Der Fall der zersplitternden Gentlemen


„Gottverdammich! Schon wieder einer!“, brüllte die Ehrenwerte Penelope Brown und hieb mit der Faust auf den liebevoll gedeckten Tisch im Café Henri Verdoux in der Warren Street, dass die Teelöffel von den Untertassen sprangen, einen Salto Mortale schlugen und pfeilgenau im Darjeeling zur Landung ansetzen. Orpheus Wilde, ihr Gegenüber, der soeben in ein Gurkensandwich beißen wollte, hielt in dieser Bewegung inne und betrachtete den feuchten Fleck auf seinem maßgeschneiderten Seidenhemd aus der Saville Row. Ein Malheur, dem möglicherweise auch Mrs Brown Aufmerksamkeit geschenkt hätte, wäre ihre gedrungene Gestalt nicht vollständig hinter der Sonntagsausgabe der Times verbarrikadiert gewesen.

„Ha-haben Sie das gesehen, Wilde? Nicht? Ich frage mich wirklich, wo sich Ihr Kopf befindet. Vermutlich irgendwo in den Wolken. Jedenfalls nicht auf dem Planeten, den ich und alle anderen auf Kohlenstoff basierenden Lebensformen ihr Home Sweet Home nennen!“

Wilde schwieg, legte das noch unversehrte Gurkensandwich behutsam wie eine mathematische Formel auf den Rand seines Tellers und schickte sich an, den Remington Double Deringer aus der Brusttasche des Sakkos zu extrahieren, als ihm die Ehrenwerte durch eine herrische Bewegung Einhalt gebot.

„Erneut prominenter Politiker auf offener Straße zersplittert“, hub sie zu lesen an. „Wie Scotland Yard am frühen Abend in einer Pressekonferenz mitgeteilt hat, ist Sir Alfred Buttercup, CH, PC, QC, Mitglied der Conservative Party und des House of Commons, gestern um 11:42 Uhr in Belgravia tot zusammengebrochen. Laut Augenzeugenberichten, zersprang sein Körper beim Aufprall auf dem Bürgersteig in tausend Stücke. Lady Violet Buttercup, die den ehemaligen Secretary of State for Exiting the European Union zum Zeitpunkt seines Todes begleitet hat, sagte aus, Ihr Gatte habe nur wenige Sekunden vor seinem Ableben über Unwohlsein und heftige Kopfschmerzen geklagt. Es ist dies bereits der dritte Fall von öffentlichen Personen, die unter mysteriösen Umständen starben und deren Körper anschließend wie Glas zersprungen sind. Sir Alfred Buttercup, der Sohn des Duke of Leicestershire, wurde dann und dann bla, bla, bla und so weiter und so weiter und so fort. Was halten Sie davon?“

Der alte Fährtensucher betupfte sein durch Tee verunziertes Hemd mit der Serviette, warf einen Blick auf seine an einer silbernen Kette befestigten Taschenuhr und bemerkte kühl: „Der Darjeeling hätte noch 36 Sekunden ziehen müssen.“

„Der Darjeeling, der Darjeeling“, äffte ihn die Ehrenwerte nach. „Ist das alles, was Ihnen dazu durch den Sinn geht. - Und hören Sie gefälligst mit dem Reiben auf, das gibt doch nur Flecken! Nehmen Sie warmes Wasser und Gallseife!“

In dem Moment fiel ein Schatten auf ihren Tisch, und eine Gestalt, der das schöne Wort Verdruss praktisch mit Leuchtdioden ins Gesicht geschrieben stand, ließ sich stöhnend auf den einen noch freien Stuhl fallen. „Pest und Hölle!“, rief der im Ruhestand befindliche Chief-Inspector Hezekiah Frobisher zur Begrüßung und stieß mit der Spitze seines Regenschirms unkontrolliert auf den am Boden liegenden Kokosläufer ein. „Der Premierminister schäumt vor Wut! Erst der Zeitungsmagnat Herman Hermit, sein politischer Ziehvater, dann Lord Buckley, eiserner Verfechter britischer Tugenden und Kommilitone aus goldenen Studientagen, und nun Sir Alfred Buttercup, genialer Strippenzieher und enger Weggefährte im Kampf um Britanniens Selbstbestimmung!“

„Aufrechte Patrioten“, erklärte die Ehrenwerte, und es hätte nicht viel gefehlt, und sie wäre aufgestanden, um Rule Britannia! zu schmettern.

„Unaufrichtige Populisten“, bemerkte Wilde.

„Ach, was verstehen Sie schon davon, Sie unverbesserlicher Europäer. Nun, endlich, wird unser großartiges Vaterland zu neuen Horizonten aufbrechen. Das viktorianische Zeitalter sollte ein Fliegenschiss gegen die Post-Brexit-Epoche gewesen sein!“

„Täusche ich mich, Mrs Brown, oder liegt Ihr Geburtsort immer noch in Kalifornien, U.S.A.?“

„Die Betonung liegt auf immer noch, mein Lieber. Ich beabsichtige, mich von der ruhmreichen britischen Nation adoptieren zu lassen.“

Frobisher gönnte sich zunächst eine doppelte Prise „Wilsons of Sharrow Snuff“ [1], um dann volltönend festzustellen: „Das Königreich braucht Sie, Wilde!“

„Mich? Keineswegs! Ich bin praktizierender Anarchist! Keiner von denen hat jemals auch nur ein Kreuz von mir auf einem Stimmzettel bekommen.“

„Dafür gehören Sie nach den Buchstaben des Gesetzes in den Tower“, bemerkte die Ehrenwerte.

„Vielleicht nach den Gesetzen der neuen Regierung, mag sein.“

„Wenn jeder Tölpel seine eigene Meinung haben dürfte, wo kämen wir denn da hin“, schnaubte Frobisher. „In Zeiten wie diesen ist es erforderlich, wie ein Mann hinter den Führern unseres Landes zu stehen!“

„Und gleichfalls wie eine Frau“, ergänzte die Ehrenwerte.

„Na, dann sind Sie ja immerhin schon zu zweit.“ Wilde vertiefte sich demonstrativ in das Kreuzworträtsel der Times und rührte Zucker in seinen kaltgewordenen Tee.

„Wilde“, versuchte Frobisher begütigend auf den alten Fährtensucher einzuwirken, „es war der Premierminister selbst, der Ihren Namen in den Mund genommen hat.“

„Bei Jupiter, keine erbauliche Vorstellung. Ich muss dringend meinen Impfpass suchen.“

„Er hält Sie für den Besten!“

„Schade, dass ich das nicht auch von ihm sagen kann.“

„Ein kleiner Adelstitel wäre durchaus drin.“

„Amphibium mit 12 Buchstaben. Das ist nicht einfach.“

„Oder ein mittelgroßes Bronze-Denkmal am Parliament Square. Was Ihnen lieber ist.“

„Ah, ich hab’s: Schwanzlurch. Gar keine Frage.“

An dem Punkt angekommen, hatte die Ehrenwerte genug von dieser trotzigen Vorstellung männlicher Eitelkeit. „Sie haben sich doch längst entschieden, Sie Heuchler. Einen solchen Fall lassen Sie sich unter Garantie nicht durch die Lappen gehen. Geheimnisvolle Todesfälle, eine elektrisierte Öffentlichkeit, Hosenbandorden, Tee bei der Queen, Seligsprechung.  Nehmen Sie den Löffel aus der Tasse und folgen Sie auf der Stelle. Anderenfalls sähen wir uns gezwungen, Ihnen die gusseisernen Armbänder anzulegen.“

„Das ist Erpressung!“, konstatierte Wilde.

„Absolut nicht!“, retournierte die Ehrenwerte. „Das ist gesunder Menschenverstand. Die Jagd hat begonnen!“

 

Ein kleiner, sanguinisch wirkender Mann in einem weißen Kittel und Knickerbockers führte sie über die mäandernden Flure des Leichenschauhauses hinab in einen durch Deckenstrahler in weißes Licht getauchten Raum, der von zwei Uniformierten bewacht wurde. Obgleich dort sechs edelstählerne Bahren in Reih und Glied ihrer ansonsten zahlreich Einlass begehrenden Kundschaft harrten, befand sich heute nur auf einer von ihnen der mit einer fahlgrünen Plane abgedeckte Körper eines Menschen. Oder zumindest etwas Ähnliches.

„Et voilà“, rief der kleine, sanguinisch wirkende Mann, als sei er der gutgelaunte Direktor eines Kuriositätenkabinetts und präsentiere die Dame ohne Unterleib, dann riss er die Hülle von den Überresten. „Darf ich vorstellen? Der höchst ehrenwerte Sir Alfred Buttercup. Respektive das, was von ihm noch übrig ist.“

„Heiliges Kanonenrohr“, entfuhr es der Ehrenwerten, die gelegentlich dazu neigte, in das farbige Idiom ihres Heimatlandes zu verfallen. „Von dem Mann ist ja praktisch nicht mehr übrig.“

Und genauso war es. Das, was einstmals den überaus honorigen Secretary of State for Exiting the European Union dargestellt hatte, schien nun bestenfalls noch ein Häufchen mit kalter Asche bedeckter Lavasteine zu sein. Nur mit sehr viel Mühe konnte man in den zerborstenen Trümmern eine menschliche Gestalt erkennen.

„Sieht aus wie einer von diesen Wops[2], die in Pompeij beim Teetrinken vom Vulkanausbruch überrascht wurden“, äußerte Chief-Inspector im Ruhestand Frobisher trocken.

„Und damit liegen Sie durchaus nicht verkehrt, Sir“, rief freudestrahlend der kleine Mann, dessen Name Arthur Dobbs war, und der in diesen hehren Hallen den Job eines Assistant Coroners versah. „Nach Meinung aller führenden Experten  - und ich darf versichern, dass kein Wichtigtuer die Gelegenheit verstreichen ließ, an den rauchenden Trümmern vorbeizudefilieren -, wurde der Körper auf noch völlig unbekannte Weise schockgefrostet, sodass nur ein Stück in Tweed gewandetes Tiefkühlfleisch übrigblieb, dass alsdann beim Aufprall auf das Straßenpflaster wie Glas zersprungen ist. Ein bisschen so, als hätte man den Gentleman mit flüssigem Stickstoff übergossen. Nur war da kein Stickstoff. Da war rein gar nichts. Nur ein sirrender Ton, den alle Zeugen unerwartet einmütig vernommen haben.“

„Ein sirrender Ton?“

„Ja, so in etwa wie das Beam-Geräusch in der alten Star-Trek-Serie.“

Frobisher runzelte die Stirn.

„Das sind nicht meine Worte, Chief-Inspector, das haben die Zeugen ausgesagt.“

Orpheus Wilde trat einen Schritt nach vorn, beugte sich über den Obduktionstisch und stocherte mit seinem Füllfederhalter zwischen den geschwärzten Brocken herum. „Ich tippe auf eine der Öffentlichkeit noch unbekannte Waffe der britischen Armee. Was sagt der Premierminister dazu? Geben Sie mir fünf Minuten mit ihm in einem verschlossenen Raum, und ich garantiere sein mit Blut unterschriebenes Geständnis.“

„Auf keinen Fall“, knurrte Frobisher. „Der Premier schätzt Ihre kriminalistischen Fähigkeiten, was aber nicht bedeutet, dass er Ihre Person gleichfalls schätzt. Um es auf den Punkt zu bringen, er hält Sie für einen überkandidelten, rechthaberischen, linksliberalen Snob. Womit er vollkommen Recht hat. - Und überhaupt, warum sollte er seine eigenen Leute ins Jenseits befördern? Das ergibt doch keinen Sinn!“

„Das, werter Kollege, ist die Frage, die es zu beantworten gilt. Ad oculos demonstrare [3]!“

„Und wen wünschen Eure Heiligkeit nun zu sprechen?“, fragte die Ehrenwerte.

„Lady Buttercup, wenn ich bitten darf.“

 

Die auf üppige Weise dezente Villa im edwardianischen Stil, vor deren Eingangstür Wilde, die Ehrenwerte Penelope Brown und Chief-Inspector im Ruhestand Hezekiah Jones nun standen, ließ erahnen, dass die Sorgen des einfachen Mannes in diesen Kreisen eher Marginalien waren. Leute, die ihre Steuern bezahlten und den oft erfolglosen Versuch unternahmen, ihre Familie durch ehrlicher Hände Arbeit über die Runden zu bringen, standen hier in der Beliebtheitsskala etwa auf einer Stufe mit klingonischen Marodeuren.

„Ja“, fragte der Butler, der die Tür einen Spalt weit geöffnet hatte und ließ seine Blicke naserümpfend an der Ehrenwerten in ihrem reichgemusterten Sommerkleid aus dem Hause „Aurelie Poupèe, Marseille“ hinabgleiten.

„Wir haben einen Termin mit Lady Buttercup“, erläuterte Chief-Inspector im Ruhestand Frobisher.

„Treten Sie ein“, presste der Domestike durch die Lippen, und es klang wie: „Mit Verlaub, schwer, das zu glauben, Sie Repräsentant einer sozialen Schicht, deren Existenz wir uns nicht einmal in unseren schlimmsten Alpträumen vorstellen mögen“. Das Innere des Hauses besaß die schlichte Eleganz des Buckingham-Palastes, und der Salon, in den sie nun geführt wurden, zeichnete sich insbesondere durch eine Reihe in Öl gehaltener Porträts verdienter Ahnen des vorzeitig abberufenen Politikers aus, die allesamt dreinblickten, als litten sie an chronischem Darmkatarrh.

