Auftrag aus dem Jenseits


Mr Wilde, der weltberühmte Londoner Privatdetektiv, geruhte bei seinem Lieblings-Franzosen „Chez Hercule“ in Picadilly, St. James’s, zu dinieren, als eine weibliche Stimme losposaunte: „Wilde! He, Wilde, da stecken Sie ja, beim Jupiter!“

Für eine Sekunde erwog der große Kriminalist, durch die ausgezeichnete Bouillabaisse kraulend nach Frankreich zu entkommen, dann hakte er die Mundwinkel in einem frostigen Lächeln an die scharf akzentuieren Falten links und rechts des Mundes und erhob sich widerwillig von seinem Stuhl.

„Hätte ich mir ja gleich denken können, dass Sie Ihre Zeit in diesem sündhaft teuren Gourmet-Tempel verschwenden!“

„Ihnen auch ein glückliches neues Jahr, Mrs Brown.“

Die Ehrenwerte Penelope, ihren Klassenkameradinnen von der Schule des Lebens unter dem Nom de Guerre Waterhouse-Penny geläufig, war nicht allein erschienen. In ihrem Kielwasser schaukelte, gleich einem leckgeschlagenen Ruderboot, eine knochige alte Jungfer, die ein großgeblümtes Kleid sowie Handschuhe aus Muschelseide und einen um den Hals geschlungenen Seidenshawl trug. „Das ist Theodora Rosalind Avesty“, erläuterte Mrs Brown, schnappte vom Nebentisch einen Stuhl, kurz bevor sich der Schatzkanzler darauf niederlassen konnte, und nötigte auch ihre Begleiterin, Platz zu nehmen. „Sie hat ein dringendes Anliegen!“

Jean-Marie, der polyglotte Garçon des „Chez Hercule“, dessen richtiger Name allerdings Finnegan lautete und der Sohn eines Torfstechers aus Letterkenny war, beugte sich indigniert zu Wilde herab und flüsterte: „Alles in Ordnung, Monsieur? Werden die Damen mit Ihnen speisen?“

„Nein“, erklärte Wilde.

„Allerdings“, beschied die Ehrenwerte. „Aber zuerst bringen Sie mir einen doppelten Scotch und eine Tüte Macadamianüsse.“

„Macadamianüsse?“ Jean-Marie schien dieses Ansinnen ebenso grotesk zu finden, wie die Vorstellung, ein halbes Pferd auf einer Scheibe Weißbrot servieren zu lassen.

„Ja, Macadamianüsse, Sie fils du pute, oder gibt es sowas in Ihrer Garküche nicht?“

Der Garçon verdrehte die Augen und wandte sich wortlos ab. „Ms Avesty ist eine berühmte Spiritistin“, erklärte die Ehrenwerte gutgelaunt.

„Spiritistin? Ist das vergleichbar mit einer Harfinistin? Ich meine, ich hätte Ihre charmante Begleiterin kürzlich in der Academy of St Martin in the Fields gesehen. Schostakowitsch, wenn ich nicht irre.“

„Reden Sie keinen Unsinn, unsere gute Theodora ist ungefähr so musikalisch wie eine Fußgängerampel. Spiritistin heißt, Sie beschwört die Geister!“

„Wie bitte?“, platzte Wilde heraus und musste sich nicht mal Mühe geben, entgeistert zu wirken. Die knochige Jungfer nickte, als sei ihr diese Eröffnung selbst etwas peinlich, und wäre es nach ihm gegangen, hätte sie auch allen Grund dazu gehabt. „Was hat das mit mir zu tun?“

Die Ehrenwerte nahm einen kräftigen Schluck aus dem Glas des Kriminalisten, rülpste dezent ob der Kohlensäure („Mein Gott, das ist ja Wasser!“) und beugte sich verschwörerisch nach vorn: „Sie haben einen Auftrag, mein Guter.“

„Nicht, dass ich wüsste. Wieso?“

„Das war keine Frage. Das war eine Feststellung: Sie haben einen Auftrag.“

„Na wunderbar. Und darf ich erfahren, wer mir diesen Auftrag erteilt hat? Sie oder Madame Avesty?“

Die Ehrenwerte setzte eine verschwörerische Miene auf: „Weder noch. Ihr Auftraggeber ist ein Toter! Was sagen Sie nun?“

Wilde konnte durch jahrelanges Training seine Miene völlig ausdruckslos erscheinen lassen.

„Ein Toter, aha. Nun, ich akzeptiere nicht gerne Jobs von Toten. Die machen in den allermeisten Fällen Schwierigkeiten, wenn‘s um die Bezahlung geht.“

„Den hier werden Sie akzeptieren, ganz bestimmt“, gab sich die Ehrenwerte siegesgewiss.

Nun öffnete Ms Avesty zum ersten Mal den Mund: „Der verblichene Mr Ake hat ausdrücklich nach Ihnen verlangt!“ Sie klang so heiser wie ein aus dem Nest gefallenes Geierküken und fand es überdies angemessen, ihre Worte durch rhytmisches Kopfnicken zu unterstreichen.

„Wer, zum Teufel, ist Mr Ake?“

„Der Verstorbene, Sie Ignorant“, raunzte Mrs Brown. „Francis Ake ist geradezu eine lebende Legende, also jetzt natürlich eine tote. In Spiritisten-Kreisen genießt er denselben Ruf wie …  Sylvester Stallone in der Filmkunst!“

„Stallone, sieh an. Ist der nicht auch schon … auf der anderen Seite? Zumindest optisch?“

Mrs Brown hatte offenbar den Entschluss gefasst, derlei unqualifizierte Einlassungen durch Nichtbeachtung zu strafen. „Gestern Abend haben wir uns bei Ms Avesty anlässlich unserer wöchentlich stattfindenden Seancen getroffen. Wir, das sind Joanna Harrington, Dr. Holden, Dr. Karswell und Professor Karel Kuchacevič ze Schluderpacheru. Der magische Kreis. Zweifelsohne Namen, die Ihnen durchaus geläufig sind.“

„Nein.“

„Unsere Absicht war es, mit dem vor 32 Jahren dahingegangenen Henry Harrington Kontakt aufzunehmen, seines Zeichens der gewesene Lieblingsonkel Joanna Harringtons.  Ein bezaubernder alter Herr übrigens, ganz bezaubernd – er sammelt Bierkrüge aus Bayern in Deutschland! Sie würden ihn gewiss mögen.“

„Ich habe ihn jetzt schon ins Herz geschlossen.“

„Nun, nachdem wir wie üblich zur Reinigung der Atmosphäre ein paar Kräuter geraucht und ein paar Lieder gesungen hatten - A Sailor Went to Sea, Sea, Sea, A Tisket A Tasket und A Peanut Sat on a Railroad Track -, erschien Intschu-tschuna, unser indianischer Geisterführer vom Stamme der Apachen.“

„Der ist immer da“, schaltete sich Ms Avesty mit rosigen Wangen ein. „Er gehört zu unseren allerbesten Freunden.“

„Das ist wahr. Außerdem führt er die Seelen der Verstorbenen in den Magischen Kreis. – Wir äußerten also die Bitte, mit Onkel Henry sprechen zu dürfen, was Intschu-tschuna sogleich arrangieren wollte. Stellen Sie sich demnach unsere Überraschung vor, als etwa eine Viertelstunde später – es dauert in der Regel, bis die Geister ihren Hintern hochkriegen! - anstelle von Mr Harringtons Stimme eine ganz andere, aber durchaus wohlbekannte aus dem Jenseits erscholl.“

„Lassen Sie mich raten: Es war King George VI. mit seiner  ,With God's Help, We Shall Prevail‘-Rede!“

„Hören Sie doch zu, Wilde! Es handelte sich selbstverständlich um Mr Ake!“

„Sapperlot. Und was hat Mr Ake von sich gegeben?“

Die Ehrenwerte lehnte sich in ihrem Stuhl zurück, schloss die Augen, warf die Arme in einer dramatischen Geste nach oben und brachte eine erstaunliche Imitation des verblichenen Spiritisten zu Gehör, die den Gästen im „Chez Hercule“ buchstäblich die Suppe in den Tellern gefrieren ließ:  „Wilde, Orpheus Wilde! Sagen Sie ihm, ich wurde ermordet! Nur er kann meine Seele befreien! Wilde, Orpheus Wilde! Er muss die Person finden, die mir das angetan hat, ansonsten werde ich verdammt sein, auf ewig im Finstern zu wandeln!“ Dann sackte ihr Kopf wie in Kontemplation nach vorn und nahm schmerzhaft Kontakt mit der Tischplatte auf.

