Kapitel 2.0: Schuppenkriechtiere in leicht entzündlichen Flüssigkeiten

 

Hamish Havelock Hamilton[1] beäugte misstrauisch das Schuppenkriechtier in seinem Cocktailglas, dessen Attraktivität gewiss nicht durch das in den Schlund gerammte Papierschirmchen gesteigert wurde.

 

„Das Vieh lebt noch“, konstatierte er.

 

„Natürlich lebt es noch“, entgegnete Pablo Gonzalez-Gonzalez, der Barkeeper in „Dick’s Café Américaine“[2] , San Pedro, Boliguay[3], „das gehört zum Rezept. Man nimmt es vorsichtig am Schwanz, bestreut den Bauch mit Chili Habanero[4], leckt die Haut ab, steckt die Eidechse in den Mund und würgt sie in einem Stück hinunter. Das gibt den ultimativen Kick, Señor. Besser als Magic Mushrooms[5] oder sechs Wochen zwischen den Schenkeln einer toten Ziege gereifter Pont-l’Évêque[6].

 

Hamish Hamilton nahm das Kriechtier am Schwanz, zog es aus dem Drink, warf es achtlos über die Schulter in den glühend heißen Sand der San Asesino[7]-Bay und kippte den Inhalt des Glases in einem einzigen mutigen Schluck die Kehle hinab.

 

„Noch einen“, röchelte er, nachdem sich seine Magenschleimhäute wieder etwas beruhigt hatten, „aber diesmal mit ein bisschen mehr Aguardiente[8], Pancho!“

 

„Pedro, Commandante, wenn Sie gestatten! Der Name ist Pedro.“

 

„Ich gestatte, mein Guter. Pedro, Pancho – das ist für mich Jacke wie Schuhe. - Habe ich dir jemals erzählt, wie ich am Khaiperpass[9], ganz allein, und nur mit einem Transistorradio bewaffnet, einer Horde blutdurstiger Dschalalabaden[10] gegenüberstand, die es darauf abgesehen hatten, aus meinem Haupthaar einen Gebetsteppich zu knüpfen?“

 

„Natürlich, Señor, das tun Sie jeden Abend.“

 

„Sehr gut. – Also, hier stand ich, und dort standen diese blutrünstigen Dschalalabaden und schwenkten zähnefletschend ihre Handschars[11]. - Das sind wirklich verteufelt wilde Kerle, Manuel, und sehr geschickt im Umgang mit dem Messer. Ich hatte zuvor in Pil-i-alam[12] einen Briten kennengelernt, den sein unüberlegter Umgang mit den Whist-Karten den Verlust dreier Finger, eines Auges und der linken Niere eingetragen hatte – und zwar alles - ich betone: alles! - ohne Einhaltung der international vereinbarten Standards über Hygiene in öffentlichen Gotteshäusern. Habe ich dir das jemals erzählt, Jose?“

 

„Natürlich, Señor, mindestens hundertmal.“

 

„Umso besser. Also, wo war ich stehengeblieben? Ach ja, genau, die Halalabaden.“

 

„Dschalalabaden, wenn Sie erlauben, Señor.“

 

„Und was habe ich gesagt?“

 

„Halalabaden.“

 

„Genau! Genau die! Das liegt ausschließlich daran, dass man in diesem gottverlassenen Nest am Hinterteil des Vitzliputzli[13] keinen anständigen Drink bekommt. Lass nochmal die Luft aus dem Glas, Rodriquez.“

 

„Zu Befehl, Señor!“

 

In diesem Moment betraten zwei in anthrazitfarbene Maßanzüge aus Rohseide gegossene und mit Aktenkoffern aus Vulkanfiber bewaffnete Gringos das Lokal. Sie waren etwa dreißig Jahre alt, durchtrainiert, von bronzener Hauttönung und besaßen tadellos geföhnte Föhnfrisuren. Alles an ihnen brüllte der Menschheit entgegen: WIR sind Amerikaner, und WIR, ihr verdammten Kommunisten, regieren mit Gottes freundlicher Unterstützung die Welt!

 

 

 

„Guten Morgen, Sir. Entschuldigen Sie die Störung, aber sind Sie Mister Hamish Havelock Hamilton, der weltberühmte Forscher, Archäologe, Schnapsbrenner, Velozipedist[14] und Gipfelstürmer?“

 

Hamish erhob sich mit einem eleganten Ausfallschritt von seinem Barhocker, warf mit schwungvoller Geste den graumelierten Pferdeschwanz nach hinten, zog die dreiviertellangen khakifarbenen Militärhosen über den Bauchnabel und salutierte mit der Grandezza eines Fieldmarshalls, dem die dankbaren Fellachen soeben die Stadtschlüssel von el-Alamein überreicht haben.