„Madam wird in Kürze zugegen sein. Nehmen Sie derweil schon mal Platz.“ Und wagen Sie es nicht, irgendwelche Porzellanteller aus dem 18. Jahrhundert anzutatschen, auf denen Szenen der traditionellen Fuchsjagd mit hauchfeinem Pinselstrich für die staunende Nachwelt festgehalten wurden, schien im Subtext mitzuschwingen.

„Recht hübsches Eigenheim“, bemerkte die Ehrenwerte, als sie allein waren, und blickte sich mit kennerischer Miene um. „Vielleicht sollte ich mir auch so etwas anschaffen. Was denken Sie, Wilde? Wir beide, in unseren späten Jahren, auf einer Terrasse mit Marmor-Statuetten, wo der Blick spielerisch über sanft geschwungene Auen und den leise dahinplätschernden Avon gleitet. Vermöchte das nicht, Sie von einer gemeinsamen Zukunft träumen zu lassen?“

„Ich hoffe“, konstatierte der Meisterdetektiv und ließ angestrengt seine Fingerknöchel knacken, „dass mir der Schöpfer einen sinnvollen und aller Fesseln ledigen Tod in den Diensten einer großen Sache gewährt. Bevorzugt mit einer wohlplatzieren Kugel in der Brust.“

„Ach wie romantisch“, seufzte die Ehrenwerte. „Sehen Sie, Chief-Inspector, so ist er, mein Orpheus: unter seiner rauen Schale schlägt ein fühlloses Herz aus Edelstahl.“

In diesem Moment öffnete sich die Tür, durch die der Butler zuvor entschwunden war, und Lady Violet Buttercup betrat im Paradeschritt den Raum, auf dem Antlitz einen dezenten Schleier der Missbilligung. „Gentlemen, behalten Sie Platz“, kommandierte das buchtige Schlachtschiff und ignorierte dabei die Ehrenwerte komplett. „Was kann ich für Sie tun.“

„Es geht um Ihren Gatten, Madame“, eröffnete Wilde die Befragung.

„Mein Gatte ist kürzlich verblichen“, erklärte Lady Buttercup ungeduldig und ließ sich in einen großgeblümten Fauteuil sinken.

„Das ist uns bekannt, und erlauben Sie mir, auch im Namen meiner Begleiter, der Ehrenwerten Penelope Brown und des Chief-Inspectors im Ruhestand Hezekiah Frobisher, Ihnen unser tiefempfundenes Beileid auszusprechen.“

„Danke. - Und Sie sind?“, bellte die Witwe.

Der Ehrenwerten stockte der Atem. Doch der große Kriminalist ließ sich nicht provozieren: „Mein Name ist Wilde, Orpheus Wilde. Ich führe gemeinsam mit dem Chief-Inspector inoffizielle Untersuchungen im Falle der zersplitterten Männer durch. Auf ausdrücklichen Wunsch des Premierministers!“

Lady Buttercup nickte bis ihre Triple-Kinne ins Wallen gerieten, zog aus einer Schublade eine Bruyére-Pfeife und begann sie energisch mit Falkum’s Premium zu stopfen. „Ich will Ihnen nicht verhehlen, Gentlemen, dass der Tod meines Gatten mich nicht eben verzweifeln lässt.“ Sie zückte ein Streichholz, riss dasselbe an einer Büste des Dichters Keats an und gab sich Feuer. „Der selige Alfie war mit Sicherheit nicht das, was man gemeinhin formidabel nennt, und er hatte mindestens so viele Feinde wie die Armee des Großtürken Läuse.“

„Donnerwetter“, erlaubte sich der Chief-Inspector im Ruhestand zu bemerken.

„Der Brexit, all das. Sie verstehen. Täglich trafen Todesdrohungen ein. Einige darunter recht fantasievoll. Muss ich schon sagen.“

„Allerdings nicht so fantasievoll wie die Wirklichkeit“, mutmaßte Wilde.

Lady Buttercup ließ aus dem Pfeifenkopf eine prachtvolle Armada nach Sandelholz duftender Rauchwölkchen entsegeln. „Nein, wohl wahr. Das eher nicht“, bestätigte sie.

„Würden Sie uns bitte, sofern das nicht zu schmerzhaft ist, noch einmal die Geschehnisse anlässlich des Todes Ihres Gatten schildern, Madam?“

„Warum nicht? Ist ja nichts, dessen man sich schämen müsste. Wir kamen aus einem indischen Restaurant in Belgravia, wo Alfie wieder einmal irgendwelche für das Auge der Öffentlichkeit nicht geeignete Transaktionen mit einem russischen Diplomaten durchzuführen hatte.“

„Um welche Uhrzeit war das?“

„Wir betraten das Lokal gegen zwölf und blieben ungefähr anderthalb Stunden.“

„Verließen Sie das Restaurant gemeinsam mit dem Freund Ihres Gatten.“

„Er war nicht sein Freund. Er überbrachte ihm lediglich Grüße des Präsidenten der Russischen Föderation. In einem Aktenköfferchen mit Nummernschloss. Aber nein, wir gingen etwa zehn Minuten nach Boris Drubetskoi[4].“

„Notieren Sie den Namen, Chief-Inspector“, verlangte Wilde, und gehorsam zückte Frobisher Bleistift und Notizblock aus der Tasche seines Trenchcoats.

„Den zu sprechen, wird Ihnen kaum gelingen. Der hat Diplomaten-Status. Offiziell ist er Kultur-Attaché seines Landes, inoffiziell hochdekorierter Major des FSB. Eigentlich alles wie früher, zu Zeiten der glorreichen Sowjetunion.“

„Gut, wir werden sehen. Und was geschah, nachdem sie das indische Lokal verlassen hatten?“

„Wir blieben einen Moment vor dem Eingang stehen, weil es regnete. Alfie mühte sich mit dem Schirm ab, dessen Mechanismus verklemmt war. Dann, ich entsinne mich genau, fuhr ein Aston Martin nahezu im Schritttempo an uns vorüber, während gleichzeitig ein sirrendes Geräusch zu hören war.“

„Konnten Sie erkennen, wer in dem Wagen saß?“

„Nein, unmöglich. Die Scheiben waren über und über mit Schlamm bedeckt. Und das Nummernschild auch. Ich weiß noch, dass ich dachte, der Fahrer könne ja eigentlich gar nichts sehen, und wie unverantwortlich das doch sei.“

„Soll ich notieren, Wilde?“

„Ich bitte darum, Chief-Inspector. – Um nochmal auf dieses Geräusch zu kommen. Haben Sie irgendeine Ahnung, woher das stammte?“

„Raumschiff Enterprise vermutlich“, antwortete Lady Buttercup, „Faser auf Betäubung, Scotty.“

„Ich verstehe. Und danach -“

„Alfie klagte über plötzlich auftretende Kopfschmerzen und Übelkeit. Das dauerte vielleicht zwanzig Sekunden. Dann griff er sich mit beiden Händen an den Hals und stieß einen Schrei aus, während praktisch seine gesamte Haut erst leuchtend gelb und dann grau wie Zement wurde. Anschließend, noch bevor ich nach ihm greifen konnte, erstarrte er zu einer Salzsäule, kippte nach vorn und … und zersprang in tausend Stücke!“

Nun brachte sie doch noch ein Spitzentüchlein zum Vorschein und betupfte die feucht glänzenden Tränensäcke. „Verstehen Sie mich nicht falsch, Gentlemen, ich habe meinen Mann nicht mehr geliebt, das war schon lange vorbei. Aber so zu sterben, so komplett zerstört zu werden, das hat kein Mensch verdient. Erst recht nicht ein Patriot wie er!“

„Dessen sind wir uns einig, Madam, und daher ist es meine Aufgabe, herauszufinden, wie Ihr Gatte und die anderen Gentlemen getötet wurden – und wer das aus welchem Grund getan hat. Denn es scheint doch angesichts der Todesart offenkundig, dass ein und derselbe Täter dafür verantwortlich ist. Fällt Ihnen dazu etwas ein? Können Sie uns beispielsweise Details über die politische Arbeit Ihres Gatten verraten?“

„Allerdings. Ich kann Ihnen verraten, dass ich nichts von seinen Schlichen und Winkelzügen hören wollte.“

„Verstehe. Und wer könnte uns da weiterhelfen?“

„Nun, vermutlich Medea Crown, seine …“ Sie zögerte kurz, bevor sie weitersprach: „… seine Assistentin.“

„Persönliche Assistentin?“

„Wenn man das heute so nennt, Sir, ja.“

„Gut. Und können Sie uns verraten, wo wir Miss Crown finden?“

„In der Tat, Mister Wilde, dazu bin ich fähig.“

 

Notting Hill hatte sich trotz der unermüdlich fließenden Touristen-Ströme noch einen gewissen Charme zerstreuter Gelehrsamkeit bewahrt. So geschah es immer wieder, dass man sich vorstellte, der vielhaarige William Thacker[5] käme mit einem Stapel Bücher atemlos um die Ecke gehetzt.

Medea Crown hingegen, die ihnen eine gute Stunde nachdem sie sich von Lady Violet verabschiedet hatten, die grasgrün gestrichene Tür eines Apartments in der Portobello Road öffnete, wirkte, als habe sie in ihrem ganzen Leben noch nie irgendein Schriftstück in die Hand genommen, das noch auf Papier gedruckt war. Tatsächlich erinnerte ihr Outfit weniger an Jane Austen als vielmehr an Seven of Nine, gleichwohl sie kurioserweise der unverwechselbare Duft von alten, in Leder gebundenen Büchern umschmeichelte.

„Ja?“, fragte sie mit rauchverhangener Stimme und lehnte am Türrahmen, den Arm in die Hüfte über dem Spielbein gestützt und den Körper passgenau in einen hautengen Latex-Overall des französischen Designers Jean Paul Serpent gegossen.

„Mein Name ist Frobisher“, erklärte Hezekiah und hielt ihr seinen Dienstausweis entgegen, „Chief-Inspector Frobisher. Das sind die Ehrenwerte Penelope Brown und Mr Orpheus Wilde. Wir haben einige Fragen bezüglich des kürzlich hingegangenen Sir Alfred Buttercup.“

Mrs Crown ließ es sich angelegen sein, erst mit vielsagendem Lächeln zu schweigen und dann einen Blick auf das abgegriffene Stück Plastik in der Hand des Chief-Inspectors zu werfen. „Der ist nicht mehr gültig“, bemerkte sie.

„Äh, das stimmt. Ich bin illegal … ich meine, inoffiziell beauftragt, mich mit diesem Unglücksfall zu befassen.“

„Und von wem?“

„Von inoffiziellen, was meint, offiziellen, also deutlich höhergelegten Stellen!“

„Inoffizielle, offizielle, deutlich höhergelegte Stellen, aha. - Und Sie sind tatsächlich der große Orpheus Wilde. Ehrlich gesagt, hatte ich angenommen, dass Sie in Ihrem Alter längst tot seien.“

„Das entspricht den Tatsachen“, schaltete sich ungefragt die Ehrenwerte ein. „So gut wie zumindest. Er wollte in den Ruhestand gehen und ein Buch über die Kunst des Kreuzstichstickens verfassen. Cherchez la femme, Sie verstehen? Total hirnverbrannt. Aber dankenswerterweise hat sich das erledigt. Jetzt ist er wieder quicklebendig.“

„Sieht man auf den ersten Blick“, bemerkte die Schöne mit einem vielsagenden Augenzwinkern, warf ihre Haarpracht gekonnte über die linke Schulter und forderte sie mit einer lässigen Geste auf, einzutreten.

Das Appartement, in dem sie nun standen, hätte so auch im Jahre 1966 von Emma Peel bewohnt werden können. Viel Plastik, viel Pop Art, der eine oder andere David Hockney, eine historische Wurlitzer-Jukebox, ein Poster mit den Fab Four auf dem Cover von „Rubber Soul“ und knallrote Panton Chairs aus pflegeleichtem Plastik.

„Möchten Sie etwas trinken?“

„Nein danke. Ich trinke nicht im Dienst. Ich meine, im dienstlichen Ruhestand“, erklärte Frobisher.

„Gute Idee“, lobte hingegen die Ehrenwerte. „Für mich einen doppelten Scotch und für Mr Wilde einen Brandy mit einem Schuss Tabasco.“

Fünf Minuten später erprobten sie mir den Hinterteilen die explizite Sitzuntauglichkeit der Panton Chairs und leisteten ihrer Gastgeberin dabei Gesellschaft, attraktiv, flamboyant und geheimnisvoll zu wirken.

„Darf ich fragen, was genau Ihre Aufgaben in Diensten des heimgegangenen Sir Alfred Buttercup waren?“, fragte Wilde.

