Der große Popeto

Aus dem Leben eines Petomanen

 

„Mein Herr und lieber Freund – Sie sind ein Arsch, ein Arsch ohne Musik!“

 

Erik Satie (1866-1925), Komponist, an einen Kritiker

 

 

 

Diese Kunst wird heutzutage nicht mehr gewürdigt. Der Geschmack des Publikums hat sich gewandelt. Und dennoch gab es eine Zeit, da Tausende, Abertausende, vor den Türen der Varietés und Theater standen, um meinen Vater, den großen Popeto, einmal leibhaftig auf der Bühne zu erleben. Das war in der Morgendämmerung des 20. Jahrhunderts, in einer Epoche, da alles möglich erschien, in der die Grenzen des gerade noch Machbaren in eine per se überwältigende Zukunft changierten. Harry Houdini, der Entfesselungskünstler, gehörte zu den Berühmtheiten jener Tage. Anita Berber, schön und verrucht, zelebrierte im Apollo Theater die „Tänze des Lasters“. Die Brüder Skladanowsky präsentierten den Bioscop, einen der ersten Filmvorführapparate. Emil Naucke, stolze zweihundertfünfunddreißig Kilogramm schwer, betrat in einem Trikot von erlesener Vielfarbigkeit die Bühne, dortselbst Gewichte wahrhaft titanischer Größe stemmend.

 

Eine der beliebtesten unter all diesen Koryphäen des Varietés, und vom Publikum jahrzehntelang wie ein König gefeiert, war mein seliger Papa Wilhelm Herodes Schneckenstock, den alle, selbst die schärfsten Kritiker, als den „wahrlich größten Darmwindbläser des Weltenballs“ rühmten. Möglicherweise, wie ein sich geistreich wähnender Reporter der ,Berliner Ilustrirte‘ schrieb, „des gesamten Universums deutscher Zunge.“

 

Folgen Sie mir, hochverehrte Damen und Herren, in das Jahr 1901. Queen Victoria, die vierundsechzig Jahre lang über das Britische Empire regierte, ist nur Wochen zuvor in den Armen ihres Enkels, des deutschen Kaisers, sanft entschlafen. Doch hier im Kristallpalast zu Berlin herrscht wahrlich keine Trauer. Im Gegenteil. Am heutigen Abend hat sich eine ausgelassen parlierende Menschenmenge eingefunden, dies in freudiger Erwartung einer Darbietung der Künste des großen Popetos, welcher soeben aus Jaipur eingetroffen ist, wo er drei Monate lang als Gast des dortigen Maharadschas verweilte. Nach übereinstimmenden Berichten der Journaille waren die Karten für diese Veranstaltung binnen vierundzwanzig Stunden ausverkauft! Zweifelsohne ein neuer Rekord. Nicht einmal New York kann Ähnliches vorweisen.

 

Langsam verlöschen die Lichter. Das Plappern und Getratsche auf den billigen Rängen dämpft sich zu einem hoffnungsfrohen Gewisper. Jean, der vielen Zungen gerechte und insbesondere beim weiblichen Publikum hochgeschätzte Conférencier, betritt in einem silbern glänzenden Frack die Bühne, lächelt mit mehr Zähnen, als die Wissenschaft jemals zuvor in einem menschlichen Munde beobachten durfte, und verbeugt sich so tief, dass seine Nase nur knapp die auf Hochglanz polierten Spitzen der purpurfarbenen Lackschuhe verfehlt.

 

„Ladies and Gentlemen, meine Damen und Herren, Mesdames et Messieurs, hochgeschätzte Freunde formidabler Sensationskunst. Der Kristallpalast darf Ihnen am heutigen Abend voller Stolz einen der bedeutendsten Artisten der Gegenwart präsentieren. Heißen Sie ihn mit einem donnernden Applaus willkommen: den unvergleichlichen, den einzigartigen, den wahrhaft windigen PO-PE-TOOOO!“

 

