wie nur eine Frau, die wirklich liebt, und die bereit ist, durch Liebe all die kleinen Lässlichkeiten des Objekts ihrer Begierde zu vergeben, einen Menschen anzusehen imstande ist.

„Ich geh‘ mal eben an die frische Luft“, sage ich. Mir will scheinen, als wolle sie mich im letzten Moment zurückhalten, achte jedoch nicht weiter darauf. Immerhin: Um unseren PKW der gehobenen Oberklasse hat sich nun bereits eine beachtliche Menge Volkes versammelt. Die will unterhalten werden. Panem et circenses, wie der Dichter Juvenal sagte.

„Würden Sie mal bitte eine Rettungsgasse bilden“, rufe ich über die Köpfe der Schaulustigen hinweg. „Und außerdem benötigen wir heißes Wasser und saubere Laken.“

„Ist Ihre Begleiterin schwanger“, fragt eine Dame im großflächig blümierten Kleid.

„Nein, ich will mir einen Tee machen und benötige etwas, um meine Mundwinkel abzutupfen. – Natürlich ist meine Frau schwanger! Wozu sollte ich denn wohl sonst heißes Wasser und Laken benötigen? Haben Sie noch nie einen Western gesehen?“

„Was ist da vorne los?“, tönt es von den hinteren Rängen, die naturgemäß sichtbeeinträchtigt sind.

„Der Herr ist schwanger“, ruft eine Frau im Regenmantel.

„Hier? Mitten auf der Straße?“

„Sind bestimmt Ausländer“, mutmaßt eine Kokotte und schnipst ihre Kippe in meine Richtung.

Derweil kommen einige Versprengte aus dem allfreitäglichen SKOLSTREJK FÖR KLIMATET des Weges.

„Is‘ ja klar“, greinte eine Kaugummi blasende Jungmaid in malerisch aufgeschlitzten Designer-Jeans. „Opa fährt SUV! Schon mal darüber nachgedacht, dass deine Enkel auch noch auf diesem verschissenen Planeten existieren wollen?“

„Aber klar doch“, entgegne ich höflich. „Deswegen stehe ich ja hier.“

„Warum stehst du hier?“

„KÖRSTREJK FÖR KLIMATET!“

„Und was heißt das?“

„Ja, mein Kind, wenn du dich gelegentlich entschließen würdest, freitags in die Schule zu gehen, wüsstest du das. Fremdsprachen sind wichtig. Du willst doch bestimmt auch mal im Aufsichtsrat von Daimler Benz sitzen, oder? Ich meine, von wegen Frauenquote und so.“

„Was is‘?“

„Lassen Sie mich mal durch! Ich bin Arzt!“ Ein älterer Mann, der aussieht wie der junge Udo Jürgens, quetscht sich durch die 30, 40 Gaffer, die sich mittlerweile unserem Happening angeschlossen haben. „Ist jemand verletzt?“, ruft er.

„Ja, ich“, meldet sich schüchtern die Frau des Sachsen.

„Und was fehlt Ihnen?“

„Kalkschulter oder ein Rotatorenmanschettenriss“, erkläre ich.

„Was?“, fragt er blöde glotzend.

„Hören Sie mal, wie heißt eigentlich Ihre Alma Mater? Volkshochschule Entenhausen?“

„Ich bin Tierarzt“, ist alles, was ihm dazu einfällt.

Derweil ist die Polizei eingetroffen. Unverhohlene Wiedersehensfreude erhellt das bratpfannige Gesicht des Polizeiobermeisters Müller („Mit Doppel-L!“), der bereits das Vergnügen hatte, mich anlässlich einer Verkehrskontrolle zu kontrollieren [1].

„Herr Dr. Flötenzupfer, Sie! Das hätte ich mir denken können. Was um alles in der Welt ist hier los? Warum fährt diese Frau nicht weiter? Gehört das Auto Ihnen?“

„Allerdings“ bestätige ich. „Und die Frau am Steuer ebenfalls. Der Grund, warum wir nicht weiterfahren, ist, dass es am Straßenrand einen Notfall gab. Gefahr in Verzug. Sie verstehen?“

Müller runzelt die Stirn zu einer Reliefkarte Tirols und zückt seinen unvermeidlichen Schreibblock. „Welche Art von Notfall?“

„Diese Frau“, sage ich, gehe zu der Frau des Sachsen und lege ihr begütigend den Arm um die Schultern, „erleidet Schmerzen!“

„Gab es einen Unfall?“

„Nein, ein Verbrechen!“

„Ein Verbrechen?“

„Ja, ein Verbrechen an der Volksgesundheit. Haben Sie schon mal vom Rotatorenmanschettenriss gehört?“

„Allerdings!“ Müller wirft sich in die Brust. „Mein Vater ist langjähriger Kassenwart des Opel-Commodore-Fanclubs.“

„Dann wissen Sie, wovon ich spreche.“

„Absolut.“

Jetzt mischt sich das ehemalige Mitglied der Ringer-Nationalmannschaft in das Gespräch ein: „Der Herr“, ruft er, dabei jegliche Bemühungen, seinen sächsischen Akzent im Zaume zu halten, drangebend, „hat die Farbe meines Gesichtes in beleidigender Weise herabgewürdigt, Wachtmeister.“

„Und Sie sind?“, fragt Müller.

„Der rechtmäßig angetraute Gatte dieser Dame!“

Müller blickt erst ihn, dann sie an, dann wieder ihn, dann sie. „Wollen Sie Anzeige wegen häuslicher Gewalt stellen?“, fragt er meine Patientin, die auf der Stelle erbleicht und in den Beinen nachgibt. Erst kommt nichts, dann flüstert sie: „Wenn’s der Wahrheitsfindung dient - ja, Herr Major.“

„Gut. Mitkommen!“ Ersteres zu der Frau, zweiteres zu ihrem rechtmäßig angetrauten Gatten.

„Was?“, ruft der Ringer, während ihn Müller am Arm packt. „Wer ist denn hier …“, dann reißt er in einer unbedachten Anwandlung den Polizeiobermeister mit einem gekonnten Doppelnelson zu Boden.

 

Ja, so geht das. Unsere verwöhnte Jugend. Geht auf die Straße, um für die Erhaltung des Klimas zu demonstrieren, und was ist die Konsequenz? Anarchie!

Fazit: Ein leicht verletzter Polizist, eine Frau, die mit Rotatorenmanschettenriss in eine Tierklinik eingeliefert wurde, und ein Zeuge (Akademiker), der glücklicherweise die Nerven behielt und Schlimmeres verhüten half.

 

Renate musste gestern ihren Führerschein abgegeben. Wegen massiver Behinderung des Verkehrs und Anstiftung zum Landfriedensbruch. Soll keiner sagen, ich hätte sie nicht gewarnt.

 

Nachsatz: Christine Wunnicke hat für ihren Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ 2020 völlig zurecht den Wilhelm-Raabe-Preis erhalten. Das Buch ist 165 Seiten dick. „Krieg und Frieden“ bekommen Sie dagegen nicht unter 1.500 Seiten.

 



[1] Siehe „Und noch fünfzehn Minuten bis Buffalo“