„Natürlich dürfen Sie das“, antwortete die Schöne. „Doch bedauerlicherweise unterliegt das einer Geheimhaltungsklausel, die ich zu Beginn meiner Tätigkeit unterschreiben musste.“

„Verraten Sie mir dann, wie lange Sie für den Secretary gearbeitet haben?“

„Fünf Jahre.“

„Ich entnehme diesen Unterlagen, dass Sie vor ziemlich genau drei Monaten Ihren Dienst quittiert haben. Was war der Grund?“

„Der Grund war privater Natur.“

„In einer Morduntersuchung ist grundsätzlich nichts privat, Ms Crown.“

„Dann allerdings empfehle ich, dass Sie mich foltern. In meinem Schlafzimmer findet sich alles, was wir dafür benötigen.“

Der weltberühmte Detektiv ließ eine Augenbraue nach oben wandern. „Interessant, Madam. Vielleicht komme ich später auf das Angebot zurück.“

„Jederzeit gern.“

„Nana“, bemerkte die Ehrenwerte. „Vergessen wir doch bitte nicht, warum wir eigentlich hier sind.“

„Sehr richtig“, bestätigte Frobisher. „Haben Sie irgendeine Idee, wer Buttercup ermordet hat?“

„Sie meinen, außer den 27 Mitgliedern des Europäischen Rates?“

„Wollen Sie andeuten, dass der Fall eine politische Dimension hat, Madam?“

„Wo leben Sie eigentlich, Chief-Inspector im Ruhestand? Wir haben der Welt im Allgemeinen und der Europäischen Union im Besonderen eindrucksvoll bewiesen, dass wir mehrheitlich ein Volk von imperialen Fantasten sind, die sich einen Dreck um die Zukunft der ihnen nachfolgenden Generationen scheren. Natürlich hatte der gute Alfie politische Feinde. Er war Minister für den Austritt aus der Europäischen Union, und überdies auch kein besonders netter Mensch.“

„Könnte das Attentat aus der Remain-Fraktion erfolgt sein?“

„Das habe ich nicht gesagt.“

„Aber auch nicht ausgeschlossen.“

Ausgeschlossen ist grundsätzlich gar nichts, Mr Wilde, auch nicht, dass 400 Polstersessel in einer überdimensionalen Zigarrenhülle aus Aluminium über den Atlantik fliegen. Was kann man da, nüchtern betrachtet, überhaupt noch eliminieren? Waren nicht Herman Hermit und Lord Buckley ebenfalls weiße alte Männer um die fünfzig?“

„Hatten sie deshalb den Tod verdient?“

Ms Crown setzte eine vielsagende Miene auf. „Ich meine damit, sie standen für sehr viel, was in unserem Land falsch gelaufen ist.“

„War es dann nicht anrüchig für Sir Alfred zu arbeiten?“

„Würde ich meine Arbeitgeber nach ihrer moralischen Qualifikation aussuchen, könnte ich mich gleich bei der nächsten Suppenküche anstellen. Wir leben im 21. Jahrhundert, nicht das Postulat der Menschenrechte besitzt oberste Priorität, sondern die Notwendigkeit, das Kapital invadieren zu lassen.“

„Was will Sie damit sagen, Wilde?“, fragte die Ehrenwerte. „Ich meine das mit dem Kapital. Sie ist doch keine Kommunistin, oder?“

„Sie verwechseln da etwas, meine Gute“, erläuterte Medea Crown. „Beim Kommunismus geht es um eine klassenlose Gesellschaft, in der die Arbeiter, Bauern und kleinen Angestellten nichts besitzen, und die Partei auch nicht, aber das nur im Prinzip. Kapitalismus hingegen ist eine Klassengesellschaft, in der die Arbeiter, Bauern und kleinen Angestellten den Eindruck haben, etwas zu besitzen, aber das ebenfalls nur im Prinzip, während in Wahrheit die wirklich Reichen den Staat und dessen Institutionen längst übernommen haben.“

„Soll ich das notieren, Wilde.“

„Ich denke, darauf können wir verzichten. - Darf ich fragen, wo Sie zu dem Zeitpunkt gewesen sind, als Sir Alfred den Tod fand.“

„Im Bett.“

„In Ihrem Bett?“

„Allerdings.“

„Allein?“

„Selbstverständlich nicht.“

„Und derjenige wird das bezeugen?“

„Diejenige wird das bezeugen.“

„Hussa“, entschlüpfte es der Ehrenwerten.

„Den Namen und die Adresse bitte.“

Medea Crown lächelte – und schwieg.

„Ich muss darauf bestehen, Madam.“

„Gut“, bemerkte die Schöne und räkelte sich wie eine große, wohlproportionierte Katze aus einem Roman von Lewis Carroll. „Ich werden Ihnen den Namen verraten.“

„Notieren Sie Chief-Inspector im Ruhestand.“

„Oh nein. Der Name ist nur für Ihre Ohren bestimmt, Mr Wilde. Und wenn Sie dann im Laufe der Ermittlungen feststellen, was Sie feststellen werden, dass es nämlich keinen Zusammenhang zwischen meiner Person und dem Mord an Sir Alfred gibt, bitte ich um Ihr Ehrenwort, dass diese Lady nicht behelligt wird.“

„Ich denke, das kann ich versprechen.“

„Ausgezeichnet“, gurrte die Schöne und beugte ihren Kopf so weit nach vorn, dass die vollen blutroten Lippen die Haut des Meisterdetektivs um ein Haar berührten. „Der Name lautet Serena Joy. Ich habe sie in einer Bar in Camden Town aufgerissen und ausgiebig vernascht. Ihre Adresse kenne ich nicht. Unsere Beziehung war rein körperlicher Natur.“

Wilde stutzte, sah sie an, studierte den Ausdruck ihrer Augen, und schwieg.

 

Cynthia Campbell war sich seit ihrem dreizehnten Lebensjahr im Klaren darüber, dass sie wieder und wieder eine Entscheidung zwischen ihrer Selbstachtung als Frau und ihrem Wunsch, eine bedeutende berufliche Position zu erlangen, treffen würde! Und genau diese Art von Entscheidung schien auch heute Abend erforderlich!

Sir Freddy, ein übergewichtiger, Toupet tragender Widerling mit dem Gesicht eines gonorrhoischen Murmeltiers, der nicht nur 32 Jahre älter als sie war, sondern auch seit vier Monaten ihr direkter Vorgesetzter im Ministerium, ließ erneut den Schampus in den Kelchen moussieren, dies nur allzu offensichtlich in der Absicht, ihren Verstand auszuschalten und ihre grundsätzliche Widerstandskraft mit Veuve Cliquot zu anästhesieren.

„Runter damit, Cindy“, forderte er die junge Frau auf. „Man muss auch mal feiern können!“

Niemand hatte Cynthia jemals unaufgefordert Cindy genannt, nicht mal während der Schulzeit; diese Kurzform war ausschließlich ihren engsten Freundinnen und Freunden vorbehalten. Und zu denen gehörte Sir Frederic ganz gewiss nicht. Allerdings galt das elfte der zehn Gebote nur bis zu dem Moment, da sie anlässlich ihres ersten Arbeitstages in einem Bleistiftrock von „Lope de Vega“ und einer hautengen, ihre Formen betonenden Seidenbluse von „Aurelie Poupee, Marseille“ ein kalt ausgeleuchtetes Besprechungszimmer in Whitehall betreten hatte. „Das“, sagte Sir Freddy grinsend und legte den Arm um ihre Schultern, „ist unsere liebe Cindy.“ Den Nachnamen ließ er weg. Den würde sich niemand merken müssen. „Sie wird fürderhin den Kaffee kochen, den Tisch decken, die Post verteilen und auch ansonsten alles tun, was Männern Spaß macht.“ 15 distinguierte Herren in nadelgestreiften Dreiteilern aus der Saville Row lächelten versonnen und ließen erkennen, dass sie gerade damit beschäftigt waren, „unsere liebe Cindy“ mit ihren Blicken auszuziehen. Die junge Frau besaß einen Doktortitel summa cum laude in Politikwissenschaft, was den meisten hier im Raum bekannt war, aber sie besaß ebenfalls Brüste, die zu übersehen ein Ding der Unmöglichkeit darstellte, und Augen, die einen Scheich in der Wüste von den Highlands träumen ließen. Deshalb konnte es nicht wundernehmen, dass ihr Männer im Laufe der Jahre immer wieder Angebote unterbreitet hatten – Angebote, die mit den Verschlüssen an ihren BHs und den mannigfaltigen Möglichkeiten zusammenhingen, die sich durch das Aufhaken eben jener Verschlüsse wie von selbst ergeben würden. Dergleichen Arrangements hatte Cindy, die ein durch und durch pragmatisches Mädchen war, in den meisten Fällen abgelehnt. Doch nun ging es um eine Stelle als Leiterin eines bedeutenden Ausschusses im House of Commons, und Fat Freddy Fortescue war genau derjenige, dessen Stimme bei der Besetzung den Ausschlag geben würde.

„Sie müssen wissen“, erklärte er weinerlich, und seine Blicke verwandelten sich in die eines von seiner Mutter verstoßenen Dackelwelpen, „meine Frau und ich haben uns schon vor langer Zeit entfremdet.“

„Das ist ja mal eine ganz neue Masche“, replizierte Cynthia, doch hätte sie ahnen müssen, dass ein Achtzehnender wie der Ehrenwerte Sir Freddy befähigt war, Ironie, und sei sie auch noch so offensichtlich, rückstandslos zu absorbieren.

„Ja?“, fragte der dicke Mann erregt. Und nochmals, erregter noch: „Ja?“

Er rutschte auf dem Queen-Anne-Sofa eine Hinterbacke näher, während Cynthia drei ihrer Hinterbacken benötigte, um den ursprünglichen Abstand wiederherzustellen. „Ich finde, wir sollten …“, begann sie.

„Allerdings“, bestätigte Sir Freddy. „Das finde ich auch. Wir sollten uns näher kommen. Gleich hier, auf dem Teppich, wenn du willst.“

„Auf dem … Teppich?“

Cynthia betrachte pikiert den faserigen Staubfänger, der wirkte, als habe sich bereits Queen Elizabeth I. mit Sir Walter Raleigh darauf vergnügt.

„Ja, aber Du müsstest oben reiten, wegen meiner lädierten Bandscheiben.“

„Vielleicht sollten wir, bevor wir über Stellungen diskutieren, erst mal über meine Stellung diskutieren“, unternahm Cynthia den fruchtlosen Versuch, die Situation durch Humor zu entspannen.

Sir Freddy lachte ein tiefes, grummelndes Lachen, mit dem er normalerweise seine Gegner im Unterhaus der Lächerlichkeit preiszugeben pflegte.

„Das ist es, was ich an euch Schlampen so schätze: ihr versteht es, die Dinge auf den Punkt zu bringen.“

„Haben Sie mich eben eine Schlampe genannt, Sir Freddy?“

Der große konservative Politiker, dem die Gabe der Rede und ein immenses taktisches Geschick bis zurück in die Tage von Maggie Thatcher nachgesagt wurden, legte eine fette, wurstfingrige Hand auf ihre linke Brust. „Ja, das habe ich in der Tat. Was für Titten, Mädchen. Die werden Dich noch sehr weit bringen, das kann ich Dir versprechen.“

„Ich würde es bevorzugen, wenn Sie Ihre Hand da wegnähmen.“

„Und ich würde es schätzen, wenn Du die Fakten anerkenntest, meine kleine Spitzmaus. Du willst etwas, und Du hast etwas. Bei mir ist das genauso. Gib mir das, was Du hast, und Du bekommst im Gegenzug das, was Du willst. Ein simpler Tausch zur, sagen wir mal, Befriedigung unserer wechselseitigen Bedürfnisse.“

Er stand auf, öffnete den Knopf an seinem Sakko, entledigte sich des Kleidungsstückes und begann anschließend, seine Weste abzulegen.

Cynthia stand ebenfalls auf, etwas unsicher vielleicht, und sagte so ruhig, wie es ihr in dieser Situation nur möglich war: „Ich möchte das nicht, Sir Freddy.“

Der Veteran ungezählter, höchst spitzfindig geführter Redeschlachten lächelte freudlos, doch anstelle einer geistreichen Antwort, holte er mit seiner mächtigen Pranke aus und verpasste ihr eine Ohrfeige, die sie wie eine kaputte Gliederpuppe zurück auf das Sofa schleuderte. Sie wollte sich aufrappeln, ihn anbrüllen, auf ihn zustürzen, aber schon bald musste sie zu ihrem Entsetzen feststellen, dass ihr die Muskeln den Dienst versagten, ihr Geist nutzlos wie eine Erdbeere in einem Einweckglas mit Gelee schwebte und ihre Arme und Beine wie abgeschaltet neben ihr lagen - unfähig auch nur ein winziges Zucken von sich zu geben! Da wurde ihr mit einem Mal bewusst, dass Fat Freddy Fortescue sich in seinem Bemühen, sie zu beschmutzen, nicht allein auf die Wirkung des Veuve Cliquot und seiner machtvollen Position im Ministerium verlassen hatte. Als hätte es dieser Bestätigung noch bedurft, zog er ein Fläschchen Antihistaminikum aus der Tasche und hielt es ihr triumphierend vor die Nase.

„Sie verdammtes … -dammtes …“, versuchte Cynthia zu sprechen, aber auch die Zunge versagte jetzt allmählich den Dienst und lag wie ein feuchtes, zusammengeknülltes Taschentuch in ihrem Gaumen.

„Wir wollen doch bitte nicht persönlich werden“, knurrte Sir Freddy und ließ seine Hosen mit einem Ruck die fetten weißen, von zartblauen Krampfadern gemaserten Schenkel hinabgleiten. Unter der reinseidenen Wäsche zeichnete sich ein augenscheinlich winziges, aber dennoch deutlich erigiertes Glied ab. „The smallest pecker I’ve ever seen“, schoss es Cynthia durch den Kopf, aber ihr Versuch zu lachen, endete in einem freudlosen Krächzen. Genau in dem Moment schien ein Phaser im Maschinenraum der Enterprise NCC-1701 unkontrolliert zu überhitzen.