Wie das vom Sturm empor geworfene Meer brandet der Beifall markerschütternd, von zahllosen „Hurras“ und „Vivats“ durchklungen, gegen den Orchesterboden, während ein Herr mittleren Alters, mit schütterem Haar und wasserstoffblauen Augen, würdevoll aus der Kulisse tritt, beschwichtigend die Arme hebt und dann, in formvollendet königlicher Manier, das Haupt vor seinem Publikum verneigt. (Sie mögen es nicht bemerkt haben, meine Damen und Herren, doch das freundliche Zwinkern, verbunden mit einem kameradschaftlichen Lupfen der Augenbraue, galt mir, seinem Filius, Wilhelm Herodes Junior, sieben Jahre alt, der mit seiner schönen Mama auf einem Ehrenplatz in der ersten Reihe sitzt.)

 

Jean, umtriebig wie ein Oberkellner, tritt schwungvoll nach vorn, dabei charmierend um die Gunst des Damen buhlend, und verkündet mit jenem Tremolo, das ihn zu recht so einzigartig unter den Conférenciers dieser Stadt gemacht hat: „Die Anal-Blaskunst, meine Damen und Herren, darf als eine der ältesten musikalischen Darbietungen in der Geschichte der Menschheit gelten und wurde bereits vor achthundert Jahren von den aztekischen Eingeborenen Mexikos zum Zwecke der Nachrichtenübermittlung genutzt. Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass alle Kunststücke, welche heute Abend zur Ausführung gelangen, ohne Geruchsbelästigung, jedoch mit Raffinement und Taktgefühl über die Bühne gehen, sodass auch die ungleich feineren Sinnesorgane des schönen Geschlechts in keinster Weise beleidigt werden.“ (Wohlwollendes Gelächter.) „Der Große Popeto, das sei hier betont, ist kein medizinisches Wunder. Seine Wirkung wird nicht vermittels billiger Taschenspielertricks erzielt. Auch eine besonders tief gehende Untersuchung durch die  Große Kaiserliche Ärztekommission in Sankt Peterburg, beehrt durch die Anwesenheit Seiner Majestät des Zaren Nikolaus, erbrachte keinerlei Hinweise auf etwaige anatomische Abnormitäten, welche die außergewöhnlichen Fähigkeiten des Künstlers auf diesem Wege zu erklären vermöchten.“ (Respektvolles Klatschen, Popeto verneigt sich.) „Nur im Süden Italiens, dort, wo bekanntlich die Zitronen blühen, gab es einen Petomanen gleichwertigen Ranges, von dem es heißt, der große Giuseppe Verdi habe ihm, zwecks konzertanter Aufführung, Mozarts „Kleine Nachtmusik“ für zwei Hintern, eine Triangel und diverse Blasinstrumente eingerichtet. Natürlich war der große Popeto auf der Stelle bereit, seine Kunst mit der des Zunftgenossen hier vor Ihren kritischen Ohren zu messen, doch mussten wir leider erfahren, dass Signore Poppolo Berlusconi vor Jahresfrist verschieden ist; an Darmverschlingung, wie es heißt.“ (Heiterkeitsausbrüche, verbunden mit anhaltendem Schenkelklatschen. Jean macht ein komisch-bekümmertes Gesicht.) „Doch damit genug, liebe Freunde. Lassen wir den Worten nunmehr - “ (Kurzes Zögern, vereinzeltes Kichern im Auditorium.) „- die wohlgelittenen Flötentöne folgen! Meine Damen und Herren, der große Popeto und seine erstaunlichen Imitationen unserer munteren Freunde aus dem Reich der Ornithologie!“

 

Jean verbeugt sich, wirft Kusshändchen in die Menge, verweist, um Beifall heischend, auf den Solisten und verschwindet alsdann mit einer Pirouette hinter dem Vorhang aus burgunderfarbenem Damast.