„War’s das?“

„Reicht das etwa nicht?“

„Jean-Marie, la facture s'il vous plaît.“

„Tout de suite, Monsieur le détective.“

„Warum reden Sie Französisch mit dem Mann, der ist Ire.“

„Weil mir das Ganze spanisch vorkommt und ich den Schauplatz des Verbrechens - des Verbrechens an meinem Dinner! - jetzt verlasse!“

„Nur über meine Leiche!“

„Das lässt sich einrichten. Wir bleiben dann über Ms Avesty in Kontakt.“

„Hören Sie, Wilde, noch vor kaum drei Monaten war ich ein ebenso großer Skeptiker wie Sie! Doch dann hat mich meine liebe Freundin hier überredet, unverbindlich und kostenfrei an einer Séance teilzunehmen. Und, ob Sie es glauben oder nicht, gleich beim ersten Mal habe ich eine halbe Stunde lang mit meinem auf See verschollenen Daddy parliert! Was sagen sie nun?“

„Wie alt waren Sie, als Ihr Vater Schiffbruch erlitt?“

„Äh, drei. Dreieinhalb. Fast vier!“

„Und natürlich gibt es keinen Zweifel daran, dass es sich um Ihren Erzeuger handelte.“

„Ganz gewiss nicht. Er wusste Dinge … Dinge …“

„Zum Beispiel?“

„Dass ich seine Tochter bin.“

„Sensationell!“

„Und dass ich sechsmal verheiratet war!“

„Das stand in jedem Schmierblatt zwischen Berwick-upon-Tweed und der South Side von Chicago.“

„Auch im Jenseits?“

„Unschlagbares Argument, meine Liebe, definitiv unschlagbar!“

Mrs Brown schlug mit der flachen Hand auf den Tisch: „Ich bitte Sie doch lediglich, sich einmal, nur einmal in Ihrem Leben, nicht von engstirnigen Vorurteilen leiten zu lassen, sondern die Dinge mit eigenen Ohren in Augenschein zu nehmen. Sollten Sie dann immer noch der Meinung sein, all das wäre nur hanebüchener Unsinn, werden Sie nie wieder ein Wort von mir hören! Ich schwör’s beim Leben des amerikanischen Präsidenten! Nie wieder!“

„Erwögen Sie auch, den Trappisten beizutreten?“

„Sehr witzig, muss ich schon sagen. - Heda, Wirtschaft. Wie lange dauert das eigentlich, bis man in diesem Etablissement einen doppelten Scotch und eine Tüte Macadamianüsse serviert bekommt?“

 

Ms Avestys Appartement in der Drury Lane war eine weihrauchgeschwängerte Angelegenheit aus Möbeln im Kolonialstil, dicken verschlissenen Samtvorhängen, Kunstdrucken der Präraffaeliten, bronzenen Skulpturen tanzender Feen und Faune und einem finster dreinblickenden Charles Baudelaire in einem Bilderrahmen von namenloser Abscheulichkeit. Die Gastgeberin stand lächelnd inmitten dieses Kuriositätenkabinetts, trug ein fließendes Gewand mit psychedelisch explodierenden Farbtupfern, ihren chartreusefarbenen Shawl um den Hals und hatte sich die blauweißen Locken zu einer Art „Bergmassiv in den Alpen“ aufgetürmt. Sie duftete so betörend wie eine illegal im Dschungel von Guatemala betriebene Cannabis-Plantage.

„Hier. Nehmen Sie, Mann. So jung kommen wir erst im nächsten Leben wieder zusammen“, raunte die Ehrenwerte.

„Malen Sie nicht den Teufel an die Wand“, knurrte Wilde und gönnte sich einen tiefen Zug aus der in braunes Zigarettenpapier gewickelten Kräutermischung. „Tadelloser Knaster“, musste der alte Spurensucher anerkennen.

„Fair Trade“, erklärte Mrs Brown. „Nicht dieses verkackte Nobelzeug, dass Sie für Heidengeld bei Segars & Snuff bestellen!“

Ms Avery klatschte in die Hände. „Liebe Freunde des lauteren Spiritismus, ich freue mich, dass Sie alle zu unserer heutigen Séance erschienen sind. Wie Ihnen bekannt ist, haben wir die Ehre einen besonderen Gast in unserer Mitte begrüßen zu dürfen, den weltberühmten Detektiv Orpheus Wilde, der auf Wunsch von Mr Ake, dem Meister aller Spiritisten, dessen Mörder entlarven soll. – Sir, bevor wir uns niederlassen, um Kontakt mit dem Jenseits aufzunehmen, darf ich Ihnen kurz die anderen Teilnehmer vorstellen; als erste natürlich, denn weibliche Anmut kommt stets vor männlichem Hochmut, unsere liebe und hochgeschätzte Joanna Harrington.“

Eine korpulente Bulldogge, blond wie ein Glas Pilsener, bleckte die Zähne zu einem sauertöpfischen Grinsen.

„Brünhilds Schwiegermutter“, raunte die Ehrenwerte.

„Es folgt ihr langjähriger Verlobter, der berühmte Schönheitschirurg Dr. John Holden aus Lizard Lick in North Carolina.“

Ein Mann wie ein gut befüllter Glascontainer erhob sich halb von einem Stuhl, der für derlei Belastungen definitiv nicht gedacht war.

„Frankensteins Bruder“, spottete Mrs Brown.

„Des Weiteren Dr. Julian Karswell, seines Zeichens Besitzer von Großbritanniens größter Online-Apotheke Health & Confidence.“

Klein, Gesicht eines Frettchens, nervös krabbelnde Finger, konstatierte Wilde.

„Der Giftmischer“, bemerkte die Ehrenwerte.

„Und schließlich der Nestor unserer kleinen Gruppe, Professor Karel Kuchacevič ze Schluderpacheru, Orientalist an der Vlad-Drăculea-Universität in Bartolomeu.“

Der Gelehrte zeichnete sich durch einen gewaltig wuchernden rabenschwarzen Bart und einen Schopf ebensolcher Haare aus, sodass von seinem Gesicht kaum mehr als die stechenden Augen zu erkennen waren; überdies durch seine Weigerung, trotz der überhitzten Räumlichkeiten seinen fast bis zu den Füßen reichenden Staubmantel abzulegen.

„Der große Unbekannte“, zischte Mrs Brown.

„Warum der große Unbekannte?“

„Weil er der Letzte war, der zu uns gestoßen ist. Angeblich ein in seiner karpatischen Heimat hochangesehener Vampirjäger, aber, wenn Sie meine Meinung dazu hören wollen, das ist mit Sicherheit nicht die ganze Wahrheit.“

„Und nun …“, setzte Ms Avesty an, doch wurde sie von Orpheus gestoppt, der durch Fingerzeig ums Wort bat. „Bitte um Pardon, wenn ich unterbreche, doch erlauben Sie mir, bevor wir uns daran machen, meinen geheimnisvollen Klienten einzuvernehmen, einige Fragen an die Gäste.“

„Natürlich gern“, flötete die ältliche Jungfer und ließ sich auf einen marrokanischen Pouf sinken.

„Ladies and Gentlemen“, begann Wilde, trat unter eine blakende Pendelleuchte aus Messing und reckte sein ausgeprägtes Kinn. „Ich will nicht verhehlen, dass ich der Überzeugung bin, meine Zeit mit dieser Angelegenheit zu verschwenden, fällt es doch einem Mann von nüchterner Wesensart schwer zu glauben, dass ein Toter, wo auch immer sich die Seelen der Verstorbenen nach ihrem Hinscheiden verlustieren mögen, derlei Dienste benötigt, um seinen vermeintlichen Mörder zu entlarven.“

Ein empörtes Raunen ging durch den Magischen Kreis.

