Gotthold Ephraim Lessing

Heut Nachmittag, in jener Stadt, die diesen Mann beherbergt hat,

Stand ich, weil es nichts bess’res gab, an seinem halb vergess’nen Grab,

Gedachte dort, recht still verweilend, der Zeiten, die, so rasch enteilend,

Ihn mit sich rissen, nackt und bloß, als wär das Leben wirkungslos!

 

Herr Lessing scheint, auf manche Weise, wie Nathan klug und gleichsam weise,

Ein Mensch, der seiner Kraft vertraute, und der mit Worten Brücken baute,

Der stets von einer Wahrheit sprach, die ihm aus vollen Herzen brach:

Und diese Wahrheit hieß: Moral! Nur scheint sie oftmals – Höllenqual!

 

Man führt sie gern, zu gern, im Wort, doch kommt’s drauf an, dann bleibt sie fort.

Viel klüger scheint es, zu erdulden: Drei Vaterunser, ein paar Gulden,

Schon ist das fromme Werk getan, danach erfüllt sich Gottes Plan,

Und alles bleibt, so wie es ist, voll Tücke, Lug und Hinterlist!

 

Doch Lessing mochte nicht entscheiden, an wessen Gott soll ich mich weiden:

An Allah, Jesu, Jahve gar? Es schien ihm reichlich sonderbar,

Dass Trinitäten Kronen tragen – man müsste demnach fortan fragen:

„Bist du der Gott, das eine Licht, das mich erleuchtet – oder nicht?“

 

Der wahre Glaube ist nur Trug, denn Liebe ist sich selbst genug.

Herr Lessing sprach: Der Mensch ist gleich, ob groß, ob klein, ob arm, ob reich!

So steht es auch in seinen Schriften, er wollte eine Kerze stiften,

Für Aufklärung und Toleranz - und wider jeden Mummenschanz!

 

Ich wandte mich von seinem Grab, in dem der Leib einstmals verdarb,

Und lenkte meine Schritte hin, mit einem durchaus frischen Sinn.

Am Wegesrand, da blieb ich steh’n, um mich noch einmal umzudreh’n,

Und siehe da, fort war der Stein, der ihn verbarg – ich war allein.

 

Anmerkung zum Text:

Gotthold Ephraim Lessing (1729-1781) war einer der bedeutendsten Dichter der Aufklärung. Viele seiner Theaterstücke, namentlich „Minna von Barnheim“ (1767), „Emilia Galotti“ (1772) und „Nathan der Weise“ (1779), werden bis heute auf deutschen Bühnen gespielt. Am 7. Mai 1770 wurde Lessing Bibliothekar in der „Herzog August Bibliothek“ zu Wolfenbüttel, was mich in meiner Jugend veranlasste, damit zu kokettieren, dass ich in der Stadt geboren sei, in der Lessing verstarb. Bis ich entdecken musste, dass der große Dichter im nur unweit entfernten Braunschweig sein Leben ließ. Dort ist er auch begraben, auf dem Magnifriedhof. Leider musste ich anlässlich meines letzten Besuches dort feststellen, dass die Stadt Braunschweig sich offenbar kaum um ihren großen Toten bekümmert. Sein Grab zu finden ist eine Aufgabe, eines Pfadfinders würdig, und dort hinzugelangen erfordert die Ausdauer und Geschicklichkeit eines Dschungelcamp-Bewohners. Schämt euch, ihr Braunschweiger Töffel. Wenn ihr den großen Lessing nicht wollt, wir Wolfenbütteler nehmen ihn allzu gern!

 

In der sogenannten „Ringparabel“ aus „Nathan der Weise“ formulierte Lessing seinen Toleranzgedanken gegenüber den drei großen Weltreligionen, denen er jeweils keine Vormachtstellung gegenüber den anderen einräumte. Ein Postulat, das heute, angesichts der Auseinandersetzung mit der IS und anderen Terrorgruppen, umso bedenkenswerter erscheint.

 

Die „Heiligste Dreifaltigkeit“ (Dreieinigkeit, Trinität – lat. trinitas) besteht aus Gottvater, Sohn und Heiligem Geist. Dass in unserem Fall von Trinität-en gesprochen wird, verweist ironisch auf die Drei-Uneinigkeit der Religionen Christentum, Judentum und Islam, die vermutlich in zweitausend Jahren Religionsgeschichte mehr Menschenleben gefordert hat, als alle Naturkatastrophen in diesem Zeitraum zusammen.

 

Lieblingszitat von Lessing: „Alle Moral muß aus der Fülle des Herzens kommen, von der der Mund übergeht, man muß ebensowenig lang darauf denken, als damit zu prahlen scheinen.“

 

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