 

Würdevollen Schrittes tritt Popeto nach vorn. Seine Miene ist ernst, der Blick gesammelt. Er verschränkt die Finger über der Brust, schließt die Lider und stößt vier, fünf Mal in rascher Folge den Atem aus. Dann senkt er in tiefer Kontemplation das Haupt. Eine halbe Minute vergeht. Man könnte eine Stecknadel fallen hören, und es klänge wie die Kollision mit einem Ozeandampfer. Popeto hebt den Kopf, öffnet die Augen. Er bittet um Aufmerksamkeit: „Verehrtes Publikum – der Stachelbürzler aus den tropischen und subtropischen Wäldern Südostasiens.“ Erneut tritt Stille ein, doch dann, man vermag die Lebensnähe kaum zu fassen, ertönt, unverkennbar und in reinster Form, der charakteristische Ruf des buntgefiederten Sperlingsvogels:

 

„Ki-Bühl, Ki-Bühl, NokNokNokNokNok, Kra-Wehl, Tschikkolo, Tschikkolo-Tschik!“

 

Und nochmals:

 

„Ki-Bühl, Ki-Bühl, NokNokNokNokNok, Kra-Wehl, Tschikkolo, Tschikkolo-Tschik!“

 

Der Beifall donnert wie eine Lawine durch den Saal. Einzelne springen empor, rufen „Bravo!“ oder „Kolossal“. Die Wangen der jungen Damen werden durch eine Mischung aus Verschämtheit und Exaltation zartrosa verfärbt, während der selbigen eng geschnürte Mütter die Seidenfächer so rasch wie Kolibri-Flügel rotieren lassen. Schon die Ouvertüre war dem Ruf des Meisters angemessen. Popeto jedoch gehört dankenswerterweise nicht zu denen, die auf ihren Lorbeeren ausruhen, bis die Blätter derselben allmählich zu welken beginnen: „Vielen Dank, meine Damen und Herren. Merci, Mesdames et Messieurs. Muchas gracias, señoras y señores. Und nun, daran anschließend, der Vanga, auch Blauwürger genannt, der auf der Insel Madagaskar vor den schwarzen Küsten Afrikas beheimatet ist. Ich bitte Sie um absolute Stille, denn mit dem folgenden Ruf sucht der männliche Vogel das naturgemäß unentschlossene Weibchen aus den grünen Wipfeln der Urwaldriesen zu locken.“ (Gelächter und Beifall.)

 

„Kara-wall, Kara-wall, Tschippilli-Tschippilli-Tschuhk. Kaaa-bumm!“

 

Nun kennt die Begeisterung kaum noch Grenzen. Ein älterer Herr in der ersten Reihe wirft übermütig den Zylinderhut auf die Bühne, ein Mädchen von vielleicht fünf oder sechs Jahren stellt sich auf die Zehenspitzen, um ein zauberhaftes Blumenbukett zu überreichen. Die Blicke der in prachtvolle Admirals-Uniformen mit Epauletten gekleideten Ordnungskräfte flackern hie und da Richtung Notausgänge. Ein Odem wie von Aufruhr liegt in der Luft. Mama tätschelt meine Hand und drückt mir einen Kuss auf die Stirne. Das ist er, mein Papa! Jawohl! Ich bin so stolz, dass ich am liebsten emporspringen würde, damit es der ganze Saal erfährt: „Seht her, dort steht der große Popeto – und ich, Wilhelm Herodes Junior, bin sein eingeborener Sohn!“ Doch noch bevor sich der Aufruhr gelegt hat, folgt geschwind die nächste Attraktion.

 

„Im Folgenden werde ich ein Exempel dafür statuieren, dass sehr wohl möglich ist, was manche Vertreter der Wissenschaft hartnäckig bestreiten – nämlich vermittels des kontrollierten Einsatzes der Gesäßmuskulatur dem Enddarm menschliche und nicht nur allzu menschliche Laute zu entlocken. Zu diesem Behuf erlaube ich mir, ein Stück Poesie aus der Feder eines hochgeschätzten Dichters Berliner Provenienz zu interpretieren. Hören Sie, meine sehr verehrten Damen und Herren, ,Die liebliche Laute‘ von Oberleutnant der Reserve Dr. jur. Waldemar Binsenkraut.“

 

Ungläubiges Staunen macht die Runde. Sollte das möglich sein? Ist der große Popeto wahrhaftig in der Lage, vermittels der Anal-Blaskunst die dem Menschen ureigene Lautäußerung in verständlicher Form darzubieten? Zweifel sind augenscheinlich vorhanden, während diejenigen, die das Vergnügen hatten, dieser Darbietung bereits in Paris, London, New York oder letztjährig in Gaggenau an der Murg beizuwohnen, mit wissendem Lächeln in die Runde blicken.