„Gleichwohl, wie Sie sehen, hier stehe ich und kann nicht anders. Zum einen, weil ich das meiner geschätzten Nemesis, der Ehrenwerten Penelope Brown, in einem Moment der Unbedachtheit versprochen habe, zum anderen, weil ich gespannt darauf bin, wohin uns dieser ganze Aufwand eigentlich führen soll. Um das festzustellen, ist es erforderlich, einige Informationen zu erhalten. Ich betone ausdrücklich, dass niemand dazu verpflichtet ist, mir Auskunft zu erteilen, weise allerdings darauf hin, dass alles, was ich sage oder feststelle, durchaus im Interesse meines Klienten sein könnte, seines Zeichens gewesener Spiritus Rector Ihrer bemerkenswerten Zunft.“

Er verstummte und ließ die Blicke über die Gäste schweifen, die keinen Widerspruch erhoben.

„Sehr gut. Ich interpretiere Ihr Schweigen als Zustimmung. Meine erste Frage lautet, wer genau war dieser formidable Mr Ake, dessen Ableben so hohe Wellen geschlagen hat?“

„Was? Sie kennen das größte Medium aller Zeiten nicht?“, entsetzte sich Dr. Karswell.

„Ich kenne John Christie, den Frauenwürger von London, Ake hingegen ist mir weitestgehend unvertraut.“

„Wilde, manchmal befürchte ich, sie leben auf einem anderen Planeten“, ereiferte sich die Ehrenwerte. „Sie müssen doch Francis Ake kennen. Jahrelang hatte er im Fernsehen die ,Talking with the Dead‘-Show!“

„,Talking with the Dead‘? Ist das eine Rockband aus San Francisco?“

„Keineswegs. Die Sendung wurde jeweils am Montag zur Geisterstunde mit prominenten Gästen ausgestrahlt. Prominenten toten Gästen, wie ich hinzufügen sollte.“

Wilde verspürte dieses hartnäckige Ziehen in der Nackenregion, das in Gegenwart der Ehrenwerten ein wohlvertrautes Phänomen war.

„Mit toten Gästen. Habe ich das richtig verstanden?“

„Allerdings.“

„Und welche, äh, toten Gäste sind in dieser Show aufgetreten?“

„Oh, Frank Sinatra zum Beispiel, Sir Isaac Newton, auch Atilla der Hunne“, erläuterte Joanna Harrington.

„Atilla der Hunne?“

„Ja doch. Aber der kam bei den Leuten überhaupt nicht gut an. Wer konnte ahnen, dass dieser Schmock kein Wort Englisch spricht? Ich meine, und sowas will eine bedeutende historische Persönlichkeit sein. Lächerlich! Heutzutage würde der nicht mal ,Britain’s Got Talent‘ erobern, geschweige denn Rom!“

„Ms Harrington“, erläuterte Dr. Holden, „war ausführende Produzentin der Show. Und ich, zusammen mit Dr. Karswell, deren Hauptsponsor.“

„Auf Health & Confidence vertrauen selbst die Toten“, zitierte der Online-Apotheker. „Das war unser Werbeslogan. Und nun …“

„Ist die Kuh, die Sie gemolken haben, verendet“, ergänzte Wilde.

„Wenn Sie das so auszudrücken belieben, ja, aber eigentlich ist Mr Ake nicht verendet, sondern auf mysteriöse Weise verschwunden.“

„Wie bitte? Ich denke, es geht darum, seinen Mörder zu finden?“

„Natürlich“, rief Joanna Harrington. „Auch wir hatten bis zu der verhängnisvollen Séance keine Ahnung, dass Francis längst in jener Sphäre weilt, die ihm sein Leben lang auf so wunderbare Weise vertraut war: das Reich der Toten nämlich! Nach der Aufzeichnung seiner letzten Show, vor nunmehr sechs Monaten - der Ehrengast war ein schändlich betrunkener Peter O‘Toole -, verließ Mr Ake das Studio, setzte sich in seinen Aston Martin und brauste wutschnaubend davon. Der Sender hatte der Crew an dem Abend mitgeteilt, dass die Reihe aufgrund gewisser, wie die es nannten, ,wissenschaftlicher Ungereimtheiten‘ eingestellt würde.  Ich meine, ich bitte Sie, was spricht dagegen, dass sich Nostradamus im Jenseits mit Fußballergebnissen beschäftigt. Das macht doch heutzutage jeder. Insofern ist auch Mr Akes Beteiligung an einem Online-Portal für Sportwetten reiner Zufall und keineswegs, wie die behauptet haben, eine ,unbotmäßige Verquickung des öffentlich-rechtlichen Bildungsauftrags mit privaten monetären Interessen‘!“

„Kann ich bestätigen“, rief Mrs Brown. „Ich habe damals die Ergebnisse getippt, und kein einziges hat gestimmt! Nostradamus mag ja vom Weltuntergang durchaus Ahnung haben, von den Finessen des Ballsports hingegen versteht er rein gar nichts!“

„Und Ake? Was geschah mit ihm?“

Joanna Harrington betupfte ihren ausgeprägten Riechkolben. „Verschwunden. Spurlos. Nur sein Wagen tauchte wieder auf. Im Hafenbecken von Bristol, komplett zerstört.“

„Godfrey Daniel“, konnte sich Wilde nicht entraten, seiner Überraschung verbalen Ausdruck zu verleihen. „Und die anderen Herrschaften? Hatten die auch etwas mit diesem talentierten Mr Ake zu tun?“

„Ich kannte ihn nur aus dem Fernsehen“, erklärte Mrs Brown wie aus der Pistole geschossen und legte die Mundwinkel nahtlos an die Wangen.

„Tatsächlich, meine Liebe?“ Joanna Harrington lächelte wie ein gutgelaunter Haifisch. „Mir ist, als hätte Francis das anders gesehen.“

Die Ehrenwerte wechselte schlagartig die Gesichtsfarbe. „Anders, ach anders. Was heißt das schon?“

„Genau das würde ich gern erfahren“, insistierte Wilde.

„Nun ja, wir kannten uns von früher, das stimmt schon.“

„Und wie gut kannten Sie sich? So gut wie ich meinen Klempner kenne - oder durchaus besser?“

Mrs Brown seufzte und legte in einer kleinen, wohl einstudierten Geste die Hand auf den Busen. „Wir hatten ein Mechtel!“

„Wie bitte?“

„Techtel?“

„Ein was?“

„Stopp! Jetzt hab‘ ich‘s: Mechteltechtel!“

„Sieh einer an“, bemerkte Wilde und zückte aus der Brusttasche seines Sakkos Notizblock und Füllfederhalter. „Wann genau war das?“

„Vor 38 Jahren, fünf Monaten und sechs Tagen.“

„Das wissen Sie bemerkenswert genau.“

„Nu-nun …“, gestattete sich die Ehrenwerte ins Stottern zu geraten, „Francis war etwas ganz Besonderes in meinem Leben. In meinem Leben als Angehörige der Gattung Frau. Das vergisst man nicht so leicht.“

„Und danach? Waren Sie weiterhin befreundet?“

„Nein. Erst bei ,Talking with the Dead‘ habe ich ihn wiedergesehen. Aber nur auf dem Bildschirm. Das kann ich beschwören.“

„Gut. Oder vielmehr, nicht gut“, konstatierte der Kriminalist. „Professor Kuchacevič ze Schluderpacheru. Wie war Ihr Verhältnis zu dem mutmaßlich verblichenen Mr Ake?“

Der bärtige Gelehrte beugte sich nach vorn, die Hand hinters Ohr gelegt: „Wie bitte?“

„Er ist taub wie eine Natter“, erklärte Joanna Harrington. „Sie müssen lauter sprechen.“

„IHR VERHÄLTNIS! MR AKE!“

„Oh, ich nicht kannten ihn persönerlich, nur von matter Scheibe. Konnte sehen über Flixnet in Bartolomeu. Großartige Show. Am besten mir hat gefallen die Folge mit Jack … Jack the Dipper. Sehr lustig, wirklich! Essen und Haarschnitt gutt. Danke vielmals. Keine polnischen Frauen zum Dessert!“

Wilde warf dem scheinbar so arglosen Professor einen vielsagenden Blick zu, beließ es jedoch dabei, sich in sein großkariertes Taschentuch zu schnäuzen.