„Was ist das?“, fragte Sir Freddy und hielt in der Bewegung, die notwendig war, sich seiner Unterhose zu entledigen, auf halbem Wege inne. „Was soll der Scheiß? Hast Du hier irgendwo eine Kamera versteckt, Schlampe?“

„Nein, hat sie nicht“, sagte eine Stimme in Fortescues Rücken. „Das, Du verdammter Vergewaltiger, ist die praktische Anwendung theoretischer Physik.“ Und gleichzeitig schoss ein Blitz, heller als tausend Sonnen, aus etwas, das wie eine Spritztüte aus Edelstahl für Schlagsahne wirkte.

Es mag Sir Freddy mildernd zugutegehalten werden, dass seine letzten Gedanken auf diesem unbedeutenden Planeten der Klasse M Oliver Cromwell galten, seiner griesgrämigen, aber heißgeliebten Bulldogge aus goldenen Knabenzeiten, die er, als Vorbereitung auf sein späteres Leben als Drecksau, an seinem dreizenhnten Geburtstag in Anwesenheit seines Vaters erschossen hatte.

 

Lord Malfoy, der Chef von New Scotland Yard, der sie am Eingang von Whitehall ungeduldig erwartete, machte den Eindruck, als habe er vor diesem Treffen ausgiebig mit Vitriol gegurgelt.

„Elender Narr!“, fauchte er den Chief-Inspector im Ruhestand grußlos an, während der systolische Wert seines Blutdrucks neue, rekordverdächtige Höchstmarken erreichte. „Tot! Noch einer! Und was tun Sie?“

„Ich ermittle“, entgegnete Frobisher und verzog nicht mal eine Miene in seinem an Benjamin Disraeli gemahnenden Antlitz.

„Ermitteln? Ermitteln nennen Sie das? Ich nenne das eine Bankrotterklärung der Kriminalistik! Und was haben überhaupt dieser Schnüffler und seine altehrwürdige Mutter hier zu suchen?“

„Mutter?“ Mrs Brown setzte dazu an, mit Karacho in den Zustand der Hyperventilation zu wechseln. „Hat mich dieses menschliche Wrack soeben Ihre Mutter genannt, Wilde?“

„Ich bin sicher, dass er das mit aller gebotenen Hochachtung getan hat. Immerhin nannte er Sie ehrwürdig, was beileibe nicht jedem über die Lippen käme. – Um jedoch auf Ihre Frage zu antworten, Lord Malfoy, ich tue das, was höchsteigentlich Ihre Arbeit wäre, und das mit ausdrücklicher Erlaubnis von oben. Von ganz weit oben, um genau zu sein. Sollten Sie allerdings Zweifel daran haben, empfehle ich, diese Telefonnummer anzuwählen und sich zu vergewissern, dass meine Worte der Wahrheit entsprechen.“ Er hielt ihm eine auf edlem Papier gedruckte Visitenkarte entgegen, auf die eine schlichte Mobilfunknummer gedruckt war, und sonst nichts.

„Ist das ein Scherz?“, fragte Malfoy.

„Nein“, gab Wilde zur Antwort, „Buckingham Palace. Und nun würde ich gern, Ihre gütige Erlaubnis vorausgesetzt, den Tatort, den Toten und die Zeugin besichtigen.“

Malfoy wirkte, als habe ihm jemand eine Salatgurke in den Anus gerammt, zog es aber vor, sich stillschweigend abzuwenden und die Stufen zum Außenministerium hinaufzuklettern, gefolgt von Wilde, Frobisher und der Ehrenwerten Penelope Brown.

„Die Queen hat ein Smartphone?“, flüsterte Frobisher.

„Keine Ahnung“, flüsterte Wilde zurück. „Das ist die Nummer von István‘s Bar & Cafe, wo ich am Wochenende gelegentlich Chicken Tikka Masala bestelle. Ganz ausgezeichnet. Kann ich nur empfehlen.“

„Und was hätten Sie getan, wenn ihm in den Sinn gekommen wäre, dort anzurufen?“

„Ich? Gar nichts. Aber István wird für seine Prinz-Philip-Imitationen in ganz Mayfair hochgeachtet. ,Es ist schön, mal in einem Land zu sein, das nicht vom Volk regiert wird[6]‘ ist einer der besten Sketche in seinem Repertoire.“

 

Sir Freddy Fortescue hatte nach dem Exitus deutlich an Potenzial verloren, was möglicherweise auch damit zu tun hatte, dass seine Einzelteile praktisch über den gesamten Raum verteilt lagen. Und zwar keineswegs in der Reihenfolge, in der sie zwecks Rekonstruktion durch den Pathologen benötigt wurden. Die Kriminaltechniker mühten sich nach Kräften, alle nur erreichbaren Gegenstände mit Fingerabdruckpulver einzustäuben, doch den sprichwörtlichen Kreideumriss des Toten anzufertigen, wollte ihnen nicht so recht gelingen.

„Verdammte Schweinerei“, bemerkte Dr. Holloway, der diensthabende Leichenarzt, und gönnte sich einen Schluck aus seinem Flachmann.

„Ist das eine offizielle Diagnose?“, fragte Frobisher.

„So offiziell wie der gottverdammte Brexit, Chief-Inspector im Ruhestand. Möge Boris Johnson dereinst in einem Teich voll kochendem Teer brennen[7]. Cheers!“

„Können Sie eine Vermutung hinsichtlich der Waffe abgeben, mit der dieser Mord begangen wurde?“, fragte Wilde.

„Keine Ahnung. Irgendwelche Strahlen aus dem Weltall, vermute ich. Technisch betrachtet, wurde er zunächst tiefgefroren, anschließend geröstet und ist dann beim Aufprall nach dem Exitus in tausend Stücke zerbrochen. Das alles in weniger als einer Minute. Kein hübscher Tod, wenn Sie mich fragen, allerdings dürfte er schon hinüber gewesen sein, noch bevor ihm die Erkenntnis dämmerte, dass er hinüber ist.“

„Welch‘ ein Trost“, bemerkte die Ehrenwerte sarkastisch. „Wenn das so weitergeht, wird das Land in Bälde seiner führenden Köpfe beraubt sein. Ich tippe auf die Nordkoreaner. Oder die Russen. Denken Sie daran, was Putin gesagt hat: Mit Höflichkeit und einer Waffe erreicht man in der Regel mehr als nur mit Höflichkeit!“

„Sie denken, Sir Freddy Fortescue sei ein russischer Agent gewesen?“, fragte Wilde.

„Ausgeschlossen ist gar nichts, auch nicht, dass 400 Fußschemel in einem überdimensionalen Schuhkarton aus Guttapercha über den Atlantik bandusen. Waren das nicht die Worte Ihrer Busenfreundin Medea Crown? Ich empfehle dringend, diese Dame mal etwas näher unter die Lupe zu nehmen!“

„Danke für den Hinweis, aber der Gedanke ist mir bereits gekommen. Wenn auch nicht im Zusammenhang mit Wladimir Putin. – Ich würde jetzt gern die Tatzeugin sprechen, Lord Malfoy.“

Der Chef von New Scotland Yard knurrte etwas, das wie ein alttestamentarischer Fluch klang, und führte sie in einen Abstellraum, der augenscheinlich der Lagerung von nicht mehr benötigten Artefakten aus dem hingegangenen Empire diente: Gewaltige Elefanten-Stoßzähne, präparierte Nashorn-Köpfe, Fetischfiguren aus Afrika (in die Medizinmänner vorzeiten Nägel und Klingen gestoßen hatten, um die darin gebannten Dämonen britischer Kolonialherren zu „lobpreisen“), sowie ein ausgestopftes Riesenkänguru, dass ein Monokel und Breeches[8] trug und einen Kricketschläger zwischen den toten Pfoten hielt, ließen erahnen, dass derlei Gerümpel aus einer Epoche stammte, in der Jim Corbett[9] noch durch die Dschungel Bhārat Matas[10] gepirscht war.

Cynthia Campbell, einzige Zeugin des bemerkenswerten Todes von Sir Freddy Fortescue, saß auf einem antiken Sessel und wirkte erstaunlich gefasst, angesichts dessen, was sie vor noch nicht allzu langer Zeit durchgemacht hatte. Lediglich in der Region über dem Jochbein schimmerten, wie das Geflecht aus den Myzelien eines Pilzes, blassblau einige Äderchen, und ihre Augen vermieden es, irgendjemand im Raum anzublicken. Wilde setzte sich auf den Stuhl ihr gegenüber und wartete geduldig, bis er sicher sein konnte, ihre Aufmerksamkeit zu besitzen.

„Guten Tag, Dr. Campbell, mein Name ist Orpheus Wilde, und dies sind Chief-Inspector Frobisher und die Ehrenwerte Penelope Brown. Wir wurden durch höchste Stellen autorisiert, die Fälle der zersplitterten Männer zu untersuchen. - Fühlen Sie sich in der Lage, mir einige Fragen zu beantworten?“

Sie schwieg zunächst, verkrampfte die Finger ineinander und nickte dann so schwach, als habe eine laue Brise aus dem Schlüsselloch ihre langen blonden Haare in Bewegung gesetzt.

„Sehr schön. Zunächst würde ich gern erfahren, wie es Ihnen persönlich geht. Ich bin sicher, der Schock, den Sie erlitten haben, war gewaltig. Möchten Sie über Ihre Gefühle hinsichtlich des Todes von Sir Frederic sprechen? Man sagt ja, er sei ein ungemein fesselnder Mensch gewesen.“

„Ich …“, begann Cynthia, brach dann ab und richtete Augen wie sehr fragiles indisch-blaues Porzellan auf den alten Spurenleser. „Das möchte ich lieber nicht.“

„Verstehe. Können Sie uns dann bitte sagen, in welchem beruflichen Verhältnis Sie zu dem Ermordeten standen?“

„Ich arbeite als Südostasien-Analystin im Foreign Office.“

„Und wie gestaltete sich Ihre private Beziehung?“

„Gar nicht. Wir hatten keine. Er war mein Chef und ich seine Mitarbeiterin, mehr nicht.“

Wilde nickte. „Mir ist aufgefallen, dass im Raum nebenan zwei Champagnerflöten und eine leere Flasche Veuve Cliquot stehen. Gab es etwas zu feiern?“

Cynthias Pupillen wurden groß und dunkel. Sie stockte einen Moment, dann sagte sie: „Sir Freddy hatte Geburtstag, und darauf haben wir angestoßen.“

„Zu zweit?“

„Das war … das war eine ganz spontane Idee.“

„Nach meinen Unterlagen“, bemerkte Frobisher kleinkariert, „hatte der Secretary bereits vor drei Monaten Geburtstag. Ist schon ein bisschen lange her, um das jetzt noch zu feiern, oder?“

„Es gab viel Arbeit. Im Büro, meine ich. Wir hatten vorher keine Gelegenheit.“

„Und zur Feier des Tages hat sich Fortescue überdies seiner Unterwäsche entledigt. Kann man das so formulieren, Ms Campbell?“

Cynthia starrte den hageren Detektiv an, in dessen reglosen Augen kein verdächtiges Funkeln zu bemerken war.

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden, Mr … Mr …“

„Wilde“, half die Ehrenwerte aus. „Orpheus Wilde. Und glauben Sie mir, er schätzt das gar nicht, wenn man seinen Namen vergisst. - Nach meiner, allerdings hauptsächlich durch die Lektüre einschlägiger Literatur erworbenen Vertrautheit mit dem Thema, verfolgt ein Mann, der sich in Gegenwart einer deutlich jüngeren und überdies attraktiven Dame seiner Leibwäsche entledigt, damit ganz bestimmte, oft sogar am Rande des guten Geschmacks liegende Absichten.“

„Das“, bemerkte Cynthia kühl, „entspricht Ihren Erfahrungen.“

„Wie ich sagte“, bestätigte die Ehrenwerte und konnte sich ein süffisantes Grinsen nicht verkneifen.

Wilde starrte seine Nemesis übellaunig an und zog die rechte Hand in einer vielsagenden Geste über die Kehle. „Befassen wir uns mit der eigentlichen Tat. Wie ist Sir Freddy zu Tode gekommen? Können Sie das bitte schildern?“

Cynthias Augen füllten sich mit Tränen und ihre Unterlippe zitterte heftig. „Ich … ich weiß es nicht. Es ging alles so furchtbar schnell.“

„Waren Sie allein im Zimmer?“

„Nein. Sir Freddy war dort.“

„Nun, das hatten wir natürlich vorausgesetzt.“

„Unbedingt sogar“, warf die Ehrenwerte ein und fing sich einen bösen Blick.

„Ich meinte selbstverständlich, außer Sir Freddy und Ihnen.“

 

„Nein, wir waren die ganze Zeit allein.“

„Sicher?“

„Ganz sicher.“

„Und haben Champagner getrunken.“

„Wenn Sie das sagen.“

„Nicht ich sage das, Ms Campbell - wie so oft im Leben sprechen eine leere Flasche und zwei Gläser, eines davon mit Lippenstift, eine unmissverständliche Sprache. Also?“

Sie ruckelte nervös auf ihrem Sessel herum.