 

Die Laute

 

So zart ihr Klang,

 

So mittenmang

 

Ins Ohr die Töne tropfen.

 

 

„Bist du’s, mein Lieb,

 

Mein Herzensdieb,

 

Bekränzt durch Malz und Hopfen?“

 

 

„Ich bin es, Kind,

 

Vor Liebe blind,

 

Will deine Sehnsucht stopfen!“

 

 

„So komm denn nur,

 

Folg dieser Spur,

 

Lausch in der Brust dem Klopfen.“

 

 

Die Laute klang,

 

Das Herz ward bang,

 

Dort zwischen Blumentöpfen

 

 

Steht sie vor dir,

 

Ganz nackt und schier,

 

Mit goldgefarbten Zopfen …

 

 

Gewisse marginale Abstriche bei den Umlauten sind dem Faktum geschuldet, dass das Gesäßteil der Frackhose am Nachmittage ein wenig zu scharf gebügelt ward. Nichtsdestotrotz, die Wirkung ist extraordinär. Das Publikum rast. Sie erheben sich von den Sitzen, sie werfen Hüte, Hände, Regenschirme, Puderquasten, ja ganze Säuglinge in die Luft. Sie klatschen, bis das Gefühl in den Fingern einer allumfassenden Taubheit gewichen ist. Sie toben wie die Vandalen vor den Mauern Roms. Einige Übermütige deuten an, die Bühne erklimmen zu wollen, vermutlich in der Absicht, den Künstler ebenfalls in die Luft zu werfen, was durch die Ordnungshüter, allesamt ehemalige Preisboxer, im Keime erstickt wird. Nach diesem Zwischenfall dauert es, bis sich der Enthusiasmus auf ein der weiteren Vorführung zuträgliches Maß reduziert hat. Das Orchester unter Hofkapellmeister Adolf Maria Notenfengler nutzt die Gelegenheit für ein kurzes musikalisches Intermezzo: Wir hören „O du liebe Mutter Spree“ und daran anschließend „Heil Dir im Siegerkranz“, was umgehend zu einem zivilisierteren Betragen gereicht.

 

Popeto tritt an den Bühnenrand. „Hochverehrtes Publikum, kommen wir nun zum kulturellen Höhepunkt des Abends. Richard Wagner darf mit Fug und Recht als der größte Tonsetzer gelten, dessen Kunst Deutschland und die Welt je gewahr werden durften. Mit freundlicher Erlaubnis von Frau Cosima, die kennenzulernen ich die Ehre anlässlich einer privaten Vorführung meiner bescheidenen Kunst in der Villa Wahnfried hatte, werde ich nun das Vorspiel aus Wagners Oper „Lohengrin“ zu Gehör bringen und bitte Sie, die Anwesenden, diesem Kunstgenuss still und in sich gekehrt beizuwohnen.“

 

Er schließt die Augen, lässt den Kopf wie einen Fußball auf dem dünnen Hals rotieren, lockert durch dezentes An- und Entspannen der Gesäßhälften die Geschmeidigkeit der innewohnenden Ritze. Er wartet, lauscht auf den rechten Moment, die Winde streichen zu lassen, dann, zunächst wie ein fernes Donnergrollen, gefolgt von sphärischen Klängen, beginnt jene unsterbliche Musik, die Friedrich Nietzsche völlig zurecht als „von … narkotischer Wirkung“ beschrieben hat. Unmöglich, die Herrlichkeit der Töne mit menschlicher Sprache zu ermessen. Hier offenbart sich im tiefsten Kern die Wahrheit, dass Euterpe sowohl die schreckliche als auch vollendete Königin unter den Musen ist. Wunderbar. Grandios. Manch gramgebeugtes Mütterlein ergreift die schwielige Hand ihres Sohnes. Vom Munde abgespart haben sie den Gegenwert der Billets. Graf und Gräfin blicken einander mit wehmütigem Lächeln in die Augen, was wohl schon Jahre nicht mehr vorgekommen ist. Tränen fließen selbst vom allergemeinsten Antlitz, und niemand, nein wahrhaftig niemand sieht sich genötigt, Scham angesichts seiner Gefühle zu entwickeln. Mit stolzem vaterländischem Herzen gedenken wir der Worte, die Heinrich der Vogler sprach, unter der Gerichtseiche sitzend, und die auch in unseren, doch so pedestrischen Tagen nichts von ihrem Wert oder Wahrheitsgehalt eingebüßt haben:

 

 

„Ob Ost, ob West, das gelte allen gleich.

 

Was deutsches Land ist, stelle Kampfesscharen.

 

Dann schmäht wohl niemand mehr das Deutsche Reich.“

 

 

Die letzten Töne verklingen als Nachhall göttlicher Berauschtheit. Das Publikum, vom ältesten Mummelgreis bis hin zum knopfnasigen Wickelkind, erhebt sich von den Plätzen, um dem Großen Popeto durch stürmische Ovationen Ehre zu erweisen. Da ist nichts von turbulenter Jahrmarktsatmosphäre. Hier, in dieser urdeutschen, der europäischen Kultur als fruchtbarer Samen innewohnenden Schaffenskraft, entfaltet sich ein Gemeinsinn spendendes Band, welches den Aristokraten mit dem Bauern, den Fabrikbesitzer mit dem Arbeiter, die Magd mit der Herzogin aufs traulichste vereint.

 

Popeto tritt nach vorn, überwältigt vom Sturm der Begeisterung, den seine Kunst entfacht hat – obwohl er dasselbe doch schon viele Male zuvor erleben durfte. Er verbeugt sich, hebt die Arme, lässt sie in gespielter Verzweiflung sinken, verbeugt sich erneut, lächelt, geradezu beschämt durch die zahlreichen Bekundungen hingebungsvoller Verehrung, verbeugt sich wieder und wieder und wieder – sinnlos, der Beifall nimmt kein Ende. Jean tritt auf die Bühne. Ihm dünkt, es sei der rechte Moment gekommen, im Glanze dieser Sonne zu extemporieren. Auch er verbeugt sich, lächelt, hebt die Arme, grüßt, winkt. Popeto verschwindet hinter dem Vorhang, doch das Klatschen will kein Ende nehmen. Im Gegenteil, es schwillt noch an. „Bravo, Popeto, Bravissimo!“ „Dakapo, Dakapo!“ Der Künstler kehrt zurück, schüttelt bedauernd das Haupt, versucht die Menge zu bändigen, indem er seine Taschenuhr befragt und auf die fortgeschrittene Stunde verweist – ohne Erfolg! Es gibt kein Halten. Erst nachdem Papa Bereitschaft signalisiert, den Abend mit einigen zusätzlichen Kapriolen ausklingen zu lassen, wird das Gelärme nach und nach zu freudiger Erwartung gedämpft. Es folgt die wortgetreue Deklamation der Rede eines Abgeordneten der Zentrumspartei zum Thema „Kirche, Sozialismus und Kaisertum“. (Insbesondere die lebensechte Wiedergabe des schwäbischen Dialekts sorgt bei unseren guten Berlinern für schallendes Gelächter.) Es folgen des Weiteren: „Gewittersturm über den Niagara-Fällen“, „Schwere Infanterie vor Gravelotte“, „Nächtliche Schlittenfahrt auf der Moskwa“, „Angriff der Sioux-Indianer auf den Planwagen-Treck des Buffalo Bill“, und abschließend der Klassiker unter den Klassikern: „Das Geheime Liebesleben der Oktopoden“. Dann, erst dann fällt der letzte Vorhang, und das Publikum schreitet glücklich und zufrieden in die erquickende Nachtluft hinaus.