„Und nun fehlt mir noch unsere notable Gastgeberin.“

„Ich kenne Mr Ake“, erklärte Miss Avesty im Brustton der Überzeugung, „aus einer anderen Dimension.“

Wilde klopfte mit seinem Stift ungeduldig auf den Notizblock. „Und darüber hinaus?“

„Bin ich ihm zu Lebzeiten nie begegnet.“

„Gut. Lassen wir das mal so stehen. Während Ms Harrington, Dr. John Holden, Dr. Julian Karswell und die Ehrenwerte Penelope Brown dem Verschwundenen bereits auf dieser Seite des Vorhangs begegnet sind, haben ihn Professor Kuchacevič ze Schluderpacheru und Ms Avesty vorgeblich erst nach seinem unerwarteten Ableben kennengelernt. Ist das richtig?“

Keiner sagte etwas.

„Ms Avesty, was glauben Sie, warum Mr Ake sich ausgerechnet an Sie gewandt hat?“

„Ich verstehe nicht.“

„Nun, vermutlich sind Sie nicht die einzige Spiritistin in London, und mit hoher Wahrscheinlichkeit waren viele von denen mit Ake sogar persönlich bekannt. Er ist immerhin eine Person des öffentlichen Lebens gewesen. Warum ist er dann ausgerechnet zu Ihnen gekommen, aus dem Jenseits, was vermutlich eine lange Reise darstellt, und nicht zu einem der Anderen, die ihm viel näherstanden?“

Ms Avesty nickte mit einem Lächeln auf den Lippen, das wohl besagen sollte, derlei Fragen könne nur ein mit den Geheimnissen des Lebens nach dem Tode Unvertrauter stellen.

„Weil ich die Beste bin“, erklärte sie mit schnörkelloser Bescheidenheit.

Wilde nickte. „Und selbstverständlich sind Sie bereit, dass hier und heute unter Beweis zu stellen.“

„So ist es.“

„Nun denn. Es ist zwar eine gänzlich unvertraute Situation, den Ermordeten zu befragen, gleichwohl denke ich, nun ist die rechte Zeit gekommen, Mr Francis Ake in den Zeugenstand zu rufen.“

 

Regentropfen, fett wie Skarabäen, klatschten gegen die Scheiben, während wieder und wieder scharfkantige Blitze den nächtlichen Himmel zerteilten und Donner, grollend wie der Zorn der Götter, das heidnische Spiel untermalte. Die Teilnehmer der Séance saßen unter der Pendelleuchte rund um einen Tisch, der von einem Tuch aus grünem Sammet bedeckt war, die Hände ausgestreckt, die Finger so gespreizt, dass sie jeweils die der Nachbarn links und rechts berührten. Weihrauch waberte in einer vielgestaltigen Wolke aus einem Kupferkessel und betörte die Sinne durch sein himmlisches Aroma. Beethovens „Schicksalssinfonie“ dröhnte aus pinkfarbenen Blue-Tooth-Speakern in Form von Mozart- und Verdi-Büsten - so wie sich überhaupt das technische Equipment in einem bemerkenswerten Kontrast zu dem doch auffällig verschlissenen Ameublement befand. Sogar eine Nebelmaschine stand bereit, und spie auf Knopfdruck Schwaden verdampfenden Fluids in das reichlich überladene Setting.

„Ist wenigstens der Regen echt?“, flüsterte Wilde in Richtung der Ehrenwerten, die links von ihm saß.

„Keine Spur. Das Wasser kommt aus einer Sprinkleranlage, die Ms Avesty bei Hammer Films geliehen hat. Die haben damit das Lokalkolorit für ihre Dracula-Filme aufgepeppt.“

„Und der Donner? Die Blitze?“

„Eine CD mit Naturgeräuschen und computergesteuerte Laser. Dient alles höheren Zwecken. Die Geister schätzen das Heimelige.“

„Wie nett.“

„Sch-scht!“, zischte Joanna Harrington und verzog das Gesicht zu einer Grimasse. „Wissen Sie nicht, dass Sie das Leben eines Mediums gefährden, wenn sie die Trance unterbrechen?“

Ms Avesty, die Wilde direkt gegenübersaß und bereits volle zehn Minuten damit beschäftigt war, etwas zu produzieren, was der Kriminologe als „Atemübungen für Frauen mit Orgasmus-Problemen“ bezeichnet hätte, riss praktisch im selben Moment die Arme hoch und die Augen auf, dann sackte ihr Oberkörper schlaff nach vorn, das Kinn fiel auf die Brust und erste verworrene Satzfetzen purzelten aus dem unteren Rachenraum, die nach Wildes Einschätzung allerdings keinem Idiom entstammten, das im Commonwealth noch praktische Anwendung fand: „Oi maamme, Suomi, synnyinmaa! Soi sana kultainen! Ei laaksoa, ei kukkulaa, ei vettä rantaa rakkaampaa kuin kotimaa tää pohjoinen. Maa kallis isien.“ [1]

„Kierkegaard?“, mutmaßte der Kriminologe.

„Intschu-tschuna, unser Geistesführer“, korrigierte die Ehrenwerte, dann rief sie volltönend: „Der Frieden Manitus sei mit Dir, großer Häuptling, es ist uns eine Ehre, Dich heute in unserem Kreis willkommen zu heißen.“

Ms Avestys Oberkörper wurde wie der einer Marionette ruckartig nach oben gezerrt. Dann ertönte aus ihrem Mund eine völlig fremde, sich in einem bizarren Singsang artikulierende Männerstimme: „Die Ehre ist ganz auf meiner Seite, liebe Mrs Brown. Es ist für einen halbnackten Wilden aus den Tiefen der nordamerikanischen Steppe ein unermessliches Vergnügen, mit zivilisierten Christenmenschen aus dem Lande der Baked Beans und des Yorkshire Puddings parlieren zu dürfen. Ich hoffe, Sie alle befinden sich wohlauf und genießen das herrliche Wetter. - Darf ich mir erlauben zu fragen, ob Sie sich meine Worte anlässlich unserer letzten Begegnung zu Herzen genommen und Ihre zweifelsohne profunde Allgemeinbildung durch die Lektüre der Äsopschen Fabeln gleichsam vervollkommnet haben? “

„Aber gewiss doch. Und auch die ,Grundlegung zur Metaphysik der Sitten‘ habe ich mit Erkenntnisgewinn studiert“, erklärte die Ehrenwerte, und wurde dabei nicht einmal rot.

„Das ist wunderbar, absolut wunderbar, und erfüllt mein altes Heiden-Herz mit frevlerischem Stolz. Erlauben Sie, dass ich mir zur Strafe für diese Eitelkeit eine geharnischte Ohrfeige verpasse.“ Und noch ehe man sich versah, hob Ms Avesty ihre Hand und verpasste sich selbst einen Schlag ins Gesicht, der so heftig war, dass die Umrisse aller fünf Finger rot leuchtend auf ihrer Wange zurückblieben. „So, jetzt fühle ich mich gereinigt. Aber, liebe Freunde, wenn ich mich nicht sehr täusche, haben wir einen Gast in unserer Mitte.“

„Allerdings, großer Häuptling“, griff Julian Karswell ins Geschehen ein. „Darf ich Ihnen den Kriminalisten Orpheus Wilde vorstellen, der heute zu uns gestoßen ist, um einige Fragen zu stellen, die lediglich in Ihrer Welt beantwortet werden können.“

„Orpheus Wilde!“, erregte sich der edle Apache. „Ich habe so viel Gutes von Ihnen gehört. Wir alle hier drüben verfolgen Ihre Fälle mit atemloser Spannung. Ich sage nur: der Kopflose in der Butcher Street, die Mordsache Dicker Mann und der Unheimliche Mönch mit den blutigen Stiefeletten!“

„Zweifelsohne ist da bei der Übertragung einiges verloren gegangen“, mutmaßte Wilde.

