E. Marlitt

Es sprach, in ihrer Gartenlaube, Frau Marlitt mit der schwarzen Haube:

„Ihr Frolleins hört und merkt euch fein, der Mann, in toto, ist ein Schwein!“

Woran man wohl ermessen mag, dass dies nicht nur am Essen lag,

Vielmehr aus der Erfahrung sprach, an der’s der Jungfernschaft gebrach!

 

„Reichsgräfin Gisela zumal, ein frischer Wind, ein Sonnenstrahl,

Wird eines Tages, ungesühnt, von Bertold mit der Hand bedient,

Obgleich sie Oliveira liebt und sich in der Entsagung übt.

Solch‘ Wirken kann auch Portugiesen den Ehestand gepflegt vermiesen!“

 

„Oder die junge Florentine, grazil wie eine Honigbiene,

Die sich nur allzu rasch ergab, dem Grafen, und vor Kummer starb!

Als man das Muttern sanft entdeckte, nahm die sogleich das Eingeweckte,

Das sie auf eine Semmel strich: Ein ganzes Herrenhaus verblich!“

 

„Griseldis war ein schönes Kind, voll Unschuld und seit jeher blind,

Erkannte nicht der Männer Tücken; sie musste sich ja nur mehr bücken

Und ihrer Röcke Vielzahl raffen, um dort ein wenig Platz zu schaffen,

Wo sich die Herren gern erregen und zumeist rhythmisch hinbewegen.“

 

So sprach, in ihrer Gartenlaube, Frau Marlitt mit der schwarzen Haube:

„Viel besser sind die Frauen dran, ganz ohne jeden ,starken‘ Mann,

Weshalb ich mich nicht lange plagte, dem Ehestand per se entsagte

Man kann sich derlei ,dumme Sachen‘ auch ganz gepflegt mal selber machen!“

 

In praeteritum non vivitur. (In der Vergangenheit wird nicht gelebt)

 

Anmerkung zum Text:

E. Marlitt, bürgerlich Friederieke Henriette Christiane Eugenie John, (1825-1887) gilt als die erste Bestseller-Autorin der Welt. Plattform für ihren Erfolg war die Zeitschrift „Gartenlaube – Illustrirtes Familienblatt“, die von 1853 (mit Unterbrechungen) bis 1984 existierte. Ihre Bücher, genannt seien „Goldelse“ (1866), „Das Geheimniß der alten Mamsell“ (1867) und „Reichsgräfin Gisela“ (1869), handeln in erster Linie von der großen, zunächst unerfüllten Liebe zwischen gesellschaftlich oft strikt voneinander geschiedenen Partnern, die dennoch, auf mancherlei Umwegen, zum obligatorischen Happy End, sprich dem vertrauten Klang der Hochzeitsglocken, zueinander finden. Es entspricht durchaus der historischen Richtigkeit (und nicht etwa meinem persönlichen Chauvinismus), wenn ich bemerke, dass sich Marlitts Anhängerschaft fast zu 100 % aus Frauen aller Schichten und Stände zusammensetzte. Die Autorin selbst hingegen blieb ihr Leben lang unverheiratet.

 

Oliveira ist ein blendend aussehender Portugiese, in den sich „Reichsgräfin Gisela“ im gleichnamigen Roman verguckt.

 

Bertold ist ebenfalls eine Gestalt aus dem Roman „Reichsgräfin Gisela“. Dass besagter Herr die junge Heldin allerdings „mit der Hand bedient(e)“, ist ebenso ins Reich der schlüpfrigen Fantasie dieses Autors zu verweisen, wie die Schicksale der grazilen Florentine und der blinden Griseldis, die, unseres Wissens nach, überhaupt nicht in den Schriften der Marlitt vorkommen. Er möge sich dessen schämen. Pfui!

 

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