Aristoteles

Es spricht Herr Aristoteles: „Ich sing des Lied, des Brot ich ess,

Allein an hehren Geisteswerken kann sich der Philosoph nicht stärken.

Vielmehr schätzt man, in solchen Kreisen, den Rotwein und die Götterspeisen,

Das zarte Fleisch der Antilope (Zu Ehren der Frau Kalliope),

Desgleichen auch den roten Sekt, der nach der Mädchen Trauben schmeckt,

Und manchmal dünkt sogar apart die Milch der frommen Denkungsart!“

 

So spricht Herr Aristoteles, ich will mal sagen, Tacheles,

Im Hinblick auf den schmalen Sold mit dem man ihm sein Wirken zollt.

 

Besonders die Frau Phytias wird ob der kargen Löhnung blass:

„Viel besser wär‘ es mir bekommen, hätt ich den Herakles genommen!“,

So keift sie, ganz nach Weiberart. Herr Ari zupft an seinem Bart

Und denkt bei sich: „Die Frauen sind in ihrer Logik wie ein Kind;

Wenn sie den Topos nicht versteh‘n, dann gehen sie von A nach Then

Und lösen so, ganz still und leise, den Knoten auf der Weiber Weise -

Dabei zählt nur das stete Ringen um Wahrheit bei der Tat Gelingen!“

Doch ist ihm klar, der größte Denker fährt besser mit der Frau am Lenker,

Beschließt daher, trotz mancher Klagen, es sei wohl besser, nichts zu sagen.

 

Anmerkung zum Text:

Aristoteles (384 v. Chr. – 322 v. Chr.) war ein griechischer Philosoph und Schüler Platons, der zu den einflussreichsten Denkern der abendländischen Kultur zählt. Die aus seinem Wirken entstandene geistige Disziplin nennt sich Aristotelismus. Insbesondere im Bereich der Ethik haben seine Anregungen bis in die Gegenwart Bestand.

 

„Ich sing des Lied, des Brot ich ess‘“ wurde für unsere Zwecke umgedreht. Eigentlich heißt der Spruch „Des Brot ich ess, des Lied ich sing“ und bezieht sich auf die Minnesänger im Mittelalter, die von Hof zu Hof, von Fürst zu Fürst zogen und dort, gegen Löhnung, Lobgesänge auf den jeweiligen Herrn der Feste darbrachten.

 

Kalliope, die „Schönstimmige“, ist eine Tochter des Zeus und der Mnemosyne. Sie ist die Muse der epischen Dichtung, der Wissenschaft und der Philosophie – demnach für Aristoteles zuständig.

Der „Mädchen Trauben“ bezieht sich auf Fetească, eine rumänische Rebsorte.

Die „Milch der frommen Denkungsart“ ist ein Zitat aus Friedrich Schillers „Wilhelm Tell“. Gemeint ist damit rechtschaffenes, sittlich unverdorbenes und frommes Gedankengut.

 

„Im Hinblick auf den kargen Sold mit dem man ihm sein Wirken zollt.“ Auch in unseren aufgeklärten Tagen ist die Entlohnung der Geisteswissenschaftler von eher beklagenswerter Geringfügigkeit

 

Phytias war die Gattin des Aristoteles. Dass der einen Nebenbuhler mit Namen Herakles hatte, war der Wissenschaft bisher nicht geläufig.

 

Zum Thema Topos erlaube ich mir aus der unverzichtbaren Wikipedia zu zitieren: „Aristoteles fasst den Begriff Topos als Spektrum von Funktionen auf: sowohl heuristisch (als Suchort), argumentativ (als Anstoß zu einer Argumentation) und rhetorisch (als Teil der Rede selbst).“ „Topik“ heißt das fünfte Buch des Organon, in dem zahlreiche Schriften des Aristoteles zusammengefasst wurden.

 

„…von A nach Then“ ist wohl die altgriechische Sprachregelung. Heute kennen wir diesen Spruch in der modernen Variante: „Von A nach B“.

 

Der Knoten, von dem Aristoteles hier spricht, mag eine Anspielung auf den berühmten Gordischen Knoten sein, der, einer Sage nach, am Streitwagen des phrygischen Königs Gordios befestigt war und den Alexander der Große mit einem Schwerthieb durchtrennte. Aristoteles war einer der Lehrer Alexanders.

 

Lieblingszitat von Aristoteles: „Die Gesamtmasse des Publikums ist ein besserer Richter über die Leistungen der Musik und der Dichter, als einzelne, denn dieses vielfüßige und vielköpfige Wesen schließt eben alles Verständnis aller einzelnen Teile eines Kunstwerkes in sich.“

 

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