„Aber keineswegs, edler Freund. Ich darf Sie versichern, dass wir uns alle schon darauf freuen, Sie bald einmal persönlich kennenlernen zu dürfen!“

„Vielen Dank, Häuptling. Wenn Sie gestatten, lasse ich mir damit noch etwas Zeit.“

„Gewöhnliche Menschen überlegen nur, wie sie ihre Zeit verbringen. Ein intelligenter Mensch nutzt sie.“

„Schopenhauer. Nur für den Fall, dass Sie den nicht kennen. Unser rothäutiger Geisterführer hat einen Fimmel für die abendländischen Philosophen“, flüsterte die Ehrenwerte Wilde ins Ohr, der es für angebracht hielt, sein Befremden durch eine emporgezogene Augenbraue zu unterstreichen.

„Doch halten wir unseren Gast nicht mit müßigen Reden auf“, bestimmte der Häuptling. „Es dürstet Sie danach, mit den Toten zu parlieren, so sei es. Wen darf ich aus dem Hades hierher geleiten? Monsieur Vidocq vielleicht? Kriminalrat Gennat? Oder Commissair Maigret?“

„Francis Ake, wenn das möglich ist.“

Intschu-tschuna ließ Überraschung erkennen. „Ein Mann, der mit den Mysterien von Leben und Tod wohlvertraut ist. Sehr gute Wahl, Mr Wilde! Gedulden Sie sich einen Moment, ich werde den Hochverehrten auf der Stelle durch Ms Avesty zu Ihnen sprechen lassen.“ Nahezu im selben Moment fiel der Kopf des Mediums wie abgehackt auf deren Brust und ein völlig sinnloses Brabbeln löste sich von ihren Lippen.

Mrs Brown flüsterte Wilde ins Ohr: „Das wäre doch eine gute Gelegenheit, nicht wahr?“

„Gute Gelegenheit? Wofür?“

„Nun, Sie meinen verblichenen Eltern vorzustellen. Immerhin, wir kennen uns bereits fünf lange Jahre. Es wird Zeit, finden Sie nicht?“

Wilde sah sie zunächst sprachlos an, dann fragte er: „Nehmen Sie Drogen?“

„Ja“, sagte die Ehrenwerte. „Sie nicht?“

Plötzlich gab es einen Knall, Funken sprühten aus den Steckdosen und sämtliche Glühbirnen erloschen mit einem Schlag. Da die Vorhänge zugezogen waren, drang auch kein Licht von der Straße ein. Der Magische Kreis saß im Dunkeln.

„Das nennt man wohl Kurzschluss“, bemerkte Karswell.

„Ruhe, Mann. Jemand hat den Raum betreten“, rief Holden.

„Von wo, wenn ich fragen darf. Es gibt nur eine Tür, und die hat Theodora eigenhändig verriegelt.“

„Aus einer anderen Dimension!“, raunte eine leichenkalte Stimme.

„Bloody Hell!“

Ein Streiflicht blitzte von unten wie der Strahl einer Taschenlampe auf und ließ das Gesicht eines totenbleichen Mannes mit geschlossenen Augen an genau der Stelle erscheinen, wo soeben noch Ms Avesty gesessen hatte. Mrs Brown und Joanna Harrington kreischten entsetzt, während Karswell und Holden von ihren Stühlen aufsprangen. Nur Professor Karel Kuchacevič ze Schluderpacheru und Orpheus Wilde blieben ungerührt.

„Da … da …“, stammelte die lebende Totenmaske mit einer gänzlich körperlosen Stimme.

„Dadada?“, fragte die Ehrenwerte. „Ist es das, was Sie uns sagen wollen?“

„Da … bin … ich“, vollendete die Erscheinung ihren Satz.

„Mein Gott!“, rief Joanna Harrington. „Das ist ja …“

„Francis Ake“, bemerkte Wilde, „der wahrlich unsterbliche Moderator des Quoten-Hits ,Talking with the Dead‘!“

„Frenzy? Bist Du das wirklich? Um Himmels Willen, was ist mit Dir geschehen? Du siehst ja aus wie Deine eigene Leiche!“ Die Ehrenwerte schlug die Hände vor den Mund.

Das Gespenst öffnete die Augenlider, und die Pupillen, die darunter zum Vorschein kamen, waren grau, geschwollen und von hässlichen blauen Schlieren durchzogen. „Wa … Waterhouse Penny? Bist Du das, meine kleine Antilope?“

„Kleine Antilope? Jetzt glaube ich, dass er sie achtunddreißig Jahre lang nicht gesehen hat“, murmelte Joanna Harrington. „Mittlerweile sprechen wir doch wohl von einem Wasserbüffel!“

„Nur kein Neid“, konterte die Ehrenwerte, die bemerkenswert gute Ohren besaß. „Frenzy ist ein Connaisseur. Da beantwortet sich die Frage, warum er Sie nicht genommen hat, wohl von selbst.“

„Fren-zy?“, radebrechte Kuchacevič ze Schluderpacheru. „Was meinen bittschön ,Fren-zy‘?“

„Das ist ein Spitzname. Er bedeutet so viel wie – na sagen wir: emsig. Damals nannten ihn die Mädchen in Frisco auch den Raketenwurm. Wenn Sie verstehen, was ich damit andeuten will.“

„Schluss jetzt“, belferte Karswell. „Wir sitzen hier vor einer authentischen Materialisation aus der Welt der Toten, vielleicht zum ersten Mal seit Conan Doyles tanzenden Elfen von Cottingley,  und Sie benehmen sich wie kichernde Backfische!“

„Ist … ist Orpheus Wilde hier?“, fragte der Gast aus dem Jenseits.

„Ja, Sir. Ich bin hier und im Übrigen ganz Ohr. Erzählen Sie mir Ihre Geschichte.“

„Wilde, ich wurde ermordet. Hören Sie? Ermordet! Der Wagen, mit dem ich verunglückt bin … Die Bremsen wurden manipuliert … Ich hatte keine Chance …“

„Und Ihre Leiche? Was ist mit der geschehen?“

„Ins Meer … ins Meer abgetrieben … Für immer … fort … verloren …“

„Wenn ich Mrs Brown richtig verstanden habe, soll ich Ihren Mörder finden. Ist es das, wonach es Sie verlangt, Sir?“

„Ja, finden … finden Sie meinen Mörder! Ich will es so!“

„Dann sollten Sie mir einige Anhaltspunkte geben. Hatten Sie Feinde? Ich meine, als Sie noch am Leben waren selbstverständlich.“

„Kei … keine Feinde…Nur die Toten … die Toten sind meine Freunde …“

„Mir stehen die Haare zu Berge!“, röchelte Joanna Harrington.

„Schwer möglich bei dieser billigen Perücke“, feixte die Ehrenwerte.

„Ruhe, verdammt! – Nun, ich denke, einen Täter aus dem Jenseits dürfen wir bei der Sachlage ausschließen. Was genau ist am Tage Ihres Todes geschehen, Sir? Man sagte mir, Ihnen wurde das Ende der ,Talking with the Dead‘-Show mitgeteilt. Warum war das so? Hatte der Erfolg nachgelassen?“

Plötzlich veränderte sich der Gesichtsausdruck des Geisterwesens, der bisher rein kontemplativ gewesen war, dramatisch. Eine heftige Zornesfurche bildete sich über der Nasenwurzel, die Augen wurden zu schmalen Schlitzen und auch die flirrende Art zu sprechen wechselte völlig. „Nachgelassen? Der Erfolg? Keineswegs! Wir waren erfolgreicher denn je. Für die nächste Sendung hatte ich bereits Kontakt mit Dr. Joseph Goebbels aufgenommen. Stellen Sie sich das nur mal vor: Der Nazi-Propagandachef live im britischen Fernsehen. Das wäre der größte Medien-Scoop seit Hitlers Tagebüchern gewesen. Die Geschichte des Dritten Reiches hätte in großen Teilen neu geschrieben werden müssen! Aber diese hasenherzigen Buchhalter bei der CBB … Sie warfen mir vor, gegen Ihre Compliance-Regeln verstoßen zu haben: Deadbetting, mein Portal für Online-Sportwetten aus dem Jenseits. Dann die Original-Autogrammkarten der Gäste, signiert durch meine eigene, selbstverständlich von den Toten geführte Hand. (14,99 das Stück plus Versand. Das sind kaum meine Selbstkosten.) Und natürlich die Brauerei für Ektoplasma-Bier in Chichester. Wir hatten die Geschmacksrichtungen Pfirsichmaracuja, Erdbeere, Kirsche, Schoko und Highgate Cemetery. Alles dahin.“

„Ein schwerer Schlag. Zweifelsohne. Da würde man Verständnis haben, wenn Sie selbst einen Mord begangen hätten“, bemerkte Wilde.

