Hannah Arendt

"Ganz grau“, spricht Hannah, „ist das Böse, weshalb ich mich vom Denken löse,

Das Böse sei höchst radikal, in Wahrheit ist es schlicht banal.

Ein Mann wie Eichmann, Technokrat, der unbedingt das Böse tat,

Ist nicht der Mordlust kalter Sänger, er ist nur ein Befehlsempfänger:

Ein Hanswurst ohne jede Tiefe, der lauscht, ob ihn sein Führer riefe -

Gewiss nicht Shakespeares Richard Drei, gewiss nur dumm - und einerlei!“

 

Doch ist es wirklich so gewesen, ist Eichmann nur ein Narr gewesen?

Oder war er, der Ungefähre, nicht doch ein Kind von Blut und Ehre,

Und all das muss man so versteh‘n: Er wollte nur dem Strick entgeh’n,

Der seinen Hals schon arg bedrängte und jeden Ausweg stark verengte.

Nur deshalb gab er dort den Tor und hielt sich selbst den Spiegel vor,

Als wär‘ gewesen dieses Bild, der Pflichterfüllung letztes Schild.“

 

Anmerkung zum Text:

Hannah Arendt (1906-1975) war eine Publizistin und politische Theoretikerin jüdischer Herkunft. 1933 musste sie vor den Nazis aus Deutschland fliehen und wurde nach langen Jahren der Staatenlosigkeit 1951 US-Amerikanerin. 1961 reiste sie im Auftrag der Zeitschrift The New Yorker nach Jerusalem, um über den Prozess gegen Adolf Eichmann zu berichten. Eichmann (1906-1962) war SS-Obersturmbannführer und Leiter des sogenannten Eichmann- oder Judenreferats, dessen Aufgabe es war, die Deportation und Ermordung der europäischen Juden zu organisieren. Als Arendt diesen Mann erlebte, im Gerichtssaal in einem Glaskasten sitzend, fühlte sie sich nachgerade schockiert von der vermeintlichen Banalität eines Menschen, der doch für so viele grauenhafte Dinge verantwortlich war. Sie glaubte zu erkennen, dass dort keine Bestie saß, wie sie erwartet hatte, sondern ein völlig durchschnittlicher, mäßig gebildeter Bürokrat, ein fischblutkalter Befehlsempfänger. Das Böse sei „radikal“, hatte sie bis dahin immer postuliert, doch nun schrieb sie: „Das Böse ist immer nur extrem, aber niemals radikal, es hat keine Tiefe, auch keine Dämonie.“ und entwickelte die berühmte Formulierung von der „Banalität des Bösen“. Diese Haltung und zudem ihre Auffassung, dass die damaligen Judenräte bei der Vernichtung der eigenen Leute bis zu einem gewissen Grad kooperiert hätten, löste eine mit aller Härte geführte Debatte aus, in deren Verlauf sich auch viele enge Freunde von Arendt abwandten. Die Ansicht, dass Eichmann tatsächlich nur Bürokrat und Befehlsempfänger gewesen sei, scheint heute weitgehend widerlegt. Vielmehr ist man zu dem Schluss gekommen, dass dessen „Wurstigkeit“ vor Gericht lediglich eine Strategie war, um sich vor dem Galgen zu retten. Eine Strategie, die nicht aufgegangen ist: Er wurde zum Tode verurteilt und im Mai 1962 hingerichtet. Der Leichnam wurde verbrannt und die Asche ins Mittelmeer gestreut.

 

Lieblingszitat von Hannah Arendt: "Der wohl hervorstechendste und auch erschreckendste Aspekt der deutschen Realitätsflucht liegt in der Haltung, mit Tatsachen so umzugehen, als handele es sich um bloße Meinungen."

 

© 2014-2015 Surabaya Johnny