„Ja, dann ist das so gewesen.“

„Und was geschah danach.“

„Wir … wir stießen an und Sir Freddy sagte, es sei wohl Zeit, wieder an die Arbeit zu gehen.“

„Und entledigte sich dafür seiner Leibwäsche.“

„Zum letzten Mal, Mrs Brown!“

„Natürlich nicht. Er sprach von einem Ausschuss, in den er mich eventuell berufen wollte. Als Leiterin. Weil ich es …, weil ich es aufgrund meiner Leistungen verdient hätte. Und dann … fing dieses Geräusch an.“

„Können Sie das näher beschreiben?“

„Es klang wie … eine kaputte Fahrradpumpe.“

„Ups!“, machte die Ehrenwerte. „Au revoir James Tiberius Kirk.“

Wilde nickte und zog eine Fotografie aus der Tasche. Er reichte sie Cynthia und fragte: „Kennen Sie diese Person?“

Die junge Frau betrachtete das Bild und schwieg. Sie brauchte fast eine Minute, um zu antworten. „Nein, habe ich noch nie gesehen.“

„Ganz sicher?“

„Vollkommen sicher.“

Er nahm das Foto zurück und legte es in seine Brieftasche.

„Dann habe ich nur noch eine Frage.“

„Bitte.“

„Welches Odeur benutzen Sie?“

„Bitte?“

„Ihr Odeur, wenn Sie gestatten. Sie wissen was das ist?“

„Natürlich, weiß ich, was ein Odeur ist, allerdings entzieht sich meinem Verständnis, was die Marke meines Parfums mit dem Tod von Sir Freddy zu tun hat.“

Wilde setzte sein einnehmendstes Lächeln auf, das die Ehrenwerte angelegentlich mit der Miene von Boris Karloff im Kinoklassiker „The Mummy“ verglich. „Vertrauen Sie mir einfach“, riet er väterlich.

Zunächst schien sie störrisch, dann presste sie ungehalten zwischen den Zähnen hervor: „Ballena de la Pampa[11].“

„Eine ausgezeichnete Wahl. Kopfnote Zeder, Herznote Mahagoni und Basisnote Zimt. Habe ich vor kurzem an einer wirklich guten Freundin bewundert.“

„Das ist ein Irrtum, Sir. Das Odeur, von dem Sie sprechen, ist vermutlich Biblioteca de Babel“, bemerkte Cynthia und versuchte erst gar nicht, ihre Freude darüber zu verbergen, den besserwisserischen Detektiv korrigiert zu haben.“

„Ah, natürlich. Vergeben Sie mir. Es war wohl der Geruch nach Ledereinband und Holzregal in diesem Kuriositätenkabinett, der mich auf die falsche Fährte gelockt hat. Wie dem auch sei. Für heute soll es genügen. Ich werden Sie aber gewiss noch einmal für ein abschließendes Interview benötigen.“

Er stand auf, warf mit einer schwungvollen Bewegung den Shawl um den Hals, platzierte den Homburg auf dem silbergrauen Seidenhaar und eilte aus dem Zimmer, eine sprachlose Mrs Brown und einen konsternierten Frobisher hinter sich herziehend, beide einträchtig im Türrahmen gegeneinander schwoiend.

 

„Mrs Brown“, erklärte Wilde, nachdem sie sie sich von Frobisher verabschiedet hatten und im Fonds eines Taxis auf dem Weg nach Kensington waren, „ich muss Ihnen mitteilen, dass ich die Absicht habe, Sie zu belästigen.“

„Orph … Orpheus, das kommt so überraschend …“ Sie erlaubte sich die Gesichtsfarbe eines englischen Pauschaltouristen nach dem ersten Tag am Strand von Ponta da Piedade[12] anzunehmen.

„Sie missverstehen. Ich habe keinerlei persönliche Motive.“

„Nun … egal! Ich wurde schon mehrfach von Männern ohne persönliche … äh … Motive belästigt. Daran soll es nicht scheitern.“

„Sie missverstehen noch immer. Selbstverständlich hege ich nicht die Absicht, Ihnen nahetreten zu wollen. Ich besitze immensen Respekt vor dem weiblichen Geschlecht - und vor Ihnen, verehrte Mrs Brown, ganz besonders.“

„Was ein Mann und eine Frau unter zu nahe treten verstehen, ist ja durchaus eine Frage bilateraler Gespräche. Was schwebt Ihnen denn so vor, wenn ich fragen darf?“

„Ein Anruf bei Augustus Fink-Nottle.“

„Ein Anruf bei meinem Freund, dem Herausgeber des Daily Mirror?“

„Ja, ich brauche eine Sonderausgabe.“

Ruhig und gelassen, bei gelegentlichen Schluckauf-artigen Aussetzern des Vergasers, rollte der Austin FX3 über die belebten Boulevards der britischen Metropole, während die Ehrenwerte Penelope Brown ihren alten Freund mit einem Blick bedachte, der eine stärkere Botschaft als jeder Roman von Barbara Cartland enthielt.

„Sind sie verrückt, Mann? Wozu brauchen Sie denn um Himmels Willen eine Zeitung? Wollen Sie mich darin einwickeln? Reicht es nicht, wenn wir für das bisschen knick-knack, zwinker-zwinker[13] in ein Hotel gehen?“

„Ich weigere mich standhaft, mir vorzustellen, was Sie unter knick-knack, zwinker-zwinker verstehen, Mrs Brown, will Ihnen jedoch meinen Plan, den Mörder der zersprungenen Männer in eine Falle zu locken, gerne erläutern. Also stellen Sie sich bitte folgendes Szenario vor …“

 

Es war, als ob ein Ziegelstein an einem sonnigen Morgen durch die Fensterscheibe flöge, um inmitten der Butter auf dem Frühstückstisch zu landen: „Vorwürfe gegen High-Society-Detektiv!“, stand in leuchtend roten Lettern auf der Titelseite des Daily Mirror. Und darunter, kleiner, aber immer noch gut zu erkennen: „Amerikanische Millionärswitwe bezichtigt Star-Kriminalisten der Belästigung. Penelope Brown: ,Dieser Mann ist ein Raubtier!‘ Orpheus Wilde: ,War alles ein Missverständnis!‘ Bekommt hier der Ausdruck Schnüffelnase eine völlig neue Bedeutung? Lesen Sie den Bericht unseres Sonderkorrespondenten Anthony Burgess auf Seite 3!“

Chief-Inspector im Ruhestand Frobisher tropfte das traditionell pappige Porridge vom Löffel auf seine drittbeste Weste, und seine Kinnlade klappte nach unten, als hätten sich die Scharniere aus ihren Verankerungen gelöst.

„Das kann doch nicht wahr sein!“, brüllte er geradezu, was Teile des Frühstücks bewog, sich auf seiner ihm gegenübersitzenden Gattin niederzulassen. Madame Frobisher griff nach der Tischglocke, und als das Dienstmädchen mit einem Knicks den Raum betrat, erteilte sie die Anweisung: „Für mich ein feuchtes Tuch, Darling, und für Mr Frobisher einen trockenen Sherry!“

„Das glaube ich niemals“, krakeelte Hezekiah. „Ich kenne diesen Mann wie ich meine … meine …“

„Frau“, schlug Mrs Frobisher vor.

„Also, wie ich meine eigene Frau kenne! Und ebenso wenig wie meine eigene Frau auf den absurden Gedanken käme, irgendwelche wildfremden Männer auf der Straße … sexuell zu belästigen, würde Orpheus Wilde … würde dieser Gentlemen vom Scheitel bis zur Sohle …“

„Ja, mein Guter?“

„Ich brauche ein Telefon! Wo ist das vermaledeite Telefon? Und wo ist das noch vermaledeitere Mädchen? Leslie! Herkommen!“

„Sie heißt Agnes, Guter!“

„Agnes, Leslie, Meghan, das ist doch wie … wie …“

„Salz und Pfeffer“, schlug Mrs Frobisher vor.

„Genau“, beendete Mr Frobisher seinen emotionalen Ausbruch und ließ sich erschöpft zurück auf den Stuhl sinken.

 

Die Presse war sich einig: Einen schöneren Skandal hatte man nicht mehr erlebt, seit die Nummer Sechzehn der Thronfolge auf einer öffentlichen Herrentoilette die Aufmerksamkeiten eines bengalischen Transvestiten in Anspruch genommen hatte. (Nicht das unbestimmte Geschlecht des Dienstleisters war das Problem, sondern die Tatsache, dass er/sie/es keine gültigen Einreisedokumente besaß!) Krokodilstränen, dick wie der Hope-Diamant, flossen einvernehmlich vom Antlitz der Kommentatoren jeglicher Couleur. Eine recht bekannte Schauspielerin, die sich bei der Trennung von Gatte Nummer 4, einem Software-Milliardär, der Unterstützung Wildes bedient hatte, äußerte auf Instagram die Absicht, ihre Scheidung „aufgrund dieser erschütternden Vorwürfe“ rückgängig machen zu wollen. Für den gewesenen Gatten sicher keine angenehme Vorstellung – war er doch längst anderweitig verehelicht. Eine amerikanische Frauenrechtlerin erläuterte in „Good Morning Britain“ mit gestrenge in Falten gelegter Stirn, Wilde sei „faktisch ein Synonym patriarchalischer Machtstrukturen, dies a priori im Sinne einer hedonistischen Verweigerung, die elementaren Rechte der Frauen zugunsten dringend notwendiger und längst überfälliger Dekonstruktionen männlicher Allmachts-Fantasien in Staat und Kirche zu überwinden“, was aber leider niemand zu verstehen schien, auch nicht die im Aufnahmestudio Bilder des Detektivs verbrennenden Aktivistinnen einer Gruppe, deren erklärtes Ziel es war, die Dynamische Meditation von Osho als Disziplin bei den nächsten olympischen Sommerspielen zu etablieren.

Einige wenige Publizisten, die es wagten, darauf hinzuweisen, dass die Vorwürfe gegen Wilde ja noch gar nicht erwiesen seien, sahen sich einem Sturm der Entrüstung ausgesetzt, der in der rhetorischen Frage einer Politikerin aus dem linken Spektrum gipfelte, ob es neuerdings Sache des Karnickels sei, zu beweisen, dass der Fuchs ein Räuber ist. Der Beifall der üblichen Verdächtigen folgte auf dem Fuße. Eine öffentliche Verbrennung rückte in unmittelbare Nähe.

 

„Sie sind – na, Sie wissen schon, wo“, äußerte die Ehrenwerte, die es sich nicht hatte nehmen lassen, Wilde einen Abriss der besten Attacken gegen seine übergriffige Männlichkeit aus den Zeitungen des Landes vorzutragen.

„Unser Plan ist demnach aufgegangen“, erwiderte der Meister und rührte äußerlich ungerührt drei Löffel Zucker in seine blassblaue Tasse. „Jetzt heißt es abwarten und Tee trinken.“

„Aber was, Sie Narr, wenn der Täter sich nicht von Ihrem Manöver aus der Reserve locken lässt? Das Spiel ist höchst riskant. Sie wären beruflich und gesellschaftlich erledigt. Selbst wenn ich meine Vorwürfe zurücknehme, würde doch der Schatten des Zweifels auf Ihnen lasten, falls wir nicht erklären könnten, warum diese Täuschung für die Aufklärung des Falles absolut unerlässlich war!“

„Das stimmt. Ich wäre erledigt – mit Pauken und Trompeten sogar. Aber dieses Risiko muss ich im Interesse der Wahrheitsfindung eingehen. Ich vermute, es wäre im Falle eines Scheiterns nicht unklug, meinen Lebensabend in Ittoqqortoormiit zu verbringen, weit weg von England und seiner feinsinnigen Boulevardpresse.“

„Wo bitte?“

„Ittoqqortoormiit. Das ist eine grönländische Stadt in der Kommuneqarfik Sermersooq. Haben Sie heute noch nicht das Kreuzworträtsel in der Times gelöst?“

„Und das lässt sie völlig kalt, Mann?“

„Nein. Aber ich darf Sie versichern, dass ich alle denkbaren Züge durchgespielt habe und dieser der Einzige ist, der Erfolg verspricht. Für Alternativen fehlen uns schlichtweg die Mittel. Überdies, die Zeit drängt!“

„Pah, Beweise! Das interessiert doch bei den Vorwürfen, die ich gegen Sie erhoben habe, auch niemand! Wozu eine langwierige und zumeist unbefriedigende juristische Auseinandersetzung abwarten, wenn das Urteil und die damit einhergehende gesellschaftliche Ächtung doch so viel einfacher über die sozialen Medien herbeizuführen sind!“

„Sie erstaunen mich immer wieder, Mrs Brown. Wo haben Sie denn diese Weisheit her?“

„Cadwalders Hausschatz fragwürdiger Sentenzen für alle Gelegenheiten. - Und was, wenn Ihr Gegenspieler noch einen Bauern im Ärmel hat?“

„Durchaus berechtigter Einwand, wenngleich ein Bauer im Ärmel bei einem Schachspiel eher nicht zu den gängigen Strategien zählt.“

„Sie sind ein unverbesserlicher Optimist. – Heda Wirtschaft, für mich noch einen doppelten Scotch. Diesmal aber ohne Wasser, da machen Fische Liebe drin!“

 

Sechs Tage befand sich Orpheus Wilde nun schon in selbstgewählter Isolation von der Außenwelt, die ihn weiterhin mit unverminderter Freude am Detail als einen sexbesessenen, machtgeilen und präsenilen Lustmolch klassifizierte – und lautstark seinen Kopf verlangte, und zwar nur seinen Kopf! In dieser Zeit hatte er das Silber poliert, die zahlreich im Haus verteilten Uhren gestellt, seine abgeschlossenen Fälle sortiert (von A wie Armleuchter, tödlicher, bis Z wie Zabaglione, vergiftete), 200 Tüten „Schwarzer Afghane“ auf Vorrat gedreht, achtmal seinen Lieblingsfilm „Lawrence of Arabia“ gekuckt (bis er den Eindruck hatte, der heiße Wüstensand habe sich in praktisch jeder verfügbaren Ritze seines Körpers festgesetzt), „Lady Chatterley’s Lover“ gelesen und mit einer Dame in der Telefon-Hotline für „rüstige Senioren“ über dialektische Selbstreflexion, Sartre und den Existentialismus parliert. (Teures Vergnügen, wie sich bei der nächsten Abrechnung erweisen sollte!) Nun stand er mit umgebundener Schürze am Küchenherd und war in die Zubereitung von „Catkelly’s arabische Hackfleischröllchen“ vertieft (ein Gericht, dessen Rezept er dem Periodikum „Crime & Punishment“ entnommen hatte), als das Wandtelefon gravitätisch den Westminster-Glockenschlag ertönen ließ. Er nahm den Hörer ab und klemmte ihn zwischen Schulter und Ohrmuschel, um weiterhin das brutzelnde Hackfleisch im Auge zu haben.