Das Gesicht des Verblichenen wurde wieder sanft und gütig. „Kein Hass, gegen niemand. Ich will nur … Gerechtigkeit!“

„Glauben Sie, dass einer der hier Anwesenden etwas mit Ihrem Tod zu tun hat?“

Ein kollektiver Aufschrei war die Folge. Ake öffnete die blutleeren Lippen, zögerte jedoch einen Moment, bevor er tonlos hauchte: „Möglicherweise …“

Vier Augenpaare wurden entsetzt aufgerissen. Bei Karel Kuchacevič ze Schluderpacheru konnte man das aufgrund der eigenwilligen Frisur und der schlechten Lichtverhältnisse nicht so genau erkennen. Wilde ließ die Blicke über den Magischen Kreis gleiten. „Alle, die hier am Tisch sitzen, hatten zu Lebzeiten in irgendeiner Form mit Ihnen zu tun. Mrs Brown war Ihre enttäuschte Geliebte. Ms Harrington Ihre Produzentin. Die Herren Karswell und Holden Sponsoren der Show. Nur unser verehrter Kammerjäger aus den Karpaten und das Medium Theodora Rosalind Avesty sind Ihnen auf dieser Seite des Vorhangs nie begegnet. Ist das richtig?“

Kurzes Zögern, dann: „Ja.“

Wilde nickte. „Mr Ake, gestatten Sie mir eine letzte Frage: Wer war Jules Maigret?“

Alle Köpfe beugten sich erstaunt nach vorn.

„Was hat denn das mit diesem Fall zu tun“, bellte Joanna Harrington.

„Eine ganze Menge. Lassen Sie ihn antworten.“

„Mi … Migräne?“, stammelte Ake.

„Maigret“, insistierte Wilde.

„Ist das nicht … ist das nicht ein belgischer Kommissar?“

„Ein französischer, um genau zu sein. Hat Maigret gelebt? Anders ausgedrückt, haben Sie ihn jemals dort drüben, auf der anderen Seite, persönlich getroffen?“

„Mai … Maigret. Natürlich. Oft sogar. Sehr oft.“

„Dann ist der Fall abgeschlossen!“

„Wilde“, die Ehrenwerte rüttelte an seinem Arm, „kommen Sie zurück auf die Erde. Sie stehen ja gänzlich neben sich. Wahrscheinlich liegt’s an dem Kraut, dass Sie geraucht haben. Wollen Sie ein Glas Wasser oder so was?“

„Keineswegs“, sagte eine sehr ruhige, bis dahin noch nicht in diesem Kreis vernommene Stimme, die jedoch den Anwesenden seltsam vertraut vorkam.

„Wer ist das gewesen? Wer hat da gesprochen?“, rief Dr. Holden.

„Ich“, sagte die Stimme. „Ein Bewohner der Geisterwelt.“

„Das ist doch … ist doch …“

Plötzlich fing die Stimme zu singen an:

„Well, since my baby left me, I found a new place to dwell

Down at the end of Lonely Street at Heartbreak Hotel

Well I get so lonely, baby, I get so lonely, I get so lonely I could die …“

„Elvis Presley!“, kreische die Ehrenwerte. „Elvis Presley hat sich materialisiert!“

„Das ist natürlich Unsinn, Mrs Brown“, bemerkte Wilde. „Denn, wie wir alle aus der Zeitung wissen, Elvis ist gar nicht tot – er lebt in St. Mary Mead und züchtet Koi-Karpfen!“

„Ach ja? Und wer hat dann hier eben gesungen?“

„Ich selbstverständlich“, erklärte Wilde.

„Sie?“, rief Joanna Harrington. „Wollen Sie mich auf den Arm nehmen?“

„Allerdings - das heißt, keineswegs! Ich habe mir vor Jahrzehnten als Elvis-Imitator das Geld für mein Studium in Oxford verdient. Dritter Platz beim Lookalike-Contest im Seebad Bournemouth.“

„Ich sag’s ja: der Knaster!“

„Durchaus nicht. Mit dieser Gesangseinlage wollte ich zwei Dinge zum Ausdruck bringen: Erstens, einer in dieser Runde ist ein Betrüger, und zweitens, der Mörder von Francis Ake sitzt mit uns am Tisch! Auch wenn er sich nach den Buchstaben des Gesetzes gar nicht des Mordes schuldig gemacht hat.“

„Wie kann jemand einen Mord begehen und trotzdem nicht schuldig sein?“

„Um das zu erläutern muss ich zuvor den Täter entlarven. Deshalb will ich weder Sie noch die anderen Gäste länger auf die Folter spannen: Der Mörder des Spiritisten Francis Ake, seines Zeichens Moderator der landesweit ausgestrahlten Sendung ,Talking with the Dead‘, ist ohne jeden Zweifel -“

Das Licht begann zu flackern, ging aus, wieder an und dann erneut aus. Eine Stimme im Dunkeln rief: „Oh, Mist!“ Dann hörte man jemand hektisch herumhantieren.

„Irgendwas mit den Batterien der Taschenlampe nicht in Ordnung, Sir?“, fragte eine Männerstimme, und nicht nur die Ehrenwerte fühlte sich an einen guten Bekannten erinnert, der heute gar nicht unter ihnen weilte. Dann ging schlagartig die Deckenbeleuchtung an.

Wilde stand neben dem Lichtschalter, während Professor Karel Kuchacevič ze Schluderpacheru mit gezückter Waffe und grimmer Miene die Tür versperrte.

„Der Vampirjäger!“, rief die Ehrenwerte triumphierend. „Ich hab’s doch gewusst! Kriminelle Ausländer überfluten dieses Land, und die Polizei schaut tatenlos zu. Man kann ja als Frau kaum mehr allein vor die Tür gehen. Gut, dass das jetzt ein Ende hat!“

„Gemach, Mrs Brown, gemach. Ich glaube behaupten zu dürfen, dass unser Van Helsing mit der Professur einer nichtexistierenden Universität in Siebenbürgen mindestens genauso englisch wie ich selber ist. Anwesende Amerikanerinnen müssen wir davon leider ausnehmen.“

„Unsinn!“, grummelte die Ehrenwerte. „Drei meiner verblichenen Gatten waren englischen Geblüts. Der letzte sogar ein waschechter Lord. Ich bin vermutlich britischer als Boris Johnson!“

„Wie dem auch sei. Sie können die Waffe jetzt herunternehmen, Chief-Inspector.“

„Chief-Inspector?“, kreischte Joanna Harrington.

„Im Ruhestand, um genau zu sein“, erklärte Kuchacevič ze Schluderpacheru, entledigte sich seiner üppigen Kopfbehaarung sowie des Staubmantels und darunter kam der gestrenge Hezekiah Frobisher zum Vorschein. „Francis Ake, ich verhafte Sie in meiner Funktion als Sonderermittler des Schatzkanzlers Ihrer Majestät wegen illegalen Glückspiels, Erpressung, Vortäuschung diverser Geistererscheinungen zum Zwecke der persönlichen Bereicherung, Steuerhinterziehung und widerrechtlicher Entsorgung gefährlicher Abfälle im Hafenbecken von Bristol!“

Alle Köpfe fuhren herum. An ihrem Platz in der Magischen Runde, dort wo soeben noch der Verblichene gethront hatte, saß erneut Ms Avesty - und zierte ihren Kopf nicht urplötzlich anstelle der üppigen Lockenpracht eine veritable Halbglatze, man wäre niemals auf den Gedanken gekommen, diese nette ältere Lady dergleichen Schandtaten auch nur im Entferntesten zu verdächtigen.

