Wilhelm Raabe oder Die Unbilden des Frühstücks

„Der Menschen Weisheit“, sprach Herr Raabe, „ist eine äußerst rare Gabe!

Es hilft, im Sinne der Nation, nur Einsicht und die Reflexion,

Dass manches zu verbessern sei - insonderheit der Haferbrei,

Der mir ein wenig pappig scheint, was auch, in dubio, lappig meint,

Worauf ich dankend gern verzichte und lieber dieses Ei vernichte.

 

Ups. Schau mal an, das Ei ist hart. Es rutscht vom Löffel in den Bart,

Dort macht es sich sogleich kommod, auch wenn ihm dorten Unheil droht.

Gesine, Kind, reich mir die Schere, bevor ich dich den Mores lehre!

Was hast du dir dabei gedacht? Du hast das Ei zu hart gemacht!

Kein Huhn wird solches je vollbringen. Ich werde dir die Messe singen!

 

Gesagt, getan – noch eine Tasse, bevor ich mich damit befasse,

Den Toast mit Honig zu beschmieren, um ihn sodann hinan zu führen,

Dort, wo der Schöpfer Platz beließ, durch den er Gottes Odem blies.

Doch, halt mal, stopp was ist denn das? Der Kaffee kalt, die Tasse nass!

Erbarmet euch, ihr edlen Horen! Hab ich denn den Verstand verloren?“

 

Herr Raabe stürmt mit raschen Schritten und wider alle guten Sitten,

Das Haupthaar bar des treuen Hutes, auch ohne Stock, doch frohen Mutes,

Die Tasse noch am Henkel haltend, den Unmut wortreich ausgestaltend,

Hinab in seine Sperlingsgasse, auf dass er sich dort leidlich fasse,

Und alsogleich mit frohem Sinne, ein neues, kluges Werk beginne.

 

Anmerkung zum Text:

Wilhelm Karl Raabe (1831-1910) war ein deutscher Schriftsteller, der dem poetischen Realismus zugeordnet wird. Gleich sein erster Roman, „Die Chronik der Sperlingsgasse“, 1856 erschienen, wurde sein größter Erfolg. Hinzu kamen 67 weitere Romane, Erzählungen und Novellen. Es ist mir eine besondere Freude, Herrn Raabe, der viele Jahre in meiner Geburtsstadt Wolfenbüttel und anschließend in Braunschweig lebte, diesem Kanon der Gens de Lettres einverleiben zu dürfen.

 

In dubio bedeutet „im Zweifelsfalle“.

 

Kommod ist veraltet für bequem.

 

Über die Identität von Gesine streiten die Schriftgelehrten, gleichwohl tendiert eine Mehrheit dazu, das unglückselige Mädchen für eine Hausangestellte Raabes zu halten.

 

Bei genauerer Betrachtung des Bildes von Wilhelm Raabe, erkennen wir unten am Bart recht deutlich die Stelle, aus der per Scherenschnitt das hartgekochte Ei exzerpiert werden musste.

 

Die Horen sind in der griechischen Mythologie die Göttinnen des geregelten zeitlichen Ablaufs.

 

Lieblingszitat von Wilhelm Raabe: „Wenn es Gottes Willen gewesen ist, so ist es auch der meinige geworden.“

 

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