 

„Sie vermuten völlig richtig, meine Herren. Hamish Havelock Hamilton, OBE[15]. Ich stehe zur Verfügung. - Darf ich fragen, mit wem ich die Ehre habe?“

 

„Ich bin Special Agent Folder und das ist mein Kollege, Agent Sully. Wir kommen von der BIG, dem Bureau of Imperialism and Godliness[16], in Washington, D.C.

 

BIG, das klingt so verlockend wie ein neuer Vogelgrippe-Virus, nicht wahr? - Guillermo, rasch drei von diesen Eidechsen-Cocktails, die Herren haben eine weite Reise hinter sich, da bekommt man Durst.“

 

„Vielen Dank, Sir, für uns nur Mineralwasser. – Gibt es hier einen Ort, an dem wir uns ungestört unterhalten können. Vielleicht bei Ihnen zu Hause?“

 

„Natürlich, Gentlemen, famose Idee.“ Hamilton wies mit ausholender Geste auf einen unter den Überresten eines blau-weiß gestreiften Sonnenschirms darbenden Plastik-Campingtisch nebst drei Stühlen. „Willkommen in meinem trauten Heim! Wenn Sie die Güte haben wollen, mir in die Bibliothek zu folgen? – Antonio, zwei Wasser im Glas ohne alles, und für mich noch einen von diesen Bloody Reptiles, aber subito.“

 

„Subito ist italienisch, Señor, wir sprechen Spanisch in diesem Land.“

 

„Das ist mir egal, mein Junge.“

 

„Mi casa es su casa [17], Commandante!“

 

„Zum Teufel mit den Torpedos! Volle Kraft voraus!“! [18].“

 

 

 

„Mr. Hamilton, haben Sie jemals von der anderen Seite gehört, oder der Existenz von Parallelwelten?“, fragte Agent Folder und beäugte angewidert sein Mineralwasser, in dem zwei Cucarachas rhythmische Wassergymnastik betrieben.

 

„Die andere Seite?“ Hamish Hamilton schüttelte das tropfnasse Schuppenkriechtier über seinem Glas und warf es achtlos auf die Tischplatte.

 

„Sind die gefährlich?“ Agent Sully rückte mit seinem Stuhl einen halben Meter zurück. Der Basilisk stellte die beeindruckenden Stirnlappen auf und fauchte wie eine tollwütige Katze.

 

„O nein, völlig harmlos, die Bestien. Es sei denn, Sie lassen sich von ihnen beißen. Der nächste Arzt ist drei Tagesreisen entfernt. Das schaffen Sie ganz gewiss nicht.“

 

„Die andere Seite, Sir, wenn Sie so freundlich wären“, insistierte Folder.

 

„Mein lieber Junge, Hamish Havelock Hamilton hat in seinem ganzen Leben stets auf der anderen Seite gekämpft – also, will sagen, auf der richtigen Seite: der von Demokratie, Meinungsfreiheit, Anti-Kommunismus und kostenlosem Schulfrühstück!

 

Folder und Sully wechselten einen Blick, dann öffnete Folder das Nummernschloss an seinem Aktenkoffer und entnahm dem Inneren ein umfangreiches Konvolut.

 

„Wir möchten Sie bitten, einen Blick auf diese Satellitenbilder zu werfen und uns zu sagen, ob Ihnen etwas daran bekannt vorkommt.“ Er reichte Hamilton mehrere großformatige Ausdrucke in gestochen scharfer Qualität. Der alte Fährtenleser setzte die Brille auf die Nase und studierte ausgiebig, und gelegentlich unverständlich vor sich hin brummelnd, die Fotografien einer Dschungel-Landschaft aus etwa zwanzig Kilometern Höhe. „Da“, rief er plötzlich und tippte auf einen Punkt am rechten, unteren Bildrand, „ganz eindeutig. Kein Zweifel möglich.“

 

„Haben Sie etwas erkannt, Sir?“

 

„Allerdings. In dieser von Coleopteras[19] zerfressenen Kaschemme habe ich den definitiv besten Planter’s Punch südlich des Popocatépetl[20] getrunken. Zu der Zeit war ich mit einem Yankee namens Montana Smith auf der Suche nach - nun sagen wir, indigenen Artefakten, die wir ihren besser situierten amerikanischen Landsleuten zwecks Verschönerung des trauten Heims verkauft haben. Wir hatten soeben beim stolzen Stamme der Arumbayas[21], für einen Haufen wertloser Fast-Food-Coupons, einen etwa achthundert Jahre alten Fetisch von überwältigendem Liebreiz erworben, als fatalerweise …“

 

„Vielleicht noch mal zurück zu dem, was Sie zuvor erwähnten, Sir. Wenn ich Sie richtig verstanden habe, sind Sie persönlich schon einmal in dieser Region gewesen. Ist das korrekt?“

 

„Nicht nur das, Gentlemen, ich kenne diese Gegend wie meine eigene Westentasche. Bereits 2092 habe ich den großen Lotophagen[22] Thomas „Babbitt the Rabbit“ Pynchon[23] auf einer Expedition zu den Quellen des metaphysischen Orinocos[24] begleitet. Wir befanden uns auf den Spuren der Mocoloco-Kultur, entdeckten dort aber lediglich einen Haufen Schlangen, einen Sack voll Beriberi[25] und eine wurmstichige Pyramide, die halb vom Dschungel überwuchert war.“

 

„Eine Pyramide“, riefen Folder und Sully gleichzeitig und sahen sich begeistert an.

