Foto: Dokumentationsstelle Wien
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Ödön von Horváth

Im Wienerwald weht eiseskalt der Wind der Heuchelei,

Der Geist der Trunksucht, Sodomie und auch der Flegelei.

Gemütlich ist’s, beim Heurigen, den Rassenhass zu pflegen,

Und blattlweich das brave Haupt aufs Tischtuch hinzulegen.

 

Chor der Giatlschnoin:

Holleri du dödel-di, diri-diri-julli-dö,

Hollera di dulli-ri, diri-diri-dulli-jö!

 

Im Wienerwald weht eiseskalt der Wind der Faselei,

Der Geist der Unzucht, Perversion und auch der Grantelei.

Das süße Madl, wonniglich, spreizt seine dicken Schenkel,

Doch ohne Sinn, denn schaut‘s nur hin, dem Pott fehlt ja der Henkel!

 

(Lustiges Gelächter!)

 

Chor der Giatlschnoin:

Holleri du dödel-di, diri-diri-julli-dö,

Hollera di dulli-ri, diri-diri-dulli-jö!

 

Herr Horváth hat dem Wienerwald ein Denkmal hingesetzt,

Das mancher Wiener, glaubt’s mas, Leit, so gar nicht wirklich schätzt.

Ein Denkmal, das nach Scheiße stinkt, nach Söligkeit und Bier,

Nach Antisemitismus auch – und nach der blanken Gier!

 

Herrn Horváth hat der Blitz daschlogn, im fernen ,tout Paris‘.

In Österreich da liegt sein Grab, doch Wien verzieh ihm nie.

S’Mariandl, Valerie sind Abbild einer Welt,

Die schon sehr bald, durch Feuersturm, zu Aschenglut zerfällt.

 

Chor der Giatlschnoin:

Holleri du dödel-di, diri-diri-julli-dö,

Hollera di dulli-ri, diri-diri-dulli-jö!

 

Im Wienerwald weht eiseskalt der Wind der Heuchelei,

Der Geist der Trunksucht, Sodomie und auch der Flegelei.

So schiach und blad und akkurat kann nur ein Wiener sein!

Der guate Franz bittet zum Tanz und stellt sich dort ein Bein.

 

Chor der Giatlschnoin:

Holleri du dödel-di, diri-diri-julli-dö,

Hollera di dulli-ri, diri-diri-dulli-jö!

Holleri du dödel-di, diri-diri-julli-dö,

Hollera di dulli-ri, diri-diri-dulli-jö!

 

Adjöh!

 

Anmerkung zum Text:

Ödön von Horváth (1901-1938) war ein österreichisch-ungarischer Autor, der insbesondere durch seine Romane „Der ewige Spießer“, „Jugend ohne Gott“ und „Ein Kind unserer Zeit“ sowie die Theaterstücke „Geschichten aus dem Wienerwald“ und „Glaube, Liebe, Hoffnung“ bekannt wurde.

 

In seinem Stück „Geschichten aus dem Wienerwald“, 1931 in Berlin uraufgeführt, demaskierte Horváth das Klischee vom gemütlichen Wiener in seiner Heurigen-Welt mit ätzender Schärfe und entwarf so ein Panoptikum des Kleinbürgertums im aufkommenden Faschismus. Dem Text ist der berühmte Satz „Nichts gibt so sehr das Gefühl der Unendlichkeit als wie die Dummheit“ vorangestellt.

 

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich, emigrierte Horvàth nach Paris, wo er auf der Champs-Élysées während eines Gewittersturms von einem herabstürzenden Ast erschlagen wurde.

 

Marianne und Valerie sind zwei Figuren aus dem „Wienerwald“.

 

„Der guate alte Franz“ ist ein Chanson von Georg Kreisler, dessen Verhältnis zu seiner Heimat ebenfalls nicht ungetrübt war.

 

„Blattlweich“ ist ein österreichischer Ausdruck und bedeutet stinkbesoffen.

 

„Giatlschnoin“ (Gürtelschnallen) ist ebenfalls ein österreichischer Ausdruck und steht für Prostituierte.

 

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