„Ja?“, fragte er, insgeheim überzeugt, dass es entweder ein Reporter sein würde, der sich ein Statement für die „besorgten britischen Bürger“ zum Thema sexueller Missbrauch durch alte weiße Männer erbäte, oder ein „besorgter britischer Bürger“, der ihn aufzufordern gedächte, nicht „um ein Jota in seinem Kampf um die weiße männliche Vorherrschaft“ nachzugeben, oder aber eine verstellte weibliche Stimme, die ihm peinvolle Kastration und das ewige Fegefeuer verheißen würde, während ihre Besitzerin gleichzeitig nicht die Geistesgegenwart besessen hätte, ihre Rufnummer zu unterdrücken. Das zumindest war der Grundtenor der letzten Festnetzanrufe gewesen, sowie der 5113 Kommentare im Gästebuchbereich seiner Homepage www.wildething.com und der 3268 Emails an orpheus@wilde.uk, einer Adresse allerdings, die gar nicht ihm, sondern einem völlig unbescholtenen Kieferorthopäden aus Bristol gehörte. Doch diesmal, Gott sei’s getrommelt und gepfiffen, lag er daneben. Endlich!

„Maghrebinischer Falke an Kaltgestelltes Fossil. Maghrebinischer Falke an Kaltgestelltes Fossil. Lackierte Forelle hat soeben mit einem auffälligen Koffer ihren Wigwam verlassen und ein Kanu nach Kensington genommen. Wiederholte: Lackierte Forelle hat soeben mit einem auffälligen Koffer ein Hotel in Stepney verlassen und ein Kanu nach Kensington genommen.“

„Sind Sie das, Chief-Inspector im Ruhestand?“

Schweigen am anderen Ende. Dann: „Von Tarnung und Verschlüsselungstechniken haben Sie auch noch nie gehört, oder?“

„Nun, ich denke, wenn Lackierte Forelle bereits in einem Taxi nach Kensington sitzt, ist die Gefahr, dass sie gleichzeitig meine Leitung abhört, doch eher als gering einzustufen.“

„Sie müssen es ja wissen“, raunzte Frobisher, „aber beschweren Sie sich nicht, wenn Sie hinterher tot sind.“

„Gewiss nicht“, sagte Wilde, aber der Hörer war bereits auf die Gabel gefallen.

Der große Detektiv ließ sich durch die Herausforderung, dass ein zu allem entschlossener Täter auf dem Wege war, um seinen Körper in das etwas weniger beeindruckende Gegenstück zu Michelangelos David zu transmutieren, nicht aus der Ruhe bringen. Er legte die Schürze ab, schlüpfte in seine nachtblaue Hausjacke aus Mohair, richtete sein reinseidenes Einstecktüchlein, wechselte die bequemen Pantoffeln gegen blankpolierte Schuhe aus Nilpferd-Leder und entzündete die Kerzen auf dem Esstisch, der bereits seit Tagen in allen Details für ein Dîner à deux mit dem Mörder vorbereitet war. Anschließend dekantierte er einen Château Mouton Rothschild des legendären Jahrgangs 1945, den er von einem Nawab aus Rajasthan für die Rückführung dessen schmerzlich entbehrter Gattin vereinnahmt hatte. (Besagte Gattin war in Paris mit einem glutäugigen Stehgeiger aus Debrezin verbandelt, was gegenüber dem Nawab zu erwähnen, Wilde jedoch nicht für nötig befand. Derlei Sünden betrachtete er als lässlich, war der Eheknochen doch fast doppelt so alt wie die Schöne! Die Flasche hingegen taxierte er in seiner Einkommenssteuererklärung auf ein Fünftel ihres tatsächlichen Wertes. Gott segne den munteren Bacchus und Ihrer Majestät gestrenge Finanzbehörden!) Dann setzte er sich in formvollendeter Gelassenheit auf einen Stuhl in seinem Speisezimmer, betrachtete den ihm gegenüber befindlichen, noch leeren Platz und vertiefte sich zwecks Befreiung seines Geistes von störenden Sedimenten in die Memorierung der Fuge cis-moll von Johann Sebastian Bach, einem Künstler dessen Intellekt er zweifelsohne als göttlich gepriesen hätte, wäre ihm nicht alles Metaphysische zutiefst fremd gewesen.

Etwa zwanzig Minuten später klingelte es.

Wilde überprüfte den Sitz seiner Krawatte, fegte einen unsichtbaren Fussel vom Kragen, stand auf, ging in den Vorraum und öffnete die Tür. Vor ihm stand, aufgetakelt wie die HMS Victory und mit einem hochmodernen Kapotthütchen auf dem lila schimmernden Haupthaar, die Ehrenwerte Penelope Brown.

„Sie?“, rief der Meister.

„Nette Begrüßung“, konterte die Ehrenwerte, schob ihn umstandslos beiseite und trat ins Haus. „Ich wollte doch mal sehen, wie es dem König im Exil so ergeht.“ Sie versenkte eine Hand in die mitgebrachte Umhängetasche mit dem Konterfei des Ehepaares Harry und Meghan Sowieso und brachte ein Einwegglas mit einer undefinierbaren Substanz zum Vorschein. „Hier, ich habe Ihnen ein Glas von meinem selbstgemachten Relish mitgebracht. Ist mein erster Versuch, aber ich denke, wenn Sie keine relevanten Vorerkrankungen haben, wird es Ihnen nicht schaden.“

„Vielen Dank, Mrs Brown, aber im Moment passt es leider gar nicht. Ich erwarte Damenbesuch.“

„Wie bitte? Ich komme seit Tagen vor Sorge um Ihr Wohlbefinden nicht in den Schlaf, und Sie verlustieren sich derweil mit irgendwelchen Hupfdohlen? Finden Sie das in Ordnung?“

Noch bevor Wilde eine Antwort geben konnte, klingelte es erneut.

„Aha!“, rief die Ehrenwerte, „Das passt ja wie die Faust aufs Auge. Dann werde ich dieser Bordstein-Schwalbe mal kurz ins Poesiealbum schreiben, was ich von ihren Bemühungen halte!“ Im letzten Moment gelang es Wilde, das Handgelenk seiner alten Freundin zu packen, bevor ihre Finger den Türknauf erreichen konnten, um sie dann gänzlich unzeremoniell in ein Seitengelass abzudrängen, wo er traditionell seine Putzeimer und Toilettenreinigungsartikel aufzubewahren pflegte.

„Was soll das, Sie Narr? Was machen Sie da?“

Wilde legte den Zeigefinger an die Lippen. „Ruhe jetzt, Mrs Brown, es geht um Leben oder Tod. Draußen steht der Mörder der zertrümmerten Männer, und er hat es auf mich abgesehen. Sie müssen sich still wie eine Maus verhalten, sonst sind all unsere Bemühungen umsonst gewesen.“

„Wa … wa … was?“

„Ruhig! Keinen Mucks! Egal, was Sie hören! Das müssen Sie mir versprechen!“

„Aber ich …“

„Versprechen, Mrs Brown! Beim Leben von Sir Winston!“

„Also meinetwegen. Sie haben mein Wort!“

„Beim Leben von Sir Winston!“

„Ja doch, Herrgott.“

„Ausgezeichnet.“ Er schloss die Tür zu dem Seitengelass, richtete nochmal im Spiegel sein wallendes Haupthaar und öffnete den Einlass.

„Oh“, sagte er, „was für eine schöne Überraschung.“ Und ehrlich gesagt, das war es in der Tat: eine Überraschung! Wenn auch keine schöne.

 

Mrs Brown spitzte ihre Ohren wie niemals zuvor im Leben. Stockdunkel war es in der Abstellkammer, und die kleinste Bewegung hätte zur Folge haben können, dass ein Zinkeimer oder ähnliches vom Haken rutschte und mit Klickeradoms in die versammelten Wischmops krachte. Sie vernahm den Bariton ihres Freundes Orpheus Wilde, der etwas sagte, das wie „Oh, was für eine schöne Überdachung“ klang. (Überdachung? Wieso Überdachung? Was zum Teufel meinte er damit? War das ein Codewort? Oder gar eine sexuelle Anspielung?) Darauf antwortete, allerdings unverständlich, eine Stimme, von der sich nicht genau sagen ließ, ob es die einer Frau oder die eines Mann war. Es gab dann ein bisschen Gezerre und Fußabtreten, was wohl damit zusammenhing, dass der Gast die Garderobe ablegte. Anschließend entfernten sich Schritte in Richtung Speisezimmer.

„Verdammt“, knurrte die Ehrenwerte, so leise wie ihr das unter diesen Umständen nur möglich war. Sie saß in der Falle, daran gab es nichts zu deuteln. Und im ganzen Haus, auch in dieser Abstellkammer, duftete es geradezu verlockend nach Catkelly’s scharf angebratenen Hackfleischröllchen. Da wurde ihr mit einem Mal bewusst, dass sie seit den pochierten Eiern, Pfannkuchen in Ahornsirup, weißen Bohnen mit Tomatensoße und gebratenen Würstchen zum Frühstück praktisch nichts mehr gegessen hatte. Ihr Magen rumorte mit einem atonalen Singsang, der für das ungeschulte Ohr wie der Name eines abbasidischen Dichters klingen musste.

„Ruhe!“, befahl die Ehrenwerte und legte eine Hand auf den Ort des Furiosos – ohne Erfolg. Wie immer hatte der kleine Hunger seinen eigenen Kopf.

Ungeachtet dessen, drückte sie zunächst ihr rechtes Ohr an das Holz der Tür und danach, weil das rechte seit jeher das schlechte war, auch das linke. Was mochte dort draußen vor sich gehen? Wer war der Mörder der zersplitterten Männer? Eine Frau? Ein Mann? Irgendein verrückter Wissenschaftler aus der ehemaligen Sowjetunion? (Immer eine gute Wahl, wenn der Plot unvermittelt in eine Sackgasse geriet!) Und dann die womöglich entscheidende Frage: Würde Orpheus ohne ihre Hilfe mit der Situation fertigwerden? Sie kannte doch „ihren Mann“! Hinter der Fassade eines ehrpusseligen Einspänners, verbarg sich in Wahrheit eine Seele, so rosenzart wie der Teint eines jungen Mädchens! Wenn’s hart auf hart kam, bedurfte es einer Dame in den besten Jahren, die a) schon auf manchem Kriegsschiff gedient hatte und b) stets ein Reisebügeleisen aus wetterfestem Edelstahl mit sich führte. Mrs Brown beschloss, die Tür ganz leise einen Spalt zu öffnen, in der Hoffnung, dass alles entscheidende Verhör belauschen zu können. (Und vielleicht auch irgendwo ein scharf angebratenes Hackfleischröllchen abzustauben.) Doch als sie den Kopf gerade eben halb herausgestreckt hatte, presste sich unerwartet der kalte Stahl des Todes an ihre Schläfe, und eine Stimme, die keinen Zweifel an der Ernsthaftigkeit des Sprechers ließ, raunte unheilverkündend: „Keinen Mucks, Mrs Brown, oder Ihr Gehirn wird diese abscheuliche Tapete verzieren.“

Langsam, sehr langsam, wandte die Ehrenwerte den Kopf und blickte in das perfekte gestylte Antlitz Medea Crowns, die sie spöttisch lächelnd mit einer Art Sahnespritze aus Edelstahl bedrohte.

„Sie!“, war alles, was unserer arglosen, aber dennoch sympathischen Heroine im ersten Moment dazu einfiel, dann bedeutete ihr Ms Crown mit einem Wink der Waffe, oder was immer das war, ins Speisezimmer voranzugehen.

 

„Treten Sie ein, meine Damen“, wurden sie von Orpheus Wilde empfangen, der gelassen auf einem Stuhl saß, die Beine übereinandergeschlagen, eine rauchende Panatella zwischen den Fingern und eine entsicherte SIG Sauer am Schädel. „Ich denke, wir sind jetzt vollzählig versammelt, und können den letzten Akt des Dramas einläuten.“

„Das ist eine Falle, Medea“, rief Cynthia Campbell, die den Finger am Abzug der SIG hatte.