 

Das Gedränge hinter der Bühne ist so groß, dass kaum ein Durchkommen möglich erscheint. Alle, die Rang, Namen, Titel, Fabriken, Kanonen, Orden oder doch zumindest das rechte Geblüt ihr Eigen nennen, haben sich vor der Garderobe versammelt, um dem Künstler die Hand zu schütteln. Gerhart Hauptmann ist dort, von seinem Haarschopf nahezu okkupiert. Der junge Thomas Mann, blassnäsig wie ein Käse aus Emmental, lässt sich eine Postkarte signieren. Mark Twain, der amerikanische Erzähler, welcher zu einem seiner humoristischen Vorträge in der Hauptstadt weilt, radebrecht derweil leutselig mit Frank Wedekind. Ein altersschwacher General, der unter drei Kaisern diente und dabei „zahlreiche Extremitäten auf dem Felde der Ehre“ beließ, erklärt im Brustton der Überzeugung, das Donnern der Geschütze niemals zuvor so mächtig empfunden zu haben - nicht einmal in der Schlacht bei Gravelotte selbst. Auch ein leibhaftiger Adjutant seiner Majestät gibt sich die Ehre und berichtet, mit der Bitte, diesbezüglich Stillschweigen zu bewahren, dass der erlauchte Herrscher Versuche unternommen habe, adäquate Ergebnisse durch die Beherrschung der Darmwinde zu erzielen, jedoch von den anwesenden Damen genötigt wurde, die Vorführung ruhmlos zu beendigen. Dies, so darf ich sagen, war der Zenit in der Karriere meines lieben Vaters Wilhelm Herodes Schneckenstock – ein Triumph sondergleichen, und ein Tag, der für mich, seinen Sohn, stets einen Ehrenplatz in der Liste meiner kostbarsten Erinnerungen besitzen wird.

 

Doch die Zeiten, ja die Zeiten, sie ändern ein ums andere Mal den unsteten Sinn, und der Geschmack des Publikums mäandert auf verschlungenen Pfaden. Neue Sensationen traten auf den Plan – technischer, gigantischer, größer. Schon bald fanden die Errungenschaften der Gebrüder Skladanowsky vermehrten Zuspruch – das Kino startete seinen weltweiten Siegeszug. Schneller als die meisten von uns erwartet hatten, fegten seine zappelnden, schwarzweißen und noch dazu stummen Bilder hochverdiente Künstler wie lästige Krümel vom Tische der öffentlichen Wahrnehmung. Auch die Anal-Artistik konnte diesem Orkan nicht auf Dauer widerstehen. Voller Wehmut entsinne ich mich jenes schicksalhaften Tages, da Artur Grünspecht, der große Berliner Impresario, meinen Vater in sein office bestellte, um ihm mitzuteilen, dass er gedenke, den abgelaufenen Vertrag nicht noch einmal zu verlängern.

 

„Sehen Sie, Schneckenstock, mit dem Hintern Musik zu machen, das ist heutzutage keine Kunst mehr“, waren seine Worte.

 

„Wie?“, empörte sich mein Vater – und dies zu Recht. „Dann lassen Sie mal hören, bester Grünspecht.“

 

„Nein, nein, so meinte ich das selbstverständlich nicht. Natürlich ist das eine Kunst, und Sie, verehrter Popeto, sind ihr ausgezeichneter Meister. Was ich sagen will ist, mit dieser Art von Darbietung wird heutzutage kein Staat mehr gemacht. Die Leute wollen Kinematographen, Automobile, Flugapparate, Radiowellen. Die Konkurrenz erdrückt uns schier. Wenn Sie wenigstens in Erwägung zögen, Ihre Fähigkeiten in den Dienste des Fortschritts zu stellen …“

 

„Was meint?“

 

„Nun, der Film ist stumm. Da fehlen die wirkmächtigen Effekte. Ein Mann Ihrer Möglichkeiten ist doch wie geschaffen, um …“

 

„Niemals, Herr Grünsprecht, niemals! Das hieße ja, den Ast absägen, auf dem ich so viele Jahre gesungen habe.“

 

„Dann allerdings …“

 

