Theodor W. Adorno

Herr Wiesengrund blickt in die Runde,

Beschließt sogleich für eine Stunde

Oder auch mehr zu kontemplieren,

Den Geist ins Luftige zu führen,

Gedanken weit und hoch zu türmen,

Den Fragenberg hinan zu stürmen,

Um dort Worte flugs zu finden,

Die sich nicht um die Sache winden,

Sondern - den Punkt mit Schmackes treffend,

Die Segel rasch im Geiste reffend! –

Ihr Ziel erleuchten für die Massen,

Die sich das gern gefallen lassen!

 

„Zuvörderst aber ist höchst dringlich

(Nein, kein Gedanke, es ist dinglich!),

Bei all dem Hin- und Her-Getrampel

Fehlt schlechterdings doch eine Ampel,

Die den Verkehr im Ganzen regelt,

Bis der sich füglich eingepegelt,

Demnach dort eine Lücke bildet,

Die jeden Denker wohl beschildet,

Der meinen Weg beschreiten möchte.

Das ist es, was ich gern erföchte!“,

Sprach braun gebrannt in Mezzogiorno

Der Philosoph, genannt Adorno.

 

Anmerkung zum Text:

Theodor W. Adorno (1903-1969) war ein deutscher Philosoph, Soziologe, Komponist und Musiktheoretiker. Als Jude emigrierte er vor der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in die USA, wo er Mitarbeiter des Instituts für Sozialforschung wurde und mit Horkheimer „Die Dialektik der Aufklärung“ schrieb. 1953 kehrte er nach Deutschland zurück und erhielt eine außerordentliche Professur für Philosophie und Soziologie an der Uni Frankfurt. Während der Studentenunruhen in den sechziger Jahren geriet Adorno zwischen die Fronten, da er einerseits die Notstandsgesetze der Großen Koalition in Bonn ablehnte, andererseits aber auch zu den Anführern im revolutionären SDS Distanz hielt.

 

Das „W“ nach dem Theodor bezieht sich auf den Namen, unter dem Adorno tatsächlich geboren wurde, als Sohn des Weingroßhändlers Oscar Wiesengrund. Adorno war der Name seiner Mutter, den er bei der Einreise nach Amerika benutzte, „möglicherweise (um) die schon am Namen erkennbare hohe, nämlich hundertprozentige, Quote der jüdischen Mitglieder des später legendären Instituts für Sozialforschung, das an der Columbia University in New York Unterschlupf gefunden hatte, vermeintlich zu verringern. ,Wiesengrund‘ steht auch auf dem kleinen Denkmal, das ihm Thomas Mann als Dank für Adornos Mithilfe in seinem "Doktor Faustus" gesetzt hatte.“ (Deutschlandfunk)

 

Adorno wurde durch seine zahlreichen Auftritte in Funk und Fernsehen zu einer Art frühem Medienstar der Philosophie: Dies „in Diskussionen, deren intellektueller Anspruch heute unkontrollierbare Affekte provozieren würde.“ (Deutschlandfunk) Darauf wird in den Zeilen angespielt, die sich mit den „Massen“ befassen, „die sich das gern gefallen lassen“.

 

Die in Frankfurt berühmte „Adorno-Ampel“ hat ihre ganz eigene, höchst originelle Geschichte:

„Da ist zum Beispiel die Adorno-Ampel. Mitten an der Senckenberganlage, einer der großen Ringstraßen der Stadt gelegen, trennt sie das geschichtsträchtige Institut für Sozialforschung von der Goethe-Universität, auf der anderen Seite der Straße gelegen. Und genauso inbrünstig wie Theodor Adorno auf die Zivilisation und die Kulturindustrie schimpfen konnte, konnte er sich für das Wohl seiner Studenten, oder wenigstens deren pünktliches Erscheinen zu Vorlesungsbeginn kümmern. Adorno befürwortete an dieser gefahrenträchtigen Stelle das Aufstellen von "Verkehrslichtern", heute auch Ampeln genannt, nachdem 1962 ein Passant beim überqueren der Straße getötet und auch eine Sekretärin des Instituts schwer verletzt wurde. Eine fast schon soziologische Dimension hat sein Leserbrief in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, in dem er Autofahrern anlastet, Fußgänger als störende Objekte wahrzunehmen und nur polizeiliche Maßnahmen einen Sinneswandel bewirken könnten. Eine Genugtuung sollte er jedoch nicht erfahren, 1987, 18 Jahre nach Adornos Tod, wurde eine Ampel aufgestellt und Studenten und Dozenten können seitdem an der nach dem geistigen Vater dieser Lichtzeichens benannten Ort sicher die Straßenseite wechseln.“ Aus einer Kritik auf www.rezensionen.ch über das Buch „101 Unorte in Frankfurt“ von Frank Berger und Christian Setzepfandt.

 

Mezzogiorno ist der Name für Süditalien. Als junger Mann machte Adorno wochenlang Urlaub auf der Apenninen-Halbinsel, sodass man ihm durchaus eine gewisse Nähe zu jenem Land unterstellen darf, „wo (bekanntlich) die Zitronen blüh‘n“ (Goethe).

 

 

Lieblingszitat von Theodor W. Adorno: „Leben, das Sinn hätte, fragte nicht danach.“