Botho Strauß, Foto: dpa/ULLSTEIN
Botho Strauß, Foto: dpa/ULLSTEIN

Botho Strauß

„Vernimmst du, Lieb, den süßen Klang? Mich deucht, es tönt wie Bocksgesang!“,

Spricht Botho Strauß zu seinem Hund - und tut ihm große Wahrheit kund:

„Das Feuilleton braucht meine Werke, so wie die Wäsche Hoffmann‘s Stärke -

Bös ständ‘ es um die Welt hienieden, wär’ mir nicht das Genie beschieden!“

 

(Derweil liegt stumm die NZZ klammheimlich unterm Dichterbett,

Und vor dem Tore friert die FAZ, erwartend einen klugen Satz.)

 

Herr Strauß jedoch beißt in die Birne, die Blicke gleiten in die Firne

Dort wo sich Land mit Licht vereint, er senkt den Kopf, er seufzt, er weint

„Ach, ach“, so spricht er, „dreimal ach! Das Dasein ist mir Ungemach!“

Beschließt daher, trotz hübscher Summen, es wär‘ das Beste zu verstummen.

 

(Noch immer liegt die NZZ klammheimlich unterm Dichterbett,

Und vor dem Tore friert die FAZ, erwartend einen klugen Satz.)

 

Doch bald schon bricht sich Bahn der Drang zu einem neuen Bocksgesang

Sodass er nach der Feder greift, dieselbe durch die Tinte schleift

Und auf die erste Seite schreibt: „Ich bin die Leuchte die euch bleibt!

Wenn alles dunkelt, nieselt, friert, bin ich es, der euch temperiert!“

 

(Drauf jubelt nun die NZZ entgeistert unterm Dichterbett,

Und vor dem Tore schreibt die FAZ: „Ein wahrhaft undurchdachter Satz!“)

 

Was sind sie nur für ein Gelichter, die wohlbestallten Zeitgeist-Dichter!

Man lässt sie besser leewärts liegen, bis sich die bunten Balken biegen.

 

Anmerkung zum Text:

Botho Strauß, geboren 1944 in Naumburg, gilt als einer der erfolgreichsten deutschen Gegenwarts-Dramatiker. Zu seinen bekanntesten Werken zählen das Theaterstück „Groß und klein“, 1978 uraufgeführt, die Prosa-Sammlung „Paare, Passanten“ von 1981 und das Buch „Beginnlosigkeit“ (1992), in dem es, grob gesagt, um „Kosmologie und Radikalen Konstruktivismus“ geht. Eher zweifelhaften Ruhm brachte ihm der 1993 im Nachrichtenmagazin Spiegel veröffentlichte Text „Anschwellender Bocksgesang“, der zu einem monatelangen feuilletonistischen Säbelrasseln führte und den Autor dem Vorwurf aussetzte, faschistisches Gedankengut zu transportieren. Später distanzierte er sich von dessen Aussagen in Teilen.

 

Bei der NZZ handelt es sich um die renommierte „Neue Zürcher Zeitung“, bei der FAZ um die nicht minder renommierte „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, in deren Feuilletons Botho Strauß gerngesehener Gast ist.

 

Mit den „bunten Balken“ sind nicht nur die sprichwörtlichen gemeint, die sich bekanntermaßen beim Lügen biegen, sonder auch die Balkenüberschriften der Zeitungen.

 

Lee ist die dem Wind abgewandte Seite eines Schiffes.

 

Alle Zitate, die Botho Strauß im Gedicht zugeschrieben werden, sind dichterische Freiheit, um nicht zu sagen, erstunken und erlogen.

 

Lieblingszitat von Botho Strauß: „In verschwätzten Zeiten, in Zeiten der sprachlichen Machtlosigkeit bedarf die Sprache neuer Schutzzonen.“

 

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