„Allerdings dann! Ich empfehle mich, Herr Grünspecht, und wünsche fürderhin reichen Erfolg mit den beweglichen Bildern. Schon bald werden Sie erkennen, dass es sich nur um eine flüchtige Modeerscheinung handelt. Niemals kann oder wird die Kinematographie den Gipfel der Kunst erklimmen, den ich, Wilhelm Herodes Schneckenstock, zu besteigen die Ehre hatte. Lohengrin, Herr Grünspecht. Ich sage nur: Lohengrin! Versuchen Sie doch mal eine Oper als Stummfilm zu präsentieren. Ha! Sie werden den großen Popeto noch auf den Knien bitten, mit dem Hintern Musik zu machen! Auf den Knien. So wahr mir Gott helfe! Und nicht nur der meinige, bester Grünspecht, ganz gewiss auch der Ihrige! Guten Tag.“

 

Doch mit Jahwes Hilfe oder nicht, der betagte Impresario durfte dieser Übung entraten. Die Zeit wogte gedankenlos über Papa und seine Kunst hinweg. Der Abstieg war nicht aufzuhalten. Von den Varietés in die Bierzelte, von den Bierzelten in die Schankräume, von den Schankräumen auf die Rummelplätze. Und dort, soviel steht fest, sind die Anhänger des göttlichen Richard Wagner deutlich in der Minderzahl. Auch wenn es an monetären Mitteln nicht fehlte, der Hunger keineswegs zu einem steten Gast an unserer Tafel wurde – die völlige Missachtung seiner Darbietungen durch ein grobes, rüpelhaftes und stets nach billigen Effekten lechzendes Publikum schmerzte den großen Popeto weitaus mehr, als dies ein leerer Magen getan hätte. Im Alter von dreiundfünfzig Jahren blieb sein Herz vor Kummer stehen. Während der Interpretation des volkstümlichen Klassikers „Ännchen von Tharau“. In Kyritz an der Knatter. Finis.

 

 

Sein Heimgang allerdings wurde nochmals ein Triumph, wenn auch einer, der nunmehr deutlich zu spät kam. Alle, wahrhaft alle, die im Varieté etwas auf sich hielten, waren gekommen, ihm die letzte Ehre zu erweisen: Madame Salome, einbeinige Primaballerina, gerühmt und bewundert für ihre vortreffliche Interpretation der Odette in Tschaikowskys „Schwanensee“. Egmont und Navarro, die siamesischen Messerwerfer. (Obgleich seit Jahren bis aufs Blut miteinander verfeindet!) Edmondo Parabellum, der vor laufendem Publikum Nägel, Hanfseile, Pianolas und lebendige Hunde verspeiste. Die „Kooperative Vereinigung der internationalen Darmwindbläser“ entsandte ihren Alterspräsidenten Hans-Magnus Dickwand-Botenstoff sowie einen wagenradgroßen Kranz, auf dessen Schärpe in güldenen Lettern zu lesen stand: „Ruhe in Frieden, liebster Freund und Kollege. Möge Dich dort oben stets eine warme Brise anwehen.“ Es war ergreifend, wahrhaft ergreifend. Am innigsten berührten mich allerdings ausgerechnet jene Worte, die Artur Grünspecht, der treulose Impresario, am offenen Grab zu den Trauernden sprach: „Was, liebe Freunde, ist das für eine Welt, in der es keinen Platz mehr für einen Künstler wie den großen Popeto gibt? Was sind all jene, die ihm folgten, gegen den Einen, der mit leicht dahin gestrichenem Darmpfiff das Zirpen der Grille ebenso wie das wütende Wogen des gewaltigen Meeres aufs Trefflichste darzustellen vermochte. Jeder von uns hat ein besonderes, von Gott gegebenes Talent. Popeto übte das seine in einer Weise aus, die Menschen auf allen sieben Kontinenten zum Lachen, Weinen, Erschauern und gelegentlich auch zum Innehalten und Nachdenken brachte. Was, so frage ich nun dich, lieber Popeto, alter Freund und alter Weggefährte, was kann ein Mann, ein Künstler aus purer Leidenschaft, mehr von sich verlangen - oder auch nur erwarten - als dies? Von seinem Leben! Vom Leben überhaupt!“

 

 

 

Ja, liebe Freunde, was?