„Was redest Du für einen Blödsinn!“, echauffierte sich die in hautenges Lackleder gegossene Ms Crown. „Und was soll die Knarre?“

„Er weiß, dass wir es getan haben. Er hat es mir gesagt!“

„Unsinn! Es gibt keine Beweise. Und selbst wenn; in spätestens fünf Minuten wird der Frauenschänder Orpheus Wilde an der Tafel seiner Gesinnungsgenossen Platz nehmen: Herman Hermit, Lord Buckley, Sir Alfred Buttercup und Sir Freddy Fortescue! Allesamt widerwärtige weiße Männer jenseits der fünfzig, die Ihre Macht und Ihren Einfluss benutzt haben, um Frauen zu missbrauchen! Das ist doch sicher auch in Ihrem Sinne, Mrs Brown?“

„Keineswegs“, erklärte die Ehrenwerte und setzte sich demonstrativ neben Wilde.

„Ach nein?“, wunderte sich Medea. „Gehören Sie zu den bedauernswerten Geschöpfen, die sich ihren Vergewaltigern auch noch verpflichtet fühlen? Stellen Sie sich der Wahrheit, Sie Närrin; das was dieser Mann getan hat, ist ein sich täglich wiederholendes Verbrechen, das von der Justiz mehrheitlich ignoriert wird.“

„Ich stimme zu“, bemerkte Wilde. „Das sind Taten, die auch ein überschätzter Kriminalist wie ich in der Vergangenheit gern übersehen hat.“

 „Nur zu Ihrer Information“, knurrte die Ehrenwerte, die vor unterdrückter Wut am ganzen Leib zitterte, „alle Belästigungsvorwürfe, die ich gegen Wilde erhoben habe, sind erstunken und erlogen! Das Ganze ist eine Tigerfalle!“

„Eine Tigerfalle? Was soll der Mist? Was hat er gegen Sie in der Hand?“

„Nichts, meine Liebe, gegen mich gar nichts. Aber gegen Sie hat er jetzt eine ganze Menge in der Hand, und natürlich auch gegen Ihre Komplizin, die rehscheue Dr. Campbell. Er hat bewiesen, was zu beweisen war: Sie haben das Recht in die eigenen Hände genommen und vier Männer kaltblütig ermordet!“

„Vier Schweinehunde, wollten Sie vermutlich sagen!“

„Auch dem stimme ich zu“, grätschte Wilde dazwischen. „Keiner dieser Männer scheint ein Vorbild an Charakter und Tugend gewesen zu sein. Sie waren reich, sie waren mächtig und sie haben nicht eine Sekunde lang gezögert, sich das zu nehmen, was sie wollten. Auf jede nur erdenkliche Weise. Und dennoch war es ein Verbrechen, das Recht in die eigenen Hände zu nehmen. Das ist Sache eines ordentlichen Gerichts.“

„Sie heuchlerischer Narr!“, brüllte Medea Crown. „Welche Frau ist denn bereit, sich der öffentlichen Schande preiszugeben? Sind doch alles nur Schlampen, lautet der Tenor, die haben es doch nicht anders gewollt! Haben sich nach oben gevögelt, und jetzt zerstören sie den Ruf eines ehrbaren Mannes!“

„Das stimmt, und dennoch gibt es kein Verbrechen, das es verdient hätte, so bestraft zu werden, in keinem Land! Und gewiss gibt es auch kein Verbrechen, dass eine Strafe ohne rechtsgültige Verurteilung nach sich ziehen darf.“

„Verdammt gutes Plädoyer, Herr Verteidiger!“ Ms Crown lächelte spöttisch. „Und weil das so ist, sind wir stellvertretend für alle Frauen angetreten, um Gerechtigkeit walten zu lassen! Scheiß auf die Justiz! Tod den Vergewaltigern!“

„Tod den Vergewaltigern!“, wiederholte Cynthia Campbell und reckte die geballte Faust.

„Stellvertretend für alle Frauen, oder doch eher, um schlichte Rache für das am eigenen Leib erfahrene Unrecht zu nehmen?“

„Am eigenen Leib! Wie Sie das aussprechen, klingt es nach einem Witz aus Ihrem Gentlemen’s Club. Wissen Sie wie das ist, wenn sich jemand an deinem Körper bedient wie an einem gut gedeckten Buffet? Jemand, den du gar nicht dazu ermächtigt hast! Wissen Sie wie das ist, von einem fetten Schwein, dass dich allein schon durch sein Körpergewicht zerquetschen könnte, wie ein Kleenex-Tuch benutzt und weggeworfen zu werden?“

„Nein, das weiß ich allerdings nicht. Aber etwas anderes weiß ich umso gewisser: dass nämlich die Gerechtigkeit nie über dem Recht stehen darf! Genau aus diesem Grund gibt es Gesetze. Und mögen diese Gesetze auch bei näherer Betrachtung noch so fehlerhaft und vielleicht sogar im Einzelfalle mangelhaft erscheinen, strukturieren sie doch auf die denkbar beste Weise unser Miteinander, und halten uns davon ab, auf den Status eines wildgewordenen Lynchmobs zu sinken.“

Medea Crown trat einen Schritt nach vorn und richtete ihre futuristische Waffe auf den Kopf des Kriminalisten. „Das, Mr Wilde, ist eine hocheffektive kleine Maschine, die ich in meiner knapp bemessenen Freizeit selbstgebastelt habe. Sie müssen wissen, dass Physik eines meiner Steckenpferde ist. Die Idee dazu kam mir, als der gute Alfie Buttercup mich eines Abends mit K.-o.-Tropfen außer Gefecht gesetzt hatte, um mich in aller Ruhe vergewaltigen zu können. Am nächsten Tag lag er tränenüberströmt vor mir auf den Knien und beschwor mich, seine Karriere nicht wegen eines kleinen Fehlers zu vernichten. Das waren seine Worte: wegen eines kleinen Fehlers! Ich beschloss, dass er seine Karriere, die ihm doch so wichtig war, behalten durfte und stattdessen mit seinem wertlosen Leben bezahlen musste!“ Sie löste den Sicherungsbolzen, woraufhin ein sirrendes Geräusch ertönte. „Tut mir leid, dass Sie nun sterben müssen, obwohl Sie gar nicht das getan haben, was wir von Ihnen glaubten. Aber Sie werden gewiss verstehen, dass die Bedeutung unserer Mission mehr wiegt als ein unschuldiges Menschenleben, noch dazu das eines Mannes. Oder sagen wir besser, zwei unschuldige Menschenleben, denn auch Sie, Schwester, sind nun bedauerlicherweise eine Zeugin, die es zu beseitigen gilt!“

„Sie werden doch nicht ernsthaft annehmen, dass Wilde in dieser Angelegenheit keine Vorsichtsmaßnahmen getroffen hat, oder?“

„Natürlich nicht, Mrs Brown, aber sofern Sie auf die tatkräftige Unterstützung von Hezekiah Frobisher zählen, muss ich Ihnen leider mitteilen, dass der Chief-Inspector mit einem Chloroform getränkten Knebel vor der Nase in meinem Kofferraum liegt. Er musste sich dringend mal etwas Ruhe gönnen.“

„Verflucht noch eins!“

„Es ist daher angebracht, dass Sie sich mit dem Unvermeidlichen, so gut es eben geht, anfreunden. - Irgendwelche letzten Worte, Mr Wilde, bevor ich sie in dekoratives Basaltgestein verwandle?“

„Allerdings. Meine letzten Worte lauten: Zielen Sie etwas tiefer, Lady Buttercup! Sie treffen sonst die Büste Alfred Tennysons!“

Nahezu im selben Moment krachte ein Schuss, der Medea die Sahnespritze aus der Hand riss, während die Witwe des nicht ganz so ehrwürdigen Sir Alfred Buttercup hinter einem japanischen Paravent hervortrat, der sie bislang den Blicken verborgen hatte.

„Ganz ruhig, Mädels“, sagte sie, an Ms Crown und Dr. Campbell gewandt, „dann wird kein Blut vergossen. Ich sollte erwähnen, dass ich 1963 im Schießen mit Handfeuerwaffen der Damen eine Goldmedaille errungen habe.“

„Sie!“, entfuhr es Medea, die sich mit schmerzverzerrtem Gesicht das Handgelenk rieb, „Ausgerechnet Sie!“

„Ganz recht, Ms Crown, mein Göttergatte war ein Schwein und hatte sein Ende redlich verdient. Allerdings haben Sie vergessen, dass ich da auch noch ein Wörtchen mitzureden hatte. Wäre es mir in den Sinn gekommen, meinen Mann zu erschießen, sagen wir, bei einem kleinen Jagdunfall, wäre das eine Sache gewesen. Ihnen hingegen spreche ich die Autoriserung ab, nach eigenem Gutdünken Urteile zu vollstrecken. Und ganz gewiss werde ich nicht erlauben, dass Sie vor meinen Augen zwei unschuldige Menschen töten!“

„Genau das ist die Schwierigkeit, Lady Buttercup: Wenn eine Frau feststellt, dass sie das Unwesentliche darstellt, das niemals zum Wesentlichen werden kann, so kommt es daher, dass sie selbst diese Umkehrung nicht zustande bringt“[14], entgegnete Medea, trat neben Cynthia Campbell und legte den Arm um die schluchzende junge Frau.

„Also, ich weiß nicht, wie es Ihnen geht“, bemerkte die Ehrenwerte, „aber ich brauche jetzt dringend ein schönes Tässchen Tee und einen doppelten Scotch!“

„Gute Idee, Mrs Brown, allerdings sollten wir zuvor den Chief-Inspector aus seiner misslichen Lage befreien.“

„Stimmt, den Tölpel hatte ich ja völlig vergessen. Wie sagt doch der Volksmund? Besser es wird einem nichts gestohlen. Dann hat man wenigstens keine Scherereien mit der Polizei.“[15]

 

„Zwei Dinge waren es, die mich auf die richtige Spur geführt haben“, dozierte Wilde und ließ seiner Panatela wolkige Rauchzeichen entströmen. „Lippenstift und Parfüm!“

„Wie bitte?“, ereiferte sich die Ehrenwerte. „Das ist ja finsterster Chauvinismus! Bei einem Mann wären es Tabakkrümel im Hosenaufschlag oder meinetwegen Fingerabdrücke auf dem blutigen Axtstiel gewesen, aber für eine Frau kommen natürlich nur Lippenstift und Parfum in Frage. Was sonst noch? Der Abdruck eines Stilettos auf der geschändeten Brust des Patriarchats?“ Sie vertiefte sich grummelnd in die „Reader’s Digest“-Ausgabe von Le Deuxième Sexe.

„Vielleicht würde es helfen, wenn Sie Wilde einfach mal ausreden ließen“, schlug der Chief-Inspector vor und versenkte eine Aspirin in seinem Gin.

„Oha, die Ordnungsmacht leidet unter Chloroform-Kater, das macht sie miesepetrig. Vielleicht wäre es hilfreich gewesen, wenn Sie sich nicht kurz vor der Ziellinie von einer Frau hätten schachmatt setzen lassen! Und im Übrigen stelle ich fest, dass an diesem Fall ohnehin fast ausschließlich Damen beteiligt waren - sowohl als Täterinnen wie auch als Vollstreckerinnen von Recht und Ordnung! Die Herren der Schöpfung haben sich wie zumeist auf ihre Rolle als unwissende Tölpel beschränkt. Wenn Lady Buttercup und ich nicht eingegriffen hätten, lägen sie beide doch längst als Füllmaterial unter der Asphaltdecke der M3 zwischen London und Southhampton. Taten statt Worte [16], Gentlemen, Taten statt Worte sind gefordert!“

„Gut gebrüllt, Löwe[17]“, brummte Lady Buttercup und zog grimmig an ihrer olfaktorisch gewöhnungsbedürftigen Pfeife.

Sie saßen zu viert in Istvan’s Bar & Cafe, wo sie soeben ein von Istvan höchstselbst kredenztes Blumenkohl-Curry mit Fünf-Gewürze-Mischung verspeist hatten. Ein Tag war seit der Festnahme von Medea Crown und Dr. Cynthia Campbell vergangen, und die Morgenzeitungen überschlugen sich mit Superlativen hinsichtlich der mutigen Intervention durch Orpheus Wilde, den sie doch kurz zuvor noch an ein schlichtes Holzkreuz genagelt sehen wollten – ganz weit oben auf der Schädelstätte des unlauteren Journalismus!

„Das kann ich bestätigen“, erklärte der Meister, „wenngleich Fakt ist, dass Lady Buttercup erst durch mich die Beziehung Ihres Gatten zu Medea Crown verstanden hat. Es ging nämlich keineswegs um außereheliche Leidenschaft, wie sie immer vermutet hatte, sondern schlicht um Missbrauch.“

„Demnach waren Sie es, Lady Violet, die an jenem Abend direkt nach der Ehrenwerten bei Wilde eingetroffen ist, und nicht, wie von ihm erwartet, die mordlustige Medea Crown?“, fragte Frobisher.