„Darf ich bekanntmachen“, eröffnete Wilde die obligatorische Vorstellung, „Theordora Rosalind Avesty. Oder auch: T. R. Avesty. Oder, noch kürzer, Miss Travesty!“

„Und darf ich ebenfalls bekanntmachen“, ergänzte Frobisher, „Francis Ake. Oder auch: F. Ake. Oder, kurz, aber durchaus bezeichnend, Mister Fake!“

„Frenzy“, kreischte die Ehrenwerte, „Du hattest doch früher so schönes volles Haar! Was ist denn da bloß geschehen?“

„Die Zeit nagt auch an den Besten, Kitty. Und, sofern es Dir nichts ausmacht, seit meiner Hochzeit heiße ich Salome Otterbourne.“

„Salome?“

„Mein liebender Gatte ist der Unterhaus-Abgeordnete Brigham Otterbourne von den Tories.“

„Ausgerechnet der“, stöhnte Mrs Brown. „Ist der nicht für den Brexit und gegen die Schwulen-Ehe? Oder war das umgekehrt?“

„Marginalien“, erklärte Fake alias Travesty alias Otterburne. „Wahre Liebe kennt kein Gebot.“

 

„Die Sache lag auf der Hand“, erläuterte Wilde eine halbe Stunde später und zog genüsslich an seiner Panatela. „Unser guter Mr Fake alias Ms Avesty alias Mrs Otterbourne war nicht nur ein Mann und überdies eine Frau mit zahlreichen Identitäten, sondern auch mit ebenso vielen Talenten. Insbesondere möchte ich seine/ihre Fähigkeiten als Bauchredner und Stimmenimitator hervorheben. Pech für ihn, und desgleichen für sie, dass ich diese Hobbys in meiner goldenen Jugendzeit ebenfalls betrieben habe. Das hätten die drei bedenken müssen, bevor sie sich entschlossen, mich und meine Reputation für ihre niederen Beweggründe zu missbrauchen. Und überdies wäre es sinnvoll gewesen, sich zu vergewissern, wer Jules Maigret ist. Eine literarische Gestalt aus der Feder Georges Simenons nämlich, und gewiss auch eine Person, der niemals existiert hat, und der demnach auch nicht im Jenseits Umgang mit den Verstorbenen pflegt.“

„Wenn ich das richtig verstanden habe“, sagte John Holden mit betroffener Miene, „war die ganze ,Talking with the Dead‘-Show ein einziger abgekarteter Schwindel?“

„So ist es.“

„Erwin Rommel, Gary Cooper, Robert Louis Stevenson, Madame Pompadour …“

„Alles der zungenfertige Mr Ake!“

Holden sackte in sich zusammen. „Karswell, wir sind ruiniert. Ich hoffe, Sie haben in Ihrer Online-Apotheke ein Gift, das schnell und schmerzlos wirkt.“

„Was soll ich da sagen?“, rief Joanna Harrington voll gerechter Empörung. „Ich war immerhin die Produzentin der Show. Aber gut, nach einer gewissen Zeit habe ich den Braten gerochen und das Format eingestellt. Schwer zu glauben nämlich, dass die Muttersprache des seligen Atilla tatsächlich Finnisch war …“

„Eine kluge Entscheidung, Ms Harrington, insbesondere wenn man bedenkt, dass Sie doch längst Pläne für ein gänzlich neues Format geschmiedet hatten“, bemerkte Wilde. „Ich rede von der,Chatting with the Corpse‘-Show mit dem brandneuen Star am medialen Geisterhimmel, der vielgestaltigen Ms Avesty! Ich habe gestern mit dem Chef der CBB telefoniert, der zufällig Mitglied im Neptuns’s Club ist und überdies ein persönlicher Freund von mir.“

„Was?“, kreischte die Ehrenwerte Penelope Brown. „Sie wussten also doch, wer Francis Ake war! Gibt es denn nur noch das Böse unter der Sonne?“

„Und genau dafür haben die Herrschaften mich und meine Dienste benötigt: Nicht um den Mörder des alten Showmasters ausfindig zu machen, der ja gar nicht ermordet worden ist, sondern um damit zu werben, dass ich, Orpheus Wilde, ein ausgewiesener Skeptiker in Sachen Geisterbeschwörung, an einer Séance teilgenommen habe, in der Ms Avesty, die Moderatorin der neuen Fernsehshow, den verstorbenen Mr Ake aus dem Reich der Toten heraufbeschworen hat. Selbst wenn ich hinterher behauptet hätte, dass alles seien nur billige Taschenspielertricks gewesen, wäre doch die Tatsache meiner Anwesenheit bei diesem Spuk unleugbar gewesen: ,Weltberühmter Kriminalist, beschwört durch Singen und Kiffen die Geister herauf!‘ Solche Überschriften in den Klatschblättern hätten Ms Avesty mit einem Paukenschlag bekannt- und mich zu einer lebenslangen Witzfigur gemacht! Sie haben hoffentlich nicht ernsthaft angenommen, dass ich auf den Mummenschatz hereinfallen werde, oder? Das käme einer persönlichen Beleidigung gleich.“

„Joanna! Darling!“

„Ach, halt’s Maul, John. Du hast ja keine Ahnung, was heutzutage eine Yacht in Dubai und die Escargots à la bourguignonne bei ,Chez Hercule‘ kosten.  Und als ich dann diesem … diesem Bauchredner auf die Schliche kam, war mir auf der Stelle klar, wie ich das Kind zu schaukeln hatte.“

„Sie ist eine miese Erpresserin“, warf Mr Ake alias Ms Avesty alias Mrs Otterbourne ein, der/die mittlerweile mit Handschellen gefesselt zwischen zwei Uniformierten auf einem Stuhl saß.

„Das sagt der Richtige“, echauffierte sich die Produzentin. „Hat uns jahrelang die Geisternummer vorgespielt und damit haufenweise Geld verdient, um jetzt das Unschuldslamm zu spielen.“

„Wie sind Sie ihm überhaupt auf die Schliche gekommen, Wilde?“, fragte Karswell.

„Recht simpel. Nachdem mich die gute Mrs Brown mit der vermeintlichen Ms Avesty beim Dinieren überfallen hatte, habe ich zunächst meine Fühler ausgestreckt und so erfahren, dass der entschwundene Francis Ake im Verdacht stand, seit jeher ein notorischer Betrüger gewesen zu sein. Deshalb wurde die Show sang- und klanglos abgesetzt. Aber nicht, weil Ms Harrington das so entschieden hatte, sondern auf Druck des Programmdirektors, dem ernsthafte Zweifel gekommen waren, nachdem Chief-Inspector Frobisher mit ihm gesprochen hatte.“

„Das stimmt“, bestätigte der alte Kriminalist. „Wir waren Francis Ake schon seit einigen Monaten auf der Spur. Wegen diverser Vergehen zu Ungunsten der notorisch klammen Staatskasse und der Verbreitung fotographischer Machwerke, auf denen einer der führenden Politiker unseres Landes in ledernen Dessous zu besichtigen ist. Ich sage nur, 10 Downing Street, Frisur wie ein Bettvorleger und stachelbesetzte Hundehalsbänder! Dass Orpheus Wilde von Ake alias Travesty in die Sache verwickelt wurde, war ein unerwarteter, aber durchaus willkommener Zufall.“

„Überdies waren mir schon bei der ersten Begegnung im ,Chez Hercule‘ Zweifel an der Identität unseres Mediums gekommen. Mag man als Gentlemen noch so viel Schminke und Zeit darauf verwenden, sich in eine halbwegs passable Lady zu verwandeln, wird es einem doch nie gelingen, die Größe der Hände und den Umfang der Handgelenke zu korrigieren. Des Weiteren fiel mir auf, dass Ms Travesty stets einen auffälligen Shawl um den Hals trug, der farblich völlig losgelöst von ihren sonstigen Ensembles war, und dessen tatsächlicher Zweck einzig darin bestand, den Adamsapfel zu verbergen.“

„Hölle“, entfuhr es der Ehrenwerten. „Und dabei hat Frenzy in der Volksschule einen Preis für die schönste Handschrift bekommen.“

„Das dürfte ihm bei seiner späteren Laufbahn als Scheckbetrüger durchaus geholfen haben“, brummte Frobisher.