 

Hamish Hamilton blieb einen Moment lang still sitzen, lehnte sich dann zurück und taxierte die Agenten des BIG mit väterlich-wohlwollendem Lächeln.

 

„Sehr richtig, Gentlemen, eine Pyramide. Und wenn mich nicht alles täuscht, bin ich so ziemlich der einzige Mensch auf diesem Planeten, mal abgesehen von den blutrünstigen Geister-Ahnen der Mocoloco-Kultur natürlich, der den Weg dorthin kennt. Teufel auch, was für ein verdammter Zufall!  By the way, noch jemand Lust auf einen Drink?“

 

„Vier von diesen Eidechsen-Cocktails, Pancho, aber subito“, rief Agent Folder und winkte imperialistisch aufmunternd mit einem Bündel wertloser Traveller Cheques. Nur eine gefühlte Nanosekunde später, brach die Hölle über San Pedro, Boliguay, herein.

 



[1] Hamish Hamilton ist der Name eines 1931 gegründeten britischen Verlagshauses. Anthony Havelock-Allan war ein bedeutender britischer Filmproduzent.

[2] In dem Kinoklassiker „Casablanca“ betreibt die Hauptfigur Richard Blaine (Humphrey Bogart) eine Bar namens „Rick’s Café Américain“.

[3] Boliguay ist ein fiktiver südamerikanischer Staat aus der Operette „Clivia“ von Nico Dostal und Charles Amberg (Libretto).

[4] Habanero ist ein Nachtschattengewächs und gehört zur Familie der Paprikas. Unter den Chilis gehört es zu den schärfsten.

[5] Magic Mushrooms sind Psilocybinhaltige Pilze, die ähnlich wie die Droge LSD wirken.

[6] Pont-l’Évêque ist ein französischer Käse aus der Normandie, der auch als chemischer Kampfstoff kategorisiert werden könnte.

[7] Asesino ist Spanisch und bedeutet Mörder.

[8] Aguardiente (spanisch) oder Aguardente (portugiesisch) ist der generische Name für Spirituosen zwischen 40 und 45 Volumenprozent Alkohol. Der Name setzt sich aus den spanischen Wörtern agua (= Wasser) und ardiente (= brennend) zusammen.

[9] Der Khaiperpass ist ein Bergpass zwischen Pakistan und Afghanistan.

[10] Dschalalabad ist die Hauptstadt der Region Nangarhar in Afghanistan.

[11] Der Handschar ist ein arabischer Krummdolch bzw. ein Krummschwert.

[12] Pul-i-alam ist eine Stadt in Afghanistan.

[13] Der Vitzliputzli war ein aztekischer Kriegs- und Sonnengott.

[14] Ein Velozipedist ist ein Radfahrer.

[15] OBE bedeutet Order of the British Empire und ist ein Verdienstorden in Großbritannien.

[16] Am besten übersetzt man das mit Bundesbehörde für Imperialismus und Gottgefälligkeit

[17] Mi casa es su casa  ist spanisch und bedeutet „Mein Haus ist Ihr Haus.“

[18] „Zum Teufel mit den Torpedos! Volle Kraft voraus!“ ist ein Zitat von David Glasgow Farragut, seines Zeichens ein bekannter US-amerikanischer Marineoffizier des 19. Jahrhunderts-.

[19] Coleoptera ist lat. für Käfer.

[20] Der Popocatépetl („Rauchender Berg“) ist ein Vulkan im Hochland von Mexiko.

[21] Der Arumbaya-Fetisch“ (französischer Originaltitel: L'oreille cassée) ist der Name eines Comics aus der Reihe der Tim-und-Struppi-Bücher des Belgiers Hergé.

[22] Die Lotophagen, übersetzt „Lotusfresser“, sind ein Volk aus Homers „Odysee“.

[23] Thomas Pynchon ist eines der größten literarischen Rätsel Nordamerikas, soll aber weder mit J.D. Salinger, Howard Hughes oder B. Traven verwandt oder verschwägert sein.

[24] Der Orinoco ist der viertgrößte Fluss Südamerikas. Von einer Suche nach den Quellen des „metaphysischen“ Orinocos, vergleichbar wohl mit der Suche nach den Quellen des Weißen Nils, ist in der einschlägigen Fachliteratur nichts bekannt.

[25] Beriberi ist eine Vitaminmangelerkrankung, die eher in Asien anzutreffen ist.