„Das ist korrekt. Mr Wilde hatte mich einige Tage zuvor angerufen, um mir die Frage zu stellen, ob ich wisse, welches Parfum Ms Crown benutzt hat. Zufällig ahnte ich das, denn ich hatte ein an meinen Gatten gerichtetes Paket aus Milano erhalten, in dem sich Biblioteca de Babel befand. Nur leider verwende ich dieses Odeur gar nicht, so dass ich mir ausrechnen konnte, für wen das Geschenk eigentlich bestimmt gewesen ist. Nachdem ich erfahren hatte, dass Medea Crown auf dem Weg nach Kensington war, holte ich den getreuen Browning vom Speicher, lud ihn mit einer tödlichen Dosis Blei, stieg in ein Taxi und machte mich auf den Weg, um die Angelegenheit ein für alle Mal aus der Welt zu schaffen. Von Frau zu Frau, Auge in Auge. So wie sich das gehört! Doch war Medea, als ich dort ankam, noch gar nicht eingetroffen, sodass Wilde Gelegenheit fand, mir in aller Kürze die wahren Zusammenhänge auseinanderzusetzen. Als wir dann bemerkten, dass sich jemand klammheimlich an der Kellertür zu schaffen machte, habe ich mich kurzerhand hinter dem Paravent versteckt, wo ich nicht gesehen werden konnte, aber durchaus alles im Blick hatte. Kurz danach tauchte Cynthia Campbell auf und wenig später auch Ms Crown, die den Vordereingang benutzt hatte, um so ein Entkommen Wildes von beiden Seiten zu verhindern.“

„Warum haben Sie nicht einen anderen, einen besseren Moment gewählt, um Rache zu üben? Wilde wäre doch im Falle, Sie hätten die Dame erschossen, ein lästiger Zeuge gewesen?“

„Ganz einfach, Chief-Inspector, weil die Lady urplötzlich vom Erdboden verschwunden war. Dies war meine erste Chance überhaupt, sie zu erwischen.“

„Ich habe Dr. Campbell ein Foto von Medea gezeigt, in der Absicht, eine unüberlegte Reaktion zu provozieren, was mir auch gelungen ist. Danach muss dem Pärchen klar gewesen sein, dass sie im Fadenkreuz standen. Insofern hätte mein Tod zweifachen Gewinn abgeworfen: Ein vermeintlicher Frauenschänder wäre bestraft worden und ein lästiger Detektiv zur Hölle gefahren.“

„Und es war tatsächlich Zufall, dass Sie genau an dem Tag und zu dem Zeitpunkt bei Wilde eingetroffen sind, als der Anschlag von Medea Crown stattfinden sollte? Das wollen Sie uns doch nicht ernsthaft weismachen, oder, Madam?“

Lady Buttercup räusperte sich. „Nein, kein Zufall, natürlich nicht. Ein guter Freund von mir hat vor seinem Ruhestand beim MI5 gearbeitet.“ Sie räusperte sich erneut. „Ich habe Wildes Telefon abhören lassen und so durch Sie, Chief-Inspector, erfahren, dass Ms Crown auf dem Wege zu ihm war.“

„Tarnung und Verschlüsselungstechniken“, bemerkte Frobisher und bedachte den Detektiv mit einem vorwurfsvollen Blick. „Trotzdem verstehe ich immer noch nicht, was Duftwasser und Lippenstift mit der Lösung zu tun haben.“

„Ganz simpel“, bemerkte Wilde. „Als wir am Tatort des Mordes an Sir Freddy eintrafen, fielen mir zwei Dinge auf: Zum einen das Bouquet eines Parfums, das ich nur einmal zuvor gerochen hatte, und zwar in der Wohnung von Medea Crown. Es war offensichtlich ihre Marke - Biblioteca de Babel. Und Dr. Campbell hatte die Güte zuzugeben, dass sie ein anderes Odeur bevorzugt: Ballena de la Pampa!“

„Die verwechselten Duftnoten. Das war natürlich ein Trick.“

„Ganz recht. Und die zweite Sache, die mir spanisch vorkam, war der Lippenstift am Glas.“

„Warum das? Der Lippenstift muss doch zwangsläufig von Dr. Campbell gewesen sein. Jedenfalls nicht von Sir Freddy.“

„Keineswegs, Chief-Inspector, denn wie Ihnen offensichtlich entgangen ist, trug Dr. Campbell an dem Abend gar keinen Lippenstift. Es handelte sich bei den Spuren, die dort sichergestellt wurden, um ,Love Until Death‘ von Giambattista Marino, eine seltene und edle Marke, die Medea Crown aufgetragen hatte, als sie die Güte besaß, unseren Fragen mit ostentativer Ablehnung zu begegnen.“

„Sieh an, sieh an, der Herr kennt sich ja bemerkenswert gut mit weiblichen Schönheits-Accessoires aus“, bemerkte die Ehrenwerte.

„Was nicht verwundern kann, Mrs Brown, denn ich habe als Kolumnist für das Fachblatt ,The Female Criminologist‘ eine Abhandlung über 140 verschiedene Lippenstifte geschrieben, die mittlerweile als Standardlektüre gilt.“

„Und warum befand sich überhaupt Lippenstift am zweiten Glas, wenn doch nur Cynthia und Sir Freddy getrunken hatten?“

„Ganz einfach, ein dummer Fehler! Medea hat nach erfolgter Tat das Glas ihres Opfers genommen, um daraus einen Schluck auf den Erfolg zu nehmen.“

„Donnerlüttchen! – Und wie kam Dr. Campbell ins Spiel? Kannten sich die Damen bereits vorher?“

„Allerdings. Sie kannten und kennen sich sehr gut. Medea Crown und Cynthia Campbell sind nicht allein Komplizen, sie sind ein Liebespaar.“

„Jessas!“ Mrs Brown schüttelte den Kopf.

„Und das ist selbstverständlich auch der Grund, warum Serena Joy, die angeblich in der Todesnacht von Sir Alfred bei Medea Crown war, überhaupt nicht existiert. Sie ist eine Figur aus dem feministischen Roman The Handmaid’s Tale von Margaret Atwood. Zuerst dachte ich, Ms Crown hätte angenommen, dass ich das Werk nicht kenne, aber dann wurde mir klar, dass war ein Fehdehandschuh. Es entspricht ihrer Natur, sich mit anderen zu messen. Sie wollte beweisen, dass sie es mit dem Besten aufnehmen kann, nämlich mit mir. Beide Damen, sowohl Cynthia als auch Medea, waren engagiert im Kampf um die Frauenrechte und haben sich im Rahmen der Missbrauchs-Debatte selbst radikalisiert. Ich vermute, dass sie schon früh schlimme Erfahrungen mit sexueller Gewalt erleiden mussten, vielleicht durch ihre Väter oder Personen aus dem Umkreis der Familien. Jedenfalls erreichten sie irgendwann den Punkt, an dem es ihnen nicht mehr genügte, immer nur zu reden und Plakate zu schwenken; sie wollten ein Zeichen setzen, ein Fanal, weil ihrer Meinung nach viel zu viele Täter ungestraft davonkommen. Das Prinzip war rasch gefunden: Dr. Campbell trat als Lockvogel in Erscheinung, während Medea Crown die von ihr selbst entwickelte Strahlenpistole benutze, um die Männer zu exekutieren. Eine Waffe, im Übrigen, deren Symbolkraft nicht zu unterschätzen ist: Sie hat die Opfer nicht allein getötet, sie hat sie buchstäblich zertrümmert! Nur bei Sir Alfred haben die Damen ihre Rollen getauscht, weil der Minister ungeplant eine Leidenschaft für seine Assistentin entwickelt hatte. Wobei ich denke, dass auch hier Medea die Täterin war. Es würde mich nicht wundern, wenn wir feststellten, dass sie irgendwo in London einen schlammverspritzten Aston Martin versteckt hat. Mors certa, hora incerta.[18]

„Und wie haben die Ladys ihre Opfer ausgewählt.“

„Aus den Berichten betroffener Frauen in den sozialen Netzwerken! Sir Alfred Buttercup, Herman Hermit, Lord Buckley und Sir Freddy Fortescue sind schon seit einiger Zeit ins Gerede gekommen, weil sich ehemalige Mitarbeiterinnen hinsichtlich ihrer Übergriffe beschwert haben. Nur blieb das weitgehend ohne Folgen, da keine der Frauen einen wirklichen Beweis präsentieren konnte – oder, was wahrscheinlicher ist, zu präsentieren wagte. Darüber hinaus stand jeder einzelne dieser Gentlemen für ein System männlicher Repression, das wir eigentlich schon seit Jahren überwunden glaubten, was aber, wenn wir die Dinge nüchtern betrachten, ein Trugschluss ist.“

„Wie denken Sie darüber, Lady Buttercup? Immerhin ist Ihr Gatte einer dieser Gentlemen gewesen!“

Die imposante Dame räusperte sich ein drittes Mal, zog dann ein Taschentuch hervor, schnäuzte ausgiebig und sagte dann: „Sie werden mir nachsehen, dass ich mich an den alten lateinischen Grundsatz halte, von den Toten nichts, außer auf gute Weise. Es mag Ihre Frage jedoch beantworten, wenn ich sage, dass ich mich nach eingehender Prüfung entschlossen habe, die Anwaltskosten für Medea Crown und Cynthia Campbell zu übernehmen. Denn, so viel ist klar, diese Frauen sind schuldig, gewiss, aber gleichzeitig sind sie auch die eigentlichen Opfer in diesem Drama.“

„Bravo!“, rief die Ehrenwerte und klatschte in die Hände. „So wird das Recht am Ende siegen!“

„Da bin ich mir keineswegs sicher“, bemerkte Wilde und lehnte sich rauchend in seinem Stuhl zurück. „Wir alle neigen dazu, das, was uns persönlich als gerecht erscheint, mit dem zu verwechseln, was das Recht im juridischen Sinne bedeutet. Haben diese vier Männer den Tod verdient, angesichts der Schuld, die sie auf sich geladen hatten? Ich glaube nein, denn niemand hat das Recht, einen anderen zu töten, sei es aus Habsucht oder sei es, weil das Rechtssystem eines Landes den Tod für eine angemessene Vergeltung hält. Hatten Sie es aber verdient, bestraft zu werden? Ganz gewiss sogar, denn ihre Taten waren abscheulich und sind durch nichts zu relativieren. Andererseits führt uns dieses Beispiel auch vor Augen, wie leicht und bequem es heutzutage geworden ist, eine digitale Verleumdung in die Welt zu setzen. Die Bewegung gegen sexualisierte Gewalt hat enorm viel bewirkt, weil es ihr gelungen ist, die jahrzehntelange Übereinkunft des Verschweigens und Vertuschens aufzubrechen. Keine Frau, und im Übrigen auch kein Mann oder Kind oder wer auch immer, muss hinnehmen, missbraucht zu werden. Doch sollten wir in unserem Bemühen, die Dinge besser machen zu wollen, auf keinen Fall den obersten Grundsatz aus dem Auge verlieren: In dubio pro reo! Im Zweifel für den Angeklagten! Ja, es mag sein, dass so ein Schuldiger seiner Strafe entgeht. Doch sind mir zehn Schuldige, die das Recht in Ermangelung stichhaltiger Beweise nicht belangen kann, allemal lieber als nur ein Unschuldiger, der auf dem Altar der rächenden Vergeltung geopfert wird. Insofern haben Medea Crown und Cynthia Campbell zwar das Beste gewollt, doch in ihrer Verblendung das Schlimmste bewirkt. Denn vergessen wir nie, auch hinter einer wirklich guten Absicht steckt doch immer das Eine - die Absicht nämlich! Und über deren Bedeutung lässt sich bekanntermaßen trefflich streiten. Cheers, und Gott schütze die Königin!“

 



[1] Bekannter englischer Schnupftabak.

[2] Sehr abfälliges Wort für Italiener. Siehe und höre dazu „Never Be Rude To An Arab“ von Monty Python’s.

[3] Sinngemäß: „Vor Augen führen“

[4] Durch puren Zufall ist das auch der Name einer Figur aus Tolstois Meisterwerk „Krieg und Frieden“.

[5] William Thacker (Hugh Grant) ist im Film „Notting Hill“ von 1999 der Besitzer eines kleinen Buchladens, der „eine der berühmtesten Schauspielerinnen der Welt“ (Julia Roberts) kennen und lieben lernt. Gewissermaßen eine Geschichte aus dem alltäglichen Leben.

[6] Zitat von Prinz Philip, Duke of Edinburgh, anlässlich eines Besuches 1963 bei Diktator Alfredo Stroessner in Paraguay.

[7] Augenscheinlich ist Dr. Holloway ein ausgewiesener Kenner Dante Alighieris. Im 8. Kreis der Hölle (5. Graben) darben die Betrüger in einem See von Pech. Ein durchaus vorstellbares Ende für den Populisten Johnson. Und andere mehr.

[8] Eine Art militärischer Kniebundhosen, die auch von Kutschern getragen wird.

[9] Jim Corbett (1875 – 1955) war ein berühmter britischer Großwildjäger, der in Indien menschenfressende Tiger erlegte.

[10] Das ist Hindi und bedeutet so viel wie „Mutter Indien“, die spirituelle Personifikation des Landes als weibliche Gottheit.

[11] Übersetzung: Der Wal in der Pampa. Ein Parfum für Damen und Herren von Fueguia 1833.

[12] Die Felsen der Landzunge Ponta die Piedade in Lagos gehören zu den schönsten Plätzen der Algarve.

[13] Im englischen Original: Nudge nudge, wink wink. Siehe auch Python’s, Monty.

[14] Ms Crown zitiert die Feministin Simone de Beauvoir.

[15] Die Ehrenwerte Penelope Brown zitiert Karl Kraus.

[16] „Deeds not Words“ war der Schlachtruf der Women’s Social and Political Union, die von 1903 bis 1917 für Frauenrechte in England aktiv war.

[17] Im Original: „Well roared, lion!“ William Shakespeare: „Ein Sommernachtstraum“.

[18] Der Tod ist sicher, nur die Stunde ist ungewiss.