„Sie hingegen, meine liebe Mrs Brown, wurden ganz bewusst von Madame Travesty in den Magischen Kreis eingeladen, ist doch aus allen führenden Zeitungen dieses Landes bekannt, dass wir gesellschaftlichen Umgang miteinander pflegen. Zweck dieses Manövers war selbstverständlich, die Werbetrommel für die neue Show zu rühren, die dann Akes Betrügereien nahtlos fortgesetzt hätte. Wenn man jetzt noch erfährt, dass Ms Harrington und Mrs Otterbourne alias Madame Avesty jeweils fünfzig Prozent an den Unternehmungen des verblichenen Mr Ake besitzen, wird ganz plötzlich ein Schuh daraus!“

„Alles richtig“, ließ sich die Stimme der kahlköpfigen Spiritistin vernehmen. „Bis auf eine Sache.“

„Und die wäre?“

„Wie kommen Sie darauf, dass ich ein Betrüger bin? Ich mag fragwürdige Talente besitzen, aber die Bauchrednerei gehört ganz gewiss nicht dazu.“

Chief-Inspector Frobisher verzog seine markanten Züge zu einer einschüchternden Bulldoggen-Grimasse: „Marilyn Monroe, James Dean, Wilhelm der Eroberer, Samuel Pepys – die waren alle bei Ihnen in der Sendung? Wollen Sie mir das erzählen?“

„Aber ja, gewiss doch.“

„Das reicht. Führen Sie diesen Schwindler ab. Die Gerichtsbarkeit Ihrer Majestät der Königin wird sich mit seinen Ammenmärchen befassen! Und nehmen Sie bei der Gelegenheit auch gleich die honorige Ms Harrington mit.“

„Das alles ist ein Irrtum“, insistierte Joanna, doch ohne großen Nachdruck, und ließ sich anschließend unter Verweis auf ihren sündteuren Rechtsverdreher festnehmen.

„Wieder einmal haben die alte Bulldogge und die unerbittliche Schnüffelnase den Täter dingfest gemacht“, bemerkte die Ehrenwerte, strahlte übers ganze Gesicht und hakte sich bei Wilde und Frobisher unter.

„Ich weiß nicht, wen Sie hier als ,alte Bulldogge‘ bezeichnen“, insistiere der Chief-Inspector grimmig, „mich können Sie damit jedenfalls nicht gemeint haben.“

„Und auch ich verwahre mich dagegen, mit einer ,unerbittlichen Schnüffelnase‘ verwechselt zu werden.“, grummelte Wilde. „Ich denke, es reicht, wenn ich darauf verweise, dass mich das Periodikum Country Life dreimal hintereinander zum Bachelor of the Year gewählt hat.“

„Wann genau war das noch gleich? Vor oder nach den anglo-afghanischen Kriegen?“, fragte die Ehrenwerte gutgelaunt, dann verließen die Drei, gefolgt von den Doctores Karswell und Holden, den Schauplatz der betrügerischen Séance.

 

Dort wo nur Stunden zuvor Chaos und Tumult geherrscht hatten, war nun wieder kontemplative Ruhe eingekehrt. Verlassen lag die staubige Wohnstatt des Betrügers Francis Ake im silbrig-fahlen Licht des Mondes, der durch einen Spalt zwischen den Vorhängen schien.  Eine uralte Standuhr tickte, und es klang selbst für das unbedarfte Ohr wie das ferne Trommeln feindlicher Stämme an den Ufern des Beri-Beri-Flusses. Niemand war zurückgeblieben, alle Lebenden hatte diesen Ort der Lügen und Betrügereien verlassen, um sich draußen, in der Welt des Seins, schnöden materiellen Genüssen hinzugeben, als da wären: Rauchwerk, Girls und ein 86 Jahre in einem Wrack vor der Küste des Peleponnes gelagerter Whiskey.

Dann, als der alte Big Ben im Uhrturm des Palace of Westminster die Mitternacht schlug, schien sich in den dunklen Ecken der Wohnung etwas zu regen. Ein Scharren war da, und ein Rascheln. Füße schlurften über altersschwachen Holzdielen, dann ließen sich Körper ächzend in zwei ledernen Sesseln vor dem noch rötlich glimmenden Kaminfeuer nieder.

„Und?“, fragte eine Stimme. „Was halten Sie von der Geschichte?“

„Elementar, mein lieber Watson, elementar“, antwortete eine zweite Stimme, und Rauchwölkchen wie aus einer blakenden Pfeife verteilten sich aus dem Nichts kommend über den Kopflehnen. „Wie bereits tausendmal wiederholt, sind jegliche Geistererscheinungen grandioser Humbug, erschaffen allein zu dem Zweck, die Einfältigen und geistig Minderbemittelten in Angst und Schrecken zu versetzen. Scharlatanerie, mein Lieber, Scharlatanerie. Was allerdings zu beweisen war. Dank sei Mr Wilde.“

„Aber wir, Sie vermaledeiter Narr, wir beide - sind wir denn nicht der schlagende Beweis dafür, dass es sehr wohl übernatürliche Erscheinungen gibt?“

„Ach, Arthur. Warum hat dann meine gute Bess zehn Jahre lang vergeblich auf ein Zeichen von mir gewartet? Wir hatten einen Code vereinbart, den ich ihr nach meinem Ableben in einer Séance nennen sollte. Ich habe Sie wahrhaftig über alles geliebt. Nichts hätte mich davon abhalten können, mit ihr in Verbindung zu treten - doch es war schlicht und ergreifend nicht möglich. Tot ist tot. Da helfen keine Pillen, erst recht kein Schwarzer Afghane.“

„Das stimmt nicht“, insistierte Arthur. „Ihr gottverdammtes Ego hat Sie davon abgehalten! Nicht einmal als Geist würden Sie freiwillig zugeben, dass es ein Leben nach dem Tod gibt. Und das nur, um mir eins auszuwischen. Weil Sie wissen, dass ich mit meiner Auffassung richtig lag und Sie mit der Ihren nicht! Der Narr sind Sie, mein lieber Harry! Und gäbe es auch nur einen Anflug von Gerechtigkeit in Ihrem Denken, dann wären Sie heute Abend dieser traurigen Versammlung als flatterndes Bettlaken erschienen und hätten meine gemeuchelte Reputation wiederhergestellt!“

„Was hätte ich tun sollen? Buh rufen?“

„Sie hätten denen beweisen können, dass es viel mehr Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, als deren Schulweisheit sich träumen lässt!“

„Ich bitte Sie, in unserem Zustand ist Reputation doch nun wirklich das Letzte, worüber wir uns Gedanken machen müssen! Ich bin tot, Sie sind tot, und damit hat es sich. Genießen wir unseren spirituellen Lebensabend im Jenseits. Ich habe keine Lust mehr, noch länger mit Ihnen darüber zu streiten. Hundert Jahre sind mehr als genug.“

„Olla tai olla olematta[2]!“, raunte eine zitternde Stimme aus der tropfenden Teekannentülle.

„Halt’s Maul, Intschu-tschuna“, riefen Sir Arthur Conan Doyle und Harry Houdini wie aus einem Mund.

 

THE END

 

Nachbemerkung:

Ausgerechnet Sir Arthur Conan Doyle (1859 - 1930), der geistige Vater des kühlen Logikers Sherlock Holmes, wurde nach dem Tode seines Sohnes Kingsley im Jahre 1918 ein fanatischer Anhänger des Spiritismus. Unter anderem glaubte er fest an die Echtheit jener Bilder, auf denen vermeintlich tanzende Feen in Cottingley zu bewundern sind. Es handelt sich in Wahrheit um Fälschungen, die 1917 von zwei damals 9- und 16-jährigen Cousinen mit simplen Mitteln produziert wurden. Erst 1983 gab eine der Beiden offiziell den Streich zu. Doyle selbst blieb bis an sein Lebensende von der Authentizität der Aufnahmen überzeugt.

Sein Freund hingegen, der weltberühmte Zauberkünstler Harry Houdini (1874 - 1926), bestritt vehement bei seiner Bühnenarbeit mit übernatürlichen Kräften im Bunde zu sein, ja überhaupt die Existenz solcher Erscheinungen, und machte sich den Kampf gegen betrügerische Spiritisten zu einer Lebensaufgabe. Darüber zerbrach bedauerlicherweise die Bekanntschaft mit Sir Arthur, der von seinem Irrglauben durch kein Argument, jedenfalls keines von dieser Welt, auch nur um ein Jota abzubringen war.

 



[1] Tatsächlich handelt es sich um die erste Strophe der finnischen Nationalhymne.

[2] Das ist Finnisch und bedeutet „Sein oder nicht sein“.